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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Walentina Semenenko und Jelena Usatschewa.

[…] Wir, Walentina Semenenko und Jelena Usatschewa, sind die einzigen Überlebenden unserer großen Familie. Wir möchten Ihnen von dem unendlichen Leid erzählen, das wir während der Nazi-Besatzung erfahren mussten.

Wir lebten in Kiew in der Saksaganski-Straße 34, Wohnung 17. Als die Nazis die Stadt eingenommen hatten, wurden wir aus unserer Wohnung vertrieben und mussten in den Keller des Nachbarhauses einziehen, während die Nazis in unserem Haus ihr Quartier einrichteten. Dann mussten wir aus dem Keller des Hauses Nr. 36 fliehen und uns bis zum Ende der Besatzung versteckt halten, da uns der Polizaj Grabowskij an die Deutschen verraten hatte, weil wir Juden waren. Wir versteckten uns in Heuschobern, in Schuppen und Kellern. Meine Mutter hatte Erfrierungen an Händen und Füßen und sie saß seit dem Sieg über die Nazis im Rollstuhl.

Wenn wir nicht geflohen wären und uns versteckt hätten, dann hätten uns die Nazis erschossen, wie Mutters Schwester Tante Sina, die nicht mit uns ins Versteck gehen wollte.

Wenn wir uns nicht vor den Nazis in den Wäldern hätten verstecken müssen, dann müsste unser Bruder Schura ab 1943 nicht an Krücken gehen, denn er hat sich im Wald Erfrierungen an den Beinen zugezogen. Wenn es uns unter den Nazis gut gegangen wäre, dann hätte unser Bruder Wowa sich keinen Schrecken zugezogen, als er vor einem Nazis weglief, und hätte nicht angefangen zu stottern, was ihm fürs ganze Leben geblieben ist; unsere Schwester Walja wäre Mutter nicht aus den steifgefrorenen Armen gefallen und hätte sich nicht die Wirbelsäule, die Arme und Beine gebrochen; unsere Schwester Lena wäre nicht an Epilepsie erkrankt.

Denn die Nazis haben uns schikaniert und gedemütigt wie alle Juden und wollten uns vernichten. Und deshalb sind alle aus unserer Familie zu Invaliden geworden. Und das, weil wir unter unmenschlichen Bedingungen lebten, völlig abgeschnitten von der Außenwelt, immer in der Angst, wir könnten in die schmutzigen Pfoten der Nazis geraten.

Oder kann man das etwa ein normales Leben nennen, wenn man gezwungen ist, sich zu verstecken und unter unmenschlichen Bedingungen zu leben, immer zitternd vor Angst, mit vor Hunger aufgeschwollenen Körpern? Sogar heute haben wir noch Angst, zu sagen, dass wir Juden sind – so groß war der Schrecken, den uns die Nazis versetzt haben.

[…]

W. Semenenko und J. Usatschewa.

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