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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Wladimir Iosifowitsch Pinson.

Sehr geehrter Eberhard Radczuweit!

Ich sende Ihnen herzliche Grüße und danke Ihnen für die Arbeit Ihres Vereins, der sich für die Aufklärung der Tragödie einsetzt, in deren Folge Millionen Juden in ganz Europa ermordet wurden, unter ihnen Millionen alte Menschen, Kinder und Frauen in der Ukraine.

Seit Beginn des Zweiten Weltkrieges sind 71 Jahre vergangen und der Tag des Sieges über Deutschland liegt 67 Jahre zurück, aber die Wunden dieses Krieges sind bis heute nicht verheilt. In diesem Brief möchte ich Ihnen meine Erinnerungen schreiben, die Erinnerungen eines jüdischen Jungen, der sich durch Flucht hat retten können und während des Zweiten Weltkrieges aus den von den Nazis besetzten Gebieten evakuiert wurde.

Das unmenschliche Leid, das ich damals erleben musste, hat sich als schwere Bürde aufmein ganzes späteres Leben gelegt. Ich bin heute ein alter Mann, aber ich kann mich an Alles genau erinnern und möchte meine Geschichte erzählen. Denn viele Menschen sind sich bis heute nicht im Klaren über die Ausmaße der Tragödie für diejenigen, deren Kindheit durch den Krieg zerstört wurde. Wahrscheinlich ist das auch einer der Gründe dafür, dass die Stiftungen, die den Holocaust-Überlebenden Unterstützung zukommen lassen, viele Menschen unberücksichtigt gelassen haben, was eine himmelschreiende Ungerechtigkeit ist.

Es gibt noch einen weiteren Grund, warum ich beschlossen habe, Ihnen zu schreiben.

Die Zeit schreitet unerbittlich voran. Mit jedem Tag werden die Zeitzeugen des Krieges weniger. Wir müssen uns beeilen! Unsere Kinder und Enkel, unsere Nachkommen müssen erfahren, was ihre Väter durchlebt haben. Damit sich so etwas nie wiederholt!

Ich heiße Wladimir Pinson und wurde am 24.11.1935 geboren. Obwohl ich erst sechs Jahre alt war, als der Krieg begann, kann ich mich noch sehr gut an diese Jahre erinnern.

Unsere vielköpfige Familie stammte aus dem Ort Slatopol im Bezirk Guljaj Polje, Gebiet Saporoshje. Im September 1941, als die Nazi-Truppen in der Ukraine einmarschierten, mussten wir selbst unsere Evakuierung in die Hand nehmen und machten uns auf den Weg Richtung Osten. Wir waren fünfzehn Personen, darunter neun Kinder. Da wir keine Transportmittel hatten, kamen wir nur sehr langsam voran, so dass die Nazi-Truppen uns in den Gebieten Rostow und Lugansk einholten, als wir Richtung Osten marschierten und wir uns im besetzten Gebiet wiederfanden. Im Gebiet Rostow hatte der Älteste unserer Familie, Abram Awerbach, Kontakt zum deutschen Kommandeur. Die Bewohner dieses kleinen Ghettos trennte nur sehr wenig vom sicheren Tod, aber als die deutsche Armee 1943 den Rückzug antreten musste, stand ihr der Sinn nicht mehr nach Judenerschießungen. Was folgte, war eine schreckliche und lange Hungerzeit für uns alle. Eine der Töchter meines Großvaters Abram, Bljuma Awerbach, schaffte es nicht rechtzeitig in die Evakuierung und wurde zusammen mit ihrem zehnjährigen Sohn in einem Gaswagen vergast.

Nun möchte ich ausführlicher berichten, was meine kleine Familie und ich durchmachen mussten. Meine Familie bestand aus vier Personen: Meine Mutter Frida Abramowna Pinson (geb. 1901), meine ältere Schwester Sofija (geb. 1925) und ich, Wladimir (geb. 1935). Mein Vater, Iosif Kalmanowitsch Pinson, war 1937 als „Volksfeind“ vom NKWD erschossen worden. 19 Jahre später, im Jahr 1957, wurde er post mortem rehabilitiert. Meine Mutter war mit mir, dem damals Zweijährigen, und ihrer zwölfjährigen Tochter (meiner Schwester) alleine zurückgeblieben.

In der Evakuierung schlugen meine Mutter, meine Schwester und ich einen anderen Weg ein als der Rest unserer Familie, und zwar schlossen wir uns den Mitarbeitern des pädagogischen Technikums an. Wir fuhren auf Lastfuhrwerken von Guljaj Polje (Gebiet Saporoshje) bis Altschewsk im Gebiet Lugansk. Dort lebten wir ungefähr ein Jahr. Die Besatzer tauchten dort erst im Sommer 1942 auf.

Als die deutsche Armee nach Stalingrad vorrückte und dabei das Gebiet Lugansk durchquerte, mussten wir schnell fliehen. Wir verließen Altschewsk wieder auf den Lastfuhrwerken des Technikums, aber die Fronttruppen der Wehrmacht holten uns ein und man befahl uns, an unseren früheren Wohnort zurückzukehren. Meine Mutter beschloss jedoch, dass wir besser weiter Richtung Osten gehen sollten; sie ahnte, dass alle Juden in Altschewsk erschossen werden würden, was sich auch wirklich bewahrheitet hat. Von Altschewsk bis zum Dorf Preobrashennoje waren es etwa 120 km. Es wurde ein regelrechter Todesmarsch, den wir, erschöpft und hungrig, aber irgendwie schafften. Bis heute habe ich einzelne Momente während dieses schrecklichen Marsches deutlich vor Augen. Wir stießen auf dem Weg auf viele tote Soldaten, die meine Mutter und meine Schwester zu begraben versuchten.

Folgende Personen haben uns das Leben gerettet:

Demjan Petrowitsch Tereschtschenko, Bewohner des Dorfes Nishnjaja Duwanka, bei dem wir zehn Tage lebten. Dann ging er zum Vorsitzenden des Dorfsowjets von Preobraschennoje, der uns dabei half, dass wir Lebensmittel bekamen und uns zu einer Frau in diesem Ort schickte, zu Jewdokija Jemeljanowna Tatarka. Der Name unseres Retters war Trofim Andrejewitsch Kowalenko.

Wir blieben genau ein Jahr in Preobraschennoje, bis zum Sommer 1943. Im Sommer versteckten sie uns an verschiedenen sicheren Orten, im Winter ließ unsere Retterin uns nachts bei sich schlafen.

Meine Schwester Sofija wurde aus dem Gebiet Lugansk nach Deutschland ins KZ Auschwitz deportiert. Sie hatte an verschiedenen Arbeitsstellen schwer gearbeitet, bis eine Ukrainerin, die Sofija von der Schule her kannte, sie an die Gestapo verriet. Die schickten meine Schwester ins Todeslager. Als sie dort krank wurde, sollte sie in die Gaskammer geschickt werden, aber ein deutscher Offizier rettete ihr das Leben.

Meine Mutter und ich hielten uns weiter in verschiedenen Kellern versteckt, bis wir von den Truppen der Roten Armee befreit wurden. Unserer Retterin gelang es, den Dorfschulzen Makarenko, der ein brutaler Mörder war, ausfindig zu machen, was ich ihr niemals vergessen werde. Einmal hatte er mich aufgegriffen, er wollte herausfinden, ob ich vielleicht doch Jude war. Aber ich schaffte es, ihn davon zu überzeugen, dass ich Ukrainer war. Sonst hätten sie mich erschossen. Als die sowjetischen Truppen im Dorf einmarschierten, wurde er erschossen, und zwar genau an der Stelle, wo er mich gequält hatte.

Meine Schwester Sofja Oscherowa kehrte Anfang 1945 aus Deutschland zurück. Sie ist jetzt 87 Jahre alt und lebt seit 1990 in Israel. Auf dem Arm hat sie immer noch die Lagernummer von Auschwitz. Sie bekommt regelmäßig Geld aus Deutschland.

Was unsere Retterin betrifft, so haben wir 2008 ihre Familie ausfindig gemacht, aber zu dem Zeitpunkt war die Mutter, Jewdokija Tatarka, bereits verstorben, im Alter von 90 Jahren. So habe ich sie leider nicht mehr treffen können. Jewdokija Jemeljanowna hatte eine Tochter, Soja, die damals drei Jahre alt war. Ich war sieben Jahre alt und ich kann mich noch gut erinnern, wie wir beide nachts zusammen unser bescheidenes Mahl gegessen haben. Heute nennt Soja Iwanowna mich ihren Bruder und ich sie meine Schwester. Meine Familie und meine Kinder schicken ihr und ihrer Familie regelmäßig (einmal im Vierteljahr) Päckchen, wir helfen ihnen, so gut wir können, als Dank für das, was ihre Mutter, Jewdokija Tatarka, für uns getan hat. Das ist unsere heilige Pflicht. […]

Meine Tochter Elina Ioffe und mein Schwiegersohn Wadim Ioffe, mit denen ich als eine Familie zusammenlebe, haben mir dabei geholfen, diesen Brief an Sie zu verfassen. Meine Familie empfindet große Achtung vor Ihnen und dem guten Werk, das Sie tun. Seit 2005 helfen und unterstützen Sie jüdische Ghetto-Überlebende in der Ukraine und jüdische Holocaust-Opfer, die während der Besatzungszeit im Versteck überlebt haben.

Ich habe vier erwachsene Kinder und sieben Enkel und ihnen allen erzähle ich unsere Familiengeschichte, berichte ihnen davon, was ich, meine Mutter und meine Schwester während des Großen Vaterländischen Krieges durchmachen mussten. Ich bin jetzt 76 Jahre alt, ich bin ein alter Mann, dessen Gesundheit infolge von Krieg, Hunger und Besatzung zerrüttet ist. Ich bin in ständiger medizinischer Behandlung, muss ständig Medikamente nehmen und einen strengen Diätplan einhalten. In den letzten Jahren wurde ich einmal operiert und war mehrere Male im Krankenhaus, da ich wegen meiner chronischen Krankheiten stationär behandelt werden musste. Deshalb werden meine Familie und ich jede mögliche Hilfe und Unterstützung von Seiten Ihres Vereins dankbar annehmen.

Mit den besten Grüßen,

Wladimir Iosifowitsch Pinson.

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