Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Rimma Iossifowna Sarewa.

Ukraine
Odessa.

An den deutschen Verein „Kontakty“

Ich, Rimma Iossifowna Sarewa, wurde am 12. Mai 1939 in Odessa geboren. Wie man mir später erzählte, war ich ein lang herbeigesehntes und geliebtes Kind, ich wuchs in einer wundervollen und liebevollen Familie auf. Aber … der Krieg brach aus. Mein Vater Semjon Chari weigerte sich kategorisch zu fliehen, er beherrschte sieben Sprachen, er war davon überzeugt, dass die Deutschen eine Kulturnation wären (er hatte in Deutschland studiert) und der Familie nichts geschehen würde. Er entschied das Schicksal seiner ganzen Familie. Nachdem Untergrundaktivisten die rumänische Kommandozentrale in der Maraslijewskaja-Straße gesprengt hatten, wurde mein Vater von den Faschisten beschuldigt, das Feuer gelegt zu haben und am Eingangstor des Kreiskrankenhauses aufgehängt, wo er nach wie vor gearbeitet hatte. Meine Mutter Berta Chari musste zusammen mit ihrer Mutter und mir per Erlass im Ghetto von Slobodka erscheinen. Kurz bevor wir aufbrachen, überredete meine Mutter den Hauswart des Krankenhauses, der selbst sieben Kinder hatte, mich zu retten, und ließ mich im letzten Moment samt allen unseren Familienschätzen dort. Meine Mutter und meine Großmutter starben … Der Hauswart und seine Frau ließen mich taufen, damit die Nachbarn mich nicht verraten würden, und gaben mir den Namen Margarita. Ich überlebte: immer hungrig, verlaust, in Fetzen gekleidet, kränklich. Mir fehlte es nicht nur an den Dingen, die ein Kind am dringendsten braucht – Nahrung, Kleidung, Spielzeug –, sondern auch an Kontakt. Die Kinder im Hof durften nicht mit mir sprechen, so schmutzig und heruntergekommen wie ich war. Es war eine schreckliche Zeit für mich. Aber dann geschah ein Wunder: Der leibliche Bruder meiner Mutter, Pogtar Iossif Ruwimowitsch, kehrte durch ein Wunder in das befreite Odessa zurück und hörte über irgendwen von mir. Er und seine Frau Nadeshda begannen, Verwandtschaftsnachweise zusammenzutragen, und kamen so auf den Hauswart Owsjannikow. Die Owsjannikows brauchten mich natürlich nicht, aber sie verlangten viel Geld für mich. Und so verkaufte Iossif ohne zu überlegen seine Datscha, lieh sich noch Geld dazu und bekam so die Adoptionspapiere bewilligt. Mir erzählte man aber, ich wäre auf dem Bahnhof verlorengegangen, und nun hätten mich meine leiblichen Eltern wiedergefunden …

Ich entwickelte mich schlecht, wuchs nicht, war unterernährt, ständig krank, und auch mit den Läusen hatten wir lange zu kämpfen. Mama Nadeshda investierte ihre gesamte Zeit in mich – im Grunde ein fremdes Kind. Und mein Onkel Pogtar I. R. (ich nannte ihn Papa) wurde 1949 per Erlass von Beria persönlich nach Moskau beordert, zur Verleihung des Staatspreises für die Entwicklung eines Ersatz-Ziegelsteins aus Bauabfällen. Doch aus Moskau kehrte er nicht zurück, erst einen Monat später erfuhren wir, dass man ihn aus dem Zug heraus als amerikanischen Spion verhaftet hatte. Wir mussten Durchsuchungen, Verhöre usw. über uns ergehen lassen. Nadeshda blieb allein mit Kind zurück, mittellos, ohne Arbeit, alle Freunde waren auf einmal verschwunden. Wir erlebten eine Zeit voller Schwierigkeiten und Entbehrungen.

1953, nach Stalins Tod, wurde Pogtar I. R. rehabilitiert, bekam seinen alten Posten zurück, und die acht Monate, die er noch lebte, waren die glücklichsten für mich und Mama Nadeshda. Papa Iossif starb in seinem Büro, er hatte es nicht mehr geschafft, seine Tabletten zu nehmen. Und wieder war unser Leben voller Schwierigkeiten. 1959 begann ich zu arbeiten, heiratete meinen Mann Sarew Ju. M., mit dem ich 57 Jahre lang zusammengelebt habe. Ich schloss mit rotem Diplom die juristische Fakultät der Universität Odessa ab. Habe 47 Jahre lang gearbeitet (ich musste aufgrund der häufigen Erkrankungen, die mich seit meiner Kindheit begleiteten, vorzeitig aufhören). Die Einzelheiten über meine Eltern erfuhr ich erst vor 29 Jahren, nach dem Tod von Mama Nadesha, als ich die Papiere mit allen Informationen fand. Da endlich konnten mir auch die Verwandten von Iossif und meiner Mutter Berta alles erzählen, die Mama Nadeshda versprochen hatten, mir nichts zu sagen so lange sie lebte.

Aufgrund der vielen teuren Medikamente, die ich einnehmen muss (gegen Asthma, Bluthochdruck, grünen Star), nehme ich die Hilfe und Anteilnahme durch den deutschen Verein „Kontakty“ dankbar an.

Hochachtungsvoll

Sarewa R. I..

Aus dem Russischen von Jennie Seitz.

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.