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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Georgij Wasiljewitsch Masljajew.

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Unsere Stadt Lugansk (Woroschilowgrad) wurde im Juli 1942 von den Deutschen besetzt und im Februar 1943 von unseren Truppen befreit. Mein Vater war an der Front und meine Mutter und ich schafften es nicht mehr, die Stadt zu verlassen. Einige in der Stadt hatten noch von früher die Vorstellung von den Deutschen als ordentliche, gebildete, fleißige Menschen. Statt dessen begegnete ihnen unermessliche Grausamkeit. Allein im Gebiet Lugansk wurden mehr als 100 000 Menschen zu Tode gequält, gehängt, lebendig begraben oder in die Schächte des Bergwerks geworfen. In der ganzen Ukraine waren es mehr als eine Million Menschen.

Im Juli/August 1942 mussten alle Bewohner unserer Stadt auf Anordnung des Kommandanten der Stadt spezielle Fragebögen ausfüllen, in denen sie Nationalität, Parteizugehörigkeit, Vorstrafen etc. angeben mussten. Die ausgefüllten Fragebögen mussten bei der örtlichen Polizei abgegeben werden. Das Archiv der örtlichen Polizei ist bis heute erhalten, die Deutschen haben es beim Abzug nicht mehr geschafft, es zu vernichten, und es befindet sich jetzt im Gebietsarchiv der Stadt.

Die Juden mussten auf der Brust den gelben Davidstern tragen, sie wurden zu schwerer Schmutzarbeit gezwungen, durften nicht auf den Markt gehen, um etwas zu kaufen oder zu verkaufen; Deutsche und Polizai kamen in die Wohnungen der Juden und nahmen ohne Skrupel alles mit, was ihnen gefiel. Dann erfolgte der Befehl, alle Juden hätten sich am 1.11.1942 an einer Sammelstelle zu melden, Wertsachen bis zu 5 kg waren erlaubt; angeblich sollten wir nach Palästina gebracht werden. Auch meine Mutter und ich gingen zur Sammelstelle. Dort wurden wir zu einer Kolonne formiert und wurden unter Bewachung von Deutschen und Polizai zum Stadion der Stadt abgeführt. Die Menschen waren deprimiert und verängstigt, sie ahnten, dass man sie in den Tod schicken würde. Einige versuchten, aus der Kolonne zu fliehen, aber man fing sie wieder ein, schlug sie mit dem Gewehrkolben und trieb sie zurück in die Reihe.

Meine Mutter fasste den Entschluss, mich und sich vor dem Tod zu retten. Sie hatte einen naiven und verrückten Plan, der aber zum Glück aufging. Sie hielt mich, den Fünfjährigen, an der Hand, verlangsamte den Schritt und ließ sich ans Ende der Kolonne zurückfallen, wo die Alten, Kranken und Frauen mit kleinen Kindern liefen. Dann sagte Mutter mir, ich solle stehenbleiben, kniete sich hin und tat so, als würde sie mir die Schnürsenkel binden; ihre Hände zitterten vor Angst. Am Ende der Kolonne gingen zwei Polizai. Einer von ihnen blieb stehen und fragte barsch, warum wir nicht weitergingen. Mutter antwortete ihm, dass wir die Kolonne gleich wieder einholen würden. Er sagte: „Kommt schnell hinterher!“ und ging weiter. Es war ein guter Ort für eine Flucht. Vor uns war eine Kreuzung, dort bog die Kolonne in eine Seitenstraße ein. Als die Kolonne hinter der Ecke verschwunden war, waren wir nicht mehr im Blickfeld der Polizai. Mutter packte mich an der Hand und wir rannten schnell in irgendeinen Hof, der glücklicherweise ein Durchgangshof war, so dass wir von diesem Hof weiter in den nächsten laufen konnten. Mutter riss sich im Laufen den gelben Davidstern vom Mantel und warf alle unsere Papiere fort, nur meine Geburtsurkunde behielt sie und steckte sie mir ins Futter meines Mantels – falls ich überleben sollte, würde man wissen, wer ich war.

Niemand folgte uns und wir versteckten uns in den Ruinen irgendeines Hauses. Am Abend gingen wir zu einer russischen Bekannten. Drei Tage hielten wir uns bei ihr unter dem Bett versteckt. Wer Juden bei sich versteckt hielt, der wurde ja auf der Stelle erschossen. Verschiedene mutige, uns unbekannte Menschen nahmen uns bei sich auf, insgesamt waren wir in sechs oder sieben verschiedenen Häusern. Dann verließen wir die Stadt und gingen aufs Land. Jemand gab meiner Mutter einen gefälschten Pass. Wir lebten im dem Teil des Dorfes, in dem die Italiener ihr Quartier hatten – sie waren nicht ganz so brutal wie die Deutschen, Rumänen und Ungarn. Nach der Befreiung der Stadt kehrten wir nach Hause zurück.

Die jüdische Kolonne aber, aus der wir geflohen waren, war ins abgeriegelte Stadion gebracht worden. Dort wurden die Menschen in geschlossene Lastwagen verfrachtet und etappenweise aus der Stadt gebracht. Bei Ostraja Mogila mussten sie sich an einem Panzerabwehrgraben in einer Reihe aufstellen und man hat sie alle mit Maschinenpistolen und -gewehren erschossen. Insgesamt sind dort etwa 3000 Menschen ermordet worden, hauptsächlich Juden.

Im Treptower Park hält der Rotarmist ein gerettetes Mädchen im Arm. Bei dem Denkmal hier in Ostraja Mogila hält ein Soldat ein totes Mädchen im Arm. Die Inschrift lautet: „Wir werden nicht vergessen, werden nicht verzeihen!“

Dem Faschismus kann niemals verziehen werden und wir dürfen niemals zulassen, dass der Neofaschismus an Boden gewinnt. Der unschuldigen Opfer muss weiter gedacht werden und es darf niemals mehr zu Kriegen kommen wegen der Hautfarbe, Nationalität oder Religion einzelner Menschen.

Georgij Wasiljewitsch Masljajew.

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