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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Genja Aleksejewna Sokolowskaja.

Genja Aleksejewna Sokolowskaja
Ukraine
Shitomir.

Biographie.

Ich, Genja Aleksejewna Sokolowskaja, wurde 1930 in Shitomir geboren. Ich wohnte mit meinen Eltern und meinen beiden Brüdern an der Uferstraße des Flusses Teterew. Einen Monat, nachdem die Deutschen Shitomir besetzt hatten, begannen die Hausdurchsuchungen. Die Deutschen begannen, alle Juden ins Ghetto in der Tschudnowskaja-Straße zu bringen. Während einer der nächtlichen Durchsuchungen nahmen sie unsere ganze Familie mit und sperrten uns ins Ghetto, das von Stacheldraht umgeben war. Überall liefen Polizai und Deutsche mit Hunden herum. Eine Weile lebten wir im Ghetto, wir hatten weder Lebensmittel noch warme Kleidung. Wir litten großen Hunger und froren. Die Polizai brachten alle zwei Tage eine dünne Suppe; es war furchtbar anzusehen, wie die Juden mit ihren Schüsseln dastanden und bettelten: „Bitte geben Sie mir etwas, bitte!“ – unter ihnen auch meine Eltern.

Porträt von Genja Aleksejewna Sokolowskaja

Da es kein Essen gab, starben viele Kinder und alte Menschen. Nach einigen Monaten begannen die Deutschen, die Juden zum Arbeitseinsatz zu fahren – wie sich herausstellte, brachten sie sie in den Wald bei Bogunija und erschossen alle. Als wieder mal ein Wagen kam, um die nächste Gruppe Menschen abzuholen, da wollten sie zusammen mit anderen auch meine Eltern mitnehmen. Die Menschen schrien und weinten. In diesem Lärm sagte meine Mutter zu mir, Genja, lauf weg, vielleicht kannst du dich retten. Ich und einige weitere Frauen schafften es, zu entkommen, wir kletterten über den Stacheldrahtzaun, wobei ich mir Gesicht, Arme und Beine schlimm zerkratzte. Ich rannte so schnell ich konnte. Als wir schon weit vom Ghetto entfernt waren, sagten die Frauen zu mir, dass sie mich nun nicht mehr mit sich nehmen würden – geh, wohin du willst. Ich flehte sie an, mich bei sich zu behalten, aber es nützte nichts.

Ich ging zu unserer Nachbarin Wera Stepanowna und sie versteckte mich auf dem Dachboden. Am nächsten Tag wurde ihr Haus durchsucht und Tante Wera versteckte mich in einem zerbombten Haus, im Keller, in dem knietief das Wasser stand und es viele Ratten gab; immerhin gab es dort eine Liege, auf der ich die ganze Zeit saß und die Ratten verscheuchte. Ich blieb dort, bis ich krank wurde. Dann brachte Tante Wera mich in der Nacht auf den Dachboden der Wasserheilanstalt. Beim kleinsten Geräusch oder Hundegebell dachte ich, nun hat es mich erwischt. Zu essen bekam ich nur jeden zweiten Tag, da unsere Nachbarin Angst hatte, öfter zu kommen; außerdem hatte sie selbst kaum etwas zu essen.

Ich musste also die Erschießung meiner Eltern miterleben, Hunger, Kälte, Armut ertragen, war nach dem Krieg Waise ohne Schulbildung. Als Shitomir befreit wurde, wusste ich nicht, wohin. In unserer Wohnung wohnten Fremde. Unser ganzer Besitz war gestohlen und geplündert. Ich musste bei fremden Menschen putzen und waschen, um mir wenigstens ein Stück Brot zu verdienen. Sie schickten mich in der Nacht los, um mich für Lebensmittel anzustellen. 1947 ging ich in ein Dorf in der Nähe und bettelte dort um Essen. Meine Beine waren in Folge der Unterernährung angeschwollen. Ich trug nur ein Hemd auf dem nackten Leib und Filzstiefel mit kaputten Sohlen. 1948 habe ich eine Geburtsurkunde bekommen. 1949 fing ich an zu arbeiten. Und erst ab dem Moment fühlte ich mich als Mensch. Was hat sich meine Familie nur zuschulden kommen lassen, dass die Deutschen sie erschossen haben? Und ich habe wegen der Deutschen so viel leiden müssen. Es ist gar nicht möglich, alles zu schildern, was ich durchgemacht habe.

Sehr geehrter Eberhard,

Ich, G. A. Sokolowskaja, möchte Ihnen sehr herzlich für die Unterstützung danken, die mir Ihr Verein hat zukommen lassen.

Sokolowskaja.

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