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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Raja Nusinowna Archowa.

Erinnerungen der Holocaust-Überlebenden Raja Nusinowna Archowa an die Zeit im Ghetto in Tultschinsk im Gebiet Winniza, Ukraine.

Ich, Raja Nusinowna Archowa, wurde am 20.9.1931 geboren. Meine Familie: Mein Vater Nusin Moschkowitsch Scherb (geb. 1900), meine Mutter Ester Iojlowna (geb. 1903) und mein Bruder Grigorij Nusinowitsch Scherb (geb. 1935). Am 22. Juni 1941 begann der Krieg und am 22. Juli 1941 wurde Tultschin im Gebiet Winniza von den Deutschen besetzt. Ich war damals erst zehn Jahre alt. Mit Grauen denke ich an diese Jahre zurück.

Zuerst kamen die Deutschen in unsere Stadt, ein paar Monate später übergaben sie die Verwaltung der Stadt an die Rumänen, die Handlanger der deutschen Faschisten waren. Gleich zu Beginn der Besatzung wurden die Juden aus ihren Wohnungen vertrieben, wir lebten am Stadtrand, mussten sogleich den gelben Stern tragen und man zwang uns zu körperlicher Schmutzarbeit. Sie behandelten uns wie das letzte Vieh.

Mehrere Male zahlten wir den Rumänen Geld, dachten, wir könnten uns so retten. Aber wir täuschten uns. Mit jedem Tag behandelten sie uns schlimmer. Irgendwann im Oktober 1941 wurden alle Juden auf den Platz getrieben. Die meisten von ihnen wurden mit einem Transport nach Petschory im Bezirk Tultschin gebracht. In Tultschin blieben nur 25 Facharbeiter, die für die Rumänen arbeiten sollten.

Nachdem das Ghetto in Tultschin so drastisch reduziert worden war, kamen wir unter „Quarantäne“. Das Gebäude, in dem wir leben sollten, war halb zerstört, die Fenster zerschlagen. Wir schliefen auf dem Zementfußboden, wärmten uns gegenseitig. Es war sehr eng in den kleinen Zimmern, in jedem Zimmer lebten 20–30 Personen, wie die Sardinen in der Büchse. Wir hatten weder Kleidung noch Essen, verhungerten buchstäblich, hatten Läuse, wurden krank, hatten Fieber und Husten und steckten uns gegenseitig an.

Dass wir überlebt haben, haben wir allein unseren ukrainischen Bekannten zu verdanken, die meinen Vater sehr schätzten, da er ein guter Schneider war. Sie warfen uns gekochte Kartoffeln uns Brot über den Zaun.

Immer wieder mussten wir zum Appell antreten, da überprüft werden sollte, ob sich nicht jemand bei uns versteckt hielt, und wir hatten so große Angst, dass uns laut die Zähne klapperten. Wenn sich jemand in der Reihe bewegte, dann schlugen sie ihn vor den Augen der Kinder. Einen Monat nach der „Quarantäne“ trieben sie uns mitten in der Nacht auf die Wolodarskij-Straße, es war sehr dunkel und dort brannten Lagerfeuer. Jede Familie suchte in dieser absoluten Dunkelheit für sich einen Unterschlupf. Das Ghetto wurde Tag und Nacht von Polizai bewacht. Immer wieder gab es Durchsuchungen, sie suchten jemanden oder etwas.

Wir hatten keine Kindheit.

Mit jedem Tag wurden die Schikanen und Demütigungen schlimmer, schließlich führten sie an uns sogar Experimente mit neuen Medikamenten durch. Es hieß, wir sollten uns an einer bestimmten Stelle melden, wo wir eine Spritze bekommen sollten, angeblich, um Epidemien zu verhindern. Wir gingen alle hin, wie willige Kinder. Danach bekamen wir Ausschlag am ganzen Körper und bis zu 40 Grad Fieber, was wir mit kalten Umschlägen zu lindern versuchten. Etwas anderes zur Behandlung hatten wir nicht. Auch trieben sie uns ins Waschhaus, wo angeblich unsere Kleidung desinfiziert werden sollte. Nach der Prozedur bekamen aber alle Läuse und die Krätze.

Das sind Beispiele, die zeigen, wir wir schikaniert und gedemütigt wurden.

Die Besatzung dauerte etwa zwei Jahre und sieben Monate. Am 15.3.1944 wurde Tultschin im Gebiet Winniza von sowjetischen Truppen befreit. Damit hatte unser Leid ein Ende.

Raja Nusiniwna Archowa.

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