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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Benzion Aronowitsch Frajberg.

Ukraine
Tscherkassy.

Sehr geehrter […]!

Ich habe Ihre „bescheidene Spende“, wie Sie es in Ihrem Brief formuliert haben, bekommen und danke Ihnen dafür sehr.

Das ist eine riesige materielle und moralische Unterstützung für die jüdischen alten Menschen, die Lager und Ghettos überlebt haben.

[…]

Nun einige Worte zu mir.

Ich, Benzion Aronowitsch Frajberg, wurde am 7.7.1930 in Machajlowka im Bezirk Schargorod, Gebiet Winniza, geboren. Bevor der Große Vaterländische Krieg begann, hatte ich gerade an der Volksschule in Michajlowka die dritte Klasse beendet. Meine Eltern arbeiteten beide in der Kolchose. Als der Krieg begann, kamen Gerüchte über die Gräueltaten der Faschisten auf, aber meine Eltern glaubten ihnen nicht. Trotzdem beschlossen sie, die Stadt zu verlassen und ins sowjetische Hinterland umzuziehen.

Die Kolchose gab ihnen Pferde. Damit fuhren wir sechzig Kilometer bis nach Petschora, wo wir von deutschen Truppen angehalten wurden. Wir ließen alles stehen und liegen und liefen zu Fuß auf Seitenwegen zurück in unser Dorf. Wir hatten ein Haus, eine Kuh und eine kleine Wirtschaft. Alles war ausgeraubt und geplündert worden. Lange konnten wir nicht in unserem Haus bleiben. Im Juli marschierten schon die Deutschen in unserem Dorf ein. Eine Gruppe bewaffneter Ungarn kam zu unserem Haus. Ein Bewohner des Dorfes hatte sie zu uns geschickt. Wir versuchten davonzulaufen. Die Ungarn schossen auf uns, aber wir entkamen durch die Gärten. Die Ungarn zerstörten alles, was noch in unserem Haus übrig geblieben war, dann zogen sie ab. Als wir zurückkamen, fanden wir einen Trümmerhaufen vor. Alles, was nach den Plünderungen noch im Haus gewesen ist, war zerschlagen und zertrümmert.

Die Deutschen schenkten ihren Kriegsverbündeten, den Rumänen, ein Gebiet in der Ukraine (das die linke Uferseite des Dnjestr, das Gebiet Odessa und einen Teil des Gebietes Winniza).

Die Besatzer begannen, auf diesem Gebiet Todeslager und Ghetto einzurichten. Das Gebiet nannte sich „Transnistrien“. Allein auf diesem Gebiet wurden während der Besatzung 300 000 Juden ermordet.

Die Verfolgung der Juden begann in den nahegelegenen Städten und Orten in Bassarabien und der Bukowina. Zur Veranschaulichung schicke ich Ihnen eine Karte mit, auf der die Todeslager und Ghettos ins Transnistrien verzeichnet sind. Die Juden wurden in die Lager und Ghettos im wahrsten Sinne des Wortes getrieben, zu Fuß. Besonders schlimm traf es die Juden aus der Bukowina und Bessarabien. Sie mussten den ganzen Weg zu Fuß zurücklegen – barfuß, ohne richtige Kleidung, schmutzig, verlaust und völlig abgezehrt trafen sie am Bestimmungsort ein. Viele von ihnen starben auf dem Weg, vor allem alte Menschen und Kinder. Viele Mütter vertrauten ihre Kinder ukrainischen Familien an, um sie vor dem Tod zu retten.

Die Juden aus den anderen Regionen wurden im Ghetto in den Wohnungen einquartiert, in denen die Juden des Ortes lebten. Sieben bis zehn Menschen lebten in einem Zimmer. Alle schliefen einfach auf dem Boden, auch in der Küche, wo man eben einen Platz fand. Zu Essen bekamen sie eine „Suppe“ aus Wasser und Erbsen. Wer zur Arbeit musste, der bekam noch einen Erbsenpfannkuchen.

Meine Frau hat in so einem Ghetto gelebt, im Alter von neun bis zwölf Jahren. Die Juden aus der Bukowina brachten ihr das Stricken bei. Nachts schlüpfte sie aus dem Ghetto und ging in die Dörfer, wo sie den Leuten Pullover und Socken verkaufte. Von dem so verdienten Geld lebte eine ganze Familie mit sieben Personen. Leider ist meine Frau am 16.3.2009 verstorben. Sie war im Ghetto in Krasnoje.

Meine Eltern sollten ins Ghetto in Murafa (Bezirk Schargorod, Gebiet Winniza) umziehen. Unser Nachbar Chriton Laptschewskij bot meinen Eltern an, sie könnten sich bei ihm verstecken. Heute ist niemand von seiner Familie mehr am Leben.

Wir zogen also zu ihm und er erzählte allen im Ort, wir hätten den Ort nachts verlassen – wohin wir gegangen seien, wisse er nicht. Wir lebten im Keller oder im Schuppen. Spät in der Nacht kamen wir heraus, um frische Luft zu schnappen. Die Familie teilte ihr Essen mit uns. Im Sommer, wenn das Wetter gut war, zogen wir nachts in die Wälder hinter dem Dorf und blieben dort manchmal mehrere Tage, bevor wir zurück zu unserem Nachbarn kamen. Wenn wir im Wald waren, brachte uns sein Sohn etwas zu Essen. Er war so alt wie ich, elf bis dreizehn Jahre. 33 Monate hielten wir uns so versteckt.

Im März 1944 wurde unser Dorf von sowjetischen Truppen befreit. Nach der Befreiung ging ich wieder zur Schule und schloss die Mittelschule in Nowo-Murafa ab. Danach habe ich eine Ausbildung am Institut für Bauwesen in Odessa gemacht. Ich habe auf verschiedenen Baustellen und Projekten gearbeitet. 1971 habe ich Julia Borisowna Lechtgods geheiratet und bin mit ihr nach Tscherkassy gezogen, wo ich 25 Jahre lang als Leiter der Plan- und Produktionsabteilung gearbeitet habe. 1995 bin ich in Rente gegangen.

[…]

Mit den besten Wünschen,

B. A. Frajberg.

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