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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Tatjana Sruliwna Wyshgorodskaja.

Sehr geehrter Vorsitzender des Wohltätigkeitsvereins „Kontakte-Контакты“ Herr Eberhard Radczuweit,

Ich bin Überlebende eines KZ, das sich auf ukrainischem Gebiet befand, in Petschora im Bezirk Schpikow, Gebiet Tultschin. Dieses Lager wurde Todeslager genannt.

Ich, Tatjana S. Wyshgorodskaja, danke Ihnen und allen Mitgliedern Ihres Vereins für die finanzielle Unterstützung und wünsche Ihnen alles, alles Gute, vor allem beste Gesundheit sowie Kraft und Energie für Ihre nicht einfache Arbeit.

Meine Familie – mein Vater, meine Mutter und ich, damals dreieinhalb Jahre alt – verließen unseren Ort und zogen Richtung Tultschin, aber unterwegs wurden wir aufgegriffen und gewaltsam ins KZ gesteckt. Dieses Lager – damit Sie sich eine Vorstellung davon machen können – bestand aus einem dreistöckigen Gebäude, in dem vor dem Krieg ein Sanatorium für Tuberkulosekranke untergebracht war. Auf der einen Seite des Gebäudes war ein Fluss, auf der anderen Seite der sogenannte Schwarze Wald, und dazwischen ein Stacheldrahtzaun mit Wachsoldaten. Eine Flucht war praktisch unmöglich. Vor dem Gebäude war ein kleiner Platz mit einem stillgelegten Springbrunnen. Im Lager waren etwa 10 000 Juden untergebracht. Jeden zweiten Tag wurden alle aus dem Gebäude getrieben, die Sachen – wenn man noch welche hatte – musste man mitnehmen, dann kamen Lastwagen angefahren, die Deutschen suchten sich aus der Menge willkürlich Menschen heraus, luden sie in die Lkws und fuhren sie zum Schwarzen Wald. Dort waren schon Gruben ausgehoben, vor denen die Menschen erschossen wurden, dann wurden die Gruben zugeschüttet, und die Erde hob und senkte sich, da nicht alle in den Gruben tot waren. Entsetzlich.

Wenn in den Baracken jemand starb, mussten ihn die anderen Gefangenen selbst hinaustragen. Unter ihnen war auch meine Mutter. Die Gefangenen, die ihre Angehörigen aus dem Lager trugen und in die fertigen Grube warfen, standen unter Schock und haben sich die Stelle nicht gemerkt. Deshalb weiß ich bis heute nicht, wo die sterblichen Überreste meiner Mutter liegen. Jeder der Gefangenen musste mal zum Fluss gehen, um Trinkwasser für alle zu holen. Meine Mutter war also zum Fluss gegangen, aber die Polizai erwischten sie dabei und verprügelten sie derart, dass Niere, Leber und alle inneren Organe zerstört wurden. Mein Vater versuchte, sie da herauszuholen; Geld hatten wir zu der Zeit schon keins mehr, aber es fanden sich gute Menschen, die uns halfen. Sie brachten meinem Vater ihren leblosen Körper. Ich war zu der Zeit schon etwa fünf Jahre alt und begriff schon einiges. So wurden wir also zu Waisen.

[Eine Zeile fehlt auf der Kopie] Und dann bestach eine Gruppe Juden die Wachen und die Menschen wagten im Schutz der Nacht die Flucht. Es war kalt, Ende November 1943. Mein Vater war sehr entkräftet, aber er setzte mich auf seinen Rücken und sagte mir, ich solle mich festhalten. Ich habe mir damals die Hände abgefroren. Mein Vater glaubte schon nicht mehr daran, dass wir überleben könnten. Deshalb beschloss er, nicht durch den Wald zu gehen, sich nicht zu verstecken, sondern ging einfach die Straße entlang – passiere, was da wolle.

Die anderen Geflohenen rannten in den Wald, sie dachten, dort wären sie in Sicherheit. Aber die Wachen fanden ihre Spuren und hetzten sofort die Hunde in den Wald und so wurden alle wieder eingefangen. Mein Vater und ich liefen dagegen immer weiter und kamen irgendwann an einen Wachposten, ich weiß nicht, wer dort war, wahrscheinlich waren es Rumänen. Sie hielten meinen Vater an und fragten ihn, woher er käme und wohin er ginge. Er sagte ihnen, dass meine Mutter gestorben sei und er mich deshalb ins Nachbardorf zu seiner Schwester bringe, da er nicht wisse, was er mit mir machen solle. Sie fragten ihn, ob ihn unterwegs irgendjemand angehalten habe. Er sagte: Nein. Da sagten sie zu ihm: Wenn dich die anderen in Ruhe gelassen haben, werden wir dich auch in Ruhe lassen. So erreichten wir im Schutz der Nacht den Ort Dsygowka im Gebiet Winniza und gingen zu Vaters Schwester. Sie nahm uns bei sich auf, wir mussten aber im Keller wohnen. Sie hatte zwei kleine Kinder, ihr Mann war an der Front gefallen.

In diesem Keller haben wir dann bis 1944 gelebt, als das Gebiet Winniza befreit wurde. Die Tante hatte nicht genug, um ihre eigenen Kinder zu ernähren. Tultschin war zu dieser Zeit bereits befreit, und mein Vater brachte mich dorthin ins Kinderheim, wo ich acht Monate gelebt habe. Er selbst meldete sich beim Wehrkommissariat, aber wegen seines gesundheitlichen Zustands nahmen sie ihn nicht, außerdem war der Krieg schon fast zu Ende. Er bekam schließlich einen Arbeitsplatz in der Bukowina zugewiesen. Das war damals Sperrgebiet. Er holte mich aus dem Kinderheim und am 5. Mai 1945 machten wir uns auf den Weg nach Tschernowitz. Und was ist heute? Gesundheitlich geht es mir schlecht. Ich habe eine Knochenerkrankung. Bei uns in der Ukraine gibt es keine Krankenversicherung.

So sieht also mein Lebensabend aus.

Aber ich bin überzeugt, dass alles gut wird, solange es solche Menschen gibt wie Sie, Herr Eberhard Radczuweit.

31.10.2011.

T. S. Wyshgorodskaja.

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