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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Frida Jefimowna Chajsin.

Ukraine
Winkowzy.

Sehr geehrte Eberhard Radczuweit und die Mitarbeiter des deutschen antifaschistischen Vereins KONTAKTE-KOHTAKTbI.

Es schreibt Ihnen Chajsin (Schprinz) Frida Jefimowna, wohnhaft in der Ukraine, Oblast Chmelnizk, Siedlung Winkowzy. Ich möchte Ihnen meine große Anerkennung aussprechen und bedanke mich herzlich für die finanzielle Hilfe. Indem sie diese Hilfe leisten, spenden Sie nicht einfach materielle Güter, sondern geben Freude und Hoffnung. Möge Ihre Güte und Großzügigkeit hundertfach zu Ihnen zurückkommen. Ich wünsche Ihnen alle erdenklichen Segen, Gesundheit, Prosperität und möglichst viel Wärme auf Ihrem Lebensweg.

Ich wünsche Ihnen und dem gesamten „Kontakte“-Kollektiv Gesundheit, interessante Ideen und ihre erfolgreiche Verwirklichung, glänzende, bedeutsame Ereignisse, Glück im Privaten und weiteres Gedeihen des Vereins. Ich hoffe auf zukünftige Zusammenarbeit und gegenseitiges Verständnis.

Hier ist meine Geschichte aus den Erzählungen meiner Eltern bezüglich der Umstände meines Überlebens während der Periode der faschistischen Okkupation.

Als der Krieg ausbrach, lebte ich, Chaisin Frida Jefimowna (Schprinz), gemeinsam mit meinen Eltern in Winkowzy, Oblast Kamenez-Podolsk. Wir lebten bei den Eltern meiner Mutter. Mit uns zusammen lebte die Schwester meiner Mutter mit ihrer Tochter. In Winkowzy tauchten wie in jedem Örtchen Polizai auf, Schutzmänner. Die Deutschen, geleitet von Polizai, stürmten in jedes Haus und stahlen, nahmen sich alles, was auch nur annähernd Wert besaß. Im August 1941 wurden die Bewohner der zentralen Straßen aufgefordert, innerhalb eines Tages ihre Häuser zu verlassen. Wir zogen in ein Haus, in dem bereits eine Familie wohnte, das waren Verwandte meiner Mutter. Die Häuser waren von Stacheldraht umgeben, dahinter durfte man nicht.

Mein Vater ging zusammen mit anderen zur Arbeit. Jeder Arbeitstag war hart. Wer nicht schnell genug arbeitete, bekam Peitschenhiebe auf den Rücken.

Die Lebensbedingungen waren unerträglich. Die Menschen wurden zur Erschöpfung getrieben. Ernährt hat man sich von dem, was aufzutreiben war. Mein Vater ging in die Ortschaft und tauschte alles, was wir noch an Kleidung hatten, gegen Lebensmittel. Im Haus war es kalt, zum Heizen gab es nichts. Es kam der Herbst 1941. Es regnete unaufhörlich. Durch das Städtchen streiften Schatten von heruntergekommenen Menschen. Im Städtchen herrschte eine seltsame Anspannung in Erwartung von etwas Schrecklichem. Nachts schliefen die Wenigsten. Jedes Geräusch ließ die Menschen aufschrecken. Man hielt sich versteckt. Aber das Schlimmste kam im Winter mit der Erwartung der Pogrome. Man musste jeden Tag, jede Nacht damit rechnen. Meistens begannen die Pogrome im Morgengrauen. Sie trieben die ausgemergelten, halbnackten Menschen unter Schlägen zu einer Sammelstelle. Alte, Kraftlose, Invaliden wurden auf der Stelle erschossen. Der Beginn eines Pogroms – das war das Geheul der zum Tode Verurteilten, die Wehklagen der Frauen, das Weinen der Kinder, furchteinflößende Schreie.

Am 9. Mai 1942 gab es den ersten Pogrom, er kostete über 600 Menschen das Leben, darunter auch das der Verwandten meiner Mutter und deren Verwandten. Das war in der Ortschaft Stanislawowka, zwischen Sinkow und Winkowzy. Nach dem Krieg wurden die sterblichen Überreste nach Winkowzy in ein Gemeinschaftsgrab überführt. Und im August gab es das letzte Pogrom. Mitten im Trubel gelang es meinen Eltern, die mich auf dem Arm trugen, in ein halb zerstörtes Haus zu flüchten und sich zu verstecken. Wir saßen bis zum Anbruch der Nacht in diesem Haus, und dann arbeiteten wir uns durch Gräben bis zur Siedlung Kut vor. Die Familie unserer Bekannten Anna Rafalowskaja versteckte uns auf dem Dachboden. Die Hausfrau versorgte uns mit Essen, so gut sie konnte, gab uns Kleidung. Als die Kälte kam, zogen wir um auf den Ofen im Haus. Wenn es Razzien gab, versteckten wir uns unter dem Ofen. Bei Rafalowskaja hielten wir uns bis Anfang 1943 versteckt, dann brachte sie uns zur Familie des Nikolaj Tyran, die in derselben Ortschaft lebte, aber am anderen Ende. Sie brachte sich selbst und ihre Nächsten in Lebensgefahr. Nur dank der Güte und Barmherzigkeit dieser Menschen haben wir überlebt.

Und sind am Leben geblieben!

Aus dem Russischen von Jennie Seitz.

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