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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Iosif Jefimowitsch Brechner.

Ukraine
Odessa.

Iosif Jefimowitsch Brechner, geb. am 13.06.1934 in Odessa.

Als 1941 der Krieg begann, war ich sieben Jahre alt. Wir lebten damals zu Dritt: meine Mutter, mein Vater und ich. Meine ältere Schwester Mara Brechner war zu der Zeit bei der Schwester meiner Mutter zu Besuch, bei unserer Tante Bella in Tultschin – unsere Eltern hatten sie für die Sommerferien dorthin gebracht (dass der Ort Tultschin hieß, erfuhr ich erst nach dem Krieg, damals wusste ich nur, dass Mutters Schwester irgendwo im Gebiet Winniza lebte, ich kannte nicht einmal ihren Nachnamen und wusste nur, dass sie Tante Bella heißt.).

Im August 1941 wurde mein Vater zur Armee eingezogen und meine Mutter und ich wurden nach Odessa evakuiert. Zu der Zeit wurde Odessa schon bombardiert. Wir fuhren mit dem Zug, alle Waggons waren hoffnungslos überfüllt. Wir fuhren einen Tag lang und irgendwann am Abend wurde unser Zug mitten in der Landschaft (nicht weit von einer Bahnstation, von der ich später erfuhr, dass sie Wopnjarka hieß) von deutschen Flugzeugen bombardiert. Ein furchtbarer Tumult brach los. Der Zug blieb stehen, die Menschen stürzten aus den Waggons und rannten in alle Richtungen davon, während die Deutschen sie aus ihren Flugzeugen aus Maschinengewehren beschossen. Als meine Mutter und ich den Zug verließen, hielt sie mich die ganze Zeit an der Hand. Wir rannten zusammen über ein Feld – es war ein Maisfeld, und der Mais stand hoch -, bis meine Mutter plötzlich zu fallen begann, ihr war schlecht. Sie konnte mir noch sagen: Lauf weiter, mein Junge, ich bleibe hier kurz liegen, und wenn der Angriff vorbei ist, treffen wir uns am Zug wieder. Wie lange ich gerannt bin, weiß ich nicht mehr. Irgendwann fiel ich vor Erschöpfung auf die Erde und schlief ein. Später wurde ich von Feldarbeitern geweckt, sie sammelten den Mais von den Feldern, es war schon Morgen. Sie fragten mich, wie ich dorthin geraten war, und ich erzählte ihnen alles. Sie sagten mir, der Zug sei schon weg, er sei noch in der Nacht zum Bahnhof geschleppt worden. Ich bat sie, mir zu helfen, meine Mutter zu finden – sie müsste hier in der Nähe liegen. Wir suchten lange, konnten sie aber nicht finden; immer wieder stießen wir auf Tote. Die Arbeiter gaben mir etwas zu essen und sagten mir, ich solle an den Bahngleisen entlanglaufen, bis ich zur Bahnstation Wopnjarka käme. Dort würde ich meine Mutter schon finden. Ich fand die Bahnstation schnell. Dort waren sehr viele Menschen, alle waren furchtbar in Panik. Ich begann meine Mutter zu suchen. Ich suchte alles ab, dann fragte ich die Leute nach ihr. Eine Frau brachte mich zum Stationsvorsteher. Ich erzählte ihm alles. Er fragte mich nach meinem Familiennamen und nach dem Namen meiner Mutter. Er sagte zu mir – Bleib du hier in meinem Büro sitzen, wir machen jetzt eine Durchsage, und wenn sie im Bahnhof ist, dann kommt sie hierher. Ich saß bis zum Abend in seinem Büro, aber Mutter tauchte nicht auf. Am Abend gab mir der Stationsvorsteher zu Essen. Dann sagte er zu mir: Wir bringen dich ins Hinterland, dort werden sie dir helfen, deine Mutter zu finden. In der gleichen Nacht wurden alle Leute, die in dem bombardierten Zug gewesen waren, ins Hinterland gebracht. Ich blieb noch eine Weile bei dem Stationsvorsteher, und als er den Raum verließ, ging ich weg. Ich hatte beschlossen, am nächsten Morgen bei Tageslicht zurück zum Feld zu gehen, um meine Mutter zu suchen. Draußen war es warm. In der Nähe des Bahnhofs war ein kleiner Platz mit Gras, dort legte ich mich zum Schlafen hin. Ich wachte sehr früh auf, als er gerade hell wurde. An der Station gab es einen Wasserhahn, ich wusch mich und ging los. Ich lief an den Bahngleisen entlang bis zu der Stelle, von der ich gekommen war. Den ganzen Tag lief ich durchs Maisfeld. Wieder traf ich die Arbeiter, die mich am Tag zuvor geweckt hatten. Sie gaben mir wieder etwas zu essen und fragten mich, wen es noch gäbe außer meiner Mutter, wo mein Vater sei, ob ich Tanten, Onkel, Brüder, Schwestern habe. Ich erzählte ihnen, dass Vater in Odessa eingezogen worden war und dass meine ältere Schwester bei meiner Tante irgendwo im Gebiet Winniza sei – den Nachnamen meiner Tante wisse ich nicht. Da schlugen sie mir vor, mich ins nahgelegene jüdische Dorf zu bringen: Vielleicht kennen die Leute dort deine Tante oder können dir helfen, sie zu finden. Sie nahmen mich also erstmal mit in ihr Dorf und ich übernachtete bei ihnen. Am Abend wuschen sie meine Kleidung, und früh am nächsten Morgen spannten sie ein Pferd vor den Wagen und brachten mich ins Dorf Dsigowka. Ich kam zur Familie Trejstman zu Tante Faina, sie war etwa so alt wie meine Mutter. Ich erzählte ihr alles. Sie fragte mich, ob ich denn keine Papiere habe? Ich sagte ihr, dass ich bei unserer Abfahrt aus Odessa gesehen hatte, dass meine Mutter alle unsere Papiere und unser Geld in ihrer Unterwäsche eingenäht hatte. Sie hatte gelächelt und gesagt, so mache es jede umsichtige jüdische Frau. Tante Faina hatte vier Kinder (Sjunja, Aron, Sascha, Busja), die um mich herumstanden und zuhörten, wie ich mich mit ihrer Mutter unterhielt. Sie alle hatten tiefes Mitleid mit mir, und jeder von ihnen versuchte, mir etwas Gutes zu tun – sie schenkten mir Schokolade, Lebkuchen, einen Apfel. Ich fühlte mich gleich besser. Vorher war ich einfach vor Angst gelähmt gewesen. Tante Fainas Mann war nicht da, er war an der Front, aber sie hatten viele Verwandte im Dorf und sie war bei allen sehr geachtet. Gegen Abend wussten alle Verwandten sowie die anderen Dorfbewohner über mich schon Bescheid, und sie bat alle zu helfen, meine Tante zu finden, anhand der wenigen Angaben, die ich hatte machen können (das waren Vor- und Nachname meiner Mutter und meines Vaters sowie die Vornamen meiner Tante und meiner Schwester). Leider wusste niemand etwas über meine Tante. An meinem zweiten Tag in Dsigowka schickte Tante Faina einen ihrer Verwandten, Nuchim, nach Wopnjarka, wo er herausfinden sollte, ob sie meine Mutter mittlerweile gefunden hatten – verwundet oder tot (das erzählte sie mir erst einige Jahre später), aber er kehrte ohne jede Nachricht zurück. So blieb ich bei dieser Familie. Keiner von ihnen ließ mich spüren, dass ich nicht zu ihnen gehörte. In meinem ganzen Leben sind mir nie wieder so gutherzige Menschen begegnet.

Als im Oktober 1941 die Deutschen in Dsigowka einmarschierten, richteten sie ein jüdisches Ghetto ein. Das ganze Dorf wurde mit Stacheldraht umzäunt. Die Juden wurden schrecklich gedemütigt und viele getötet. Viele Menschen starben in Folge von Hunger und Krankheiten. Tante Fainas Söhne Sascha und Aron und ihre Tochter Busja wurden ermordet. Ende 1941 zogen die Rumänen im Dorf ein, und sie waren dort bis zur Befreiung unseres Dorfes durch die sowjetische Armee. Die Rumänen organisierten in unserem Dorf eine Gendarmerie. Die Familie von Meer Pejterbart und seine Schwester Riwa wurden aus ihrem Haus gejagt, und in diesem Haus richteten sie die Gendarmerie ein. Der Leiter der Gendarmerie war Pompila. Dorfältester war Milentjew (Russe), der Polizai war Wasitinskij (Russe). Als Vorsteher der jüdischen Gemeinde setzten die Rumänen Nuchim Trejstman ein (einen Verwandten von Tante Faina), dessen Frau Lena Ukrainerin war. Etwa ein Jahr nach der Besatzung nahm Tante Faina ihren Neffen und ihre Nichte bei sich auf, Mischa und Fira Trejstman. Ihre Mutter war ermordet worden, ihr Vater war an der Front (er ist gefallen), und so lebten sie bei Tante Faina, bis sie erwachsen waren.

An folgende Bewohner des Ghettos kann ich mich noch erinnern: Die Familie Rojter (Bejla Rojter und ihre Kinder Mischa und Fenja); die Familie London (Riwa London und ihre Kinder Monja und Borja); die Familie Wajsman (Andrej Wajsman und seine Frau Rosa); Mischa, Aron und Donja Mjaskowski; die Familie Trosnjanski (Chajka Trosnjanskaja und ihre Kinder Olja und Fira); Mosja Awerbuch und seine Schwester Molka; Mischa Klejman, der später Sonja heiratete (ihren Mädchennamen weiß ich nicht mehr), auch sie war mit uns im Ghetto; Njuma Schtejman, Rosa Mermejnschtejn; Lena Goldjuk. Wir alle hungerten schrecklich. Tante Faina tauschte alle Wertsachen und alles, was sie hatte, gegen Lebensmittel ein. Manchmal hatten wir mehrere Tage hintereinander nichts zu essen, tranken nur Wasser. Was wir damals durchgemacht haben, lässt sich nicht in Worte fassen. Ich war zwar noch ein Kind, aber mir scheint, ich habe alles schon verstanden wie ein Erwachsener. Im März 1944 schneite es und unsere Armee marschierte im Dorf ein. Zwei Tage vor ihrem Eintreffen hatten Partisanen die rumänische Gendarmerie im Dorf zerschlagen. Zwei Tage danach fuhren plötzlich Deutsche ins Dorf ein, die in den Wäldern in einen Hinterhalt geraten waren. Sie hatten unsere Partisanen getötet. Am Abend desselben Tages kamen dann unsere Truppen. Die Soldaten kochten sofort für uns und verteilten warme Mahlzeiten, Brot, Salz, Zucker, Konserven. Am nächsten Tag kamen Beamte, die Lebensmittel und Brot ausgaben. So ging meine Zeit unter faschistischer Besatzung zu Ende. Aber meine seelischen Qualen waren noch nicht vorbei, ich wollte natürlich so schnell wie möglich meine Eltern wiederfinden. Tante Faina konnte ich nicht um Hilfe bitten, sie war so geschwächt, krank und vom Kummer gezeichnet, dass ich es nicht übers Herz brachte, sie darum zu bitten. Zwei Monate später erzählte ich ihrem Sohn Sjunja, der ein paar Jahre älter war als ich, dass ich in die Bezirkshauptstadt Jampol fahren wollte, um mich an die Behörden zu wenden und meine Eltern zu finden, falls sie noch am Leben sein sollten. Er riet mir davon ab, alleine zu fahren, bat mich zu warten, bis Tante Faina wieder zu Kräften gekommen sei, damit sie mit mir fahren könnte. Aber ich konnte nicht mehr warten. Und so fuhr ich eines schönen Tages per Anhalter nach Jampol und ging zum Exekutivkomitee. Ich sah natürlich nicht gerade repräsentativ aus. Ich wandte mich an einen der Beamten und erzählte ihm alles. Er schrieb sich meinen Namen und die Namen meiner Eltern auf, notierte auch Tante Fainas Namen und den Namen des Dorfes, in dem ich während der Besatzung gelebt hatte und noch lebte. Dann telefonierte er mit jemandem. Eine Weile später bat er mich, ein paar Stunden spazieren zu gehen und dann wieder zu ihm zu kommen. Als ich wieder zu ihm kam, teilte er mir Folgendes mit: Die Suche nach meinen Eltern würde länger dauern, er habe mit dem örtlichen Wehrkommissariat gesprochen und sie gebeten, zu prüfen, ob mein Vater noch am Leben sei (ich hatte ihm gesagt, dass mein Vater in Odessa eingezogen worden war; damals wusste ich noch nicht, dass er drei Monate später ausgemustert worden war, weil man bei ihm Tuberkulose festgestellt hatte). Das Wehrkommissariat hatte versprochen, die Suche nach meinem Vater in Gang zu bringen, und außerdem mitgeteilt, dass gerade Naum Iljitsch Trejstman (Tante Fainas Mann), der beide Arme verloren hatte, aus dem Lazarett nach Dsigowka gebracht würde, und die örtlichen Behörden sollten sich um ihn und seine Familie kümmern. Dann sagte mir der Beamte, ich könne nicht in diese Familie zurückkehren, er habe einen Platz im Kinderheim oder Internat für mich organisiert, wo ich bleiben könne, bis meine Eltern gefunden seien. Ich war entsetzt – erstens hatte Tante Faina schon Kummer genug und zweitens wollte ich nicht ins Internat. Ich versuchte den Mann zu überreden: Es wäre doch besser, wenn ich in der Familie bliebe, vielleicht würden sie meine Eltern schnell finden und dann würden sie mich holen. Aber es war alles vergebens, er blieb hart. Eine Frau brachte mich in dieses Internat, und der Beamte versprach mir, Tante Faina zu informieren, dass ich im Internat war. Ich war drei Tage in diesem Internat. Natürlich hatte er Tante Faina erst am nächsten Tag informiert, und am dritten Tag kam sie und holte mich zurück nach Hause. Die ganze Sache hatte aber, wie sich später herausstellte, auch eine gute Seite. Denn nun war ich beim Exekutivkomitee registriert und unter der Internatsadresse gemeldet. Mein Vater versuchte zweimal, mich zu finden. Das erste Mal, als sie erfuhren, dass Mutters Schwester Bella und meine Schwester Mara am Leben waren. Im Mai 1944 fuhr er nach Tultschin, um sie zu sich zu holen. Damals konnte er mich nicht finden. Das zweite Mal suchte er mich, als sie im Oktober 1944 aus Turkestan zurück nach Odessa kamen, und da fand er mich, weil ich beim Exekutivkomitee in Jampol registriert war, auch wenn ich schon nicht mehr im Internat war, sondern wieder bei der Familie Trejstman.

Nun noch kurz zum Schicksal meiner Eltern. In der Nacht, als unser Zug bombardiert wurde, war meine Mutter von einer Explosionswelle getroffen worden, weshalb sie nicht weiterlaufen konnte, wie ich schon beschrieben habe. Sie verlor das Bewusstsein und blieb dort im Feld in der Nähe der Bahngleise liegen. Als der Angriff vorbei war, wurde sie von Sanitätern gefunden, die alle Verletzten aufsammelten und ins Hinterland brachten. Auf diese Weise landete meine Mutter in Turkestan (das erzählte mir mein Vater, als er mich gefunden hatte). Und als sie meinen Vater wegen Tuberkulose ausgemustert hatten, fand er meine Mutter dort in Turkestan.

Im Oktober 1944 zog ich mit meinem Vater nach Odessa, wo ich mit ihm und seiner Mutter, meiner Großmutter, lebte, die zu der Zeit schon zusammen mit ihrer Tochter, der Schwester meines Vaters, nach Odessa zurückgekehrt war. Im August 1945 kamen auch meine Mutter und meine Schwester nach Odessa zurück. Zu der Zeit hatte Vater schon eine große Wohnung zugeteilt bekommen.

Tante Faina war wie eine zweite Mutter für mich und ihr Sohn Sjunja wie ein Bruder. Leider sind sowohl meine Eltern als auch Tante Faina und ihr Mann Onkel Naum längst gestorben. Ihr Sohn Sjunja lebt in Amerika.

Meine schwere Kindheit ist nicht ohne Folgen geblieben. Bei der Armee wurde ich wegen meines schlechten gesundheitlichen Zustandes ausgemustert – ich hatte ein schwaches Herz und war psychisch labil. Mit 15 Jahren habe ich graue Haare bekommen. Mit 38 Jahren begann ich zu erblinden, ich hatte grauen Star auf beiden Augen. Ich wurde in Moskau operiert, erst an einem Auge, ein halbes Jahr später am anderen. Ich habe jetzt auf beiden Augen künstliche Linsen. Mit 50 Jahren wurde ich Invalide zweiten Grades. Als ich 60 Jahre alt war, wurde ich in Moskau am Herzen operiert. Mit 45 Jahren wurde ich an der Niere operiert.

So etwas geht nicht spurlos an einem vorüber.

[….]

Mit den besten Grüßen,

I. Brechner.

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