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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Tamara A. Kotenko.

Ukraine
Tscherkassy.

[…]

Ich möchte Ihnen von ganzem Herzen für Ihre Unterstützung danken. Wichtig ist nicht die Höhe der Unterstützung, wichtig sind die Aufmerksamkeit und Menschlichkeit, die Sie uns zuteil werden lassen, uns alten und kranken Menschen, die so viel durchleben mussten.

Als der Krieg begann, war ich fünf Jahre alt. Meine Mutter fuhr im Sommer 1941 mit mir zu Verwandten aufs Land, und dann konnten wir von dort nicht mehr weg. Die Familie dort war groß, zehn Erwachsene und zwei Kinder. Zwei Söhne wurden an die Front eingezogen, zwei Töchter wurden nach Deutschland verschleppt und die dritte, minderjährige Tochter versteckte die Familie im Keller unter einem Heuhaufen.

Meine Mutter fand eine Arbeit auf einem Bauernhof und hoffte, so den Krieg überleben zu können, aber bald wurde auch sie abgeholt – angeblich sollte sie in die Bezirkshauptstadt gebracht werden. Bis heute sehe ich noch die Szene vor mir, wie sie sich von allen verabschiedete und zu mir nicht einmal hinsah, damit niemand merkte, dass ich ihr Kind war. Sie wurde auf dem Weg erschossen, als sie zu fliehen versuchte.

Von diesem Tag an musste ich mich auch im Keller unter dem Heuhaufen verstecken. In der Nacht holte mich die Familie ins Haus, wo ich essen bekam und mich aufwärmen konnte. Mehrmals wurde das Haus durchsucht, die Deutschen schossen und warfen Granaten; meine Tante wurde dabei am rechten Arm verletzt. Ich hatte eine Gehirnerschütterung, hörte auf zu sprechen und in der Nacht schrie ich immer fürchterlich, weil ich Albträume hatte. Da beschloss die Familie, ich sollte wie eine Kranke im Bett liegen, und sie sagten allen, ich hätte Typhus. Die Deutschen hatten vor dieser Krankheit große Angst und machten nun einen Bogen um unser Haus. Eines Tages aber stand plötzlich ein gutaussehender deutscher Offizier in unserer Tür. Alle erstarrten vor Schreck.

Ich lag auf einer Liege, die Locken und blauen Augen unverdeckt – ich hatte es nicht einmal mehr geschafft, mein Kopftuch anzuziehen. Der Offizier trat zu mir, hockte sich neben mich und sah mich aufmerksam und freundlich an; dann sagte er etwas auf Deutsch, aber wir verstanden, dass er zu Hause „zwei Kinder“ [*] zurückgelassen hatte, dass Hitler im Unrecht sei und die einfachen Soldaten gegen diesen Krieg seien. Danach setzte er sich an den Tisch, aß etwas ukrainischen Borschtsch und trank Uswar [**], dann verabschiedete er sich und ging. Er ist uns immer in bester Erinnerung geblieben. Ob er überlebt hat, weiß ich nicht, aber ich möchte seinen Kindern und Enkeln meinen Dank übermitteln, Dank dafür, dass ihr Vater in dieser furchtbaren Zeit gegen Gewalt und Antisemitismus war. Der Krieg hat mir meine Eltern genommen, das Haus und alles Hab und Gut. Ich habe auch nach dem Krieg weiter bei meinen Verwandten gelebt, in dieser guten, einträchtigen Familie.

Das Durchlebte hatte seine Spuren bei mir hinterlassen: Rheuma, ein Herzfehler, nur 30% Sehkraft, ausgefallene Zähne etc. Trotzdem wollte ich unbedingt Ärztin werden. Ich bin 60 km zu Fuß marschiert, um an der Medizinischen Fachschule eine Ausbildung zu machen. Danach habe ich studiert, habe entbehrungsreiche Studienjahre durchlebt, aber ich habe es geschafft und bin Ärztin geworden. Ich habe vierzig Jahre lang mit Tuberkulose- und Diabeteskranken gearbeitet.

Heute muss ich selbst behandelt werden, was ich dank Ihrer Unterstützung auch kann. Ich lebe für meine Kinder und Enkel und in der Hoffnung auf Frieden und eine bessere Zukunft für alle Menschen.

In Dankbarkeit und mit den besten Grüßen,

Tamara Kotenko

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[*] Kursiv im Original Deutsch [Anm. d. Übs.]

[**] Ukrainisches süßes Getränk aus getrockneten Früchten

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