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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Galina Afanasjewna Rubanskaja.

Ukraine
Krim.

Guten Tag, sehr geehrter Eberhard Radczuweit!

Die gemeinnützige Vereinigung „Union der Holocaust-Überlebenden“ der Stadt Jewpatorija und des Bezirks Saki in der Republik Krim/ Ukraine möchte Ihnen aufrichtig für die Hilfe und die Unterstützung danken, die Sie den Mitgliedern unserer Organisation haben zukommen lassen.

Danke, dass Sie das Leid unserer Kindheit und Jugend nicht vergessen haben. Natürlich können wir all das Grauenvolle, das wir während der Besatzung erlebt haben und das uns um unsere Gesundheit, um unsere Kindheit und Jugend gebracht hat, nie vergessen.

Auch heute haben wir Angst, dass der Faschismus wieder aufkommen könnte. Bei Begegnungen mit Jugendlichen in unserer Stadt versuchen wir deshalb, bei den jungen Menschen Liebe zu den Menschen und zum Leben zu wecken.

Gott schenke Ihnen Gesundheit, Glück und das Allerbeste für Ihre Güte und Ihr außergewöhnliches Herz.

Mit dem größten Respekt,

Galina Rubanskaja,

Vorsitzende der „Union der Holocaust-Überlebenden“
08.02.2013.

Kampf ums Überleben.

Ich möchte Ihnen in Kürze von meinem Leben erzählen, ich beschränke mich auf das Wichtigste.

Ich hatte einen geliebten Menschen, der mir der nächste Mensch war – meine Mutter. Sie war eine außergewöhnliche Frau. Ihre unerschöpfliche Güte, ihre Ehrlichkeit, Bescheidenheit, Schönheit, Großherzigkeit, Offenheit, Liebe und Anteilnahme weckten bei allen Rührung, Vertrauen und den Wunsch, so zu sein wie sie. Wie es in dem geflügelten Wort heißt: Sie war Komsomolzin, Sportlerin, Schwimmerin und Fallschirmspringerin, aber schlussendlich war sie auch ein Mensch mit einem unendlich schweren Schicksal.

Meine Mutter Fira wurde in Odessa in eine wohlhabende Familie hineingeboren. Bald verließ mein Großvater Awraam Jakowlewitsch Schlaen meine Großmutter Anna Markowna und meine Mutter und gründete eine neue Familie. So war meine Mutter Fira schon lange vor dem Krieg mit meiner Großmutter Anna alleine.

Sie lebten unter großen Entbehrungen. Meine Großmutter war krank und meine Mutter musste schon mit neun Jahren in der Gemüsehalle arbeiten, wo sie das Gemüse sortierte. Diese Arbeit wurde ihr sogar als reguläre Arbeit angerechnet und ins Arbeitsbuch eingetragen.

Kaum war meine Mutter bei den Komsomolzen, bewarb sie sich für einen Arbeitseinsatz und fuhr mit anderen jungen Leuten zu Waldarbeiten im Ort Buda im Bezirk Olewsk, Gebiet Shitomir, wo Fichtenharz gewonnen wurde. Das war in der Nähe des Ortes Kischin. Es gab dort auch irgendeine Berufsschule, in der sie vor dem Krieg als Sekretärin arbeitete. 1938 heiratete Mutter in Olewsk Afanasij Rubanskij und wurde Fira Rubanskaja.

Am 22.12.1939 wurde ich, Galina Rubanskaja, in Olewsk geboren. Dort habe ich meine Kindheit und meine Jugend verbracht und meine Mutter ihre jungen Jahre.

Man sagt, dass alles im Leben sich wiederholt: Auch Mutters Ehe war nicht glücklich, ganz wie bei meiner Großmutter Anna Markowna. Und dann kam der Krieg. Ich war zu diesem Zeitpunkt erst anderthalb Jahre alt.

Es war Krieg... und sie war alleine unter Fremden, eine Jüdin mit einem kleinen Kind. Wohin sollte sie? Wer brauchte sie schon? So beschloss meine Mutter, sich zusammen mit den Schülern der Fachschule in Buda evakuieren zu lassen. Bald darauf machten Bombenangriffe den Ort dem Erdboden gleich, es gab ihn einfach nicht mehr. So wie es auch viele Archive der Stadt Olewsk nicht mehr gibt.

Wir verließen den Ort in einer Kolonne auf Fuhrwagen, vor die Ochsen gespannt waren, und fuhren Richtung Gluchowka im Gebiet Shitomir.

Wir fuhren durch einen Wald und einige Dörfer, dann wieder durch einen Wald und danach führte der Weg über ein Feld. Rundum Stille. Man hörte nur das Knarzen der Fuhrwerke im Rhythmus der stampfenden Ochsen. Plötzlich ertönte ein lauter Krach. Und dann ging es los...

Massen an Bombenfliegern fegten über die Menschen hinweg, Körper und Sachen flogen durch die Luft. Es war ein furchtbares Gemetzel: die Motoren dröhnten, die Menschen schrien, es war eine unglaubliche Panik, man hörte Weinen, Stöhnen... Dann war alles genauso plötzlich wieder vorbei. Den Augen bot sich ein schreckliches Bild: Leichen von Kindern, Erwachsenen und Tieren, Grauen und Angst.

Wie durch ein Wunder gehörten meine Mutter und ich zu den etwa zehn Überlebenden. Wir hatten alles verloren: unsere Sachen, unser Essen, unsere Papiere. Wir konnten nirgendwohin, hatten keinen Wagen und keine Mittel mehr, so mussten wir zurück nach Olewsk laufen. In Olewsk waren schon die Deutschen. Wir haben dort bis zum Ende des Krieges im Versteck gelebt.

Während der Besatzung kam es in Olewsk zur Massenvernichtung der Juden durch die Deutschen. Sie machten auch vor alten Menschen und Kindern nicht Halt. Am Fluss hinter dem Friedhof, am Stadtrand von Olewsk, fanden ab Herbst 1941 an einer Grube, die rot vom Blut war, bestialische Erschießungen von jüdischen Kindern und Frauen statt. Die Nazis zogen sie aus den entlegensten Verstecken hervor und metzelten sie nieder wie unnütze Tiere. Ständig wurden die Häuser nach Juden durchsucht, wurden sie gehetzt wie wilde Tiere. Meine Mutter und ich waren keine Ausnahme, auch wir lebten unter unmenschlichen Bedingungen im Versteck, in Kellern, auf Dachböden und in Ställen, gehüllt in Lumpen, in der Kälte, oft ohne Essen und sogar ohne Wasser. Fast niemand in Olewsk kannte uns. Vielleicht hat uns das das Leben gerettet.

Dass wir überlebt haben, haben wir zu einem großen Teil einer fremden Frau zu verdanken, Großmutter Siritschicha – sie wurde wahrscheinlich so genannt, weil ihr Mann Sirik hieß. Sie nahm uns bei sich auf, als wir ganz ausgezehrt und hungrig waren. Ihr Häuschen stand am Stadtrand von Olewsk.

Meine Mutter und ich hatten großes Glück, denn sie kümmerte sich um uns wie um die eigenen Kinder: wir konnten uns aufwärmen, sie gab uns Essen, pflegte uns gesund. Ich glaube, dass es nur sehr wenige solcher Menschen auf der Welt gibt. Wenn es eine Durchsuchung gab, versteckte sie uns bei sich im Keller in einer alten Abstellkammer. Die Klappe verdeckte sie schnell mit Glasscherben, Müll und anderem Gerümpel. Manchmal mussten wir dort sogar mehrere Tage ohne Essen ausharren.

Dann wurde auch das zu gefährlich, einmal wären wir dort beinahe entdeckt worden, und danach versteckten wir uns in einem alten, abseits stehenden leeren Schuppen. Es war unmöglich, irgendwo Unterschlupf zu finden, niemand wollte sein Leben und das seiner Familie aufs Spiel setzen. Alle wussten, wenn meine Mutter sich verstecken musste, dann konnten sie nur eine Jüdin sein – und dazu noch mit einem kleinen Kind.

Nach ein paar Tagen kam Großmutter Siritschicha zu uns und sagte, sie habe eine Frau gefunden, die mich bei sich aufnehmen würde, sie habe selbst zwei kleine Kinder. Mutter brachte mich also zu dieser Frau, während sie sich selbst in den umliegenden Dörfern versteckt hielt und für die Bäuerinnen arbeitete: sie wusch, erntete Kartoffeln und so weiter.

Wenn Polizai, Deutsche oder auch nur die Nachbarn kamen, versteckte ich mich zusammen mit den Kindern der Familie ganz oben auf der Ofenbank, wo wir uns verkrochen wie kleine Tiere. Einmal, als wieder einmal die Häuser durchsucht wurden, versteckte ich mich in einem Loch unter dem Ofen, wo die Holzscheite lagen. Ein Polizai bemerkte mich. Er packte mich an den schwarzen Locken, zog mich vor und hob mich unter lauten Rufen „Eine Jüdin!“ hoch. Wir alle begannen zu schreien und zu weinen und alle riefen, ich sei die Tochter der Hausfrau. Auf seinem Gesicht erschien ein Anflug von Mitleid, er warf mich zu Boden, versetzte mir einen Tritt mit dem Stiefel und sagte: „Leb weiter!“ Danach schnitt man mir die Locken ab und lange Zeit war ich kahl geschoren. Von dem Tritt hatte ich eine Verletzung an der Hüfte, die noch lange Zeit schmerzte. Ich weiß noch, wie mir der alte Großvater in einem zerrissenen Hemd einmal ein kleines Glas Milch brachte. Das war ein wahrer Glücksmoment.

Nach diesem Vorfall brachten sie mich zu einer alleinstehenden Frau, die mich auf ihrem Dachboden versteckt hielt. Sie bedeckte mich mit Lumpen und Heu und sagte: „Halt still, sonst werden sie alle töten, auch deine Mama. Gib keinen Laut von dir, bis ich wiederkomme.“ Und Gott half mir, still zu sein, obwohl ich große Angst hatte.

Meine Mutter kam selten, da sie Angst hatte, es könnte jemand auf mich aufmerksam werden. Die Treffen hatten wir meistens Großmutter Siritschicha zu verdanken. Manche halfen uns dabei, dass wir uns sehen konnten und riskierten damit ihr eigenes Leben. Es waren quälende, aufreibende Minuten, wenn ich, das kleine, spindeldürre Wesen mit den angsterfüllten Augen, meine Mutter anflehte, mich mitzunehmen – was natürlich nicht ging. Immer noch wurden ja jeden Tag Menschen erschossen.

Unser Leid war unermesslich. Alles kann man nicht erzählen. Angst, Kälte, Hunger, Erniedrigungen, Demütigungen, Bombenangriffe, das war unser schreckliches Leben, und so war es all die langen Jahre der Besatzung.

Ich weiß noch, dass mir meine Mutter bei einem unserer Treffen ein Stück Brot mitbrachte, und als ich daran roch, verlor ich das Bewusstsein. Bis heute erinnere ich mich an den Geruch dieses Brotes.

Natürlich mussten meine Mutter und ich leiden, mussten hungern, uns verstecken und wurden verfolgt. Eine Jüdin mit Kind! Sogar nach dem Krieg, als ich schon in die Schule ging, haben wir keine Dokumente über die Zeit der Besatzung beantragt. Die schreckliche Angst von damals hielt uns davon ab.

Ich kann mich an Folgendes erinnern, da war ich schon vier Jahre alt: ein Zimmer, ein Ofen, ein Tisch, ein Stuhl. Ich kletterte auf den Stuhl und von dort auf den Tisch und schaute aus dem Fenster. Auf dem Treppchen vor dem Haus gegenüber stand ein Mann mit Gewehr, und auf seiner Mütze war ein Stern. Meine Mutter kam ins Zimmer.

„Mama, ein Stern!“ – „Ja, es sind unsere Soldaten, mein Kind!“ Mutter schluchzte. Und ich weinte zusammen mit ihr. Aus dem anderen Fenster in diesem Zimmer konnte man auf die Straße sehen. Sie kam mir sehr breit vor, wahrscheinlich, weil ich selbst klein war. Und auf dieser Straße, durch den gelben Sand, marschierte Richtung Friedhof eine Kolonne gefangener Nazi-Soldaten.

Die Angst aus der Zeit des Krieges hat mich mein ganzes Leben nie wieder losgelassen. Sogar nach dem Krieg, in der Schule und später, hatte ich immer Angst vor dem Wort „Jüdin“, fürchtete das Wort „Besatzung“. So tief hatten sich diese dreißig Monate und zwölf Tage unter der Besatzung, als tausende friedliche Menschen ermordet wurden, in mein Gedächtnis eingegraben.

Nach dem Krieg erfuhr Mutter, dass meine Großmutter Anna Markowna 1941 ums Leben gekommen war, als sie versucht hatte, Odessa auf einem Schiff zu verlassen. Das Schiff wurde zerbombt.

Und erst am 24.11.2004 haben meine Mutter und ich zufällig erfahren, dass Awraam Jakowlewitsch Schlaen zu Beginn des Krieges, am 28.09.1941, mit seinem damals elfjährigen Sohn Jakow, nach Karaganda evakuiert wurde. Wer noch bei ihm war und warum, das wissen wir nicht. Das ist eine ganz andere, uns fremde Familie, ein anderes Schicksal. Meine Mutter lebte seit ihrem achten Lebensjahr alleine mit meiner Großmutter Anna Markowna.

Seit 2002 haben meine Mutter und ich Anträge bei der Claims Conference gestellt, wir haben verschiedene Dokumente zusammengesammelt und mehrmals hingeschickt: Nachweise der Bezirks- und Gebietsstaatsanwaltschaft, Kopien aus Archiven, Zeugenberichte, Unterlagen aus dem Archiv des Roten Kreuzes in Moskau und im Gebiet Karaganda, wodurch wir hinreichend nachweisen konnten, dass wir uns die ganzen Jahre der deutschen Besatzung im besetzten Bezirk Olewsk, Gebiet Shitomir aufgehalten haben.

Eines der wichtigsten Nachweise findet sich im Archivbuch des Jahres 1944 der Staatsanwaltschaft in Olewsk: die Anordnung Nr. 1, in der steht, dass meine Mutter bereits am 5.1.1944 die Aufgabe der Staatsanwaltschaft ausgeführt hat (Olewsk wurde am 3.1.1944 befreit). Und im Arbeitsbuch wird Mutter unter Punkt 2 bereits ab dem 3.2.1944 von der Staatsanwaltschaft Olewsk offiziell als arbeitend aufgeführt.

Aber unser Antrag wurde abgelehnt. Offensichtlich wollte sich irgendjemand nicht sorgfältig mit unseren Anträgen auseinandersetzen:
Fira Rubanskaja – 6303455, Galina Rubanskaja – 6303447.

Das wäre in Kürze die ganze Geschichte. Und nicht zu vergessen – ich möchte allen noch lebenden und bereits verstorbenen Bewohnern der Stadt und des Bezirks Olewsk danken, die uns unter Einsatz ihres Lebens in diesen schrecklichen Jahren geholfen haben, zu überleben. Wir verneigen uns vor euch, ihr Lieben.

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