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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Leonid Iljitsch Kamenskij.

Ukraine
Nikolajew.

Sehr geehrter Boris Michailowitsch.

Ich sende Ihnen meine Erinnerungen an die Kriegszeit. Mit Hochachtung und aufrichtiger Dankbarkeit für Ihre jahrelange Arbeit, die Sie in die Erfassung solcher Berichte investieren und diese Zeugenaussagen über die Leiden und Qualen, die das jüdische Volk während des Zweiten Weltkrieges erleben musste, einer breiten internationalen Öffentlichkeit zugänglich machen.

Dank Ihren Bemühungen wird diese Arbeit bis zum heutigen Tage fortgesetzt. Dank Ihnen werden Spender gefunden, in Zusammenarbeit mit denen Mittel an Juden ausgezahlt werden, die den Holocaust überlebt haben.

Boris Michailowitsch!

Bitte richten Sie einen Dank an die Spender aus für die Hilfe, die sie mir als Opfer des Holocaust erwiesen haben. Diese Hilfe ist sehr nötig und kommt gerade recht, denn ich bin schon über 80 Jahre alt, und meine Gesundheit ist natürlich nicht mehr die beste. Sicher ist das eine Folge der „verlorenen Kindheit“ während des Krieges und der Entbehrungen der Nachkriegsjahre. […].

Nikolajew, 6.10.2015.

Kamenskij.

Erinnerungen an die Zeit der Okkupation.

Kamenskij Leonid, geb. 1934, Vater – Kamenskij Israil Moisejewitsch, Mutter – Kamenskaja (Panitsch) Antonina Michailowna

1935 wurde mein Vater aus Nikolajew als Leiter der Politabteilung der Maschinen- und Traktoren-Station in die Ortschaft Malaja Wiska in der Oblast Kirowograd geschickt. 1939 versetzte man ihn in das Kirowograder Kreiskomitee der Partei, als Abteilungsleiter. Zu Beginn des Krieges zog er an die Front und starb 1941 bei Saporoshje.

Für die Evakuation wurde uns für zwei Familien ein „Emka“ [GAZ M1] zur Verfügung gestellt. Kurze Zeit später nahmen uns Militärangehörige das Automobil weg und gaben uns dafür Pferde mit einem Karren, und wir setzten unseren Weg damit fort. Ich war gerade 7 geworden. Ich erinnere mich bis heute an das Grauen auf den Straßen, die voll waren mit Truppen auf dem Rückzug, an die Bombardierungen, die Schreie nach Hilfe und die gnadenlos sengende Sonne. So kamen wir bis hinter Isjum in der Oblast Charkow, in das Dorf Protopowka, wo uns die deutschen Truppen einholten. Den Winter verbrachten wir in diesem Dorf, und im Frühling tauschten wir unsere letzten Sachen gegen einen Karren ein und machten uns zu Fuß auf den Weg in Richtung Nikolajew, wo die Verwandten meiner Mutter lebten. Wir liefen 25- 30 Kilometer am Tag, und wenn wir erschöpft waren, machten wir Rast in einem Dorf. Unter den Dingen, die wir noch besaßen, war eine Nähmaschine. Meine Mutter nähte für die Dörfler Kleidung und verdiente sich so ein paar Lebensmittel für den weiteren Weg. Ich erinnere mich an die Straßen, die da bereits leer waren. In den Gräben halbverweste Leichen. Ich weiß nicht, wie lange unsere „Reise“ andauerte, aber wir legten etwa 600 Kilometer zurück. Meine Mutter vorneweg, und ich schob von hinten die Karre an. Dann erreichten wir endlich Nikolajew. Aber wie sich herausstellte, standen uns die echten Schwierigkeiten erst bevor. Der Hof in der Falewskaja-Straße 32, auf dem meine Großmutter lebte, wurde von mehreren Familien bewohnt. Fast sofort ging das Gerede los: „Wen lassen wir da rein“, „Wir müssen sie melden“, „Ihr Mann ist Jude, ein hoher Parteimitarbeiter“. Zum Glück waren nicht alle dieser Meinung, manche sagten auch, sie wüssten von nichts. Aber jedes Klopfen, jedes Hundegebell versetzte meinen Verwandten einen Stich ins Herz. Es wurde langsam klar, dass wir nicht in Nikolajew bleiben könnten. Meine Mutter und ich spannten wieder unseren Karren ein und zogen los in ein Dorf (den Namen weiß ich nicht mehr), in dem Bekannte meiner Großmutter lebten. Dort überwinterten wir. Dann bekam die Familie, bei der wir wohnten, immer öfter Besuch von den Polizai, sie fragten, wer wir seien, wollten unsere Papiere sehen, die meine Mutter in Protopowka vergraben hatte. Wieder wurde uns klar, dass wir nicht länger dort bleiben konnten. Wir kehrten nach Nikolajew zurück. Ich wurde in der Nachbarschaft versteckt, meine Mutter ging als Ukrainerin wieder zu meiner Großmutter, ohne den Sohn, den sie von einem Juden bekommen hatte. Es kam der März 1944, Nikolajew wurde befreit. So endeten unseren Höllenqualen, aber nicht meine Probleme, die mit meinem „Jüdischsein“ verbunden waren und mich bis in mein Erwachsenenleben hinein begleiteten …

Nikolajew, 6.10.2015.

[Unterschrift].

Aus dem Russischen von Jennie Seitz.

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