Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Tamara Feliksowna Schabanowa.

[…]

Meine Erinnerungen an den Großen Vaterländischen Krieg

Als der Krieg begann, war ich etwa elf Jahre alt. Meine Familie lebte in Polozk im Gebiet Witebsk. Wir waren eine große, wohlhabende Familie. Wir hatten ein Haus, einen Garten etc. Mein Großvater Wasil Nesterowitsch Klepazkij war Jude. Er arbeitete zu Hause als Schuster (war selbstständiger Handwerker), meine Großmutter war Weißrussin und Hausfrau. Meine Mutter ging in die jüdische Schule, lernte dort aber nicht die Sprache [jiddisch] (die Familie sparte sich das Geld und Mutter bekam die Sprache zu Hause beigebracht). Wie durch ein Wunder ist Mutters Abschlusszeugnis der Schule erhalten geblieben und ist bis heute unsere Familienreliquie. Sie hat das Zeugnis den ganzen Krieg über im doppelten Boden eines kleinen Köfferchens versteckt, den sie nie aus den Augen gelassen hat. Dafür hätte sie jeden Moment mit dem Leben bezahlen können, und wir auch, aber wir wussten nichts von diesem Geheimnis.

Als die Front näherrückte, fuhren wir aufs Land zu Verwandten meiner Großmutter und lebten dort einige Zeit, aber dann kehrten wir nach Podolsk zurück. Großvater ließen wir im Dorf zurück, die Verwandten versprachen, ihn gut zu verstecken. Tagsüber hielt er sich auf dem Dachboden auf, nachts kam er heraus. So ging das eine Zeitlang, bis er krank wurde und starb.

Bei einem der Bombenangriffe wurde unser Haus getroffen und brannte ab, und mit ihm unser ganzes Eigentum und alle Papiere. Ich war noch ein Kind, aber ich trug meinen kleinen Bruder in einer Decke aus dem brennenden Haus.

Nun wurde das Leben noch schwerer. Wir lebten bei Bekannten und Verwandten, irrten von einem zum nächsten, die meiste Zeit aber lebten wir im Dorf bei Großmutters Schwester. Allerdings mussten wir uns oft in den Wäldern verstecken – immer wenn die Häuser durchsucht wurden. Es ist furchtbar, an all das zurückzudenken. Es war eine wahrhaft grauenvolle Zeit. Wir haben miterlebt, wie Verwandte und Freunde erschossen wurden, haben Brände, Bombenangriffe, Verfolgungen, Hunger erlebt. Unseren Vater haben die Deutschen erschossen, weil er Verbindungen zu den Partisanen hatte, und wir wurden mit unserer Mutter K. S. Klepazkaja nach Deutschland verschleppt. Wir waren dort im Arbeitslager eines Stahlbetonwerksin Köln. Wir lebten in Baracken hinter Stacheldraht. Die Erwachsenen arbeiteten im Werk, während wir Kinder die Gebäude saubermachten und den Arbeitern Spannstahl brachten.

Wir wurden von amerikanischen Truppen befreit und von einem Lager ins nächste gebracht. Ende Oktober brachte man uns in die Heimat, nach Podolsk. Unsere Stadt war zu 98 % zerstört und unser Leid hatte noch lange kein Ende. Aber wir waren glücklich, das alles hinter uns lag und wir überlebt hatten.

T. Schabanowa.

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.