Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Leonid Iosifowitsch Podlesnyj.

Sehr geehrter […]!

Ich danke Ihnen sehr für die finanzielle Unterstützung. Schöner noch als das Geld finde ich die Tatsache, dass es in Deutschland Menschen gibt, die in ganzem Umfang die unmenschliche Ungerechtigkeit anerkennen, die die Nazis dem jüdischen Volk angetan haben.

Sie baten mich, meine Erinnerungen an diese furchtbare Zeit mit Ihnen zu teilen. Ich war als kleines Kind im Ghetto in Kamenez-Podolsk und in meiner Erinnerung haben sich nur einzelne, bruchstückhafte Bilder erhalten. Bilder von großen, schwarz gekleideten Menschen, die mit der Peitsche an den Schaft ihrer Lackstiefel klopften, Hunde, Schreie, Schüsse.

Aber ich werde Ihnen schildern, was ich aus Erzählungen meiner Mutter Brana Lipowna Lerner weiß, die zusammen mit mir im Ghetto war. Wir lebten in dem kleinen Ort Rudka im Bezirk Smotritsch, ehemals Gebiet Kamenez-Podolsk. Meine Eltern waren beide Lehrer in der Dorfschule. Als der Krieg begann, schloss sich mein Vater einer Partisaneneinheit an; mich, meinen älteren Bruder und meine Mutter brachte er ins Dorf Skiptsche, wo meine Großmutter, die Mutter meines Vaters, lebte. Wir hofften, dass man uns dort nicht kannte und es deshalb leichter sein würde, sich vor den Deutschen und den örtlichen Polizai versteckt zu halten. Meinen älteren Bruder nahmen entfernte Verwandte meines Vaters zu sich.

Ende Juli 1941 wurden wir aber entdeckt, ein deutscher Offizier und mehrere Polizai nahmen meine Mutter und mich mit zum Bezirksamt von Smotritsch. Ein paar Tage später trieben sie uns zu Fuß ins Ghetto von Kamenez-Podolsk.

Wir bekamen einen Platz in einer Sonderbaracke mit der Nr. 13 zugewiesen. Wie meine Mutter mir erzählt hat, lebten in dieser Baracke Kinder, an denen die Nazis medizinische Experimente durchführen wollten. In regelmäßigen Abständen wurden einige der Kinder abgeholt, sie nahmen sie den Eltern weg und brachten sie – so hieß es – nach Rumänien. Über ihr weiteres Schicksal wussten wir nichts. Die Ärztin dieser Baracke (eine Russin) sagte, dass es in Rumänien ein Lazarett für Piloten und Marinesoldaten der Wehrmacht gebe. Und diese Kinder würden zum Blutspenden und für Hauttransplantationen benutzt, außerdem würden man an ihnen die Folgen von Verbrennungen, starker Unterkühlung und giftigen Substanzen testen.

So lebten wir in ständiger Angst. Die Eltern in der Baracke wurden nicht einmal zur Zwangsarbeit geschickt. Das Wichtigste war, dass sie sich um die Gesundheit ihres Kindes kümmerten. Die Verpflegung war dort sogar viel besser als im restlichen KZ. Die Baracke war vom übrigen Gelände isoliert, wurde streng bewacht und offenbar wussten nur wenige von ihrer Existenz. Nach einiger Zeit gelang es den Partisanen, mit einem der Wachleute der Baracke in Kontakt zu treten. Da unsere Baracke in einiger Entfernung vom restlichen KZ stand, wagten die Partisanen einen Angriff auf die Baracke und befreiten die dort lebenden Eltern und Kinder. Mutter sagte, dass zu der Zeit dort etwa 20 Kinder und 15 Erwachsene waren.

Jedes Jahr versammeln wir uns alle in Kamenez-Podolsk. Aus Erzählungen von Zeitzeugen weiß ich, dass die Nazis nach der Befreiung der Baracke Nr. 13 viele erwachsene Gefangene erschossen haben sowie etwa 500 Kinder, die im Ghetto außerhalb der Baracke Nr. 13 gelebt hatten. Das Grab dieser Kinder ist erhalten geblieben und heute steht dort ein Mahnmal.

Nach der Befreiung aus dem Ghetto lebten meine Mutter und ich zuerst bei einer Partisaneneinheit, dann hielten wir uns bei entfernten Verwandten versteckt, bis die Deutschen vollständig aus unserem Gebiet vertrieben waren. Meine Großeltern mütterlicherseits wurden von den Nazis erschossen und sind in Letischew im Gebiet Chmelnizkij in einem Massengrab beigesetzt.

Ich danke Ihnen nochmals herzlich und sende Ihnen die besten Wünsche. Mit vielen Grüßen,

L. Podlesnyj.

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.