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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Grigorij Ruwinowitsch Saposhnikow.

Ich habe Ihren Brief bekommen, für den ich Ihnen sehr danken möchte. Ihr Brief hat meine Frau und mich tief bewegt. Nach so vielen Jahren interessieren Sie sich für uns und unser Schicksal. Ich war während des Krieges noch ein Kind und kann mich nicht mehr an alles genau erinnern. Aber es gibt Dinge, die ich niemals vergessen kann.

Ich möchte Ihnen von meinem Schicksal berichten, damit die junge Generation wenigstens eine ungefähre Vorstellung von diesem lang vergangenen Krieg bekommt. Gebe Gott, dass sie niemals die Gräuel des Krieges erfahren müssen.

Ich, Grigorij Ruwinowitsch Saposhnikow, wurde am 19.3.1936 in Kriwoje Osero im Gebiet Odessa geboren. Als 1941 der Krieg begann, wurde mein Vater sofort an die Front eingezogen. Meine Mutter blieb mit uns drei Kindern zurück. Es war für sie sehr schwer alleine mit den Kindern. So gingen wir zu meinen Großeltern in Bereski, das ist 18 km von Kriwoje Osero entfernt. Als wir dort ankamen, versteckten sie uns sofort im Keller und wir konnten nur nachts auf die Toilette gehen. Bald bemerkte uns einer der Nachbarn und verriet uns an die Deutschen.

1956, beim Militärdienst.

Meine beiden Schwestern und mich brachten sie zur Polizei, während meine Mutter und meine Tante bei anderen Leuten ein neues Versteck fanden. Die Polizisten schikanierten und schlugen uns, damit wir ihnen verrieten, wo unsere Mutter und die anderen sich versteckt hielten. Wir sagten ihnen, dass wir es nicht wüssten, da schlugen sie uns erneut und schossen in die Luft. Als Mutter erfuhr, dass wir bei der Gendarmerie gelandet waren, da kam sie selbst zur Polizei. Man hatte uns so lange geschlagen, dass wir bewusstlos auf dem Boden lagen und sie uns mit Wasser übergießen mussten. Nach einer Weile kamen wir einigermaßen zu uns. Dann schickten sie uns mit der nächsten Deportation los, wir marschierten über Syrowo, wo sehr viele Menschen erschossen wurden. Als die Erschießungen begannen, sprang meine Mutter zusammen mit uns in einen Graben. In der Nacht kamen Leute zu uns, die nach Überlebenden und Verletzten suchten. Sie versteckten uns bei sich und halfen uns. Dann kamen wieder Polizai, ihr deutscher Vorgesetzter saß im Auto und beobachtete alles, und sie versuchten ihn zu beeindrucken. Wieder wurden wir entdeckt und mussten mit der nächsten Kolonne weitermarschieren, nach Achmetschetki und Dumanewka. Unterwegs wurden viele Menschen erschossen und geschlagen. Als wir ankamen, trieben sie uns in einen Schweinestall. Ein Teil der Menschen blieb in Achmetschetki, die restlichen wurden weiter nach Dumanewka getrieben. So kamen wir nach Dumanewka. Dort starb bald darauf meine jüngere Schwester. Sie war drei Jahre alt gewesen. Sie ließen uns in Gruppen von fünf Personen zum Wasserholen gehen, wenn noch ein sechster aufstand, dann erschossen sie gleich alle.

1958, bei der Arbeit.

In Dumanewka lebten wir zuerst auch im Schweinestall, dann brachten sie uns in das ehemalige Schulgebäude. Dort nahmen sie von allen Kindern zuerst etwas Blut am Finger. Dann schickten sie gut die Hälfte der Kinder zurück ins Lager, während sie uns, die Kinder, die besser beieinander waren, in ein anderes Zimmer führten, wo uns Blut abgenommen wurde. Wenn sich jemand wehrte, dann schlugen sie ihn und er bekam kein Essen.

Wir haben viel Grauenvolles und viele Momente der Angst durchlebt. Später plante ich zusammen mit vier anderen Jungen die Flucht, aber jemand verriet uns. Sie schnappten mich, legten mich auf ein Brett, banden mir Hände und Füße zusammen und schlugen mich. Meine Strafe bestand aus 25 Schlägen. Sie schlugen mich und übergossen mich dann mit Wasser. Sie schlugen mich so, dass der ganze Rücken voller blutiger Striemen war. Ein halbes Jahr später, als ich wieder ein wenig zu Kräften gekommen war, da wollte ich wieder fliehen, diesmal alleine, und ich sagte niemandem etwas von meinen Plänen. Und ich schaffte es. So blieb ich am Leben. Viele andere sind zu Tode gequält oder erschossen worden.

Ich wünsche mir sehr, dass die junge Generation von all diesen Dingen erfährt und sich solche Gräueltaten niemals wiederholen. In einem Brief lässt sich unmöglich alles schreiben. Dies ist nur ein kleiner Teil dessen, was wir haben durchmachen müssen. Mein Vater ist aus dem Krieg nicht zurückgekehrt, er ist gefallen. Meine Mutter hat es irgendwie geschafft zu überleben.

Meine Hände zittern und ich habe jetzt im Alter viele verschiedene Krankheiten. Diesen Brief schreibt meine Frau für mich.

Nochmals herzlichen Dank für alles, was Sie jetzt für uns tun.

Mit freundlichen Grüßen,

G. R. Saposhnikow.

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