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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Es sind uns mehrere Fälle bekannt, dass jüdische Jugendliche, die ihre Identität zu verbergen wussten, als Ukrainer zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt wurden. (E. Radczuweit)

Lew Wladimirowitsch Jalowezkij.

Ukraine
Kirowograd.

Sehr geehrter Herr Michajlowskij,

Hiermit möchte ich Ihnen mitteilen, dass ich die Unterstützung in Höhe von 1000 Griwna vom Verein „Kontakte“ erhalten habe, wofür ich sehr dankbar bin.

Dieses Geld kommt von einer Organisation, die das furchtbare Unrecht, das dem jüdischen Volk durch die Nazi-Besatzer zugefügt wurde, verurteilt. Nochmals vielen Dank, dass Sie uns, die Überlebenden der Schoah, nicht vergessen haben.

Nun möchte ich Ihnen in Kürze davon berichten, wie ich den Holocaust überlebt habe. Nur wenige Tage, nachdem die Deutschen Kirowograd besetzt hatten, kam eine Frau namens Polina Kusminitschna Kowalewa zu uns und übermittelte uns die Bitte ihres Mannes Wladimir Wladimirowitsch Kowalew. Unsere Familie war schon lange Jahre mit der Familie Kowalew befreundet. Wladimir Wladimirowitsch bat uns, mich so schnell wie möglich aus der Stadt zu bringen. Bei einem Treffen sprach Wladimir Wladimirowitsch nicht lange von den „Regeln“ der Besatzer unserer Stadt bezüglich der Juden, sondern sagte nur, es gebe Informationen darüber, dass man mit dem Schlimmsten rechnen müsse, sogar damit, dass die Juden an einen „anderen Ort“ deportiert werden würden. Was mich betraf, so hatte er folgenden Plan gefasst: Ich unterschied mich äußerlich in nichts von den ukrainischen Jungen, und das müsse man ausnutzen. Ich müsse einen neuen Namen bekommen und hieße ab jetzt Leonid Wasiljewitsch Aleksejew. Ich sollte in ein Dorf gebracht werden, so weit wie möglich von der Stadt entfernt, und zwar ins Dorf Sofijewka, das 50 km von Kirowograd entfernt und abseits der Hauptstraße gelegen war. Dort sollte ich einen Brigadier treffen und in seiner Brigade arbeiten.

Früh morgens brachte Kowalew mich mit einem Pferdewagen nach Sofijewka. Etwa 20 km vor Sofijewka hielten wir an, um dem Pferd Wasser zu geben. Da kam ein Junge von etwa 15 Jahren zu uns und bat uns um etwas zu essen. Von ihm erfuhr ich, dass mein Vater in die Armee eingezogen worden und sein weiteres Schicksal nicht bekannt war, und dass sie meine Mutter erschossen hatten.

Als wir Sofijewka erreicht hatten, bat Kowalew den Brigadier, mich in seine Brigade aufzunehmen, da ich Waise sei und kein Dach über dem Kopf habe. Der Brigadier begriff. Er wollte mir helfen und nahm mich in seine Brigade auf. Ich arbeitete bei ihm im September und Oktober 1941. Dann kam der Winter und sie schickten mich zum Arbeiten auf einen Hof mit Schweinezucht. Dort musste ich die Ställe säubern und die Tiere füttern. Ich habe dort bis August 1943 gearbeitet.

Im August 1943 durchsuchten die Polizai jedes Haus, sie hatten eine Liste mit Namen von Männern, die zur Polizeiwache gebracht werden sollten. Irgendwann kamen sie auch zu dem Haus, in dem ich wohnte. Wir alle standen auf der Liste, wurden im Hof zusammengetrieben und dann nach Kirowograd gebracht. Dort wurden wir in einen Zug verladen und nach Deutschland gebracht, nach Freital bei Dresden, wo ich an der Bahnstation beim Be- und Entladen der Züge arbeiten musste. Ich habe dort bis Mai 1945 gearbeitet, dann wurden wir von der Roten Armee befreit.

Mit den besten Grüßen,

Lew Wladimirowitsch Jalowezkij.

P.S. Der Voraussicht und dem Mut Wladimir Wladimirowitsch Kowalews ist es zu verdanken, dass ich zu Leonid Wasiljewitsch Aleksejew wurde und unter diesem Namen den Holocaust überleben konnte.

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