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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Pschenitschnaja Ira Jakowlewna.

Ukraine
Nikolajew.

Sehr geehrter Herr Eberhard!

Ich, Pschenitschnaja Ira Jakowlewna, wende mich an Sie in Dankbarkeit für Ihre Hilfe denjenigen gegenüber, die nicht mehr in der Lage sind, sich selbst zu helfen. Ich bin 84 Jahre alt. Ich lebe allein. Habe zwei schwere Operationen hinter mir (Brustkrebs), bin angewiesen auf ständige Hilfe und teure Medikamente.

Es ist sehr schmerzhaft und bitter, dass ich nach 43 Arbeitsjahren als Lehrerin, ausgezeichnet mit einem Ehrentitel für den nationalen Verdienst im Bildungswesen, um Hilfe bitten muss.

Als der Große Vaterländische Krieg begann, war ich zehn Jahre alt. Ich hatte zwei Klassen abgeschlossen – damals ging man erst mit acht Jahren zur Schule. Vor uns lagen die Sommerferien, Urlaub im Pionierlager und andere Vergnügungen.

Aber es kam alles anders als erträumt.

An einem gewöhnlichen sonnigen Sommertag ertönte, wie ein Donnergrollen am heiteren Himmel, plötzlich das schreckliche Wort „Krieg“ im Radio. Und da fing alles an: Evakuierung, Okkupation, ständiges Umherirren in den Bergen, Leben in Erdhütten u.s.w. Glauben Sie mir, ich habe keine Kraft, mich an all das zu erinnern. Aber wir haben überlebt: trotz Hunger und Kälte, in von Bomben zerstörten Kellern. Ich bin mir sicher, Gott hat mir und solchen wie mir, den Kindern des Krieges, ein langes Leben gegeben, damit wir als lebende Zeugen jene Gräueltaten und Misshandlungen bezeugen können, die uns die deutschen Faschisten angetan haben.

Aber es gab auch unter den Deutschen Antifaschisten, und solchen hat es unsere Familie zu verdanken, dass wir überlebten. Ich erzähle immer davon, wenn ich mit Schülern oder Studenten spreche, und ich appelliere an sie, das Wiederaufleben des Faschismus in der Welt nie wieder zuzulassen. In letzter Zeit werden in der Ukraine immer öfter Forderungen nationalistischen Charakters laut. Davon zeugt ein der Werchowna Rada vorgelegte Gesetzesentwurf über die Wiedereinführung des 5. Feldes (Nationalität) [*].

Ich will hoffen, dass die Abgeordneten gegen dieses absurde Gesetz stimmen werden, denn Nationalismus – das ist Wiederkehr des Faschismus.

Ich möchte meinen Bericht mit folgenden Worten abschließen:

Die Menschen haben gelernt, wie Vögel zu fliegen,
Die Menschen haben gelernt, wie Fische zu schwimmen.
Das Wichtigste aber steht noch aus: Die Menschen müssen lernen, Mensch zu sein.

Ich hoffe, dass unsere Jugend stark genug ist, die Schwierigkeiten zu überwinden und zu wahren Menschen zu werden. Dann wird allen Auswüchsen des Nationalismus und Faschismus endlich der sichere Riegel vorgeschoben.

Noch einmal vielen Dank für Ihre Hilfe und Unterstützung.

Hochachtungsvoll.

[Unterschrift].

Nikolajew, 24.10.2015.

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[*] Demnach stünde im Pass wieder als Nationalität: Jüdisch.

Aus dem Russischen von Jennie Seitz.

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