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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Raisa Majorowna Donda.

Erinnerungen.

Ich, Raisa Majorowna Donda, geboren in Cherson, wurde am 7.4.1941 elf Jahre alt. Wir waren eine einträchtige jüdische Familie: Mein Vater Major Donda, meine Mutter Sara Donda und meine zwei Brüder, Elja (geb. 1924) und Motus (geb. 1926). Mein Vater war Schuster, meine Mutter Hausfrau. Ich hatte eine liebevolle und glückliche Kindheit. Schon als kleines Kind träumte ich von unserer wunderbaren Zukunft, aber unsere Zukunft wurde durch den Krieg zerstört – mit dem Tag, als Hitler-Deutschland hinterrücks die Sowjetunion überfiel. Für uns begann die Tragödie am 19. August 1941, als die Nazi-Horden in Cherson einfielen. Die Stadt wurde besetzt. Es begannen Massendurchsuchungen und die Verfolgung der sowjetischen Elite. Bereits in der ersten Septemberhälfte erging von Seiten der deutschen Kommandantur der Befehl, alle Einwohner jüdischer Herkunft hätten sich an einem bestimmten Sammelpunkt einzufinden. Meine Brüder Elja und Matus waren zu diesem Zeitpunkt mit Erlaubnis unserer Eltern bereits nicht mehr zu Hause. Von ihrem weiteren Schicksal habe ich erst nach dem Krieg erfahren. Meine Eltern und ich dagegen kamen etwa Mitte September hinter Stacheldraht – ins Ghetto. Ende September 1941 kamen Nazi-Soldaten und Polizaj [*] zu uns ins Ghetto, wählten eine Reihe Menschen aus und trieben uns in einer Kolonne aus dem Ghetto; wie sich dann herausstellte, brachten sie uns ins Gefängnis in der Perekopskaja-Straße. Wir verbrachten dort eine Nacht voller Angst. Am nächsten Morgen, als wir zum Abtransport marschieren mussten, da schob meine Mutter mich aus der Kolonne heraus zu Menschen, die dort am Straßenrand standen. Offensichtlich hatte sie einen Moment erwischt, als die Wachsoldaten unseren Abschnitt der Kolonne aus den Augen verloren hatten. Alles ging so schnell, dass ich kaum mitbekam, wie dieses Wunder passierte und ich nicht mehr unter den Menschen zum Abtransport war. Ich fand mich also unter den Menschen am Straßenrand wieder; ich blieb noch eine Weile im Schutz der Menge, dann ging ich zurück in die Stadt. Ich wusste nicht, was ich nun tun sollte, rannte zuerst „nach Hause“, in die Lenin-Straße 10, in die Ljubarska-Gasse, wo unsere Familie bei allen Nachbarn gut bekannt war. Als ich die Straße von der Gasse aus erreichte, bemerkte mich einer unserer Nachbarn, Wasja Sikejew, aus dem Fenster. Er öffnete das Fenster (er wohnte im Erdgeschoss) und flüsterte mir zu: „Raja, gib mir die Hand“ - dann zog er mich durchs Fenster in seine Wohnung. Er hatte eine große Familie mit vielen Kindern, trotzdem nahm er das Risiko auf sich und versuchte mich zu retten.

Lange konnte er mich aber nicht bei sich versteckt halten, um das Leben seiner eigenen Kinder nicht aufs Spiel zu setzen. Einen Tag lang versteckten diese guten Menschen mich bei sich, dannerfuhren unsere anderen Nachbarn, Nadja Kutscherenko und Wanja Nesterenko, meine späteren Adoptiveltern, von mir. Tante Nadjas einziger Sohn war zu der Zeit an der Front. Am Abend kam ich zu ihnen in die Wohnung. Tante Nadja war die engste Freundin meiner Mutter gewesen.

Am Tage hielt ich mich in einem eigens für mich eingerichteten Versteck im Zimmer auf, hinter dem Schrank, der in der Zimmerecke stand. Dort lag ein Sack mit Getreide, auf dem ich meistens saß. Wenn manchmal sogenannte „ungeladene Gäste“ kamen und lange blieben, dann musste ich lange still sitzen, durfte mich nicht bewegen, nicht husten oder niesen. Auch mit der Notdurft musste ich so lange warten, bis der Besuch wieder weg war. Das kam zwar nicht oft vor, aber es kam vor.

Es gäbe noch vieles, wovon ich schreiben könnte, aber alles kann man nicht beschreiben.

Ich wusste nicht, wie lange ich so ein Leben im Versteck noch durchhalten würde ohne aufzufliegen – einen Monat, zwei, ein Jahr vielleicht? Ich habe dieses Leben zwei Jahre und sechs Monate lang durchgestanden, von September 1941 bis zum 13.3.1944, als Cherson von den Nazis befreit wurde.

Von 1944 bis 1948 bin ich in die Mädchenschule Nr. 17 in Cherson gegangen (in die 4. bis 7. Klasse). Da ich keine Papiere hatte, nahmen sie mich als Raisa Iwanowna Kutscherenko auf (unter dem Vatersnamen meines zukünftigen Adoptivvaters). 1946, als ich 16 Jahre alt wurde, brauchte ich einen Pass. Da bot mir Tante Nadja an, ihren Familiennamen anzunehmen. Ich war schon lange wie eine Tochter für sie, und sie waren mir zu Eltern geworden.

Am 12.2.1947 wurde ich offiziell adoptiert und bekam den Namen Raisa Mironowna Kutscherenko.

Zu meinem großen Glück fand ich nach dem Krieg meine Brüder Matus und Elja wieder, denen es auch gelungen war, in der Besatzungszone zu überleben. Sie waren irgendwann zur Armee gestoßen und hatten bis zum Ende des Krieges an der Front gekämpft. Auch der Sohn meiner Adoptivmutter, Pjotr Kutscherenko, kehrte aus dem Krieg zurück; auch er ist mir ans Herz gewachsen wie ein Bruder.

Die Menschen, die mir mein zweites Leben geschenkt haben, sind schon lange von uns gegangen. Sie werden nie vergessen sein. Sie wurden zu „Gerechten unter den Völkern“ erklärt.

Ich danke Ihnen sehr für die Unterstützung, die sie uns, den Überlebenden, die dem Tod ins Auge geblickt haben, zukommen lassen. Sie verdienen dafür größte Achtung.

Kutscherenko.

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[*] „Polizaj“ = ukrainische Kollaborateure der deutschen Besatzungsmacht.

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