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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Pinja Nuchimowitsch Golfeld.

Ich, Pinja Nuchimowitsch Golfeld, wurde am 12.7.1932 in Tultschin im Gebiet Winniza geboren.

1941 wurde die Ukraine von den Deutschen besetzt. Damit begann der Leidensweg der Juden.

Am 5. Dezember 1941 trieben sie meine Mutter, meine Schwester und mich wie das Vieh in die Schule. Die Deutschen sperrten den ganzen Bezirk ab. Sie brachten uns in ein Waschhaus, wo sie uns unter dem Schulterblatt irgendwelche Spritzen setzten, dann trieben sie uns in einer Kolonne los, wohin, wussten wir nicht. Wenn einer nicht mehr laufen konnte, schlugen sie ihn mit der Peitsche und erschossen ihn. Wir liefen den ganzen Tag, hungrig, halb erfroren, ohne Wasser. Wir aßen gefrorene Rüben, die noch nicht von den Feldern geerntet waren. Am Abend trieben sie uns in einen Pferdestall in Torkow, wo es nicht genügend Platz zum Stehen gab, von Liegen konnte gar keine Rede sein. Am nächsten Morgen trieben sie uns weiter, und so erreichten wir am 7. Dezember 1941 das Ghetto-KZ „Mertwaja Petlja“ [Todesschlinge] in Petschora, im früheren Bezirk Schpikow. Dort mussten sich so viele Menschen ein Zimmer teilen, dass jede Person kaum ein Dielenbrett zur Verfügung hatte. Wer sich nicht rechtzeitig ein Plätzchen auf dem Boden gesichert hatte, der lag frierend im Treppenhaus auf den Stufen. Wir hatten weder Essen noch Wasser, hausten unter gänzlich unmenschlichen Bedingungen. Der Hunger war unberechenbar. Ich kann mich noch erinnern, dass ein Mann einer toten Frau die Brust aufschnitt und begann sie zu essen. Eine Typhusepidemie brach aus, alle hatten Läuse und es gab keinerlei Medikamente. Meine Schwester ist dort im KZ gestorben, meine Mutter legte sie zu den anderen Toten, da sie sie nicht begraben konnte. Ich weiß noch, wie ein Deutscher einmal einer Mutter ihren Säugling entriss, er schleuderte es mit dem Kopf gegen einen Baum, es war tot. Bis heute höre ich noch die Mutter über ihrem toten Kind schreien; dann brachten sie sie weg. Bis heute wache ich oft von Alpträumen auf, ich sehe im Schlaf, wie die Polizai Romanenko, Smetanskij und Mischka w Kubanke (so wurde er genannt) uns demütigten und schikanierten.

Wir müssen den Menschen im Ort dankbar sein, die uns über den hohen Zaun gefrorene Rüben und Kartoffelschalen herüberwarfen. Ich kann selbst nicht verstehen, wie wir überleben konnten; Gott hat uns beigestanden. Immer wieder fuhren die Deutschen in einem Wagen durch das Ghetto und sammelten Leute auf, angeblich zum Arbeitseinsatz; in Wirklichkeit war es ein Todestransport, die Menschen wurden erschossen und in vorher ausgehobene Gräben geworfen. Uns erwartete das gleiche Schicksal, die Gräben waren schon fertig, aber am 14. März 1944 wurden wir von der Sowjetischen Armee befreit.

Meine Mutter und ich kehrten aus dem KZ nach Hause zurück und im September 1944 kam ich in die erste Klasse der Mittelschule Nr. 3 in Tultschin. Meine Mutter ist 1991 an den Folgen der Ghettozeit verstorben, ich wurde Invalide ersten Grades. Ich habe eine schwere Form von Bronchialasthma mit häufigen Anfällen und Phlebothrombose an den Beinen. Jetzt hatte ich auch noch einen rechtsseitigen Schlaganfall, muss wieder richtig sprechen und gehen lernen. Diesen Brief schreibt meine Frau für mich.

Ich würde sehr gerne wissen, was Ihre Organisation macht. Mit welchen Ländern stehen Sie in Kontakt?

Nachträglich ein frohes Neues Jahr! Ich wünsche Ihnen Gesundheit, Glück, Freude, Frieden und Erfolg in allen Dingen.

Möge sich niemals wiederholen, was ich damals durchleben musste.

Mit den besten Grüßen,

Golfeld.

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