Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

1. bis 32. Freitagsbrief.

1. Freitagsbrief (30.06.2006).

Pawel Jakowlewitsch Artemenko
Ukraine 12600
Gebiet Shitomir.

Ich heiße Pawel Jakowlewitsch Artemenko. Ich lebe in der Siedlung Brusiliw. Ich bin am 1. August 1924 geboren. Ich war ein einfacher Dorfjunge. Mit 16 Jahren beendete ich eine Berufsschule. Ich wurde nach Taganrog überwiesen. Es begann der Krieg. Die ersten deutschen Bomben trafen unser Militärwerk. Wir arbeiteten weiter. Nach der Befreiung von Kiew wurde ich an die Front gebracht. Gleich nach dem Rückzug der deutschen Truppen aus Kiew wurde ich mobilisiert. (…) Nach einer Splitterverletzung im Jahre 1944 wurde ich gefangen genommen. Wir waren in Erdlöchern untergebracht. In unserem Loch gab es 17 Mann. Eines Tages kamen deutsche Soldaten und brachten Verletzte nach Nemirow. Es gab keine medizinische Hilfe: Hunger, Durchfall und Dysenterie. Später wurden wir nach Deutschland verschleppt. Im deutschen Lager war das Leben genauso hart. Nach dem Vorstoß der russischen Truppen wurden wir aus unserem Lager weiter vertrieben. Als wir in einer Kolonne marschierten, bemerkte ich am Straßenrand eine große Frau mit einem Junge. Der Junge übergab mir heimlich ein belegtes Brot. Die deutschen Wächter haben es übersehen. Das war aber für die Frau sehr gefährlich. Ich wollte immer diese Familie finden. Wie konnte ich das machen? Ich bin Ukrainer und lebe in der Ukraine. Vielleicht war der Junge genauso wie Sie, genauso barmherzig. Ich bitte um Entschuldigung. Ich bin aufgeregt und schreibe chaotisch. Es sind viele Jahren vergangen. Wir sind keine Feinde mehr. Wir sind Brüder. Viele Ukrainer leben in Deutschland. Mein Verwandter Wiktor Panasowitsch Artemenko wohnt mit der Familie in Deutschland. Ich habe einen Sohn, Jahrgang 1954, und eine Tochter, Jahrgang 1958. Ursprünglich habe ich neun Kinder gehabt. Viele leben nicht mehr. Ich habe seit 6 Monate und 3 Tage einen Urenkel Artur. Wir werden brieflich in Kontakt bleiben

Pawel Artemenko

(Übersetzung aus dem Ukrainischen von D. Stratievski)

2. Freitagsbrief (7.07.206).

Liebe Freunde!

Es wendet sich an Sie Aleksandr Sergejewitsch Mitichkin im Auftrag von Iwan Anisimowitsch Korschunow. Er möchte sich für die ihm angediehene humanitäre Hilfe bedanken. Am 10. September 2005 wurde Iwan Anisimowitsch 92 Jahre alt; er fühlt sich trotz seines hohen Alters sehr munter, macht lange Fußmärsche, interessiert sich für Politik und schimpft auf die faulen örtlichen Funktionäre. Im Rahmen meiner gesellschaftlichen Arbeit als Stadtrat habe ich des Öfteren mit Iwan Anisimowitsch zu tun gehabt, als er sich wegen verschiedener Probleme an mich wandte. Im Herbst 2003 gelang es uns, für ihn den Status eines Kriegsveteranen zu erlangen. Dieser Kategorie von Menschen in Russland werden höhere Unterstützungen gewährt und für ihn bedeutet das eine Rente von 250 Dollar pro Monat. Das Schicksal von Iwan A. ist tragisch und bezeichnend für die Geschichte unseres Landes. Er erlebte noch die Zeit der Kulaken und der Kollektivierung.Eine besondere Spur und eine tiefe Wunde in der Seele hinterließ der Krieg, in dem er nicht einen einzigen Schuss abgefeuert hatte. Am 18. August wurde er einberufen und nach einem Monat Vorbereitung an die Front geschickt. Am Abend des 20. August wurde er mit seiner Einheit im Gebiet Belaja Kalitwa zur Frontlinie gebracht; man befahl ihnen, sich im Schützengraben einzugraben. Gegen Morgen kam ein feindlicher Trupp von hinten und nahm die gesamte Einheit gefangen. So verbrachte er die Zeit bis 1943 in verschiedenen Lagern und war danach bis Kriegsende Bauersknecht mit Rechten und Pflichten eines Arbeitsviehs. Der Sieg ereilte ihn in Italien. Danach kam er in ein Ausleselager und eine Kolonieansiedlung in der Westukraine unweit von Lwow. Dem GULAG entkam er glücklicherweise nur dank der Tatsache, dass er nicht mit den Faschisten kollaboriert hatte. Iwan A. kann sich nicht mehr daran erinnern, wo und bei wem er als Knecht gearbeitet hatte, aber er versichert, dass es eine landwirtschaftliche Tätigkeit war. Manchmal haben ihm die Bauern nicht mal eine Unterkunft gegeben und so musste er sich ein Loch unter dem Stallboden graben. In Ihrer Sendung verweisen Sie auf die Schreiben ehemaliger deutscher Soldaten, die die Schwere der Last der Verbrechen spürten, die auf Ihren Schultern ruhen. Das ist für mich durchaus menschlich nachvollziehbar. Es ist furchtbar, wenn man auf einmal als Erfüllungsgehilfe von Verbrechen verantwortungsloser Politiker dasteht. Sie werden es sicher wissen, dass die ehemaligen Kriegsgefangenen von der Sowjetmacht nicht gut behandelt wurden, auf ihnen lastete das Kainsmail der Verräter Russlands. Ihnen wurden keinerlei Vergünstigungen zuteil; sie wurden auf keine Siegessfeiern eingeladen, sie durften nicht in die Schulen gehen und den jungen Leuten von den Kriegserlebnissen und -erschwernissen berichten. All das hat Iwan A. am eigenen Leibe erlebt. Was die jungen Menschen und deren Interesse an der Vergangenheit betrifft, so könnt Ihr ihnen erzählen, wie sich ihre Großväter in unserem Lande vergnügt hatten. Ich möchte an dieser Stelle aus den Erinnerungen von Iwan A. über Episoden aus seinem Leben in einem Kriegsgefangenenlager unweit der ukrainischen Stadt Kremetschuk berichten. Das Lager befand sich in einem ehemaligen Schweinestall. Sie schliefen im Stroh, das für die Schweine ausgebracht war und verrichteten ihre tägliche Notdurft draußen an einer länglichen Grube. Morgens, als sie beim Verrichten dieser Notdurft am Rand der Grube hockten, gingen die Soldaten vom Begleitkonvoi entlang der Grube und stießen diejenigen, die nicht schnell genug ihre Unterhosen hochgezogen hatten, mit den Stiefeln in die Fäkaliengrube. Die Armen zappelten eine Weile hin und her beim Versuch, aus eigener Kraft von dort herauszukommen, bis man ihnen ein Seil oder eine Stange gab. Nachdem sie die Unglücklichen aus der Grube herausgezogen hatten, fing die Lagerwache an, die vollkommen mit Fäkalien Besudelten gnadenlos auszupeitschen und in Richtung der anderen Gefangenen zu treiben, damit möglichst viele mit den Fäkalien bespritzt wurden. Wie ich schon sagte, war das für die Soldaten ein Heidenspaß. Ich wünschte mir, dass auch nur einer der jungen Menschen Ihres Landes, der stolz darauf ist, ein „Homo sapiens“ zu sein , der das Gefühl der eigenen Würde kennt, der sich als Mann und Patriot seines Landes versteht, sich an die Stelle desjenigen versetzt, den man aus der Fäkaliengrube herausgezogen hatte, dem man das eigene Fleisch und Blut verbrannt hatte, wo man kleine Kinder erschossen hatte, nur weil sie Kinder von Soldaten waren, dass sich derjenige das vorstellt und wenigstens ein Quäntchen des Gefühls vergegenwärtigt, das ein Mensch unter diesen Bedingungen empfunden hatte. Ich bin sicher, dass man nicht einen jungen Menschen findet, der dazu fähig wäre, weil das jenseits des Möglichen ist. Der tiefe Schmerz, das Ausmaß an Entwürdigungen und Erniedrigungen, an Trauer um die Nahestehenden, an unnütz vergeudeter Gesundheit ist mit keiner Elle zu messen, der Mensch hat noch kein Gradmesser dafür gefunden! Iwan A. war angenehm überrascht, als er Ihr Schreiben erhielt. Er ist heute froh über jede Fürsorge und jedes Zeichen der Anteilnahme ihm gegenüber, weil er es in der Sowjetzeit nicht leicht hatte. Es ist noch gar nicht so lange her, dass man ihm erklärt hatte, dass die ehemaligen Kriegsgefangenen keinen Anspruch auf Entschädigung hätten. Es ist tröstlich, zu wissen, dass anstelle des Staates die Bürger sich dieses Problems mit privaten Spenden angenommen haben. Im Namen von Iwan A. möchte ich Ihnen, Dr. G. Eberle, Dr. H. Schramm, Herrn E. Radzuweit und allen anderen, die dieses Projekt unterstützen, meine tief empfundene Anerkennung für die Anteilnahme am Schicksal der ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen, für Ihr aktives bürgerschaftliches Engagement aussprechen.

Wir teilen Ihre Meinung, dass der Frieden gestärkt werden kann durch gegenseitige Kontakte der Menschen verschiedener Länder. Noch engere KONTAKTE entstehen jedoch durch persönlichen Umgang miteinander. Deshalb möchten wir Sie dazu einladen, unsere Gegend zu besuchen. Hier leben die Donkosaken, deren Vorfahren sich ruhmreich im Dienst des Reformzaren Iwan I. und im Kampf gegen Napoleon geschlagen haben; hier am Don verlief die Front des letzten Weltkrieges. Geographisch gesehen sind wir hier im Unterlauf des Flusses Hoper, dem saubersten Fluss Europas, endlos wogende Steppen, überflutete Wälder und Felder, reich an Fisch und allerlei Wild. Hier befindet sich der Nationalpark „Unterer Hoper, in dem die Touristen aufgenommen und untergebracht werden und Führungen zu historisch bedeutsamen Orten organisiert werden. Wenn Sie und Ihre hilfreichen Mitstreiter an unserem Vorschlag interessiert sein sollten – dann lassen Sie uns die KONTAKTE weiterführen.

Mit freundlichen Grüßen

A. S. Mititchkin, I. A. Korschunow

(Übersetzung: Irina Garrebeek)

3. Freitagsbrief (14.07.2006).

Ich möchte mich für Ihr Schreiben und die Neujahrs- und Weihnachtswünsche bedanken. Ich war sehr bewegt über Ihre Aufmerksamkeit mir gegenüber. Ich habe über meine Erinnerungen an das Rote Kreuz und den weißrussischen Fonds „Wzaimoponimanie i primirenie „ geschrieben. Möglich, dass Sie diese nicht haben. Jedoch haben sich die in der Kriegsgefangenschaft verbrachten Tage in meiner Erinnerung eingegraben und mich mein ganzes Leben lang begleitet. Also: Ich, Klatschkow Piotr Moisejewitsch, wurde im Jahre 1918 im Dorf Priwolnoj im Gebiet Astrachan-Basarsk in der Sowjetrepublik Aserbeidschan geboren.

Im Jahre 1939 wurde ich in die Armee einberufen. Ich diente im Schützenregiment 803 in der 48. Armee (später wurde diese in die 51. Armee umbenannt). Ich diente in der Verbindungskompanie.Die Kompanie bestand aus 76 Soldaten, mit dem Politruk Nikonov und dem Zugführer Wolkow. In die Kriegsgefangenschaft geriet ich auf der Krim am 19. Mai 1942. Meine Kameraden aus dem Heimatdorf, es waren insgesamt 23 Menschen, gerieten ebenfalls in die Kriegsgefangenschaft: Gorjatschow Jakow Anal´jewitsch, Tuschow Isai Anane´witsch, Nowikow Osip Il´itsc, Jagodin Jakow Jakowlewitsch, Tuschow Ananij Jakowlewitsch und andere. Im März 1942 räumten wir einige Orte auf der der Krim (Wladislawka, Feodosija), General der Armee war zu dieser Zeit Morosow. Nach der Räumung der Städte wurde General Morosow abgelöst und an seine Stelle kam General Kozkowskij. Es gab keine Munition, stattdessen schickte man uns Hufeisen und Kesselchen. Man gab uns fünf Flaschen Treibstoff und schickte uns in den Kampf. In diesem Kampf wurden einige Tausend Soldaten gefangen genommen, die Hälfte von ihnen hat das nicht überlebt. Wir wurden in die Stadt Umanj gebracht. Die Verwundeten und Kranken wurden auf der Stelle erschossen. Etwa 60 km von Umanj sollten wir eine Strasse bauen. Wir schliefen in Erdhütten. Bis November arbeiteten wir am Straßenbau, danach brachte man uns nach Umanj zurück, verfrachtete uns in Güterwagen und schickte uns nach Deutschland, ins Lager Nr. 318. Täglich starben 300-400 Menschen vor Hunger. Jeder Gefangene bekam eine Nummer. Meine Nummer war die 550665. Wir schliefen in dreistöckigen Pritschen. Meine Pritsche befand sich im unteren Stockwerk. Manchmal kamen wir nächtelang nicht zum Schlafen, da die Gefangenen, die nach oben in ihre Pritschen wollten, uns mit Füßen traten. Für die kleinste Verfehlung wurden wir mit Ruten gezüchtigt – 25 Schläge auf den nackten Körper. Es waren bei uns zwei Polizisten – beide mit dem Vornamen Fjodor, (die Nachnamen weiß ich nicht mehr). Der eine war aus Woronesch, der andere ein Sibirjak. Ständig wurden wir verhöhnt und gnadenlos geschlagen. Im Lager 318 landeten viele am Galgen, weil aus den Pritschen einige Bretter zum Feuermachen herausgerissen worden waren. Die Gefangenen, aus deren Pritschen Bretter herausgenommen wurden, wurden alle erhängt. Und wir alle mussten für viele Stunden um das Lager herum im Schnee kriechen. Bei 30° Frost wurden Fenster und Türen aufgerissen. Kohlebriketts zum Heizen bekamen wir so gut wie nie.

Vom Lager 318 wurden wir nach Polen verbracht (Kutawica) [1]. Wir arbeiteten etwa drei Monate in der Zeche von Letander (den genauen Namen weiß ich nicht mehr) [2] in 600 Meter Tiefe. Wir waren fast zum Skelett abgemagert und fast am Ende. Im Jahre 1943 wurden 18 geschwächte Menschen, die nicht mehr zur Grubenarbeit imstande waren (darunter auch ich), nach D. in das besagte Lager 318 in den „Krankenblock“ geschickt, wo wir uns erholten. Im Jahre 1944 wurden 85 KG vom Lager zum Werk und dem Großgrundbesitzer Lorenz geschickt, der im Dorf Petrowica lebte. Es hieß, dass sein landwirtschaftlicher Betrieb der zehntgrößte Deutschlands war. Mit mir zusammen arbeiteten dort der Ukrainer Kowalj Aleksej, der Moskauer Malachow Zhenja – alles in allem waren es 30 Russen, 30 Krimtataren und 28 Franzosen. Als die Sowjetarmee näher rückte, verfrachtete man uns zur Arbeit in die Zeche der Stadt Olenburg. Das Lager befand sich im Wald. Es waren dort 750 Mann (aufgeteilt in drei Lager a´250 Mann). 1945, etwa am 8-9. Mai befreite uns die Rote Armee unter Konev (2. Ukrainische front) und wir wurden alle nach Schwaing gebracht, etwa 40 km von Olenburg entfernt.

Dort wurden wir auf verschiedene Regimenter verteilt und für anderthalb Monate in die Karpaten geschickt, wo wir gegen die Benderovschen Banden kämpften. Dann wurden wir nach Ungarn geschickt, wo wir in Armeebestandslagern arbeiteten und der Überprüfung durch die SMERSCH [1] unterzogen wurden. Im Jahre 1946 schickte man uns von Ungarn nach Weißrußland, wo man uns demobilisierte und nach Hause nach Aserbaidschan schickte, wo wir über viele Monate erneut überprüft wurden. All die weiteren Jahre verbrachte ich in Aserbaidschan, ich arbeitete in der Kolchose als Zimmermann und später als Winzer. Während des Krieges wurde ich auf einem Auge praktisch blind und im Jahre 1980 bei der Arbeit auf dem Weinberg wurde das andere Auge verletzt. Dann erkrankte ich an Grauem Star und Glaukom. Man operierte mich, doch leider war die Operation nicht gut verlaufen und ich wurde praktisch auf beiden Augen blind. Ich sehe nichts, am Tage lediglich Silhouetten und Schemen. Ich bin Invalide der 1. Gruppe Sehbehinderter und Kriegsinvalide. Im Jahre 1995 nahm meine Tochter mich und meine Frau zu sich nach Weißrußland. Im Februar 2005 starb meine liebe Frau. Wir hatten 66 Jahre liebevoll und friedlich zusammen gelebt. Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihr Angedenken und Ihre Hilfe. Zu meinem Familiennamen: In meinem jetzigen Pass steht als Familienname „Klatschkov“ und nicht „Klotschkov“. In Aserbaidschan hat man bei meinem neuen Pass irrtümlicherweise anstatt des Buchstabens „o“ den Buchstaben „a“ eingetragen und so wurde ich zum „Klatschkov“. Wenn Sie also das Geld schicken wollen, dann schicken Sie es an folgende Anschrift: (aus Datenschutzgründen können die Adressen nicht veröffentlicht werden.)

Auf Wiedersehen, mit freundlichen Grüßen – Klatschkov P.M.

6. Februar 2006

(Übersetzung: Irina Garrebeek)

4. Freitagsbrief.

Herr Budenko wurde uns im Jahr 2003 von der Ukrainischen Nationalstiftung 'Verständigung und Aussöhnung' genannt. Wir vermittelten einen Artikel über ihn in der WAZ, Regionalausgabe Buer, wo er im Bergbau Zwangsarbeit geleistet hatte. So kam Spendengeld zusammen für den ersten ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen, mit dem wir korrespondierten. (E.Radczuweit)

Lebenslauf

Ich bin Grigorij Stepanowitsch Budenko. Ich wurde am 12. Januar 1912 im Dorf Ketrisanowka, Kreis Bobrynez, Kirowograder Gebiet geboren. Ich wurde in einer Kolchosbauernfamilie geboren, mit viel Kindern, lebten in Armut. Ich war an die Arbeit von Kindheit an gewöhnt. Ich habe eine arme Bäuerin geheiratet, wir waren glücklich, lebten in Freundschaft und Liebe. Der Krieg überraschte uns auf der Halbinsel Krim, als wir Pferde hinübertrieben. Alle mussten zum Militär. Bei Charkow wurden mir beide Beine durch Granatsplitter verwundet. Ich war MG- Schütze. Ich geriet in den Kessel bei Pawlograd, die sechste Armee wurde von General Karbyschew befehligt, 248 Division, 902 Regiment, 3 Zug. Danach KZ N 326 in Deutschland, meine Häftlingsnummer 5018, später Kohlengrube Bergmann Lux – und so bis zum 1.April 1945. Unmenschliche Leiden, Hundekälte und Hunger, Misshandlungen, mit dem Stock über Kopf, uber den Rücken. Ich wurde von Kohle verschüttet, mich haben deutsche Bergarbeiter gerettet, insbesondere ein deutscher Bergarbeiter Jun (oder Jup – nicht leserlich – meine Anm.). Er hat mich ab und zu durchgefüttert. Dank ihm habe ich überlebt. Daran kann ich ohne Tränen nicht denken.

Nach dem Krieg kam ich in die Heimat zurück, und habe mit allen anderen die Landwirtschaft wiederaufgebaut. Habe Kinder grossgezogen, ich habe drei. Ich leistete verschiedenste Arbeiten, wie man sagt, überall, wo man einen hinschickt. Früher verachtete man uns Kriegsgefangene sehr, die Leute verhöhnten uns. Aber ich war ein guter Meister, in allen Dingen gewandt, Tischler und Zimmerer. So habe ich mich im Schweisse meines Angesichts gemüht und man respektierte mich.

Natürlich, als die Welle kam, wo man Papiere einreichen konnte, um als Kriegsveteran eingestuft zu werden, habe ich das lange nicht gewagt, ich schämte mich und es war mir bange, so als ob ich an etwas Schuld wäre. Was konnte ich dafür, in einen Kessel geraten zu sein? Erst seit dem 30. Januar 2001 bin ich als Invalide des Kriegs der 1. Gruppe, vorher war ich in der 2. Invalidengruppe. Heute bekomm ich als Rente 230 hrivna. Meine Tochetr sorgt für mich, kocht und kauft mir alle Arzneien. Ich habe auch auf dem Sparbuch 1250 hrivna, aber dieses Geld liegt seit 1992 eingefroren fest. Man kann nur 150 hrivna für die Beerdigung ausgeben.

Es war mir schmerzlich zu erfahren, dass die zwangsweise Verschleppten eine Entschädigung bekommen, ich bin ja auch nicht freiwillig gekommen, nicht wahr? Drei Jahre musste ich in der deutschen Kreigsgefangenschaft schuften.

Warum so eine Ungerechtigkeit? Wir sind nicht mehr so viele. Ich schlage der Deutschen Regierung folgendes vor: uns, gefangenen Häftlingen wenigstens eine einmalige Zahlung zu leisten, zum Beispiel, in diesem Jahr an 90 Jahre alte und ältere je 1000 Euro, im nächsten Jahr an die, wer 85 und älter ist, im nächstfolgenden über 80 Jahre alt und so weiter. So wäre es eine gewisse Erleichterung an der Seele, aber auch bei ihnen wäre das Gewissen nicht mehr so schuldbeladen. Wir sind an den Fingern abzuzählen.

Und so als ich von der Organisation „Kontakte“ einen Betrag von 2500 hrivna bekommen habe, habe ich bitter geweint, ins Gedächtnis alles zurückrufend... Mein Schwiegersohn Iwan kaufte mir einen neuen Anzug für 300 hrivna, für den „schwarzen Tag“ (Notfall) legte ich 1000 hrivna zurück. Und meine Tochter, Schwiegersohn und Enkelkinder haben schön aufgetischt und wir konnten diese Gelegenheit festlich feiern. Mir war es sehr angenehm., dass ich reichlich bewirten konnte, wer mich oft besucht und sich kümmert.

So wäre es alles. Vielen herzlichen Dank an alle, für Ihre Arbeit, gute Gesundheit Ihnen und lange Lebensjahre.

Hochachtungsvoll

Budenko Grigorij Stepanowitsch.

5. Freitagsbrief (28.07.2006).

Ajupow Kalimulla Sadritdinowitsch
Russland
Gebiet Wolgograd

Sehr geehrte Gesellschaft KONTAKTE,

ich habe von Ihrer Gesellschaft die Entschädigung von 300 Euro erhalten. Die Auszahlung erfolge in Rubel. Ich bin für Ihre Sorgen herzlich dankbar. Ich möchte meinen persönlichen Dank und den Dank im Namen meiner Familie aussprechen.

Als Kind wuchs ich in einer einfachen Bauernfamilie auf. Ich habe sieben Klassen einer Dorfschule beendet. Danach arbeitete ich in einer Kolchose. 1939 bin ich in die Rote Armee einberufen worden. Ich diente im Fernen Osten, in einer Stadt an der Grenze zu Japan. Im April 1941 wurde unsere Division nach Westen überwiesen. Zu dieser Division gehörte auch eine Kompanie, wo ich direkt diente. Nach Ankunft am Stationierungsort haben wir fast zwölf Monate lang friedlich gedient. Im September 1941 sollte ich entlassen werden. Das kam aber nicht zustande. Am 17. Juni 1941 gab es Gefechtalarm. Wir wurden aufgestellt. Uns wurde erklärt, dass wir zum Militärmanöver fahren sollen. Die Manöverdauer sagte man nicht. Am 22. Juni 1941 um 4.00 Uhr begannen unsere Fordergruppen während der Fahrt den Schusswechsel mit den deutschen Truppen. Unsere Offensive war schwach. Wir zogen uns planmäßig zurück. Wir rückten bis Kiew vor und nahmen an der Kiewer Verteidigung teil. Unsere Truppen wurden von den deutschen Einheiten eingekesselt. Das Kommando meldete per Funk: „Rettet das Leben, wie ihr könnt!“ Gruppenweise suchten wir nach einem Weg aus der Umzingelung. Es regnete. Der Herbstregen war kalt. Es war frostig. Der Militärmantel fror am Körper an. Wir fochten hauptsächlich in der Nacht durch. Plötzlich liefen wir in einen deutschen Hinterhalt. Seitdem war ich zur Unfreiheit verurteilt. Sie wissen von der brutalen Behandlung der Kriegsgefangenen. Das werde ich nicht beschreiben. Wir wurden in verschiedene Kriegsgefangenenlager gebracht und haben unterschiedliche Arbeiten geleistet. Es gab einen bestimmten Arbeitsumfang. Als die Truppen der Roten Armee sich näherten, brachte das deutsche Kommando die Kriegsgefangenen weg. Diejenigen, die man nicht verschleppte, wurden durch die Einheiten der Roten Armee befreit. Darunter war auch ich. Beim KGB gab es eine Prüfung. Jeden Tag führten sie mich zum Verhör: „Warum bist du in Kriegsgefangenschaft geraten?“, „Warum hast du dich nicht umgebracht?"... Nach den langen Vernehmungen schickte man mich in die Stadt Charkow. Diesmal war es unser sowjetisches Lager PFL (Filtrationslager, Anm. d.Übers.). Das Kriegsende feierte ich im Charkower PFL-Lager. Ich habe mich genauso wie die ganze Welt gefreut. Unserem Schicksal zufolge waren wir verpflichtet, uns in der Unfreiheit zu freuen. Im Juni 1945 fuhren wir mit dem Zug nach Osten. Die Entstation war die Stadt Leninakan in Tadschikistan. Hier wartete auf uns ein neues PFL-Lager. Unter Bewachung gingen wir zur Arbeit und zurück ins Lager. Zwei Jahre lang lebte ich hinter Stacheldraht, ohne Gerichtsurteil und ohne Anklageerhebung. 1947 wurde ich befreit. Ich bekam ein kostenloses Bahnticket für den Zug nach Stalingrad. Ich habe keinen einzigen Rubel erhalten. Ohne Geld war meine Reise natürlich kompliziert.

Meine Ehefrau und ich leben am linken Wolgaufer gegenüber Wolgograd. Wir haben ein Häuschen mit Ofenheizung. Für das Geld, das Sie überwiesen, haben wir 2 Tonnen Kohle und einige Medikamente gekauft. Ich bin 87 Jahre alt. Meine Frau ist 82 Jahre alt. Wir bekommen einen regulären Rentensatz, genauso wie andere Rentner in Russland. Die Rente wird ohne Verzögerungen ausgezahlt. Wir sind beide Invaliden. Meine Frau hat hohen Blutdruck und Kopfschmerzen. Sie schläft in der Nacht sehr schlecht. Ich habe Herzstörungen und Kopfschmerzen.

Meine Ehefrau und ich haben drei Kinder großgezogen. Jedes Kind hat eigene Familie und eigene Sorgen. Die Kinder kommen oft zu Besuch.

Wir sind gläubige Muslime. Möge Allah Ihnen beste Gesundheit und Wohlstand für Ihre Sorgen um uns geben! Möge Allah Sie und Ihre Familien behüten und vor allem Unglück beschützen!

Vielen Dank! Seien Sie gesund! Hochachtungsvoll

Kalimulla Sadritdinowitsch Ajupow

31. Januar 2006

6. Freitagsbrief (4.08.2006).

W. Kuperman (Ukraine)

Liebe Genossen!

Sie haben mich gebeten, kurz über das Leben im Kriegsgefangenenlager zu schreiben, in dem ich die Jahre des Großen Vaterländischen Krieges verbringen musste. Kurz darüber zu schreiben, ist schwer. Diese Monate waren das Schrecklichste in meinem Leben. Aber, da es nun einmal sein muss, versuche ich es. Ich beschreibe einen Tag in dieser Hölle. Sie waren alle gleich.

Also. Zeitraum: November-Dezember 1942. Ort: Kriegsgefangenenlager in einem Vorort der Stadt Belaja Kalitwa, im Rostower Gebiet. Einrichtung: Ehemaliger Kolchosbauernhof mit Tierproduktion. Unterbringung ohne Fenster und Türen. Innen kein einziger Halm Stroh. Die mit Stroh gedeckten Dächer hatten riesige Löcher. Für den Versuch, vom Dach etwas Stroh zu holen oder ein Feuer zu machen, gab es gleich die Kugel, ohne vorherige Warnung. In jeder solchen Baracke, und es waren viele, gab es ein paar Hundert Gefangene. Um sechs Uhr verkünden uns die Schreie der Wachmänner: Aufstehen! Alles, was noch auf den Beinen steht, geht heraus und stellt sich in vier Reihen auf. Frost, kalter Wind mit Schnee. In der Baracke bleiben die, die oben geschlafen haben. Sie stehen schon nicht mehr auf, ihre Körper waren in der Nacht steif geworden, und sie werden in die ehemalige Silogrube gebracht. Ihrer gibt es an jedem Morgen mehr als Hundert. Sie haben entweder Unterwäsche an oder sind ganz nackt. Das Beerdigungskommando zieht sie mit Hilfe eines Stockes aus[4]. Wir tragen die Steine zum Lager und schmeißen sie an die Umzäunung. Auf diesen ersten Gang folgt der nächste. Abends eine Kelle Hirse und ein Stückchen verbranntes Brot und in die Baracke, weil es schon Nacht ist. Jeder bemüht sich, sich schneller hinzulegen, um nicht einer der Oberen zu sein – denn das ist der sichere Tod. Und am nächsten Tag ist die Arbeit die gleiche. Nur, dass dieselben Steine nun zurück in den Steinbruch gebracht werden müssen. An einem dieser Tage, als wir die Steine an die Umzäunung des Lagers brachten, kam ein deutscher Begleitsoldat zu mir. Er setzte sein Gewehr auf mich an. – „Jude?“ – „Nein“, sage ich, „Nein!“. Er befiehlt, dass ich die Hosen runterlassen soll. Ich ließ sie herunter. Mich rettete die Tatsache, dass mein Vater zwar Jude war, aber seit 1918 Mitglied der Partei und die Regeln der Religion nicht einhielt, und meine Mutter war Russin. Sie hatten mich nicht beschneiden lassen. Wütend über seinen Irrtum, fluchte der Deutsche und schlug mir den Gewehrkolben zwischen die Beine. Und danach stand er dort und lachte darüber, wie ich mich vor Schmerzen krümmte. Vor dem Fall in die Silogrube rettete mich der Vormarsch unserer Armee. Uns Lagerinsassen begannen sie Ende Dezember in den Westen zu treiben. Es gelang mir, aus der Gruppe zu fliehen und nach Wochen schwerer Strapazen über das Eis auf das linke Ufer des Dons hinüberzugehen, zum Dorf Semikarakorskaja[5], das schon von unseren Kämpfern befreit worden war. Ich erholte mich (ich hatte stark angeschwollene Beine, bedeckt mit Geschwüren, die voller Läuse waren). Ich ging durch die Überprüfung der Organe SMERSCH[6] und wurde Anfang März 1943 in eine Infanterie-Truppe eingeteilt und in die 387. Division geschickt, eine Schießdivision, die in Verteidigungsstellung in der Umgebung der Stadt Matweew Kurgan stand. In ihr blieb ich bis zum Ende des Krieges, nahm Teil am Durchbruch der Mius – Front, an der Befreiung der Ukraine, im Sturm auf Perekop und Sewastopol .

Unterschrift (W. Kuperman)

P.S. Dort, im Lager, war ich unter dem Familiennamen der Mutter – Matwejew Wiktor Semjonowitsch

(Übersetzung: Anna Brixa)

7. Freitagsbrief (11.08.2006).

Penjas Fedor Kirillowitsch
Russland
Gebiet Brjansk

Guten Tag,

ich heiße Fedor Kirillowitsch Penjas, geboren am 20.04. 1918. Ich habe Ihren zweiten Brief erhalten. Jetzt schreibe ich meine Antwort. Ich habe vorgehabt, nach Erhalt des ersten Briefes meine Antwort zu schreiben, bin aber mit der Adresse nicht klargekommen. Diesmal konnten wir Ihre Adresse vom Briefumschlag ablesen. In Ihrem Begrüßungsschreiben bitten Sie um die Erzählung über die Vergangenheit und Gegenwart.Ich werde mich bemühen,Ihre Fragen möglichst kurz zu beantworten. Ich bitte um Entschuldigung, wenn einige Ortsbezeichnungen fehlerhaft geschrieben werden. Das Geld von 300 Euro haben ich erhalten. Jetzt komme ich zur Beschreibung meines vergangenen und gegenwärtigen Lebens. Ich bin im Jahre 1918 in der Siedlung Strashewka geboren. Ich besuchte nur drei Schulklassen und begann anschließend zu arbeiten. Zu Hause pflegten wir mit dem Vater unser Grundstück. Dieses Leben dauerte bis zum Jahr 1939. Dann wurde ich zum Wehrdienst eingezogen. Ich diente in Tscharnowitz in Polen. Ich war für die Pferde zuständig. Das war eine Kavallerieeinheit. Es gab nichts Besonderes. Wir führten ein Routineleben, Pferdepflege und Übungen. Einige Monate vor meiner Entlassung begann der Krieg. Uns wurde befohlen, alle Pferde für den Vorstoß vorzubereiten und Kanonen zu transportieren.

Wir bewegten uns durch Polen. Leider kann ich heute nicht sagen, wie die Ortschaften hießen. Das Ziel war, gute Stellungen zu finden. Die Befehle wechselten ständig. Wir schlossen daraus, dass die Kriegssituation sich entsprechend rasch änderte. Nach einem langen Marsch in Polen befahl man uns, Richtung Russland, also näher zu Moskau, zu kehren. Hier gab es echte Schwierigkeiten. Unser erstes Gefecht ereignete sich bei der Stadt Berschin am Bug. Als unsere Munition zu Ende ging, befahl der Kommandeur des zweiten Zuges, die Pferde auszuspannen und das eigene Leben zu retten. Viele wurden getötet. Mehrere wurden gefangen genommen. Mir gelang es zu fliehen. Nach einem langen Fußmarsch erreichte ich das Dorf Jabluniwka in der Ukraine. Ich stellte fest, dass das Dorf bereits besetzt war. Drei Tage lang versteckte ich mich im Gemüsegarten neben einem Haus. Was aß ich? Ich kroch bis zur Abfalltonne und sammelte Kartoffel- und Rübenschalen. Am vierten Tag wurde ich festgenommen. Man trieb mich zusammen mit anderen Gefangenen zum Schulgebäude. Hier saßen wir einen Tag. Danach sperrte man uns in einen Schweinestall im Bezirk Senigorodskij. Hier blieben wir lange. Ich kann nicht genau sagen wie lange. Das Essen war schlecht. Man gab uns ein Stück Brot und ein Glas Wasser. Nach den Speisereste aus der Mülltonne schmeckte es gut. Es war aber sehr wenig. Ich konnte dies höchstens drei Tage lang ertragen. Ich war physisch entkräftet, aber moralisch noch stark. Das rettete mich. Als die Züge ankamen, wurden alle Häftlinge in den Hof geführt. Hier suchte man die Kräftigsten aus. Ich wurde ausgewählt. Man verteilte uns in Waggons und schickte uns nach Deutschland. Im Waggon bekamen wir Suppe. Das rettete mein Leben. Jene, die in der Ukraine geblieben sind, starben vielleicht vor Hunger oder wurden erschossen. Nach der Ankunft in Deutschland brachte man uns ins Durchgangslager. Ich und weitere 29 Männer wurden vom Leiter eines Steinbruchs abgeholt. Der Steinbruch befand sich in einem Wald in der Nähe von Salzburg. Zwei Jahre arbeitete ich hier. Zwei Jahre lang zerkleinerte ich 15 Tonnen Stein. Das war meine Tagesnorm. Ich hatte starke Hand- und Beinschmerzen. Ich musste aushalten. An diesem Ort bedeutete eine Beschwerde gleich den Tod oder wenigstens eine brutale Verprügelung mit Schlagstöcken.

Als die amerikanischen Truppen sich näherten, ließen die Wächter des Steinbruchs alle Häftlinge antreten und trieben uns Richtung Stadt. Im Wald flüchteten viele. Mir gelang die Flucht, als wir in der Stadt ankamen. Als die amerikanischen Soldaten uns befreiten, wurden alle Kriegsgefangenen zusammengetrieben und mit LKWs zur Bahnstation gebracht. Mit dem Zug fuhren wir über Peremysl nach Kirow in Russland. An der Grenze wurden wir verhört. Man befragte uns, was wir während der Kriegsgefangenschaft gemacht und wo wir uns aufgehalten hatten. Nach der Vernehmung schickte man mich in die Baugesellschaft der Stadt Bogislaw. Ich arbeitete 1,5 Jahre als Bauhelfer. Wir bauten eine Fischhalle und sanierten eine Ziegelsteinfabrik. Zum Schluss wurde unsere Brigade aufgelöst. Wir durften heimkehren.

Nach der Rückkehr in die Siedlung Strashewka fand ich eine Arbeitsstelle in der Kolchose in Ptschela. In der Kolchose beschäftige ich mich in der Landwirtschaft und im Baubereich. Im Winter fällten wir Bäume bei Brjansk und Archangelsk. Im Frühjahr und im Sommer wartete wieder unsere Kolchose auf uns. 1947 heiratete ich. Nach der Eheschließung bekam ich von der Kolchoseleitung etwas Holz für den Bau eines eigenen Hauses. Das Haus baute ich allein. Als es fast fertig war, wurde die Baugenehmigung für Strashewka entzogen. Die Vertreter des Dorfrates begründeten es mit der Auflösung des Dorfes. 1971 übersiedelte ich in die Siedlung Owsenok. Hier fand ich sofort eine Arbeitsstelle in der örtlichen Kolchose. Ich arbeitete lange, auch im Rentenalter, solange ich noch Kräfte hatte. Eines Tages wurde ich schwer krank und wurde in einem Krankenhaus behandelt. Ich verstand, dass ich nicht mehr arbeitsfähig bin. So begann die echte Ruhezeit.

Privat hatte ich nebenher Landwirtschaft und Viehzucht betrieben. Mit dem Fleischverkauf sparte ich ein bisschen Geld. Warum schrieb ich „ein bisschen“. Das war für damalige Verhältnisse viel Geld! Ich hätte dafür drei Autos vom Typ WAZ-2106 kaufen können. Ich sparte aber das Geld ordentlich. Ich wollte den Kinder und Enkeln künftig helfen.

Ich hatte Pech. Es kam ein neues Wort wie vom heiteren Himmel. Es hieß „Inflation“. Dieses Wort hatten wir früher nicht gehört. Mein Geld auf dem Banksparkonto wurde „abgerundet“. Das heißt, dass alle „0“ im mehrstelligen Betrag weggestrichen wurden. Statt Tausenden von Rubel hatte ich nur einige Rubel. Zuvor war unser Leben relativ gut. Jetzt begriffen wir, dass wir auf unverschämte Weise betrogen wurden. In der Bank sagte man uns: „Seid nicht böse! Ihr seid nicht alleine!“ Das bringt kaum Trost. Die Regierung versprach uns, für das verloren gegangene Sparguthaben eine Entschädigung auszuzahlen. Bisher bekamen wir nichts. Meine einzige Überlebensquelle ist seitdem die staatliche Rente.

Ich kann offen sagen, manchmal geht es mir sehr schlecht, wenn ich zum Beispiel starke Schmerzen habe. Wenn ich den Rettungswagen rufe, heißt es immer „Bitte warten Sie!“ Ich warte darauf bis zu dreieinhalb Stunden, obwohl mein Haus vom benachbarten Krankenhaus bei Tempo 60 in 30 Minuten zu erreichen ist. Wenn der Rettungswagen endlich kommt, werden wir Alten kaum behandelt. Der Arzt hat immer eine einzige Diagnose, nämlich das Alter. Im Bezirkskrankenhaus haben wir nur selten freie Betten. Die stationäre Behandlung wird auch bei vorhandenen Kapazitäten in der Regel als „grundlos“ verweigert. Ich dachte, dass nur wir Alten so behandelt werden. Das betrifft aber auch die Jungen. Mir sagte vor kurzem ein Kamerad, dass man für die Krankenhausaufnahme 1000 Rubel als Schmiergeld gibt. In unserer Region soll die medizinische Versorgung kostenfrei sein, weil die Region zu den nach der Tschernobyl-Katastrophe verseuchten Gebieten gehört. Tatsächlich kostet alles Geld. In der Gebietshauptstadt Brjansk bekamen die Rentner mehr Medikamente, obwohl die Stadt nicht zum Sondergebiet gehört. Eine 3-4-stündige Busreise nach Brjansk könnte ich kaum überleben. Ich bin 87 Jahre alt. Allein die halbstündige Reise nach Klincy (Bezirkshauptstadt) ist für mich ein echtes Spiel mit dem Tod. Ich fahre in die Stadt nur bei akutem Bedarf, wenn ich zum Beispiel ins Krankenhaus muss oder einige Formalitäten wie Vergünstigungen für Holz, Strom oder Gas im Sozialamt erledigen muss. (…)

Wir leben zu dritt, meine Ehefrau, mein Enkelsohn und ich, in einem kleinen Häuschen. Ohne Enkel könnten wir nicht mehr leben. Er kümmert sich um uns und erledigt die ganze Haushaltsarbeit. Ich denke mit Angst an die Zeit, wenn er in die Armee gehen muss. Wie geht es mit uns weiter? (…)

Ich versuche aber, schlechte Gedanken wegzutreiben. Ich meine, die Zukunft wird auf jeden Fall besser als die Vergangenheit. Ihr Brief ist ein Beweis dafür. Sie können sich einfach nicht vorstellen, wie ich mich über Ihren Brief freute. Es geht nicht nur um Geldbenachrichtigung, sondern um den Hinweis darauf, dass dieses Geld von den Bürgern Deutschlands gespendet wurde. Mir ist sehr angenehm, dass jemand uns freiwillig unterstützen will. Vielen Dank! (…)

Ich habe noch einen Wunsch. Ich möchte Ihren Sportlern und Ihrem Land zum Sieg während der Winterolympiaspiele in Turin recht herzlich gratulieren. (…)

Mit Hochachtung

Fedor Kirillowitsch Penjas

Auf Wiedersehen

17.03.2006

8. Freitagsbrief (18.08.2006).

Karpow Iwan Michajlowitsch
Russland
Gebiet Nishnij Nowgorod

Sehr geehrte Vereinsmitglieder,

Ich, I. M. Karpow, habe Ihren Brief gelesen und will darauf antworten. Im Jahre 1941 wurde ich aus einem brennenden Panzer bei Wjasma rausgezogen.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mein 22. Lebensjahr noch nicht vollendet. Ich kam in einem Spital wieder zu Bewusstsein. Eine Quetschung und Blindheit. Ich wurde behandelt und konnte dann wieder relativ gut sehen. Das Schmerzgefühl blieb aber und verfolgt mich bis heute. Einmal sagte man uns im Spital: „Wir sind belagert. Rettet euer Leben wie ihr könnt!“ Das stimmte. Wir waren eingekesselt. Ich wurde gefangen genommen.

Die Stadt Wjasma. 15 000 Kriegsgefangenen hinter Stacheldraht. Die Essenausgabe erfolgte folgendermaßen: Direkt vom LKW wurden das trocknes Brot und Knochen mit etwas Fleisch dran in die Menschenmenge geworfen. Wir, völlig verrückt, drangen nach vorne und verletzten uns gegenseitig. Bei weitem nicht alle bekamen etwas zu Essen. Zum Trinken wurden wir an den benachbarten Fluss getrieben.

Im Lager fühlte ich mich als Versuchskaninchen. Das Wachpersonal quälte uns zum Spaß. Einmal wurde die Gruppe von fünf Mann, darunter ich, zusammengestellt. Wir wurden zum Wald geführt. Danach zwang man uns, ein Grab zu schaufeln. Als das Loch fertig war, stellte man uns Fisch, Brot und Wodka hin. „Esst!“ Die Wächter beobachteten grinsend, wie wir alles aufaßen. „Seid Ihr noch nicht tot? Zurück!“ Wir wurden wieder ins Lager geführt.

Das nächste Lager befand sich in Smolensk. Wieder Stacheldraht. Hier mussten wir arbeiten. Wir fällten Bäume und machten regelmäßig einen Flugplatz sauber. Man schlug mir die Zähne ein wegen „nicht respektvollen Verhaltens gegenüber der Deutschen Nation".

1943 wurden wir nach Cherbourg in Frankreich überwiesen. Wir leisteten Erdarbeiten, schippten Schützengräben. Im Juni 1944 befreiten uns amerikanische Truppen. Kurz vor der Landung der Alliierten flüchteten wir zu sechs aus der Kriegsgefangenschaft. Eine französische Familie versteckte uns. Die Familienmitglieder gingen in die Stadt und erzählten uns, wie die Lage vor Ort sei. Wir wurden benachrichtigt, als die Amerikaner Cherbourg vollständig befreiten und konnten das Versteck verlassen. Ich kann nicht mehr sagen, wie diese französische Familie hieß. Ich bin sicher, dass das Haus am Stadtrand stand. Zu unserer Gruppe der Flüchtlinge gehörten Alex, Michail, Aleksej und noch zwei Jungs. Ich kann mich gut daran erinnern, wie die Franzosen uns mitteilten, dass die Amerikaner alle Russen bitten, sich am zentralen Platz zu versammeln. Auf dem Marktplatz von Cherbourg versammelten sich etwa 30 000 Russen. Am Rednerpult war ein russischer Offizier. Er begrüßte uns: „Ihr seid Sieger! Ihr fahrt nach Hause!“ Alle Anwesenden waren begeistern. Wir riefen lauft: „Nach Hause“ Nach Hause!“ Kurz vor dem Abtransport wurden wir aufgeteilt. Gerade zu dieser Zeit erschienen die erste Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes der UdSSR. Prüfungen und Verhöre. Ich wurde in die Liste als Arbeiter aufgenommen, denn ich hatte früher als Arbeiter gearbeitet, auch bei den Amerikanern im Hafen: nach der Behandlung im Krankenhaus der Stadt Cherbourg arbeitete ich kurz im Hafen. Von Cherbourg brachte man uns nach Marseille. Unser Lager mit 500 Personen stand auf einer Höhe. Wir arbeiteten alle im Hafen für die Amerikaner. Im Lager gab es einen Klub. Dort hatten wir ein Radio und konnten Moskauer Sendungen mit Lewitans Stimme [7] empfangen sowie sowjetische Zeitungen und Zeitschriften lesen. (…)

Nach der Rückkehr in die Sowjetunion wurde ich in einem Filterlager geprüft. Danach kam ich in eine Einheit zur Banditenbekämpfung im Waldgebiet bei Lwow. Am 10. Mai 1946 begann ich als Dreher im Militärwerk Nr. 26 zu arbeiten. Erst am 26.April 1947 war ich wieder frei und durfte heimkehren. Das Wiedersehen mit meiner Mutter war sehr emotional, Tränen und Weinen. Von 1939 bis 1947 hatte ich meine Mutter nicht gesehen. Einmal wurde ich in der Nacht wach. Meine Mutter strich meinen Kopf uns sagte: „Du bist meine einzige Hoffnung. Dein Bruder Sergej ist tot.“ Ich antwortete der Mutter, dass ich sie sofort nach der Arbeitseinstellung unterstützen werde. Ich habe mein Wort gehalten. Die Mutter hat in meinem Haushalt bis zu ihrem Tod im Alter von 80 Jahren gelebt. Ich habe meine Mutter nie gekränkt.

Im Juli 1947 begann ich im Werk Nr. 397 als Dreher zu arbeiten. 1951 wurde ich wegen „Stellenstreichung“ entlassen. Das stimmte nicht. In der Personalabteilung wurde mir verraten, dass es einen Befehl gibt, ehemalige Kriegsgefangene, vor allem die von Amerikanern befreiten, sofort zu entlassen und nicht mehr einzustellen. Am gleichen Tag, als ich nach Hause kam, übergab mir die Mutter eine Benachrichtigung. Ich sollte umgehend zu einer Sonderabteilung kommen. Dort musste ich übernachten. Am Morgen führten mich Soldaten in den 3. Stock zum Abteilungsleiter. Er verhörte mich. Zum Schluss legte er eine Pistole an meinen Kopf an und sagte: „Wenn du nicht die Wahrheit sagst, werde ich in deinen Schädel ein Loch bohren“. Ich antwortete darauf: „Sie können machen, was Sie wollen. Sie sind der Herr! Ich bin aber kein Verräter. Ich liebe mein Vaterland!“ Danach wurde ich wieder in meine Zelle im Keller gebracht. In der nächsten Nacht führte man mich wieder zum Abteilungsleiter. Er stellte nur eine einzige Frage: „Brauchen Sie ein Auto oder können Sie zu Fuß nach Hause gehen?“ Ich ging zu Fuß nach Hause und weinte wie ein Kind. Mein Leben war in Gefahr. Ich kam nach Hause. Meine Mutter weinte mit. Ich war 32 Jahre alt. Ich wollte leben. Manchmal dachte ich an Selbstmord, als ich zu stark schikaniert wurde. Ich brachte mich aber nicht um. Mir halfen meine Kriegskameraden, ein Oberst und Unteroffiziere, mit denen ich in den Grenztruppen im Fernen Osten vor dem Krieg diente und dann gegen die Faschisten kämpfte. Sie halfen mir sehr und fanden für mich eine Arbeitsstelle. Viele leben nicht mehr. Ich bin im Rang eines einfachen Soldaten der Sowjetarmee geblieben.

Ich bin nun 87 Jahre alt und bewege mich am Stock. Die Ärzte erlauben mir nicht, weit zu gehen. Manchmal spaziere ich in der Nähe meines Hauses. Ich bin Kriegsinvalide der 1. Kategorie. Als ich Ihren Brief erhalten habe und meine Tochter den Brief vorgelesen hat, habe ich mich sofort sehr schlecht gefühlt. Die Bilder der Vergangenheit sind wach und klar geworden. Ich bin mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus eingeliefert worden. Ich bin nicht sicher, ob den Alten ein solcher Brief gut tut. Aber das bringt ja eine Erleichterung. Das ist doch sehr berührend. Ich habe allen verziehen, allen, die auf mich geschossen und mich erniedrigt haben.

Ich denke, Sie müssen mehr mit den Jugendlichen arbeiten. Wir müssen gegen die Gewalt und den Hass kämpfen. Egal, welche Hautfarbe der Mensch hat, ob er weiß, schwarz oder gelb ist. Egal, welcher Nation der Mensch angehört, ob er Russe, Deutscher, Indianer oder Tschuwasche ist. Wir sind alle Menschen. Die Jugendlichen müssen laut sagen: „Stoppt den Terror in unserer Welt".

Hochachtungsvoll

I. M. Karpow

(Übersetzer: Dmitri Stratievski)

9. Freitagsbrief (25.08.2006).

Orechow Pawel Kirillowitsch
Ukraine
Gebiet Chmelnickij

Sehr geehrte Frau Dr. Hilde Schramm, Herr Vorstandsvorsitzender Gottfried Eberle und Herr Projektleiter Eberhard Radczuweit,

Ich, Pawel Kirillowitsch Orechow, Jahrgang 1922, bin ein ehemaliger Kriegsgefangener. Zuerst möchte ich mich bei Ihnen für Ihre humanitäre Hilfe bedanken. Sie haben mir 300 Euro überwiesen. Ich wünsche Ihnen beste Gesundheit und hundertjähriges Leben.

Jetzt werde ich die Geschichte meines Lebens beschreiben. Ich wurde am 28. Oktober 1941 in die Rote Armee einberufen. Damals hieß unsere Armee so. Ich kämpfte im 253. Schützenregiment. Im Juli 1942 wurde unser Regiment von den deutschen Truppen umzingelt. Wir zogen uns bis zur Stadt Staryj Oskol zurück. Unser Kommando behauptete, wir könnten die Belagerung durchbrechen. Wir zogen uns drei Tage zurück. Wir marschierten in der Nacht. Tagsüber versteckten wir uns im Feld, weil am Tag die deutschen Flugzeuge auf uns schossen. Am dritten Tag im Morgenrot waren wir bereits in der Nähe von Staryj Oskol. Die Deutschen belagerten uns vollständig. Bei der Stadt gab es ein Dorf. Es heißt Otamanowka. Der Wald in dieser Gegend hieß ebenfalls Otamanowskij. Es kam zu einem ungeheuren Gefecht. Unser 253. Schützerregiment ergab sich nicht. Wir kämpften acht Tage. Dann ging unsere Munition und Lebensmittel zu Ende. Wir waren gezwungen, uns zu ergeben. Wir kämpften doch acht Tage. Sie können sich nicht vorstellen, wie schrecklich die Schlacht war. Alles stand in Flammen. Die Häuser brannten. Die Menschen saßen im Keller oder im Loch. Kühe, Schafe und Schweine rannten durchs Feld. Schrecklich... Ich wundere mich bis heute, wie ich überlebte. Viele Soldaten fielen im Kampf.

Als die Deutschen uns Gefangene durch ein Feld im Dorf Kotenewo im Gebiet Kursk führten, sahen wir mehrere Leichen von unseren Soldaten. Sie lagen wie die Garben in der Erntezeit. ( …) Wir wurden ins Dorf Kotenewo getrieben. Das Dorf war groß. Die Häuser standen aber voneinander weit entfernt. Die Kolonne hielt vor dem Kulturhaus. Das war ein großes Gebäude. Aus dem Haus erschienen deutsche Offiziere, anscheinend Oberkommandeure. Ein Offizier sprach akzentfreies Russisch: „Na, Bastarde, habt ihr genug gekämpft?“ Am ersten Tag blieb unser Gelände nicht abgesondert. Danach rekrutierten Deutsche ein Paar Männer. Sie brachten Stacheldraht und Pfähle. Wir wurden umzäunt.

In der Nähe von unserem Lager gab es ein Tal. Dort war eine schöne Wiese und floss ein Fluss. Der Tag war sonnig und heiß. An diesem Julitag war der Zaun noch nicht fertig. Wir konnten uns relativ frei bewegen. Unsere gefangenen Soldaten gingen baden. Die deutschen Wächter hatten es nicht verboten. Die Gefangenen schwammen bis zum anderen Ufer. Am Ufer stand ein anderes Dorf, auch von Deutschen besetzt. Das war schon eine vordere Frontlinie. Die Deutschen eröffneten das Feuer auf die Kriegsgefangenen. Sie schwammen schnell zurück. Unsere Wächter ließen sie aber nicht rein. Endlich wurde die ganze Gruppe gesammelt, etwa 30 Mann. Wir guckten, was weiter passieren wird. Die Männer mussten niederknien. Ein Deutscher schlug sie mit einem schweren Stock, Kopf- und Rückenschläge. Ein anderer Deutscher holte eine Maschinenpistole und schoss eine Garbe in die Menge. Die Gefangenen fielen. Etwa sieben Männer konnten wieder aufstehen. Wir dachten, dass die Überlebenen ebenfalls erschossen werden sollten. Sie wurden aber zu uns rüber getrieben. In der Nähe gab es einen Kirchhof. Dort mussten wir ein Gemeinschaftsgrab schaufeln. Die Toten wurden reingeworfen und mit Erde zugeschüttelt. Es ist gut, dass ich nicht baden ging. Sonst wäre ich auch erschossen.

Einmal brachte ein russischer 1,5-Tonnen-LKW das trockne Brot in Papiersäcken. Der Wagen war russisch, ein Kriegstrophäe. Der Fahrer war ein russischer Kriegsgefangener. Ein Deutscher saß im Wagen und warf das Brot in die Menschenmengen. Wir waren total hungrig. Wir rangen um das Essen. In der Nähe stand ein Wächter. Er schlug uns mit einem Schlagstock und lachte. Ein anderes Mal brachte man uns Mehl. Wir standen in einer Warteschlange. Ein Deutscher saß auf der Kutsche und verteilte Mehl aus einem Sack. Jeder Gefangener musste seine Feldmütze bereithalten und bekam eine Handvoll Mehl. Nach dem Erhalt des Essens musste man rasch zur Seite gehen. Ein Gefangener war nicht genug schnell. Ein deutscher Soldat stach ihn mit einem Bajonett. Die Verletzung war nicht lebensgefährlich. Ein anderer Soldat begann auf seinen Kameraden laut zu schimpfen und zielte sogar mit einem Gewehr. Ich konnte damals noch kein Deutsch. Ich verstand aber, dass bei den Deutschen auch gute Menschen sind.

Später wurden wir nach Lothringen verschleppt. Ich arbeitete in zwei Bergwerken, Burbach und Fontua. Die Arbeit war schwer. 1944 befreiten uns amerikanische Truppen. Nach der Befreiung diente ich in der Sowjetarmee, zuerst in Halberstadt in Deutschland und später in der Stadt Gorkij in Russland. 1946 wurde ich demobilisiert und kehrte in die Ukraine zurück. Heute lebe ich in der Ukraine. Meine Adresse lautet: ( …)

Ich lebe, würde ich sagen, schlecht. Meine Ehefrau starb 2003. Ich bin krank. Ich kann nicht mehr arbeiten, weil ich Atembeschwerden habe. Ich habe drei Töchter. Eine Tochter lebt in Russland. Die Zweite lebt in Odessa. Die dritte Tochter wohnt mit mir zusammen. Sie ist bereits Rentnerin. Ich bin auch Rentner. Die Rente ist aber klein. Die Medikamente sind sehr teurer. Ich habe insgesamt 51 Jahre lang gearbeitet. Zu Sowjetzeit konnte ich mir kaum etwas leisten. Nach dem Krieg war die ganze Wirtschaft zerstört. Wir arbeiteten wie Sklaven, rund um die Uhr, bis zur Bewusstlosigkeit. Zur Stalin-Zeit bekamen wir fast kein Geld. Nach dem Tod Stalins erhielten wir ein bisschen mehr. Das reichte sowieso nur für das Essen. In der heutigen Ukraine haben wir die gleiche Situation. Jetzt bin ich 84 Jahre alt. Ich habe viele Bedürfnisse, kann mir jedoch kaum etwas leisten. ( …) Liebe Damen und Herren, ich bitte um Entschuldigung für Schreibfehler. Ich bin nur beschränkt alphabetisiert. Ich habe nur vier Schulklassen besucht. Unsere Familie war arm. Ich konnte nicht weiterlernen.

Pawel Kirillowitsch Orechow

10. Freitagsbrief (1.09.2006).

Liebe Leserinnen und Leser unserer „Freitagsbriefe“, zum heutigen Antikriegstag, dem 67. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkrieges, tragen wir eine Bitte vor. Senden Sie den Brief von Nikolaj Beljak an Freunde, Bekannte, Kollegen. Seine Schilderung gleicht den millionenfachen Schicksalen sowjetischer Kriegsgefangener, von denen der deutsche Gesetzgeber meint, es handele sich um „allgemeines Kriegsschicksal“. Damit wird der Ausschluss dieser NS-Opfergruppe von jeglicher Begünstigung begründet. Herr Beljak ist einer von etwa 20 000 ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen, die vergebens Anträge auf eine „humanitäre Geste“ der Bundesregierung und der deutschen Wirtschaft stellten. E.Radczuweit

Beljak Nikolaj Pavlovitsch
Ukraine 74842
Gebiet Charkow
Bezirk Kahovskij
Beljak Nikolaj Pavlovitsch.

Guten Tag, sehr geehrte Frau Hilde Schramm und Herr Eberhard Radczuweit sowie andere Vereinsmitglieder,

am 20. Januar 2005 habe ich Ihren Brief erhalten. Ich bedanke mich für Ihre Achtung und Sorge. Mein oberstes Gefühl ist jetzt Dankbarkeit. Ungeachtet dessen, dass ich Sie nicht kenne, wollte ich ganz aufrichtig Sie als meine engen Freunde bezeichnen. Seien Sie nicht böse, dass ich so schreibe.

Auf Ihre Bitte hin will ich über meine Vergangenheit und meine Gegenwart berichten.

Ich bin während der Kriegszeit in einer Bauernfamilie (1. Weltkrieg und Bürgerkrieg, d.Ü.) geboren. Russland lag damals in Trümmern. Es gab Hunger. Vor dem Großen Vaterländischen Krieg arbeitete ich in einem Kolchos als Hilfsarbeiter. Am 19. August 1941 bin ich in die Armee einberufen worden. Zuletzt diente ich in einer Panzerabwehreinheit. Am 10. Juni 1942 wurde ich in der Nähe des Dorfes Korobotschkino im Gebiet Charkow gefangen genommen. Ich habe gesehen, wie unmenschlich und bestialisch die Soldaten Hitlers sein konnten.

Zu meiner Gefangennahme: Bei der Explosion eines deutschen Geschosses wurde ich verletzt. Als ich wieder zur Besinnung kam, half ich meinem Kameraden auf die Beine zu kommen, weil er bei der Explosion seine rechte Hand verloren hatte. Neben uns standen schon die deutschen Soldaten. Mein Kamerad wurde auf der Stelle aus der Maschinenpistole erschossen. Diejenigen russischen Soldaten, die noch laufen konnten, wurden von den Deutschen in ein vorbereitetes Lager zusammengetrieben. Der Rest wurde sofort erschossen.

In diesem Lager gab es etwa 1000 Männer. Die Deutschen haben unsere Uniformen und Schuhe beschlagnahmt. Es regnete sehr stark. In drei Tagen war es im Lager schmutzig und kalt. Die Gefangenen buddelten Unterkünfte, saßen ganz eng beieinander und wärmten sich auf diese Weise. Am nächsten Morgen waren viele schon tot. Außerhalb des Lagers haben die Gefangenen lange Gruben gegraben und dort die Leichen bestattet.

Hitlers Soldaten haben die Gefangenen nicht ernährt. Es gab sogar kein Trinkwasser. Wir tranken Regenwasser, das wir auffingen. Nach etwa acht Tage verpflegten uns die Deutschen mit einem Fuhrwerk Kartoffelschalen und fauligen Kohlstrünken. Das wurde direkt auf den Boden geworfen. So war unser Essen binnen zwei Wochen.

Später mussten wir zu Fuß nach Charkow gehen. Das Wetter war sehr heiß. Wir waren völlig entkräftet. Einige blieben liegen. Sie wurden natürlich sofort erschossen. Ich habe noch ein Bild im Gedächtnis: Auf dem Weg gab es einen Graben voller Regenwasser. Die Gefangenen liefen dorthin, um schnell zu trinken. Sie wurden auch erschossen. Diese Barbarei war einfach unendlich. Die Faschisten haben uns oft grundlos, aus Spaß oder Neugier erschossen. Als wir die Stadt Tschugujew im Gebiet Charkow erreichten, sollten wir ein Flüsschen überqueren. Da gab es eine etwa 30 Meter lange Brücke. Als wir die Brücke betraten, steuerten die Faschisten ihre Panzerfahrzeuge gezielt in die Menschenmenge. Jene, die in der Mitte der Kolonne gingen, waren platt gewalzt. Die Gefangenen, die am Rande standen, hatten mehr Glück. Meine Kameraden und ich sprangen runter und retteten unser Leben. ( …) Die Überlebenden kamen nach Charkow und wurden zuerst ins Gefängnis „Cholodnaja Gora“ eingesperrt. Zehn Tage später mussten wir in Güterwaggons einsteigen. Es gab keine Sitz- oder Liegegelegenheit. Auf den Boden wurde jedoch ein Desinfektionsmittel gestreut. Die Deutschen hatten Angst, dass wir Infektionskrankheiten nach Deutschland mitbringen. Das Mittel stank während der Fahrt des Zuges. Das war ja unerträglich! Wir urinierten auf unsere Hemdenteile und atmeten durch diese selbst gebastelte Maske. Einige Gefangene erstickten, andere starben vor Hunger. Die Leichen blieben im Waggon bis zum ersten Zwischenhalt in Polen. Hier forderten uns die Deutschen auf, die Leichen rauszuwerfen und haben etwas trocknes Brot und Fisch zu uns rein geworfen.

Wir kamen nach Deutschland in ein Lager. Es war ein Lager, das wohl der Menschenvernichtung diente. Wir haben fast ausschließlich Speisereste gegessen. Zur Tagesration gehörte eine Art Würmersuppe mit Kohlresten. Mit diesem Essen konnte kein Mensch überleben. Jeden Tag haben die Gefangenen neue Leichen abtransportiert und außerhalb des Lagers in tiefen, langen Gruben bestattet. Die Totenträger waren häufig so erschöpft, dass sie selbst in die Gruben fielen. Die ohmmächtig gewordenen wurden lebendig mit den Toten zusammen zugeschüttelt.

Beim Abtransport zu einem anderen Lager bekam jeder Gefangene eine nummerierte Blechplakette. Meine Nummer war 6143. Die Faschisten haben uns nicht namentlich, sondern nach Nummern genannt. In diesem Lager, das im Volksmund „die Gruben“ hieß, wurden wir ein bisschen besser ernährt. Der Mensch konnte aber in diesem Lagere sowieso nicht lange verweilen. Wir waren gezwungen, im Wald zu arbeiten oder irgendwelche Tonnen zu schleppen. Nach eineinhalb Monaten, am 19. August 1942, wurde ich zusammen mit einer 20-köpfigen Männergruppe in ein anderes Lager überwiesen. Er war in Rotthausen, nahe Bochum und Essen.

Die ganze Zeit bis zur Befreiung des Lagers durch US-Amerikaner arbeitete ich im Bergwerk Nr. 8, 1200 Meter unter dem Meeresspiegel. Ich gehörte zur Brigade Nr. 204. Ich arbeitete sitzend auf Knien, weil die Grube nur 1,30 Meter hoch war. Die Arbeit war schwer, einfach unzumutbar. Als Folge der schlechten Ernährung starben viele Leute. Manche kamen nach einem Unfall ums Leben. Wie überlebte ich diese Hölle? Das weißt nur Gott. Ich bis Christ. Ich habe jeden Tage zu Gott gebetet, mir zu helfen. Vielleicht war es Zufall, dass ich am Leben geblieben bin. Ich weiß es nicht.

Ich der Berggrube Nr. 8 leistete ich Hilfsarbeit bei einem deutschen Kumpel. Ich musste die Kohle schaufeln. Ich war schwach und schaffte es nicht flink genug. Dieser Deutsche half mir. Andere nicht: wenn ein Gefangener zu langsam arbeitete, konnte er direkt in der Grube getötet werden. „Mein“ Deutscher hat nicht nur geholfen, sondern auch für mich das Frühstück mitgebracht. Er hatte 30 Minuten Frühstückspause. Dank dieser Unterstützung wurde ich etwas kräftiger und konnte schon selbständig arbeiten. Wir haben 14 Monate zusammen gearbeitet. Der Deutsche hieß Hans. Seinen Nachnamen kenne ich leider nicht. Er hat mich „Nikola“ genant.

Sie können mir glauben (oder nicht glauben): Hans war für mich der am nahesten stehende Mensch. Er war eine Art Hoffungsfunke in meinem Leben. Als Hans in die Armee einberufen worden war, habe ich täglich zu Gott gebetet: „Lass ihn leben! Er soll nicht sterben!“ Ich weiß nicht, ob er noch lebt. Vielleicht hat er Ehefrau und Kinder. Können Sie bitte den Wohnort von Hans ermitteln? Ich bitte sehr!

Als Hans in die Armee ging, weinte ich bitter. Ich verstand, dass ohne seine Patenschaft nicht zu überleben sei. Glücklicherweise arbeitete ich danach mit einem Belgier zusammen. Er war auch ein guter Mensch. Er gab mir zu essen, genauso wie Hans.

Im Mai 1945 haben uns die US-Amerikaner befreit. Sie haben uns menschlich behandelt. Es gab Kleidung, Essen und Waschgelegenheit. Vor der Übergabe an die russische Hoheit hat uns das amerikanische Kommando angeboten, in die USA oder nach Kanada zu übersiedeln. Ich habe es abgelehnt. Einige, darunter Offiziere der Sowjetarmee, nahmen das Angebot an.

Ich habe ungeduldig auf das Treffen mit den Bekannten und Verwandten gewartet. Ich freute mich sehr, dass nun letztendlich ein normales, friedliches Leben kommt. Ich habe mich geirrt. Nachdem man uns der sowjetischen Armee übergeben hatte, wurden wir ständig verhört und verfolgt. Jene Offiziere, die abgelehnt hatten, nach Amerika auszuwandern, verschwanden spurlos. Die NKWD-Mitarbeiter haben mir ständig die gleiche Frage gestellt: „Warum hast du dich nicht umgebracht? Warum bist du freiwillig in die Gefangenschaft gegangen?“ Erst nach Stalins Tod haben sie mich in Ruhe gelassen.

Zur Sowjetzeit wurden Kriegsveteranen hochgelobt. Uns wurde eine ausreichende finanzielle Unterstützung gewährt. In der unabhängigen Ukraine sind wir vergessen. Die Machtinhaber kümmern sich um uns nur am Tag des Sieges. Wir bekommen 1 Kilo Röhrennudeln und 1 Liter Sonnenblumenöl. Das ist ja eine Erniedrigung.

Ich habe gelesen, dass man in den anderen Ländern die Kriegsveteranen und Kriegsinvaliden achtet. Das ist aber in der zivilisierten Welt, nicht bei uns. Ich bin Kriegsinvalide der 1. Gruppe. Bis zum 1.September 2004 habe ich 229 Hriwna als Rente erhalten. Seither bekomme ich 360 Hriwna, das sind 52 Euro. Die Rente reicht nur für Brot und Nudeln. Ich muss aber auf Medikamentenkauf verzichten. Das ist für mich zu teuer.

Ich habe eine Ehefrau, eine Tochter (geb.1976) und eine Enkeltochter (geb.1996).

2001 habe ich von der Ukrainischen Nationalstiftung „Verständigung und Aussöhnung“ eine Benachrichtigung erhalten, mit der Bitte, zwecks Erledigung der Formalitäten für die Entschädigungsauszahlung die Stiftung zu besuchen. Meinem Antrag wurde aber nicht entsprochen. Als Begründung galt die Behauptung, dass die ehemaligen Kriegsgefangenen nicht zum Kreis der Anspruchsberechtigten gehören. Ich bitte Sie mir mitzuteilen, ob es der Wahrheit entspricht. Die Ukrainische Stiftung könnte lügen und die zustehende Entschädigung veruntreuen. Mein Zweifel bestätigt die Tatsache, dass in der BRD ein ukrainischer Beamter wegen Veruntreuung verhaftet wurde.

Ich bin einfach entsetzt. In Berlin leben Leute, denen mein Schicksaal im Gegensatz zu der ukrainischen Macht nicht gleichgültig zu sein scheint. Vielen Dank für Ihre Achtung und Rücksicht, die Sie zeigen.

Ich bitte Gott um Ihr glückliches Leben und Ihre Gesundheit! Schreiben Sie mir bitte Briefe, ich warte darauf.

Hochachtungsvoll

N. P. Beljak

29. Januar 2005

11. Freitagsbrief (8.09.2006).

Dies ist der bisher längste „Freitagsbrief“, vom ältesten unserer Zeitzeugen geschrieben. Herr Repa ist heute 103 Jahre alt. Sein Bericht reicht bis in die Oktoberrrevolution zurück.

(Übersetzer: Dmitri Stratievski)

Repa Anton Borisowitsch
Ukraine
Gebiet Lugansk

An Kontakte e.V.

Sehr geehrte Präsidiumsmitglieder der Gesellschaft „Kontakte“,

ich, Repa Anton Borisowitsch, Ukrainer, habe am 22. Januar 2005 Ihren Brief erhalten. Sie haben mir zum Neuen Jahr alles Gute und vor allem Gesundheit gewünscht. Ich bedanke mich ganz herzlich dafür und wünsche Ihnen Gesundheit und Wohlstand. Ich, Repa A.B. habe von Ihrer Gesellschaft 300 Euro erhalten, die die einfachen Leute, darunter ehemalige deutsche Soldaten, gespendet hatten. Vielen Dank! Ich möchte um Entschuldigung bitten. Nach dem Erhalt der Geldsumme habe ich kein Dankschreiben geschickt. Das passierte darum, dass ich keine Ahnung hatte, von wem die Hilfe stammt. Die Bank von Lisitschansk hat eine Benachrichtigung gesendet. Wir sind mit der Enkeltochter dorthin gefahren und erhielten das Geld. Meine Enkeltochter sagte, das Geld sei von einer humanitären Organisation überwiesen worden. Ich habe sie gebeten, extra noch einmal zur Bank zu fahren, um nach dem Namen der Organisation zu fragen. Sie konnte sofort fahren und fuhr später nach als Gastarbeiterin nach Moskau. Damit hatte ich keine Möglichkeit, meine Dankbarkeit auszusprechen. Jetzt habe ich diese Gelegenheit. Vielen Dank!

Jetzt möchte ich über die guten Menschen schreiben. Bei jedem Volk gibt es gute und böse Menschen. Nehmen wir zum Beispiel Ihre gemeinnützige Gesellschaft. Sie helfen uns, den ehemaligen KZ-Häftlingen und Kriegsgefangenen, die so viel Schreckliches erlebt hatten, was einfach auf dem Papier nicht zu beschreiben ist. Ich meine, in Ihrer Gesellschaft arbeiten Frauen und Männer mit dem guten Herz, mit der warmen Seele. Vielen Dank für Ihre Achtung.

Es gab sehr viele Sowjetsoldaten, die in Gefangenschaft gerieten. Unser Lager war in Polen, ich weiß nicht genau wo, unter freien Himmel. Viele Soldaten starben vor Hunger. 7-8 Fuhrwerke mit Leichen verließen täglich das Lager. Die Toten wurden wie Holz gestapelt. Manche Gefangene aßen Körperteile der Leichen. Dann wurde eine Massenflucht organisiert. Viele wurden auf der Stelle erschossen, die anderen wurden auf dem Appellplatz zusammengetrieben. Jeder Zehnte wurde erschossen. In meinem zweiten Lager versuchte ich noch einmal zu fliehen. Drei Männer, darunter ich, konnten über das Abwasserrohr entkommen. Uns half ein Einheimischer, ein Pole. Der brachte Zivilkleidung und zeigte den Weg. Wir gingen in der Nacht, tagsüber saßen wir im Versteck. Im Spätherbst war es schon richtig kalt. Wir waren hungrig. Wir klopften an die Tür eines Bauernhauses. Der Bauer empfahl der Ehefrau, uns Essen zu geben und ging weg. Wir hatten noch nicht gegessen, als der Hausherr mit den Deutschen zurückkam. Sie haben uns weggebracht. Wir erreichten eine Wiese. Die Deutschen befahlen uns, uns auszuziehen und bereiteten die Erschießung vor. Es begann zu schneien. Wir waren bereit zu sterben. Plötzlich erschien ein PKW. Ein gut und warm gekleideter Deutscher kam raus. Er kam näher zu uns und guckte jedem direkt in die Augen. Dann kehrte er zurück und sagte etwas zu den Deutschen. Die Deutschen befahlen uns, sich wieder anzuziehen und führten uns ins Straflager. Ich war damals 37 Jahre alt. Warum hat dieser Deutsche uns beschützt? Warum hat er unsere Erschießung verhindert? Ich glaube, er hatte ein menschliches Herz.

Nach der Ankunft im Straflager wurden unsere Fingerabdrücke genommen. Die Wachleute haben uns gewarnt: für jede Verletzung der Lagerordnung existiert nur eine einzige Strafe – der Tod. In diesem Lager lebte ich bis zum Herbst 1942. Ich war sehr schwach, halbtot. Eines Tages wurde uns befohlen, wegzulaufen. Diejenige, die nicht wussten, warum es befohlen wurde, begannen zu laufen. Sie wurden abtransportiert. Ich weiß nicht wohin. Später kamen wir nach Deutschland ins KZ „Eisleben“. Wir schliefen in den Baracken, wurden sehr schlecht ernährt. Zum ersten Mal stieg ich in einen Bergstollen runter. Ich bekam Arbeitskleidung. Mir wurde erklärt, was ich machen muss. Ich war so schwach, dass ich diese Arbeit nicht erledigen konnte. Hier wurde ich zusammengeschlagen. Dem Leiter wurde erzählt, dass ich die Arbeit verweigert hatte. Der Leiter war ein Deutscher und konnte kein Russisch. Er blickte aufmerksam auf mich und nahm mich mit. Ich bekam eine neue Arbeit. Ich mussten Wagen schleppen. Der Leiter fragte, ob ich bereit sei, diese Arbeit zu erledigen. Ich sagte, ja. Hier konnte ich ganz normal direkt stehen. Im Bergwerk musste man sich immer bücken. Als ich einmal erkrankte, wurde ich ins Krankenhaus in Begleitung eines Wächters geführt. Ich hatte Schmerzen im Hinterkopf und wurde taub. In der Nähe vom Krankenhaus gab es noch ein Bergwerk mit dort beschäftigten Kriegsgefangenen und ein KZ.

Als uns die US-Amerikaner befreit hatten, haben wir im Lager eine feierliche Kundgebung organisiert. Die Amerikaner brachten uns Lebensmittel, Konfekt und Zigaretten. Zu dieser Kundgebung kam auch unser Chef zusammen mit seiner Ehefrau und zwei Töchtern. Er war ganz gut, hatte nie einem Gefangenen weh getan oder jemanden beleidigt. Die Gefangenen kamen zu ihm und gaben als Geschenk Zigaretten oder Konfekt. Ich habe ihm auch eine Zigarette gegeben. Er sagte mir offen: „Anton, ich bin ein Kommunist!“ Ich trat der Kommunistischen Partei noch vor dem Krieg bei. Er hat mir nicht nur einmal heimlich etwas zu Essen gegeben. Ich weiß nicht, ob er noch lebt. Er ist aber in meinem Gedächtnis für die Ewigkeit geblieben. Seine Töchter sind bestimmt noch am Leben. Wie war ihr Schicksal nach dem Krieg und nach der Wiedervereinigung Deutschlands? Ich wünsche diesen Frauen und ihren Familien alles Gute.

Meine Tochter Maria hat mir erzählt, dass der Winter 1943 in der Ukraine sehr frostig war. Eines Nachts hat jemand ans Fenster geklopft. Meine Frau hat aufgemacht. Das waren die Deutschen. Sie zeigten mit der Körpersprache, dass sie Schlafplätze brauchen. Meine Frau brachte etwas Stroh. Drei Männer kamen herein, zwei davon hatten Beinerfrierungen. Sie haben die ganze Nacht gestöhnt. Am Morgen kam ein Vorgesetzter und erklärte, dass sie die großen Schuhen brauchen. Sie haben meine Schuhen bekommen. Die Verletzten wurden ins Krankenhaus gebracht. Der Deutsche erschien etwas später wieder und gab die Schuhe zurück. Er zeigte, dass den Erfrorenen die Beine amputiert worden sind. Ein Deutscher übernachtete bei uns. Er stellte meiner Tochter eine Frage: „Maria! Sehe ich wie ein Bandit oder Mörder aus? Warum bin ich in einem ähnlich aussehenden Bauernhaus nicht geblieben und an die Front gegangen?“ Er konnte Russisch. Seine Mutter war nichtdeutscher Abstammung.

Nicht alle Soldaten Deutschlands wollten diesen Krieg anfangen. Den Krieg hat Hitler begonnen. Sehr viele Unschuldige, Sowjetbürger und Deutsche, kamen ums Leben. Ich hoffe, das wird sich nie wiederholen.

Sie haben mich darum gebeten, etwas über meine Person zu schreiben. ( …). Jetzt bin ich 102 Jahre alt. Ich bin in einer Bauernfamilie mit 4 Kindern geboren. Meine Mutter starb ganz früh an Typhus. Ich kenne ihr Gesicht praktisch nicht. Ich musste früh mit der Arbeit anfangen. 1917-1918 begann in Russland und in der Ukraine die Revolution. Ich, ein Junge, hatte auch an diesen Ereignissen teilgenommen und diente als Kutscher auf einer Kutsche mit Maschinengewehr. Ich bekam eine Kopfschussverletzung und wurde nach dem Krankenhausaufenthalt demobilisiert. 1918 wurden die Grundstücke aufgeteilt und an die Bauern vergeben. Ich begann zu ackern. Ich habe eine Frau geheiratet und bekam 2 Kinder, eine Tochter und einen Sohn. Später wurden die Kolchosen organisiert. Ich habe ein bisschen in einem Kolchos gearbeitet und war mit diesem System unzufrieden. 1930 übersiedelte ich mit der Familie nach Donbass. 1932-1933 gab es in unserem Land eine Hungersnot. Als Arbeiter in Donbass durfte ich Lebensmittelpakete für die ganze Familie erhalten und konnte dadurch überleben. 1937-1938 gab es eine umfassende Säuberung. Ich wurde verhört. Der KGB-Ermittler war mein Freund aus der Kinderzeit und hat mich verschont. Vor dem Krieg lebte unsere Familie nicht so schlecht. Wir hatten private Landwirtschaft.

Der Krieg begann am 22. Juni 1941. Stalin hat alle Kommunisten und Komsomolzen aufgerufen, die Heimat zu verteidigen. Ich war ein Kommunist und meldete mich am 4. Juli 1941 als Freiwilliger. Am Anfang August 1941 kämpfte ich in Weißrussland, zwischen Gomel und Shugany. Am 14. August 1941 wurde ich verletzt. Jemand hat mich abgeholt. Drei Tage lang war ich ohnmächtig. Als ich aus diesem Zustand erwachte, sah ich im Zimmer die Deutschen. Der Arzt sagte, wir sind in der Gefangenschaft. Ab August 1941 wechselte ich mehrere Lagern. Mein viertes Lager war das KZ „Eisleben“, eine Filiale des KZ Neuengamme. Hier arbeitete ich im Bergwerk bis zum Tag der Befreiung durch die US-Amerikaner. Die Amerikaner haben uns unseren Truppen übergeben. Stalin meinte, alle Kriegsgefangene seien Vaterlandsverräter. Ich wurde in einer KGB-Sonderabteilung verhört. Alle Kriegsgefangenen wurden nach Donbass zum Wiederaufbau der Wirtschaft geschickt. Wir lebten in Baracken, ohne Ausweispapiere und musste uns regelmäßig bei einem Vorgesetzten melden. Jeder war bereit, irgendwohin zu verschwinden. Ich habe eine Frau kennen gelernt, deren Verwandte in Kirgisien lebten. Ich verließ meine Frau und Kinder, die schon erwachsen waren, und fuhr im Herbst 1946 ohne Papiere nach Kirgisien. Dort ist mir ein Pass und ein Militärausweis ausgestellt worden. Ich legte die Prüfungen als Tierarzthelfer ab und begann Arbeit zu suchen. Das war schwer, weil ich kein Kirgisisch konnte. Bei meiner Beschäftigung musste ich mit den Leute direkt kommunizieren. Ich besuchte viele Ortschaften in den Bergen und beherrschte bald die Sprache. Da wurde es leichter. Ich habe in Kirgisien 39 Jahre lang gelebt. Danach ging ich in Rente und war völlig allein. Ich schrieb einen Brief an die alte Adresse meiner Familie. Die neue Adresse wusste ich natürlich nicht. Bald kamen die Tochter und der Sohn zu mir zu Gast. Ich lebte damals in Frunze, in der Hauptstadt Kirgisiens. Wir haben uns zuerst nicht erkannt. Was für eine Begegnung war es! Das ist wohl nicht zu beschreiben. Als die Kinder zurückfuhren, übergab ich einen Brief für meine Frau. Dann wurde ich schwer krank. Meine Frau hat mir verziehen und kam zusammen mit der Tochter zu Gast. Ich habe mein Haus verkauft und kehrte 1985 in die Ukraine in meine Stadt Nowodrushesk zurück. Aus dieser Stadt bin ich an die Front gegangen. Ich hatte ein Haus gekauft.1996 starben meine Frau und meine Tochter. Ich wohne heute mit meiner Tochter Maria zusammen, die 79 Jahre alt ist. Ich bin noch bei Verstand, kann frei spazieren und für mich alleine sorgen. Ich gebe dem Alter keine Chance. Das Leben in der Ukraine ist nicht leicht. Vor kurzem habe ich die Rente von 102 Hriwna erhalten. Während des Wahlkampfes ist meine Rente auf 324 Hriwna erhöht worden. Die Bergwerkunternehmen in Nowodrushesk schließen. Ein Unternehmen wurde für die Sanierung geschlossen und ist bereits dreieinhalb Jahre zu. Eine Tonne Kohle kostet 750 Hriwna. Wir leben weiter.

Ich bedanke mich noch einmal für Ihre Hilfe. Jeder Mensch hat seinen eigenen Lebensweg. Hätte es keinen Krieg gegeben, könnte mein Schicksal etwas anders aussehen. Hitler bereitete mit Absicht die Deutschen für einen Krieg vor. Er hat die SS-Verbände gegründet. Der Krieg darf nie wieder zustande kommen.

Die Ukraine bemüht sich, der EU beizutreten. Vielleicht klappt es irgendwann. Es wäre schön, wenn die Zollämter, die Visapflicht abgeschafft würden. Dann könnten wir uns frei unterhalten und friedlich zusammenleben.

Die Sowjetunion war ein mächtiger Staat. Sie wurde aus den Trümmern des Krieges wiederaufgebaut. Im Vielvölkerstaat hat man sehr freundlich, ohne Feindschaft und Arbeitslosigkeit gelebt. Ein Einheitsstaat kümmerte sich um die einfachen Menschen. Die medizinische Versorgung und die Ausbildung waren kostenlos. Die Leute konnten viele Zeitungen und Zeitschriften abonnieren. Heute bestellen die Leute gar keine Zeitung. Jemand hat mit Absicht die Sowjetunion ruiniert. Was hat die Demokratie gegeben? Niemand sorgt sich um einfache Menschen. Die Jugendlichen sind ins Ausland ausgewandert. Es gibt viele Arbeitslose.

Ich bitte um Entschuldigung. Ich habe so viel geschrieben. Vielleicht ist es für Sie uninteressant und unwichtig. Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.

31. Januar 2005

Repa

Anbei liegt ein Sonderschreiben von Herrn Repa:

Repa Anton Borisowitsch, Geb.-Datum: 04.04.1903

Er bittet uns um eine eindeutige Definition seines Aufenthaltsortes, ob es in einem KGF-Lager oder in einem KZ war. Das örtliche Militärarchiv in seiner Stadt wurde verbrannt. Die Akten sind nur ab Mai 1942 erhalten geblieben.

Er hat mehrere Anfragen verschickt, darunter ans Rote Kreuz. Vergeblich. Endlich bekam er eine Bescheinigung aus dem Landesarchiv in Sachsen-Anhalt. Zitat: „Akte der Behörde. C 53 Lager Eisleben. Chiffre 61, Blatt 50. Repa Anton, Nummer der Gefangenen IV B 157094 Lager für Kriegsgefangenen E/46 R. Bergwerk-Zeche „Zirkelschacht“. Sein Name ist auch in der Liste der Arbeiter des Bergwerkes. Die ukrainische Partnerorganisation der Bundesstiftung ‚EVZ‘ findet diese Bestätigung nicht ausreichend. Offensichtlich hat Herr Repa nicht verstanden, dass es für ihn zwar keine erkennbaren Unterschiede zwischen dem KZ und einem Kriegsgefangenenlager gab, aber nur solche Kriegsgefangenen von offizieller Seite begünstigt werden, die in ein KZ verbracht wurden.

12. Freitagsbrief (15.09.2006).

Simak Fedor Antonowitsch
Ukraine
Shitomir

Sehr geehrte Vereinsmitglieder,

erlauben Sie mit bitte, meinen Dank für das Geld von 300 Euro auszusprechen. Ich habe das Geld erhalten. Das ist für mich eine wichtige und große Hilfe. Ich kann dafür Medikamenten kaufen. Die sind in unserem Land sehr teuer. Ich bin allen Vereinsmitglieder sehr dankbar. Ihre Organisation leitestete für mich diese Hilfe, obwohl keine Vereinbarung mit Deutschland geschlossen wurde. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg in der Arbeit, langes Leben und viel Freude auf Ihrem Lebensweg. Möge Gott Ihren Kinder das friedliche Leben gewähren! Möge der wolkenlose Himmel über Ihren Köpfe ewig bleiben! Vielen Dank! Beste Gesundheit und Wohnstand!

Mit unermesslicher Hochachtung Fedor Antonowitsch Simak

P.S. Ich kann nicht mehr schreiben. Ich habe nasse Augen. (…) Vielen Dank! Auf Wiedersehen! 1941-1942 haben wir nicht gearbeitet. Wir lebten in einem offenen Lager, auch beim kalten Wetter. Es regnete tagelang. Wir waren total nass. Täglich gab es zu essen. Wir nannten dieses Essen „Balanda“. Das war Wasser mit etwas Mehl ohne Salz. Zwei Jahre lang hatten wir keine Möglichkeit zum Waschen. Es gab unzählige Läuse. Sie versammelten sich auf jedem Zentimeter des Hemdes. Nicht alle hatten Hemde. Manche hatten gar keine Hose.

Die Lagerinsassen wurden in Gruppen aufgeteilt. Zu jeder Gruppe gehörten 100 Gefangene, Dolmetscher, Sanitäter und Polizist. Die Essenvergabe dauerte den ganzen Tag, von cirka 10 Uhr bis zum früheren Abend, also bis cirka 17 Uhr. Wir wurden systematisch geschlagen. Das passierte grundlos und überall: beim Verlassen des Abschnittes, auf dem Weg zur Küche und so weiter. Ich hörte ständig nur ein Wort: „Los!"

Viele konnte nicht mehr aufstehen, ich mit Hilfe der Kameraden. Sie blieben im Lager. Wir durften kein Essen wie diese Menschen erhalten. Sie verstanden, dass sie bald sterben, und verabschiedeten sich von den Kameraden. Etwa ein Tag oder zwei Tage später waren sie tot. Jeden Morgen fuhr eine Karre durch das ganze Lagergelände. Wir mussten die Oberkleidung der Toten ausziehen. Die nackten Leichen legte man auf die Karre, brachte man zur Grube und machte diese Fläche mit einem Raupenfahrzeug bodengleich.

1943 rekrutierte man uns zur Arbeit. Wir wurden in kleinen Gruppen, 20-50 Mann, zum Arbeitsort geführt. In der Regel luden wir Waggons aus und transportierten Briketts oder Holz. Manche gelangten zu einem Bauern. Ich würde sagen, das war nur ein Zehntel der Gefangenen. Einige blieben immer noch im Lager.

Eines Tages passierte eine große Aktion. Man suchte die Arbeiter für eine Zuckerfabrik aus. Es wurde eine Auswahlkommission gebildet. Jeder Bewerber musste sich für medizinische Untersuchung ausziehen. Dann sollte er 100 m ohne Unterbrechung laufen. Die Auswahl dauerte den ganzen Tag. Ich geriet in die erste Gruppe. Wir, 200 Menschen, marschierten zu den Bussen. Man gab uns für die Fahrt ein Brot und 300 Gr. Schmalzfleisch für vier Personen. Nach der Ankunft am Abend bekamen wir noch einen Großlöffel Suppe. Die gewöhnliche Essensration in der Fabrik war folgendes: morgens ein Tee und 200 Gr. Brot, mittags eine Suppe oder Kartoffel und abends eine Suppe ohne Brot, die der Farbe nach wie Kaffee aussah. In der Fabrik jagten wir ständig nach Essen. Man fand etwas und aß sofort auf. Das konnte Korn oder Zucker sein.

Wir arbeiteten etwa 40 oder 50 Tage. Danach brachte man uns zurück ins Lager. Seitdem wurde die Lagerordnung etwas lockerer. Jede 20 Tage führte man uns zum Baden. Die Kleidung reinigte man im Heizraum ein paar Stunden. Das Lager war kleiner von der Fläche. Es war aber voll. Es gab Baracken mit dreistöckigen Schlafstellen. Nach einem Monat kamen die Käufer wieder. Man teilte uns in kleinere Gruppen und führte uns zu einer Holzbaracke. Die Käufer standen vor dem Barackeneingang und suchten die Arbeiter aus. Die ausgewählten Gefangenen mussten in ein bestimmtes Zimmer kommen. In unserem Zimmer versammelten sich 12 Personen. Uns führte zur Arbeit ein Soldat, ein etwa 60-70 Jahre alter Mann. Wir arbeiteten täglich außer Sonntag. Das Essen bestand aus einem Laib Brot für 6 Mann und eine Art Suppe. Abends wurden wir zurückgeführt. Für die Verteilung der Arbeitseinsätze waren ein Mayor und ein Unteroffizier zuständig. Jede Arbeit erledigte eine Gruppe aus ein paar Personen. Wir wurden nicht mehr geschlagen. Es gab keine Polizisten. Wir bekamen Arbeitskleidung, die alle 10 Tage gewechselt wurde. Das Zimmer war relativ kühl. Wir erhielten Matratzen und Decken. Das Leben ging also einigermaßen.

Es gab sehr gute Deutsche, echte Menschen, groß geschrieben. Sie verstanden unsere Leiden. Man gab uns heimlich Brot. Das Brot war allerdings fast immer trocken. Das war aber doch Brot! Sonntags holte uns ein Bauer ab. Wir arbeiteten in seinem Gemüsegarten und verteilten Düngemittel im Feld. Gelegentlich droschen wir Roggen. Das Essen beim Bauern war perfekt. Wir waren an diesem Tag immer satt. Für den Rückweg gab uns der Bauer etwa 6-8 Äpfel pro Person. In der Baracke nahmen die Polizisten und der Dolmetscher unser Essen weg. Wir klagten darüber beim Mayor. Danach passierte es nicht mehr.

Einmal führte der Mayor ein Gespräch mit uns. Er fragte, ob es den Russen gut geht. Er war als Kriegsgefangener in Russland und konnte einige Wörter wie „Gib mir Brot!“, „Danke!“ oder „Gib mir eine Zigarette!“. Er konnte also nicht so viel Russisch. Zu Sylvester kamen der Mayor und der Unteroffizier in unsere Baracke. Sie brachten zwei Flaschen Wein und je ein belegtes Brot und eine Zigarette pro Person mit.

Wir lebten in diesem Lager bis Oktober 1944. Später übersiedelten wir in ein großes Lager. Hier führten und Soldaten zur Arbeit. Das Essen war zweimal täglich, ein Brot für 5 Personen. Im Prinzip brauchte man nicht sterben. Die Kranken wurden weggebracht, ich weiß nicht wohin.

Nach Ankunft in der russischen Kommandozentrale (212. Filtrationslager in Hannover) wurde ich in die Armee einberufen. Ich diente in einem Artillerieregiment. Viele warfen mir Hochverrat vor, ohne Kenntnis der Einzelheiten meiner Gefangenname. Ich diente ein Jahr lang in der Sowjetarmee und wurde nach dem allgemeinen Demobilisierungsbefehl entlassen. 1946 kehrte ich heim. Das war gerade die Erntezeit. Ich besaß keinen Zivilberuf. Ich arbeitete in der Kolchose bis zum Jahresende und erhielt als Entlohung zwei Zentner Getreide. Meine Kleidung war völlig abgetragen. Ich konnte nicht in der Öffentlichkeit erscheinen. Die Eltern machten Druck: ich müsse heiraten. Ich verzichtete aber wegen der Armut darauf.

Erst im Februar 1947 heiratete ich endlich. Im gleichen Jahr begann meine Fahrerausbildung. Jede Woche musste ich mich beim KGB melden. Laut „Empfehlung“ sollte ich in der Kolchose weiterarbeiten. Es kam zur Gerichtsverhandlung. Das Gericht sprach mich frei. Ich war in der Kolchose nicht ordnungsgemäß eingestellt. Juritisch gesehen, hatte ich keine Bewerbung geschrieben. Vor dem Krieg war ich minderjährig.

Ich absolvierte die Fahrerkurse und bekam meinen ersten Lohn. Er betrug 62 Rubel. Ich war unglaublich froh. Endlich hatte ich etwas Geld in der Hand. Meine Ehefrau arbeitete als Hilfsarbeiterin. Unsere finanzielle Lage verbesserte sich. Ich arbeitete bereist in einer Sowchose. Für die gute Arbeit wurde ich gewürdigt und für eine leitende Position empfohlen. Es störten aber bekannte Details meiner Biografie. Als Stalin noch lebte, hatte ich gar keine Aufstiegschancen. Nach Stalins Tod begann ich das Studium an einem Technikum. Das war aber zu spät. Ich konnte nichts mehr im Leben erreichen.

Meine Familie, ein Sohn (Jahrgang 1949) und eine Tochter (Jahrgang 1951). Die Eltern starben in der Kolchose. Meine Ehefrau lebt auch nicht mehr. Ich wohne mit meiner Tochter zusammen. Ich bin mit der Behandlung völlig zufrieden. Unsere Machtinhaber können aber unser Leben nicht organisieren. Wir müssen alle Probleme selbst lösen. Die Dörfer sind verwüstet. Die Jungen fahren in andere Länder, um etwas Geld zu verdienen. In unserem Land gibt es keine Verdienstmöglichkeiten. Meine Rente beträgt 320 Hriwna. Auf dem Markt sind alle Lebensmittel unglaublich teuer. In lebe in der Stadt. Hier sind alle Preise deutlich teuerer als auf dem Lande. Ich muss jede Hriwna zählen.

Ich freue mich über den Erhalt Ihres Briefes. Ihre Organisation hat meine Leiden in Kriegsgefangenschaft und sogar im Heimatland mit Mitleid empfunden. Sie haben mir das Geld bewilligt. Das ist eine große moralische Erleichterung. Ich hätte gerne wenigstens am Lebensabend ohne Hektik gelebt.

Mit liebvoller Hochachtung

F. A. Simak

13. Freitagsbrief (22.09.2006).

Antonow Aleksandr Afanasjewitsch
Russland
Gebiet Wolgograd
4. Februar 2006

Ich bin Aleksandr Afanasjewitsch Antonow, Jahrgang 1918.

Guten Tag, das ganze Deutschland!

Warum begrüße ich das ganze Land? Das passiert aus dem Grund, weil diese Menschen, die Deutschen, mir geholfen haben. Sie hatten das Geld für russische Kriegsgefangenen gesammelt.

Lieber Eberhard, Sie schreiben mir und fragen mich, ob ich die Hilfe erhalten habe. Ja, ich habe Ihre Hilfe aus Deutschland im Januar 2006 erhalten. Ihr zweiter Brief ist am 23. Januar eingegangen. Sie möchten wissen, wie ich lebe. Ich lebe mit meiner Ehefrau Nastasja Timofejewna zusammen. Wir haben zwei Söhne, zwei Enkeltöchter und zwei Urenkeln. Meine Söhne leben sehr fern von uns. Ich bin bereits 88 Jahre alt. Ich habe keinen Bauernhof. Hier gibt es nur 20 Hühner. Das ist mein ganzes Eigentum.

Jetzt werde ich meine Gefangennahme beschreiben. Wir hielten eine Verteidigungslinie am Dneprufer bei der Stadt Tscherkassy in der Ukraine. Die Deutschen stießen vor. Nach einer Granatenexplosion wurde ich verletzt. Nach dem Kampf holten die Deutschen alle Verwundeten ab. Man trieb uns ins Gebiet Winnica. Meine Beinverletzung wurde heil. Im Lager bei Winnica verbrachten wir etwa zwei Monate. Danach wurden wir auf verschiedene Kolchosen und Sowchosen verteilt. Ich geriet im Oktober in die Sowchose Nowaja Grebja. In dieser Sowchose wurde die Ernte noch nicht eingesammelt. Man gab uns zwei Tage zur Erholung. Am dritten Tag begann die Arbeit. Mit uns waren zwei deutsche Soldaten als Wächter. Wir droschen das Getreide. Das Getreide lieferte man nach Deutschland. Das Essen in der Sowchose war gut. Alle Jungs fühlten sich schon besser. Wächter wie Soldaten waren in Ordnung. Ein Soldat war sehr groß und hieß Anton. Die Leitung übernahm der Oberst Möert. Er sagte: „Jungs, ihr bleibt hier, soweit die Front nicht näher kommt! Was später passiert, weiß ich nicht, weil ich danach kein Entscheidungsträger bin.“ Etwa im März 1943 schickten uns die Deutschen nach Winnica und anschließend mit dem Zug nach Deutschland.

Unsere Endstation in Deutschland befand sich in einem Wald. Ich bemerkte Holzhäuser. Am zweiten Tag brachten sie uns in einem Bus mit dicht verschlossenen Fenstern nach Berlin. Die Adresse lautete Gesundbrunnen. Dort verteilte man uns. Unsere 6-Mann-Gruppe musste in der Fabrik Meltow- Werke (?) in Waidmannslust arbeiten. Am zweiten Tag kam um 6 Uhr früh ein Polizist und führte uns, sechs Gefangene, zur Arbeit. Die Arbeit war körperlich sehr schwer. Wir mussten mit der Karre Steine vom Fabrikgelände wegbringen. In der Fabrik siebte man den Sand durch und fertigte Lehm. Der Arbeitstag dauerte 10 Stunden. Das Essen gab es einmal täglich. Die Nahrung bestand aus fauligen Rüben und 150 Gr. Brot. Sonntags gab es Kartoffeln. Lieber Herr Eberhard, kann man so überhaupt leben?!

Ich will Ihnen erzählen, wie uns die Polizisten zur Arbeit führten. Ein Polizist war alt, der zweite jung. Auf dem Weg erzähle der Alte, dass er drei Jahre lang in russischer Kriegsgefangenschaft war (1. Weltkrieg, d.Ü.). Sein Arbeitgeber gab genug Essen und stellte gute Kleidung und Schuhe zur Verfügung. Nach einer bestimmten Zeit kam der Tag der Heimkehr. Der Mann wollte garnicht zurückkehren. Endlich fuhr er doch nach Hause. Lieber Herr Eberhard, sehen Sie, wie unsere Gefangene in Ihrem Land gelebt haben und wie Ihre Landsleute in unsrem Land gelebt hatten. Sie wollten nicht heimkehren! Der Polizist sagte uns, dass Hitler alle Deutschen einschüchterte. Es hieß: „Seht Ihr, es kommen die Russen und werden euch nach Sibirien verbannen!“ Ich denke, Sie sind ein junger Mensch und kennen unsere Menschen nicht. Vielleicht erzählen Ihnen Ihre Landsleute etwas Gutes über die Russen. Ich meine, unser Volk ist gut.

Jetzt kommt die Zeit, über die Gegenwart zu reden. Sie sagen, das Geld hatten einfache Deutsche gespendet. Das finde ich sehr angenehm und wichtig. Ihre Regierung hatte hingegen das Geld für uns geschont, ohne Berücksichtigung unserer Arbeits- und Lebensbedingungen. Wir lebten unter extrem schweren Lebensbedingungen. Zur Arbeit gingen wir immer hungrig und erkältet. Wir arbeiteten in abgetragener Kleidung. Vier Jahr lang konnten wir uns nicht waschen. Ich denke, es kann nicht sein, dass ich während vierjähriger Arbeit gar nichts verdiente. Ich hätte bestimmt 2000 Euro verdient. Die deutschen Arbeiter erhielten jeden Samstag 60 Mark. Die Kriegsgefangenen kriegten jedoch nichts.

Ich werde noch beschreiben, wie ich in ein KZ geriet. Eines Tages lieferten mein Kamerad und ich den Lehm nach Berlin. Wir luden die Last in einer Panzerfabrik aus. Nach der Rückkehr in die Fabrik gingen wir in die Umkleidungskabine, um uns ein bisschen zu erholen. Bald drang der Meister in den Raum ein. Er rief: „Arbeiten, Russen, arbeiten!“ Wir stritten kurz. Er rief die Polizei. Ich wurde verhaftet und ins KZ geschickt. Das Lager hieß Großbeeren. Hier walteten echte Faschisten. Meine Haftzeit betrug drei Monate. Ich kann nicht beschreiben, wie wir gequält wurden. Ich sehe diese Bilder immer noch gelegentlich in meinen Nachtträumen. Wenn ich dieses Bild wiedersehe, stehe ich in der Nacht auf und kann bis zum Morgen nicht wieder einschlafen. Sie schlugen uns grundlos. Lieber Eberhard, vielleicht haben die alten Menschen über die Behandlung der russischen Gefangenen berichtet?

Nach der KZ-Strafe kehrte ich in die Fabrik zurück. Die Arbeiter erkannten mich nicht. Ich sah wie Kaschschej der Unsterbliche aus. Lieber Freund, Sie können mir glauben: in diesem Lager starben sehr viele Menschen. Jeden Morgen brachte man Leichen zu einem Bestattungsort, zu einem Loch.

Nach dem Krieg arbeitete ich als Fahrer in einer Kolchose. Insgesamt arbeitete ich 60 Jahre lang. Heute bin ich Rentner. Meine Rente beträgt 150 Euro. Diese Rente hätte für meine bescheidenen Bedürfnisse gereicht. Ich helfe aber meiner Enkeltochter. Sie ist verheiratet und bittet den Opa um Hilfe. Ich gebe gelegentlich das Geld. Sie hat vor, ein Haus zu kaufen. Das kann ich nicht leisten. Ich helfe aber je nach Möglichkeit. Wir haben hohe Arbeitslosigkeit. Was kann ich tun? Ich helfe meinen Kindern und Enkelkindern.

Ich möchte über Ihre Person etwa mehr wissen. Wie alt Sie sind? Sind Sie ein Chef oder einfacher Mensch? Ich schreibe Ihnen den Brief und habe keine Ahnung, wie Sie aussehen. Können Sie sich bitte beschreiben? Wo Sie arbeiten und was Sie genau machen? (…) Ich bitte Sie, mein lieber Genosse, kommen Sie bitte zu mir zu Gast. Ich werde Sie als Edelgast empfangen. Schreiben Sie bitte, wie Sie heute leben, wie es Ihnen ohne Faschisten und Hitler geht. Das ist bestimmt besser. Ich warte auf Ihre Antwort, wie eine Nachtigall auf den Sommer. Auf Wiedersehen Antonow (Unterschrift) Meine Adresse: (wie oben) Ach, ich habe noch etwas fast vergessen. Als ich das Geld abholte, fragte ich bei der Kassiererin, wie viel ehemalige Kriegsgefangene in unserem Bezirk das Geld empfangen hatten. Sie sagte, dass ich der einzige bin. Alle andere leben vielleicht nicht mehr.

14. Freitagsbrief (29.09.2006).

Tschernjak Fedor Iwanowitsch
Belarus
Gebiet Minsk

Guten Tag, sehr geehrte Frau Hilde Schramm und Herr Eberhard Radczuweit,

es schreibt Ihnen Fedor Iwanowitsch Tschernjak, wohnhaft in Belarus 223739, Gebiet Minsk (…). Ich habe Ihren Brief kurz vorm Neuen Jahr erhalten. Vielen Dank für Ihr Schreiben und Ihre Achtung.

Erlauben Sie mir bitte, Ihnen alles Gute zu Weihnachten und zum Jahreswechsel zu wünschen.

Es ist schwer, sich an vergangene Zeiten zu erinnern. Wider Willen komme ich im Gedächtnis zu diesen schrecklichen Jahren zurück. Es hat sich ergeben, dass ich gleich am Anfang des Krieges bei Schepetowka (im heutigen ukrainischen Gebiet) gefangen genommen wurde. Leider war es eine Massenniederlage der Roten Armee. Infolgedessen wurden viele Rotarmisten gefangen genommen. Am Anfang des Krieges wurde ich verletzt und ins Feldspital geschickt. Das Spital wurde aber von den Deutschen zerbombt. Ich musste unbewaffnet zu unseren Stellungen zurück kriechen. Zum Glück traf ich einige Einheiten meines zerschlagenen Bataillons. Dort bekam ich die Waffe und erholte mich. Wir durchstießen die Einkreisung. Wir marschieren vom Grenzgebiet ins Kernland, um uns unseren Truppen anzuschließen. Die Deutschen und hiesige Nationalisten nahmen uns unter Beschuss. Nach einem Vorstoß der deutschen Panzer wurde ich verwundet und gefangen genommen. Ein Geschoss explodierte in meiner Nähe.

Die Kriegsgefangenschaft. Ein kurzes Wort. Dahinten verbirgt sich aber die Tragödie von Millionen. Ich war leider Augenzeuge und unfreiwillig Beteiligter. Ich lebte in unterschiedlichen Lagern in Deutschland und Österreich. Ich kann leider nicht genau sagen, wie sie hießen. Die Angaben darüber sind in den Archiven zu finden. Ich erinnere mich ganz gut an ein Lager bei Hamburg. In Kriegsgefangenschaft passierte vieles. Wenn man heute daran denkt, hat man sofort Herzschmerzen. Viele Gefangene starben vor Hunger, Kälte und Krankheiten. Pro Tag erhielten wir zwei Kartoffeln, 100 Gr. Brot und gekochtes Wasser. Während der Gefangenschaft wog ich nur 37 Kilo, obwohl ich vor dem Krieg 90 Kilo schwer war. Das Schicksal der gefangen genommenen Offiziere war fast immer vorbestimmt. Sie wurden sofort erschossen. Ich trug einen Offiziersgürtel, obwohl ich einfacher Soldat war. Ein Wächter stieß mich in eine 3 Meter tiefe Abfallgrube. Einige Male kroch ich aus dem Loch, wurde aber jedes Mal zurück gestoßen. Vor dem Tod rettete mich nur das Fortgehen des Wächters. Ich verließ das Loch und erreichte die Baracke. Dort pflegten mich Häftlinge.

Ich wurde einmal zusammen mit anderen Gefangenen zur Erschießung geführt. Der Grund dafür war die negative Einschätzung unserer Arbeit von Seiten eines polnischen Wächters. Wir haben Schutzbunker bei Wünsdorf gebaut. Man zwang uns, ein Grab für uns selbst zu schaufeln. Dann sollten wir erschossen werden. In der Tat gab es nur Abschreckungsschüsse. Danach wurden wir ins Lager zurückgeführt. Dort wurde jeder mit 25 Schlägen bestraft.

Es tauchten viele Todesfälle unter den Kriegsgefangenen auf. Einmal wurden im Winter 350 gefangene Seemänner aus dem Baltikum ins Lager gebracht. Sie mussten sich ausziehen und nackt im Freien übernachten. Am nächsten Morgen waren sie alle tot. ( …)

Ich wurde nur dadurch gerettet, dass ich mit einer Gruppe der Kriegsgefangenen nach Österreich kam. Hier habe ich in einem Werk gearbeitet, wo Watte und Faden produziert wurden. Ich weiß leider nicht mehr, wo genau sich der Betrieb befand. Wir haben auch Strassen repariert. Ich bin den österreichischen Arbeitern dankbar. Sie haben das Essen für uns heimlich gebracht. Am Ende des Krieges wurde ich nach Deutschland gebracht. Dort gruben wir Schutzgräben. Viele Gefangene starben infolge der US-Bombenangriffe. Sie durften sich im Bunker nicht verstecken.

Am Ende des Krieges flüchtete ich aus der Gefangenschaft. Wir mussten in die US-besetzte Zone geliefert werden. Mein Kamerad und ich verkrochen uns in einer kurz zuvor gemachten Toilette und versteckten uns unter den Brettern. Wir saßen dort so lange, bis alle restlichen Gefangenen aus dem Lager weg verschleppt worden waren. Auf diese Weise gelang ich in die Sowjetarmee. Dort wurde ich in Bezug auf möglichen Hochverrat lange geprüft. Nach der Prüfung geriet ich an die Front.

Nach dem Krieg kehrte ich nach Hause zurück. Das Dorf war bis auf Grundmauern niedergebrannt. Fast alle Dorfbewohner (insgesamt 220 Personen) waren erschossen. Das Leben war hart. Wir lebten in Erdlöchern. Es gab weder Kleidung noch ausrechendes Essen. Erst nach einigen Jahren gelang es mir, ein eigenes Haus zu bauen und einen Bauernhof zu gründen. Heute lebe ich im Dorf zusammen mit dem Sohn. Die Ehefrau ist schon seit langem tot. Meine Rente beträgt etwa 140 USD. Ich habe einen kleinen Bauernhof. Mein Augenlicht ist schwach. Meine Gesundheit ist schlecht. Ich höre schwer.

Ich meine, die Entscheidung der deutschen Regierung über die Nichtzahlung der Kompensation ist ungerecht, denn gerade die Kriegsgefangenen haben viel mehr gelitten, wie zum Beispiel Vertriebene, die oftmals einfach in der Landwirtschaft oder Industrie gearbeitet haben [8]. Das ist natürlich meine private Meinung. Ihre Finanzhilfe habe ich noch nicht erhalten. Eventuell wird mit diesem Geld in einer Bank getrickst. Ich kann wegen schlechten Gesundheitszustandes zur Stiftung „Verständigung und Aussöhnung“ nicht fahren.

Ich hätte gerne über viele Momente dieses schrecklichen Krieges erzählt. Leider ist es im Rahmen eines Briefes unmöglich. Außerdem habe ich viel vergessen. Zum Schluss erlauben Sie mir bitte, meine Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen. Ihre Organisation hat die Menschen respektiert, die eine der schrecklichsten Tragödien in ihrem Leben erlebt hatten.

Hochachtungsvoll

Fedor Iwanowitsch Tschernjak

15. Freitagsbrief (6.10.2006).

Dawid Isaakowitsch Dodin
Russland
St.-Petersburg

Ein herzlicher Dank für Ihren Brief. Sie haben einen „einfachen“ Mann nicht vergessen. Ich freue mich darüber. Ich bin am 9. Mai 1921 in einer armen jüdischen Bauernfamilie in Weißrussland geboren. 1940 bin ich in die Armee einberufen worden. Ich diente im 35. Regiment an der Grenze zu Polen. Als der Krieg begann, wurde unsere Militäreinheit zerbombt. Wir erhielten den Befehl, nach Osten zu ziehen. Niemand hat aber gewusst, dass Minsk bereits erobert worden war. Wir gingen mit den Kämpfen durch den Wald in Richtung Minsk. Letzten Endes wurden wir eingekesselt und gefangen genommen. Wir wurden bei Minsk am Ufer des Flusses Swischlotsch eingesperrt. Es gab keine Ernährung. Wir haben selbst etwas Korn und Wasser gefunden. Viele starben. Dann wurden wir nach Polen gebracht. Das war die Insel Losowec. Das Essen blieb schlecht. Wir wurden zur Arbeit bei den Bauern gezwungen. Als Essen erhielten wir nur Schweinefutter. Später wurden wir nach Deutschland abtransportiert. Ich glaube, es war ein KZ Zeitheim. Wir schliefen unter dem freien Himmel, auf einer Wiese. Es regnete sehr stark. Tagsüber durfte man stehen bleiben. In der Nacht musste man nur liegen. Wer doch aufstand, wurde erschossen.

Ich kann heute nicht genau sagen, wie lange wir in diesem Lager blieben. Einmal habe ich eine Stimme gehört. Jemand fragte auf deutsch: „Wer kann die deutsche Sprache?“ Ich habe mich gemeldet. Dann war ich berechtigt, diese Menschenmenge zu verlassen. Auf mich wartete ein Unteroffizier. Er erklärte, dass ein Arzt die Hilfe beim Ausfüllen der Patientenkarten braucht. Ich wurde zu den drei separat stehenden Baracken geführt. In einer Baracke saß der Kommandant. In den anderen arbeiteten Ärzte. Ein Unteroffizier hat mich eingeschult. Ich konnte sehr gut Deutsch, weil ich ein Deutschlehrer war. Zudem hatte ich damals eine schöne Schrift. Ich begann die Patientenkarten für Kriegsgefangene auszufüllen. Weil ich einen Monat lang unter dem freien Himmel übernachtet hatte, habe ich eine Lungenentzündung bekommen. Ich wurde unmittelbar in der Krankenbaracke behandelt. Die Behandlung war gut und menschlich. Ein Arzt hat mich sogar mit der deutschen Suppe versorgt.

Danach verbreitete sich Typhus. Die Deutschen haben das Lager verlassen. Wir sind allein geblieben. Ich wurde auch typhuskrank. Der Unteroffizier sagte, ich müsse nicht mit den anderen ins ein andere Lager fahren. Ich blieb mit dem russischen medizinischen Personal. Das war wie ein Todesurteil. 11 Tage lang war ich völlig ohnmächtig. Die Jungs haben meine Brotration getrocknet und aufbewahrt. Als sich mein Gesundheitszustand etwas verbesserte, konnte ich diese Brotstücke essen und damit überleben. Zu uns kamen die kranken Gefangenen aus den anderen Lager. Vor allem waren es Tuberkulosekranke. Das gesamte Lager sah schon wie ein Lazarett aus. Die Kranken starben massenhaft vom Hunger. Ich arbeitete als Sanitär bis 24. April 1944. Dann geriet ich auf einen Bauernhof. Ich arbeitete gut und wurde entsprechend gut behandelt.

Am 24. April 1945 arbeiteten wir in Rutter-Gutganisch, 5 km von der Elbe entfernt. An diesem Tag wurden wir durch die Rote Armee befreit. Etwas später hat Stalin erlassen, die Berufslehrer nach Hause zu bringen. Ich fuhr nach Weißrussland, nach Hause. Von Februar bis 30. September arbeitete ich als Lehrer. Plötzlich wurde ich verhaftet und vom „Sonderrat“ zu 10 Jahren Haft verurteilt. Es gab nur einen einzigen Grund dafür: ich war am Leben geblieben.

Ich war achteinhalb Jahre in Haft. 1956 wurde ich rehabilitiert. Ich arbeitete weiter im Bergwerk „Intaugol“ bei Inta. Dort lebte ich 30 Jahre lang. 1977 übersiedelte ich nach Leningrad, wo ich auch heute lebe.

Ich bitte um Entschuldigung für meinen Schreibstil. Ich bin schon alt. Außerdem hatte ich vor kurzem Grippe. Ein Auge ist blind. Ich bewege mich mit großer Mühe, weil ich auch kranke Beine habe. Ich verlasse die Wohnung ausschließlich in Begleitung meiner Ehefrau. Jetzt fühle ich mich ein bisschen besser und schreibe diese Antwort.

Ich bin für Ihre Teamarbeit sehr dankbar. Es war unglaublich angenehm, Ihren Brief am Vorabend des 60. Jahrestages des Kriegsende zu erhalten. Ich wünsche Ihnen beste Gesundheit, viel Glück und Kräfte. Alles Gutes für Ihre gemeinnützige Tätigkeit.

Hochachtungsvoll Dodin D.I.

P.S. Verzeihen Sie mir bitte für diesen Brief. Er ist vielleicht etwas chaotisch und unvollständig. Bei mir funktioniert nur ein Auge. Wenn Sie sich für meine Jahre in der Gefangenschaft interessieren, kann ich nächstes Mal darüber schreiben.

16. Freitagsbrief (13.10.2006).

Napojkin Grigorij Grigorjewitsch
Russland
Wolgograd

Sehr geehrte Genossen vom Verein KONTAKTE,

ich habe von Ihnen zwei Briefe erhalten. Im ersten Brief bitten Sie mich, die Erinnerungen über mein Vorkriegsleben, über die Zeit des Krieges und die Nachkriegszeit sowie über die Gegenwart und über meine Familie zuzuschicken. Ich entspreche Ihrer Bitte, allerdings mit Verspätung, weil ich krank bin.

Ich bin im Jahre 1920 geboren. Meine Kindheit und Jugendzeit vergingen vor dem Krieg. Ich besuchte eine Mittelschule, beendete sie und begann das Studium an der Universität von Saratow. Ich studierte nicht so lange. Im April 1941 wurde ich in die Armee einberufen. Man schickte mich in die Stadt Brest. Am 21. Juni 1941 wurden wir von einer Artilleriekanonade geweckt. Die Geschosse explodierten auf dem Gelände unserer Militäreinheit. So begann für mich der Krieg. Wir wurden sofort eingekreist. Nach ein paar Tagen verließen wir das belagerte Gebiet. Wir waren Tag und Nacht unterwegs. Wir waren sehr müde und schliefen im Gehen ein. Nach dem Verlassen der belagerten Region wurden mein Kamerad und ich ins Sonderbataillon der Maschinengewehrbediener aufgenommen. Es gab Offensiven und Rückzüge. In Kämpfen zogen wir uns bis zur Stadt Neshin in der Ukraine zurück. Hier wurden wir erneut belagert und schließlich gefangen genommen. Das passierte im September 1941 bei der Stadt Neshin. Ich weiß nicht mehr genau, wie die Ortschaft hieß. So begann mein Leben in Kriegsgefangenschaft.

Ich war in der Kriegsgefangenschaft bis April 1945. Das waren die dunkelsten und schwersten Jahre meines Lebens. Oft befand ich mich an der Grenze zum Tod, nur einen Schritt davon entfernt. Heute bin ich 86 Jahre alt. Ich bin oft krank. Ich bewege mich mit großer Mühe. Das Ende des Lebens kommt bald. Die Erinnerungen über die Erlebnisse in der Kriegsgefangenschaft fallen mir immer noch schwer. Ich werde kurz einige Momente beschreiben.

Wir wurden auf unserem Gebiet bis zu einer Bahnstation unter erhöhter Bewachung getrieben. Die Schwachen, nicht mehr Bewegungsfähigen wurden am Ende der Kolonne erschossen. Endlich mussten wir in Viehwaggons einsteigen. Es war so eng, dass wir nur dicht beieinander sitzen konnten. In den Waggon schmiss man nur ein Paar Laibe Brot rein. Das Brot teilten wir in gleiche Portionen. Wir wurden nach Deutschland geliefert und in einem Lager untergebracht, dessen Nummer ich nicht mehr kenne. Das war ein freies Feld, von Stacheldraht umzäunt. Wachtürme umringten das Gelände. Auf jedem Turm befand sich rund um die Uhr ein Wachmann. In den Wachtürmen gab es Scheinwerfer und Maschinengewehre, die in Richtung Lager zielten. Man durfte sich dem Zaun nicht nähern. Die Wachmannschaft eröffnete sofort das Feuer. In der Ferne waren Berge zu sehen. Man sagte, es wären die Sudeten. In der Nähe vom Lager befand sich ein Dorf.

Die erste Nacht hat sich mir gut eingeprägt. Ein freies Feld. Die Lufttemperatur war niedrig. Die nach dem langen Weg erschöpften Menschen schliefen direkt auf dem nackten Boden. Mein Kamerad und ich hatten einen Stahlhelm. Mithilfe des Helms gruben wir ein kleines Erdloch und schliefen drin. Mein Freund, er hieß Kostja, begann zu weinen. Ich versuchte ihn zu beruhigen. Er war deutlich jünger als ich. Am Morgen kamen wir aus dem Erdloch raus. Das Gelände war von liegenden Menschen voll. Sie konnten nicht aufstehen, obwohl sie noch am Leben waren. Die aus den Reihen der Kriegsgefangenen angeworbenen Polizisten zogen diese Körper zu einem Haufen vor dem Tor. Mir hat sich folgendes Bild eingeprägt. Zwei Polizisten zogen einen Liegenden an den Beinen. Hinterher liefen ein paar Kameraden und riefen: „Herr Polizist, oder wie müssen wir Sie nennen? Er ist noch am Leben! Noch am Leben!“ (Ich glaube, das waren Ukrainer.) Als Antwort bekamen sie Schimpfe und Kopfschläge mit Stöcken. Zum Tor kamen bedeckte Pferdekarren. Die vor dem Tor liegenden Menschen wurden in diese Karren gestapelt und weggebracht. So verging die erste Nacht im Lager.

Später wurden wir in Erdlöchern untergebracht, die von Kriegsgefangenen auf die Schnelle gebaut worden waren. Wir schliefen immer noch auf nacktem Boden. Hier war es aber etwas wärmer. Langsam zogen wir aus den Erdlöchern in Baracken um. Das waren Holzbauten mit zweistöckigen Schlafstellen.

Das Essen war sehr schlecht. Morgens gab es einen Appell. Danach bekamen wir heißen Tee. Mittags gab es eine Balanda aus Rüben und ein Stückchen Brot. Man sagte, das Brot sei aus Rüben gebacken. Wenn mal ein Stück Kartoffel reinkam, waren alle sehr froh. Im Frühjahr 1942 waren die Rüben- und Kartoffelvorräte wohl zu Ende. Von da ab hatten wir Suppe mit Gras. Die Menschen wurden schwächer. Einige konnte sich nicht mehr bewegen. Diese Personen wurden getrennt und in einem Block „für die Schwachen“ eingesperrt. Aus dem Block war nur ein einziger Weg – in den Tod.

Ich war noch relativ fit, weil ich in einem Bedienungsarbeitskommando arbeitete. Unser Kommando brachte eine Tonne mit Fäkalien zum benachbarten Feld und düngte die Erde. Die Arbeit war schmutzig und schwer. Das war aber besser, als im Block „für die Schwachen“ auf den Tod zu warten. Im Herbst 1942 begann eine Typhusepidemie. Zuerst wurden nur wenige krank, darunter ich. Das hat mein Leben gerettet, weil in den Krankenbaracken noch Plätze frei waren. Ich lag in einer Baracke auf dem Bett oben. Ich war typhuskrank und mehr als eine Woche bewusstlos. Die Krise ging aber vorbei. Ich konnte nur nicht richtig gehen. Ich war kraftlos und sah wie ein mit Haut umwebtes Skelett aus. Am Morgen bekam ich Tee, zum Mittag Balanda und ein Stück Brot. Ich hörte ein Gespräch zwischen zwei Sanitätern. Ein Sanitäter kam aus anderen Baracken zu Besuch. Unser Sanitär zeigte auf mich und sagte: „Er wird bald sterben. Dann haben wir noch einen Platz frei!“ Ich habe auch gehört, wie der Sanitäter über die Baracke erzählte, wo Typhuskranke aus dem Lager endgültig landen. Es gab keinen Platz mehr. Die Kranken lagen in einer kalten Baracke und krochen auf dem Fußboden. Wenn die tot waren, schleppte man die Leichen zum einen Kilometer entfernten Friedhof. Zum Frühjahr hin war das Lager fast leer. Die Überlebenden sammelte man in einem Block. Das waren hauptsächlich Köche und Polizisten. Ich habe eine Zahl gehört: im Winter starben 100 000 Menschen an Typhus. Ich bin aber nicht sicher, dass diese Zahl stimmt. Die Überlebenden wurden in einer Baracke gesammelt. Wir waren kraftlos, schmutzig und voll von Läusen. Die Läuse versteckten sich sogar in den Augenbrauen. Vielleicht hätte ich nicht überlebt. Mir hat folgendes geholfen. Auf meiner rechten Hand erschien eine Wunde. Ich wurde ins Spital außerhalb des Lagers eingeliefert. Hier wurde ich ins Waschhaus getragen. Ich konnte nicht mehr gehen. Die Unterwäsche wurde gereinigt. Damit wurden die Läuse bekämpft. Danach brachte man mich in ein kleines und warmes Zimmer. Hier gab es sechs oder acht Kranke. Mir ging es schon besser. Zuerst konnte ich mich setzen. Danach begann ich innerhalb des Raumes zu spazieren. Im Sommer wurde ich entlassen und gelangte zurück ins Lager. Bald wurde ich zusammen mit einer Gruppe der Kameraden als Arbeitskommando mit dem Zug wegtransportiert.

Ich kam in die Stadt Jena. Hier arbeitete ich bis Kriegsende. Die Hauptarbeit war Be- und Entladen von Lasten am Stadtbahnhof. Hauptsächlich trug man verschiedene Tonnen Stein, selten gab es Kartoffeln und weitere Lebensmittel. Als die US-Flugzeuge begannen, die Stadt anzugreifen, wurden wir nach dem Luftangriff zur Trümmerbeseitigung getrieben. Wir halfen den Einwohnern, ihre Sachen wiederzufinden. 1945 häuften sich die Luftangriffe. Im März 1945 wurden wir in einer Baracke auf dem Gelände einer Militäreinheit untergebracht. Ein paar Tage hatten wir nichts zu tun. Danach schloss man uns einer großen Gruppe von Kriegsgefangenen an. Ich glaube, das waren Kriegsgefangene aus der ganzen Stadt. Unter Bewachung wurden wir in unbekannte Richtung getrieben. Es gab Gerüchte, wir sollten in die Bergregion in Tschechien getrieben werden. Wir, hungrig und schwach, waren einige Tage unterwegs. Uns versorgten die Einwohner der Siedlungen. Wir hatten daneben Erholungspausen. Die Einheimischen brachten Mehl. Die Wächter verteilten es. Wir kochten eine Mehlbalanda. Dann hieß es weiterlaufen bis zur nächsten Pause. Alle waren müde und schlapp. Uns bedrückte die Unklarheit. Wohin werden wir getrieben? Was macht man künftig mit uns?

Unsere Gruppe bestand aus acht Mann. Wir hielten uns immer zusammen. Wir wollten uns verstecken und die ganze Menschenmenge verlassen. Wir durchquerten die Gegend, wo am Straßenrand Büsche wuchsen. Es gab eine gute Gelegenheit, weil die Entfernung von einem Wächter bis zum anderen etwas größer als gewöhnlich war. Wir bogen ab und versteckten uns im Busch. Haben die Wächter das bemerkt? Ich denke, ja, aber sie wollten das sozusagen außer Acht lassen. Als die Menschenmenge vorbei war, liefen wir über die Straße und erreichen den benachbarten Wald. Die Gegend war unbewohnt. Manchmal gingen deutsche Soldaten vorbei. Wir warteten auf die Nacht. Die ganze Nacht war Schießerei zu hören. Sie wurde immer lauter und näherte sich. Am Morgen hörte man auf zu schießen. Wir sahen Panzer, viele Panzer. Statt Hakenkreuz waren amerikanische Zeichen zu sehen. Das waren Amerikaner. Am 5. April 1945 haben uns also die Amerikaner aus der Kriegsgefangenschaft befreit. Wir kehrten nach Jena zurück. Man sammelte uns auf dem Gelände einer Militäreinheit. Dort lebten wir ein paar Tage. Danach wurden wir auf LKWs in die russische Zone gebracht. Zuerst arbeiteten wir in Deutschland und demontierten ein Aluminiumwerk. Nach der Arbeit brachte man uns nach Russland, in ein Durchgangslager. Danach kam ich in ein Arbeitsbataillon bei Gorkij (Nishnij Nowgorod). Ich fällte Bäume. Erst im Frühjahr 1947 wurden wir demobilisiert und durften heimkehren.

Als ich nach Hause kam, erfuhr ich, dass mein Vater 1943 in die Armee eingezogen wurde. Seitdem galt er als vermisst. Die Mutter und drei Schwestern wohnten in Belyj Jar. Wir lebten arm. Die älteste Schwester arbeitete als Grundschullehrerin, die anderen waren noch in Ausbildung. Ich war unausgebildet. Ich fand eine Arbeitstelle und studierte parallel im Fernstudium an einer pädagogischen Hochschule. Nach dem Abschluss setzte ich das Fernstudium am Pädagogischen Institut von Uljanowsk fort. 1954 beendete ich das Studium und arbeitete seitdem als Physik- und Mathelehrer in einer Dorfschule. 1955 heiratete ich. Kurz danach übersiedelte unsere Familie nach Togliatti. Bis 1980, also bis zur Rente, arbeitete ich dort als Physik- und Mathelehrer. Ich habe zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Heute sind sie nicht mehr jung. Meine Ehefrau ist Lehrerein für russische Sprache und Literatur. Als Rentner übersiedelten wir nach Wolgograd (Stalingrad). Hier leben wir bis heute. Beide Enkelkinder studieren. Eine Enkeltochter hat das Studium bereits beendet. Ich habe eine Urenkelin. Sie machen das Leben schöner. Die Interessen, Freuden und Sorgen der Kinder stehen im Mittelpunkt meines Lebens.

Auf Wiedersehen Ich wünsche Ihnen viel Erfolg in Ihrer edlen und notwendigen Arbeit

Napojkin

(Unterschrift)

17. Freitagsbrief (20.10.2006).

Liebe Leserinnen und Leser der FREITAGSBRIEFE, kurz nach Versendung des 16. Briefes erfuhren wir vom Tod des Autors. Herr Napojkin verstarb, ehe er noch unsere Spende von 300 Euro empfangen konnte. Die 80jährige Tochter unseres ältesten Korrespondenten, Herrn Repa, dessen lange Lebensbeschreibung im Freitagsbrief stand, teilte uns den Tod des Vaters mit. Soeben finde ich einen von Frau Rimma Maximova übersetzten freundlichen Brief, der uns etwas über die Mentalität unserer Briefpartner verrät:

Soroka, Petr Grigorijewitsch
Siedlung Roschtscha
den 31.01.06.

Sehr geehrte Herren von Kontakte, guten Tag! Ihren Brief vom 17.01.06 aus Berlin habe ich am 29.01.06 erhalten. Ich will es nicht verschweigen, ich war sehr erstaunt. Ich teile sofort mit, dass ich weder Ihre Begrüßung noch Geld bekommen habe, und doch bin ich zufrieden, dass es in Deutschland Menschen gibt, die über meine Jugendjahre informiert sind, und ich freue mich, dass Sie da sind, und gebe Gott Ihnen Gesundheit und Glück. Am Valentinstag, am 14.02.06, werde ich 83 Jahre alt und Ihr Brief ist für mich eine Freude und ein Geschenk. Vielen Dank Ihnen! Es stimmt, ich musste in der Gefangenschaft hart arbeiten. Beim Durchbruch aus der Umzingelung wurde ich schwer verwundet am 10. August 1942 bei Stalingrad (die Stalingrader Front) gefangen genommen. Die Heilung wurde schon in Deutschland fortgesetzt. Stalag 326[9], meine Nummer 107280. Nach der Behandlung im Lazarett Fallingbostel wurde ich nach Hannover zur Arbeit in LES (Linden Eisen Stahlwerk) geschickt. Ich arbeitete in einigen Werkhallen. Putzerei, Grobnudsaraj(?), Kernmacherei, wo ich meinen 20. Geburtstag hatte (14.02.1943). Im Werk habe ich gearbeitet, bis es durch die Bomben der Alliierten zerstört wurde. Danach wurde ich in einer Gruppe von 10 Kriegsgefangenen ins Dorf Wildemann geliefert, wo wir ein Lager für die unbeschädigt gebliebene Ausrüstung des Werkes bauen sollten, die aus Hannover kam. Anfangs wohnten wir in Neumühle, später bauten wir für uns eine Unterkunft neben dem Lager. Alle gelieferten Teile wurden ins Lager gebracht. Einmal am Tag gingen wir mit Bewachung durch das Dorf in die Dorfkantine essen. In dieser Zeit, als ich im Dorf wohnte, bekam ich Deutsche – Erwachsene und Kinder – zu sehen, die uns besuchten. Für Kinder haben wir Spielzeug gemacht. Manchmal sollten wir in den Wald fahren, Holz besorgen. Ich war jung und die Bewohner des Dorfes waren freundlich, so dass ich keinen Unterschied zwischen ihnen und den Russen sah. Ich beschreibe einen Vorfall, den ich mein ganzes Leben lang nicht vergessen werde. Ich zog den Schlitten mit unserem Mittagessen durch das Dorf und bemerkte eine erwachsene Frau, die neben mir ging. Sie kam schnell auf mich zu, steckte in meine Tasche ein gutes Stück Brot und sagte zu mir auf Deutsch: „In Eurer Gefangenschaft ist mein Sohn. Möge er zurückkommen“. Es sind 60 Jahre vergangen, ich weiß nicht mehr, wie sie aussah, aber die Gutmütigkeit in ihrem Gesicht werde ich nie vergessen. Beim Mittagessen teilten wir ihr Brot untereinander und wünschten, dass sie sich mit ihrem Sohn trifft. Die Arbeit in Wildemann dauerte bis zum 12. April 1945, danach gingen wir in einer großen Kolonne nach Süden und am 18. waren wir im amerikanischen Lager in Getstedt (?). Nach dem Kriegsende wurden wir in der Stadt Riesa unserem Kommando übergeben, wo ein Regiment gebildet wurde. Und mit dem gingen wir bis nach Lwow. Nach einer Zeit wurden wir in Simnije Wody in einen Militärzug geladen und zur Strafansiedlung nach Karaganda (Nordkasachstan) gebracht. Sollten auf der Baustelle arbeiten. Dort waren viele deutsche Kriegsgefangene, sie arbeiteten auch auf der Baustelle. Einmal kam ich aus dem Geschäft, wo ich von einer Lebensmittelkarte ein Weißbrot gekauft hatte. Ich sah eine Gruppe deutscher Kriegsgefangener, die auf den Transport von der Baustelle zum Lager warteten. Ich erinnerte mich an die Frau in Wildemann, brach das Brot entzwei, gab die Hälfte einem Jungen mit den Worten: „Iss, deine Mutter wartet auf dich“. Ich dachte sehr oft an jene Frau und war froh, ihr danken zu können. Im Zusammenhang mit diesem Vorfall würde ich Sie, Herr Eberhard Radzuweit, bitten, dieses Dorf nach meiner beigelegten Zeichnung zu finden und den Bewohnern für die Freundlichkeit und gutes Verhalten uns gegenüber zu danken, ihnen Gesundheit, Freude und Glück zu wünschen. Seien Sie gesund! Ich möchte das sehr. Ich lege die Zeichnung bei. Ich dränge mich nicht auf, trotzdem vielen Dank.

Ein einst vorübergehender Bewohner des Dorfes Wildemann

P. G. Soroka

Russland, Gebiet Brjansk

18. Freitagsbrief (27.10.2006).

Juri Borissowitsch Raunstein
Chersson
Ukraine

Ich , Juri Borissowitsch Raunstein, geboren am 21.09.1921, wurde am 22. November 1941 vom Stalingrader Militärkommissariat in die Rote Armee eingezogen und diente als Sergeant in der 45. Reservekompanie im Armeelager der 411. Division. Am 26. Mai 1942 wurde ich schwer verwundet und am 27. Mai bei Charkow an der Station Lichatschjow gefangen genommen. Ich wurde ins Kriegsgefangenenlager in Bobrynez gebracht und von dort am 1. August 1942 von den Deutschen nach Deutschland transportiert. Ich arbeitete in einem Bergwerk bei Marl-Hüls in der Gegend von Frankfurt am Main. Die Zeche trug den Namen „Auguste Victoria“. Dort arbeitete ich als Bergmann bis zum 1. April 1945. Ich musste meinen Namen von Raunstein in Ratuschen J.B. ändern. Auf diesen rettenden Gedanken brachte mich ein Deutscher, der mit mir im Bergwerk arbeitete. Er hieß Benal-Bohm. Die Arbeit in der Zeche dauerte von 8:00 morgens bis 18:00 abends. Das Abendessen bestand aus einer einfachen Kartoffel- oder Graupensuppe und 300 g Brot mit Spreu. Ab und zu steckte mir Benal-Bohm Butterbrote zu, um mich aufzupäppeln, und riskierte damit sein Leben. Wir trugen Gefangenenkleidung, unsere Köpfe waren kahl geschoren. Ich wog bei einer Größe von 1 Meter 90 gerade noch 48 kg. Nach einem Ruhetag ging es in Holzpantinen, eskortiert von einer Wache, zur Arbeit. Das Klappern der Pantinen war während unseres Marsches weithin zu hören. Das Lager war für 1200 Mann ausgelegt. In meiner Baracke waren insgesamt 150 Mann untergebracht. Wir schliefen auf Dreietagenpritschen, ich schlief ganz oben. Die Baracken waren aus Ziegeln gebaut, das Lagergelände war mit einem hohen Stacheldrahtzaun umgeben. Das Kriegsgefangenenlager wurde von Soldaten bewacht, die dicke Unterjacken trugen und unter denen viele üble Hunde waren. Die Kriegsgefangenen arbeiteten unter Aufsicht in verschiedenen Zechenabschnitten, vorwiegend als Kohlenhäuer. Zwischen den in der Zeche arbeitenden Deutschen und den Kriegsgefangenen bestand ein freundschaftliches Verhältnis. Wir Gefangenen wurden häufig gequält, vor allem von fanatischen Nazis. Wenn die Nazis uns verprügelten, blieb uns nichts anderes übrig, als die Fäuste zu ballen, um zu überleben. Einige Bergmänner hielten nicht durch und begehrten auf. Sie wurden sofort getötet. Einmal pro Monat bekamen wir ein Lagergeld ausgehändigt, für das wir uns Zigaretten oder Sonnenblumenkerne kaufen konnten. Wegen der schweren Arbeit und schlechten Verpflegung besaßen viele nicht die Kraft, zur Arbeit zu gehen. Entweder starben sie einen langsamen Tod oder man schaffte sie in ein anderes Lager, in ein so genanntes Konzentrationslager. Vieles ist mir noch in Erinnerung, doch die quälenden Erinnerungen lassen einen nicht mehr los. Ich stehe noch in Verbindung mit einem anderen Kriegsgefangenen, der in Sewastopol lebt, Nikolai Udodenko. Wir schreiben uns, können uns aber nicht mehr treffen. Im Bergwerk schuftete ich bis zum 1. April 1945, bis zu meiner Befreiung durch amerikanische Truppen.

10. November 2005

[Unterschrift]

Raunstein

(Übersetzung: Gisela Niedermeyer)

19. Freitagsbrief (3.11.2006).

Wasilij Aleksandrowitsch Tschernyschow
Ukraine
Gebiet Shitomir

Guten Tag, Frau Dr. Hilde Schramm und Herr Eberhard Radczuweit,

mit Hochachtung wendet sich an Sie der ehemalige Kriegsgefangene Wasilij Aleksandrowitsch Tschernyschow. Mir ist es zu schade, dass ich Ihnen den ersten Brief nicht geschrieben habe. Ich bin Ihnen dankbar für Ihre anrührenden Briefe und für die bedeutende materielle Unterstützung. Vielen Dank für Ihre Sorgen und Ihre Sensibilität! Ich konnte zuvor nicht glauben, dass die Menschen im fernen Deutschland so viele Jahre danach sich an mich erinnern.

Jetzt bin ich 81 Jahre alt. Meine Ehefrau lebt nicht mehr. Die Tochter kümmert sich um mich. (Sie schreibt diesen Brief, weil ich schlecht sehe und höre.)

Es fällt mir sehr schwer, mich an die Vergangenheit zu erinnern. 1944 wurde ich in der Stadt Kolomyja verletzt. Ich lag bewusstlos. Als ich zu mir kam, hörte ich deutsche Sprache. Es unterhielten sich miteinander deutsche Soldaten. Mein Gott, dachte ich, ich werde getötet. Ich hatte mehrmals gehört, dass die Deutschen feindliche Soldaten, die arbeitsunfähig waren, töten. Ich wusste das im Voraus. Als ich an der Reihe war, wurde ich nicht erschossen. Ein deutscher Soldat hat mich begnadigt. Ich bin ihm für das Leben dankbar. Also geriet ich im Juni 1944 in deutsche Kriegsgefangenschaft, in die Stadt Eisenach. Mein Gott, das waren echte Leiden, wie in der Hölle. Lieber wäre ich gestorben. Das wäre besser als ein solches Leben. Wir beluden Waggons mit Kohle, fällten Bäume und transportierten Steine. Die Arbeit war sehr schwer. Wir haben ganz wenig zu Essen bekommen, Kraut und Rüben. Die ganze Zeit wollte ich essen. Der Hunger quälte mich Tag und Nacht. Ich will aber sagen, dass ich zweimal reichlich gegessen habe. Das erste Mal gab man einem Hund genug Nudeln in den Napf. Er konnte so viel nicht fressen. Ich hatte so starken Hunger. Mir war es egal. Lieber wäre ich gestorben, als diese Quälerei länger zu ertragen. Ich rannte zum Hundeteller und aß die Nudeln eilig auf. Ich wurde bemerkt. Der Soldat kam näher und machte eine Bewegung mit der Maschinenpistole. Ich fiel. Zum zweiten Mal dem Tod entgangen. Das andere Mal habe ich reichlich gegessen, als ich zwecks Arbeit zu einer Privatperson geschickt wurde. Der Herr war ein guter Mensch. Er gab genug zu Essen. Er nudelte mich und gab noch etwas zum mitnehmen. Ich habe das Essen in unserem Kreis gerecht verteilt. Ein Soldat bemerkte das und schlug mich blutig. Er schlug sehr stark. Er hätte mich fast zu Tode geprügelt. Es kam aber ein anderer Soldat und beschimpfte in seiner Sprache den Mann. Ich verstehe bisher nicht, warum der Soldat so brutal war. Ich hatte doch nur das Essen verteilt, damit jeder ein Stückchen abbekam.

Wir machten Sklavenarbeit. Wer das nicht ertrug, wurde auf der Stelle getötet. Ich hätte meinem Erzfeind ein solches Leben nicht gewünscht. Jede Minute wartete ich auf den Tod. Ich will noch eine Episode erzählen. Unser Freund bastelte einen Kompass. Das Ziel war die Flucht aus der Kriegsgefangenschaft. Als der Kompass gefunden wurde, stellte man uns in einer Reihe auf. Auf den Mann wurden Hunde losgelassen. Er wurde zerfleischt. Ich konnte das nicht ansehen und kehrte das Gesicht ab. Dafür wurde ich auf den Boden geworfen und zusammengeschlagen. Ein Deutscher sagte auf russisch: „Guck mal! Morgen wird das gleiche mit dir passieren!"

Mein Gott, ich dachte die ganze Zeit, wann ich endlich getötet werde und meine Leiden zu Ende gehen. Warum hat Gott mich so hart bestraft?! Es kam aber ein Ende. 1945 haben uns Amerikaner befreit.

Damit beende ich meinen Brief. Vielen Dank für die Achtung, die Sie mir geschenkt haben. Ich wünsche Ihnen Glück und beste Gesundheit

(Unterschrift)

20. Freitagsbrief (11.11.2006).

Georgij Fedorowitsch Olefirenko
Ukraine
Doneck

Meine sehr geehrten Damen und Herren !

Der zweite Weltkrieg begann für mich in Weißrußland, wo ich in der 55. Woroschilow-Schützendivision seit 1940 und zwar anfangs in Brest, gedient hatte, kurz vor dem Krieg aber wurden wir nach Sluzk bei Minsk umgesetzt. Das erste Gefecht nahmen wir im Bereich des 191. Kilometers der Brest- Litowsker Chaussee in der Morgendämmerung am 24. Juni 1941 entgegen... (Es folgt eine Darstellung seiner Kampfhandlungen, die ich hier ausspare. E.Radczuweit)... Einmal, nachdem ich mich ein paar Tage im dnjeprschen Schilf getarnt hatte, ging ich auf die Suche nach Essen, kam in irgendein Dorf und stolperte fast über zwei deutsche Soldaten. So geriet auch ich in die Gefangenschaft. Ich wurde dann in das im Kreis Solotonoscha und in dem ehemaligen Gebiet Poltawa befindliche Dorf Tschapajewka gebracht, wo ein provisorisches Gefangenenlager im Bereich einer der Kolchose zugehörigen Viehzuchtfarm eingerichtet war. Ein Teil des Gebiets war mit Stacheldraht umzäunt, an den Ecken befanden sich Wachtürme mit Maschinengewehren. In den ersten paar Tagen bekamen wir kein Essen, dann gab man uns jedoch jede 24 Stunden einmal gekochtes Gemüse und unbearbeitete Buchweizen- und Hirsekörner. Gut noch, dass es in jenen Tagen geregnet hatte, so dass in Pfützen genug Wasser war. In ca. 10 Tagen fing man an, uns vom Lager wegzuführen, indem man uns in 100-Mann-Kolonnen eingliederte und in 1000 Mann-Gruppen in Richtung Süden trieb. Als wir uns von dem Dorf etwas entfernt hatten, setzte im Lagerbereich eine heftige Schießerei ein, der ich in dem Moment keine Bedeutung beimaß. Während der ersten Marschpause legten einige Gefangene ein kleines, rein symbolisches Lagerfeuer an. Ein deutscher Offizier kam sofort auf sie zugeritten und fing an ganz laut zu sprechen, auf das Feuer deutend. Man konnte ihn natürlich nicht verstehen. Dann zog er seine „Parabellum“ aus der Waffentasche heraus und schoß damit einem der am Feuer sitzenden Gefangenen in den Kopf. Das Feuer wurde sofort ausgemacht. Ein Kommando ertönte und man fing an, uns wieder in Kolonnen einzugliedern. In dem Moment bewegte sich der Verwundete und stöhnte. Ein deutscher Soldat kam auf ihn zu und schoß ihn mit seinem Gewehr tot. Da wurde mir ja klar, was die Schießerei im verlassenen Lager bedeutete. Diejenigen, die nicht mitlaufen konnten – Verwundete, Kranke und Schwache – erschoß man auf der Stelle. Wie viele davon auf dem Marsch bis zur Stadt Kirowograd liegen geblieben sind... Als wir dort ankamen, hatten sich bereits harte Fröste eingestellt.

Am Anfang des Weges kam mir Unglaubliches dazwischen: am zweiten oder dritten Marschtag rief mich ein deutscher Offizier, der das Kommando über die unsere Kolonne bewachenden Soldaten führte. Hierzu muss ich sagen, dass ich Angst bekam. Er wartete schweigend, bis der Verpflegungstroß kam, ging an einen Wagen, hob die Plane hoch, nahm ein Weißbrot heraus, schnitt die Hälfte (ein Kilo in etwa) davon ab und gab es mir. Ich dankte ihm und wollte los, meine Kolonne einzuholen. Er machte mir dagegen ein Zeichen: du sollst hier essen. So ging ich neben ihm her, riß kleine Stückchen vom Brot ab und aß es. Ehe ich begreifen konnte, was überhaupt passierte, war mein Brot alle. Obwohl seither bereits 64 Jahre vergangen sind, kann ich mich noch immer an jenes Vergnügen, welches mir damals vergönnt war, wie ich da vom Brot aß, erinnern. Ich konnte nicht verstehen, warum er es getan hatte. Ein andermal aber gab er mir (wieder) irgendetwas von den Lebensmitteln ab und bemerkte, dass ich seinem jüngeren Bruder, der ebenfalls an der Ostfront war, ähnlich sei. Dieser Offizier hieß mit Nachnamen Opel. Er war Kommandeur eines aus 75-mm- Kanonen bestehenden Zuges der Regimentsbatterie. Ein anderer Kommandeur war ein Offizier namens Kaiser. Das Regiment, dem die beiden angehörten, möglicherweise war es auch eine ganze Division, bewachte die Gefangenen. Anfang Dezember 1941 brachte man uns nach Kirowograd und ordnete uns dort den Lagern zu. Ich geriet in das im Stadtgefängnis eingerichtete Lager. Die ("alten“) Gefangenen erzählten uns, dass, kurz bevor wir ins Lager kamen, die Deutschen nach Juden oder Politoffizieren (diese hatten spezielle Ärmelmarken) aussehende Personen aussortiert, diese bis auf die Unterwäsche ausziehen ließen und mit kaltem Wasser aus den Schläuchen begossen hatten, bis sie erfroren. Ich persönlich aber hatte es nicht gesehen.

In der ehemaligen Sowjetunion mußte ich die Umstände meiner Gefangenschaft geheim halten.

Vor ca. 10 Jahren hatte ich die Suche nach Opel oder seinen Verwandten aufgenommen. Zweimal schrieb ich an den Rundfunksender Deutsche Welle, an die deutsche Botschaft in Kiew, an den Rat der Kriegsveteranen in Bonn und an die Regionalfiliale des Roten Kreuzes in Donezk. Leider antwortete mir keiner. Schade! An meinem Lebensabend wollte ich mich bei Opel oder seinen Verwandten für seine Menschlichkeit und all das Gutebedanken, was er für mich getan hatte.

Am 24. Mai 2005

(Unterschrift)

(Olefirenko Georgij Fedorowitsch)

(Übersetzung: Irina Berndt)

21. Freitagsbrief (17.11.2006).

Brief von L. Onischtschenko (Ukraine) (Anmerkung des Übersetzers: Unterschrieben ist der Brief mit Jakow Maksimowitsch)

Sehr geehrte Dr. Hilde Schramm und Eberhard Radczuweit,

Ich möchte Ihnen für die erwiesene Hilfe danken. Auch wenn sie vielleicht nicht so hoch ist, so ist es doch angenehm zu erkennen, dass man auch in Deutschland von den sowjetischen Kriegsgefangenen weiß, die wie auch viele andere Gefangene ein schweres Leben hinter Stacheldraht hatten. Hunger, Krankheiten nahmen vielen unserer Leute das Leben, aber ich hatte das Glück, am Leben zu bleiben. Das verdanke ich weitgehend einem deutschen Arbeiter namens Max, der uns heimlich belegte Brotschnitten zukommen ließ, wobei er mit seinem Blick auf die Stellen wies, an die er das Brot gelegt hatte. Sehr häufig erinnere ich mich an seine heldenhafte Tat, für die ich ihm zutiefst dankbar bin. Aus meinem Kopf geht nicht ein tragischer Tag aus jenen tragischen Jahren. Die Stadt und die Fabrik wurden sehr häufig von den amerikanischen viermotorigen Festungen bombardiert. In dieser Zeit versteckten wir uns in einem Luftschutzbunker, der aus zwei Abteilungen bestand. In den einen liefen die deutschen Arbeiter, wir gingen in den anderen. An einem dieser Tage waren 18jährige Schüler und ihre Lehrer der werkseigenen Schule zum Praktikum. Diese Kinder gingen jeden Tag in Zweierreihen an den Fenstern der Werkstatt vorbei, in der ich arbeitete. Die Bomberflugzeuge näherten sich, alle liefen in den Luftschutzbunker und die Kinder ebenso. Und plötzlich wurde der Bunker mit fürchterlicher Kraft getroffen, so als ob er sich etwas in die Luft erhob und stürzte dann zusammen. Unter ihn fiel und explodierte eine dicke Bombe. Das, was man anschließend erblicken musste, war fürchterlich. Die Nachbarabteilung war völlig zerstört, dort starben auch alle Kinder. In meinem Bunkerteil überlebte auch nur die Hälfte der Insassen, eine Hälfte kam durch Rauch und Splitter um. Diese Kinder blieben bis heute in meinem Gedächtnis. Ich möchte den Eltern dieser Kinder meine tiefe Anteilnahme aussprechen. Noch einmal möchte ich Ihnen und Ihrer Gesellschaft für Ihre wohltätige Arbeit danken, der Sie sich widmen, Menschen, die uns Hilfe zukommen ließen, die noch wertvoller in moralischer als in materieller Hinsicht ist.

Ich bin 86 Jahre alt. Ich lebe mit meiner Ehefrau. Ich habe zwei Töchter, fünf Enkel, drei Urenkel. Aufrichtig wünsche ich ihnen eine helle, friedliche Zukunft so wie allen auf dieser Erde Lebenden.

Mit freundlichen Grüßen an Sie und den besten Wünschen

Jakow Maksimowitsch

Ukraine, 2005.

(Übersetzung: Harald Vieth)

22. Freitagsbrief (24.11.2006).

Anatolij Iwanowitsch Borochow
Ukraine
Gebiet Dnepropetrowsk Nikopol'

Sehr geehrte Hilde Schramm und Eberhard Radczuweit,

Ich habe von Ihnen einen Brief mit Gesundheitswünschen bekommen. Ich wünsche Ihnen auch eine gute Gesundheit. Ich habe zudem Ihre humanitäre Hilfe in Höhe von 300 Euro erhalten, die von den Bürgern Ihres Landes gesammelt wurde. Ich danke Ihnen dafür. Sie bitten mich, über meine Gefühle während des Aufenthaltes in Deutschland zu schreiben, und auch über mein jetziges Leben? Ich werde es tun, da ich von diesen Erlebnissen bis heute träume und sie nie loswerde. Ich habe am 19. Juni 1941 meine Schulausbildung abgeschlossen,(10. Klasse), also 3 Tage vor dem Kriegsanfang. Der Krieg fängt an, und wohin kann ich studieren gehen? Ich musste eine Arbeit suchen, um mich irgendwie zu versorgen. Ich wohnte nur bei meiner Oma. Ich hatte sonst niemanden mehr: keinen Vater, keine Mutter. In dem Jahr, als ich 18 Jahre alt wurde (geboren am 26. April 24), wurde ich in die Armee einberufen. Zu der Zeit lebte ich in Turkmenien (das war eine der Sowjetrepubliken). Man schickte mich auf eine Militärschule. Die Ausbildung war kurz, und alle gingen schnell an die Front, die Front brauchte Soldaten. Ich habe eine Infanterieschule mit Auszeichnung absolviert und bekam den Rang eines Leutnants. An der Front musste ich als Kommandeur einer Maschinengewehrabteilung tätig werden. Die Front verlief zu der Zeit südlich von Rostov-am-Don und in der Nähe von Belgorod (das ist nicht weit von Moskau). Bald kam es zu schweren Kämpfen in diesen Gebieten. Der Feind wollte bis 1943 Moskau erobern. Aber wie es sich herausstellte, wurde er in wenigen Tagen zerschlagen. Damals war ich mit meiner Abteilung nicht weit von Rostov-am-Don. Die Militärführung beschloss, unsere Einheit mit der Nachtaufklärung zu beauftragen. Wir gingen um Mitternacht los, haben uns an der Karte orientiert und verfolgten unsere Route, aber offensichtlich hatten wir etwas falsch gemacht. Am Morgen wurden wir eingeschlossen und die Schlacht begann. Es stellte sich heraus, dass wir nachts sehr nah an die Positionen des Feindes kamen und eingeschlossen wurden. Wir erhielten keine Hilfe von Seiten der Kerndivision. Viele Soldaten kamen in dieser Schlacht um. Wir haben unsere Munition aufgebraucht und konnten nichts mehr tun. Und dann kam – unerwartet für alle Überlebenden – die Gefangenschaft. Das passierte am 6. September 1943 20 km von Stalino (heute Donezk) entfernt. Wir wurden durch die ganze Ukraine getrieben, in Richtung Wosnesensk (Gebiet Nikolaev). Dabei wurden wir nicht versorgt. Ich danke den ukrainischen Frauen, die unserer Gefangenenkolonne das Essen zuwarfen. Feindliche Soldaten haben jene, die das Brot aufzuheben versuchten, mit den Gewehrkolben geschlagen. Wir gingen ca. 700 km bis Wosnesensk. Das Gefangenenlager war sehr groß. Die Soldaten wurden jeden Tag zur Arbeit geschickt, wir Offiziere dagegen nicht – die Deutschen hatten Angst vor uns.

Wir bekamen sehr schlechtes Essen – Abfall von den Schlachthöfen, Blut mit Müll, ungekochten Mais, ungeschälte Hirse. Wir hatten seit mehreren Tagen kein Brot mehr gesehen. Es sprach sich herum, dass die Deutschen uns zur Zwangsarbeit nach Deutschland schicken wollten. In diesem Lager waren wir bis zum 27. Januar 1944. Man brachte uns zu einer Station, zu den Waggons. Uns wurden Handschellen angelegt – einen am linken Arm, einen am rechten, damit wir nicht fliehen konnten. Wir wurden so zusammengepfercht – man konnte kaum sitzen. Für alle gab es nur ein paar Futterkuchen aus Sonnenblumen und kein Wasser. Wir haben das aufgegessen, und hatten nichts zum Trinken. Alle Gefangenen waren voller Läuse. Während der Fahrt sitzen sie still, aber wenn der Zug anhält, da beginnen sie zu beißen. Man konnte sich nicht einmal ordentlich kratzen – wir wurden ja mit anderen Gefangenen in Paaren zusammengefesselt. Wohin fahren sie uns nur? Am 7. Februar 1944 kamen wir in Czestochowa (Polen) an. Am 25. Februar erkrankte ich an Flecktyphus. Unsere Mitgefangenen haben mich zu einer Baracke gebracht, wo schon andere an Typhus erkrankte waren. Medizinische Hilfe bekamen wir nicht. Wer einen starken Organismus hatte, überlebte, die Schwachen starben. Ich war sehr schwach. Bis zu meiner Etappierung nach Deutschland war ich krank, also bis zum 8. Mai 1944. In dieser Zeit wurde ich 20 Jahre alt. Am 12. Mai 44 kamen wir nach Deutschland, nach Dümmer (das ist in Norddeutschland). Jeden Tag mussten wir im Sumpf Entwässerungskanäle graben. Unsere Schuhe nahmen sie uns weg und gaben stattdessen Holzpantoffeln. Wir arbeiteten von morgens bis zum späten Abend im kalten Wasser. Und dazu regnete es noch oft in der Gegend. Uns wurde nicht erlaubt, sich vor dem Regen zu schützen. Zum Essen gab man uns Balanda – Viehfutter, mit Wasser verdünnt. Man musste jeden Tag eine Norm erfüllen, die über alle menschlichen Kräfte ging, sonst – Karzer. Am 28. September 44 wurden wir in eine unbekannte Richtung weggefahren. Es stellte sich heraus, dass wir in ein Konzentrationslager kamen. Es befand sich im Harz, Station Rübeland. Wir arbeiteten in einem Werk, wo man Kalk aus Quarzit gewann. Nicht weit vom Werk befand sich ein Steinbruch, wo Quarzit gewonnen wurde. Ich musste im Steinbruch arbeiten. Zuerst wurde der Stein gesprengt, das machten die Deutschen. Die großen Stücke sollten dann mit dem Hammer zerschlagen und auf die Loren (je 1 Tonne) geladen werden. Die Norm – 10 Loren – war für die Gefangenen übermenschlich. Die Arbeiter konnten nur sehr selten diese Norm erfüllen, wofür sie dann gleich in einen kalten, nassen Karzer kamen. Meine Kräfte schwanden mit jedem Tag, ich war so schwach. Bald schickte man mich zu den Öfen. Man sollte die Öfen mit Quarzit beladen oder daraus fertige Kalkblöcke herausnehmen. Als wir im Werk ankamen, befahl man uns: „Mäntel raus!“ In der Mittagspause brachte man uns Balanda. Ich habe mich einmal zu spät in die Reihe gestellt. Wir wurden von den Deutschen beobachtet, damit niemand flieht. Ich rannte zu spät zu meiner Reihe, dann sah ich, dass dort der Kommandant des Lagers mit einem großen Schäferhund stand. Er gab ihm einen Befehl, und der Hund warf mich zu Boden und begann, mich in die Beine, in die Arme und in den Rücken zu beißen. Ich habe mein Gesicht mit den Händen verdeckt, wobei mein ganzer Körper ungeschützt blieb. Der Kommandant hat den Hund von mir weggezogen, aber ich blieb im Schock liegen. Mein Körper war mit Blut überströmt. Ich hörte den Befehl: „Arbeiten!“ Mein Vorgesetzter dachte, dass ich fliehen wollte. Alle Gefangenen gehen an ihre Arbeitsplätze, und mich schüttelt es nur. Der Meister schreit – „arbeiten!“, und ich kann nicht. Meine Mitgefangenen sagten ihm, dass ich gebissen wurde und nicht arbeiten kann, sie werden für mich arbeiten. Mit ihrer Hilfe konnte ich mich aufrichten, und meine Pantoffeln waren gleich voller Blut. In der Nacht bekam ich Fieber, habe die ganze Nacht nicht geschlafen. Am Morgen stand ich in der Reihe mit den Kranken. Vor Arbeitsbeginn hat der Kommandant alle Kranken nacheinander ins Gesicht geschlagen und befohlen, zur Arbeit zu gehen. Mich hat er erkannt und ins Revier geschickt. Der Anblick meines geschwollenen Beins hat ihn überzeugt, dass ich kein Simulant sei. Ich wurde ins Revier verlegt. Der Lagerarzt – ein Chirurg, auch ein Kriegsgefangener (er war Major), versuchte mich zu retten. Er sagte, es ginge nicht ohne Operation und er brauchte ein Betäubungsmittel. Das Unglück mit mir passierte am 3. November 1944, ich war ja nur 20 Jahre alt! Der Arzt fand schließlich ein Betäubungsmittel – Chlorethyl. In drei Tagen war mein Bein aufgedunsen, die Geschwüre breiteten sich aus, eine Blutvergiftung. Der Arzt sagte, er habe jetzt den Skalpell und die Betäubung gefunden. Die Operation unter Lagerbedingungen begann. Auf mein Gesicht hat man mir ein Stück Mull gelegt, ich sollte tief einatmen...Ein furchtbarer Schmerz durchdrang mich plötzlich, ich verlor das Bewusstsein. Als ich aufwachte, sah ich, welch große Menge Eiter sich in der Wunde angesammelt hatte. Mein Bein war schon verbunden. Am nächsten Tag wurde mir ein neuer Verband angelegt. Der Arzt hat aus meiner ca. 10 cm großen Wunde 1,5 Verbandsmaterial gezogen. Meine Wunde heilte nur sehr langsam... Der Tag der Befreiung nahte. Alle Gefangenen waren bis auf die Knochen abgemagert. Wir wurden am 18. April 1945 von den Amerikanern befreit. (Diese Erinnerungen konnte ich nur aufschreiben, weil ich damals ein geheimes Tagebuch führte).

Die Sowjetmacht hat all unsere Rechte wiederhergestellt: Unsere Position in der Armee wurde uns zurückgegeben, wir bekamen Geld für die Heimreise, Lebensmittelkarten. Ich schrieb einen Brief in die Heimat, damit alle wüssten, dass ich lebe und gesund bin. Auf dem Weg kam ich am Haus meines Retters, dem Arzt, in Rostow-am-Don vorbei. Seine Nachbarn sagten, dass er mit der Mutter nach Moskau umgezogen sei. Dabei war ich ja in Moskau, aber wir konnten uns nicht treffen. Später habe ich mich bei ihm nochmal für alles bedankt, ich besuchte ihn mit meiner Frau und den Kindern. Ich sollte mir eine Arbeit suchen, aber wo? Ich bekam eine Stelle als Gehilfe eines Buchhalters und begann, die Buchhaltung gründlich zu studieren. Meine Gesundheit war infolge der Gefangenschaft sehr schlecht. Ich habe keine Unis absolviert, aber was meine Kenntnisse betraf, konnte ich es mit jedem aufnehmen. Bald war ich schon Oberbuchhalter und erfüllte praktisch die Pflichten eines Hauptbuchhalters. Das Wichtigste in meinem Leben war, dass meine Geliebte auf mich gewartet hat; sie hatte daran geglaubt, dass ich aus der Ungewissheit zurückkommen würde. Wie gründeten eine sehr gute Familie. Mit meiner Frau bin ich schon seit 54 Jahren zusammen. Ich habe immer die Musik geliebt, spielte bei einem Orchester der Volksinstrumente mit. Wir sind noch vor dem Krieg oft in einem Park vor Publikum aufgetreten. Nach dem Krieg beschloss ich, das mit dem Orchester wieder aufzunehmen. Bald hatte ich schon ein Orchester von 47 Leuten. Wir traten bei allen Festivals auf und waren in ganz Turkmenistan bekannt. In diese Republik war ich aus familiären Gründen gekommen. Im Jahre 1962 zogen wir nach Nikopol' um (das ist die Stadt der ukrainischen Kosaken, mein Großvater war ein Kosak). Hier, in Nikopol', habe ich mein Schicksal wieder mit dem Orchester der Volksinstrumente verknüpft. Jetzt schreibe ich die Lieder für das Orchester und die Solisten zu Hause, da meine Gesundheit nicht so gut ist. Also habe ich keine Langeweile. Ich bitte Gott, dass er mich auf dieser Welt noch eine Weile leben lässt! Ach ja, ich habe noch vergessen, wie ich in Turkmenistan kleine elektrische Windanlagen baute. In der Stadt gab es große Probleme mit dem Strom, aber ich hatte zu Hause immer elektrisches Licht. Ich habe mich nie ausgeruht, wollte immer etwas Nützliches machen. Jetzt haben wir in der Ukraine einen neuen Präsidenten – Viktor Juschtschenko. Er ist jung und kann viel für die Ukraine tun. Wir glauben an den Präsidenten und unterstützen ihn. Mir ist immer alles gut gelungen, gelingt es auch heute. Mein Leben ist bald zu Ende, aber eine Sache ist mir noch nicht gelungen – eine Entschädigung von der deutschen Seite für meinen Aufenthalt im KZ in Rübeland zu bekommen. Ich habe noch 1993-1996 an die folgende Adresse geschrieben: Deutschland, Bad Arolsen, Grosse Allee 5-9, 34444. Ich habe zweimal eine Antwort bekommen. Man schrieb mir, dass sie dort 17 Kilometer Material mit den Adressen hätten, aber meine Adresse wäre da nicht drin. Man versprach, mich später über den Stand der Dinge zu informieren, aber es blieb bei dem Versprechen. Und dabei brauche ich eine Bestätigung, dass ich in diesem KZ inhaftiert war. Hier, in Kiew, wissen sie nichts über die Existenz eines solchen Lagers im Harz. Ich habe ihnen meine Lagernummer (196) mitgeteilt. Ich habe im Januar-Dezember 2004 noch zwei Briefe an die oben genannte Adresse geschrieben, und noch zwei (zusammen mit diesem Brief an Sie). Könnten Sie mir bei dieser Angelegenheit helfen?

Mein Name: Borochow Anatolij Iwanowitsch, meine Adresse befindet sich auf dem Umschlag.

Mein Rat in Bezug auf den Weltfrieden: Hitler hat ja gesagt, dass die arische Rasse die beste sei, dass Deutschland über alles und allen stehe. Dabei sind doch alle Nationen würdig, und man sollte Frieden für alle schaffen. Wie steht es jetzt in Europa um den Frieden? Wunderbar! Sie haben eine gemeinsame Währung und können so einfach in andere Länder reisen. Ich glaube, ich habe all Ihre Fragen mehr oder weniger ausführlich beantwortet. Vielen Dank für Ihr Geld (300 Euro), allerdings ist es nicht genug, da ich sehr viel Geld für die Arzneimittel ausgebe. Wenn ich nur eine Entschädigung aus Deutschland bekommen könnte!?

Ich wünsche Ihnen noch mal gute Gesundheit! Und so, „auf Wiedersehen!"

3. März 2005, Nikopol'

Ich habe in der Schule immer eine Note „1“ im Fach Deutsch gehabt.

"Ich hade fiel Deutschwort gefergese.“ (Im Original geschrieben, der Übersetzer) Und, natürlich, habe ich die Rechtschreibung ganz vergessen.

23. Freitagsbrief (1.12.2006).

1. Brief

Jakow Nikitowitsch Shmajew
Ukraine
Gebiet Saporoshje

Guten Tag, sehr geehrte Mitglieder von KONTAKTE,

als ich Ihren Brief erhielt, habe ich mich sehr darüber gefreut. Mit nassen Augen las ich Ihren Brief.

Es kommt gerade die Zeit, meine Erinnerungen zu schildern. Genau gesagt, will ich meine Meinung sagen. Über meine Jahren hinter Stacheldraht werde ich nicht berichten. Sie wissen ja Bescheid, wie es uns damals erging. Das war schwer. Ich will sagen, dass ich Deutsche kennen gelernt habe, die Mitleid mit uns hatten. Sie waren mit der Vorherrschaft des Naziregimes nicht einverstanden. Ich werde über einen Fabrikbesitzer schreiben. Ich habe in seinem Betrieb als Kriegsgefangener drei Jahre lang gearbeitet. Die Fabrik befand sich in Wriezen. Der Mann hieß Karl Wolf. Er hat uns aus dem Lager abgeholt. Um uns einen Übernachtungsplatz anzubieten, machte er eine Lagerhalle frei. In diesem Gebäude wurden die Räume für die Wächter und für uns ausgestattet. Wir hatten einen Ofen und sogar eine Badewanne gehabt. Wir durften soviel Briketts nehmen, wie wir uns wünschten. Nach der Arbeit konnten wir uns und unsere Kleidung waschen. Am nächsten Tag gingen wir sauber und gepflegt zur Arbeit. Es gab auch eine Küche. Wir hatten einen Gefangenen zum Koch ernannt. Er bereitete für uns das Essen zu. Wir lebten in einem separaten Hof, mit Stacheldraht umzäunt. Die Bewachung schickte uns zur Arbeit. Am Wochenende haben wir Auswärtseinsätze gehabt. Wir fuhren mit LKWs zum Bauernhof. Dort ernteten wir Kartoffeln. Als Gegenleistung kochte der Bauer ein reichliches Mittagsessen. Wir aßen soviel wir wollten. Wir konnten zwei Eimer Kartoffeln pro Person mitnehmen. Wir brachten alles in die Fabrik. Das war ein gutes Zusatzessen. Jedes Jahr schenkte die Ehefrau des Chefs uns zu Weihnachten am 25. Dezember Sauerkraut, 25 Gr. Margarine und ein Stück Brot für jeden Gefangenen. Dafür waren wir außenordentlich dankbar. Wir wünschten der barmherzigen Frau beste Gesundheit und ein langes Leben. Auch die deutschen Arbeiter haben uns mit Respekt behandelt. Sie brachten viel Mitleid und Liebe auf. Ich bin dafür dem deutschen Volk dankbar. Als ich 300 Euro erhielt, habe ich mich sehr gefreut. Ich kann tausend Mal „Danke“ sagen. Ich bin Rentner. Die ukrainische Rente ist sehr klein. Ich habe eine Bitte. Können Sie sich an die Bewohner der Stadt Wriezen wenden? Karl Wolf lebt bestimmt nicht mehr. Er hat aber Nachkömmlinge. Vielleicht wollten sie sich mit mir in Verbindung setzen? Ich glaube, es wäre gegenseitig interessant. Vielen, vielen Dank, liebe KONTAKTE-Mitglieder! Mit Hochachtung und besten Wünsche

Shmajew Ja. N.

Berdjansk, den 12.09.2005

2. Brief

Guten Tag, liebe Mitarbeiter von KONTAKTE, ich habe Ihren Brief dankend erhalten. Sie schreiben, dass Sie dem Bürgermeister von Wriezen schreiben wollen. Vielen Dank! Sie stellen die Fragen über die Fabrik. Sie war relativ klein. Unser Arbeitskommando bestand aus 50 Personen. In der Fabrik war Kriegsproduktion. Es wurden unter anderem Artilleriegeschosse hergestellt, die entsprechenderweise auf der Drehbank mit dem Einsatz der Messgeräte bearbeitet wurden. Danach lieferte man die Geschosse ab. Später wurde diese Produktion eingestellt. Wir produzierten danach einige Teile in Form eines Glases, die ebenfalls gemessen und bearbeitet wurden. Die Front rückte zur Oder vor. Es gab keine Kriegsproduktion mehr. Es kam die Kriegstechnik zur Reparatur. Ein Teil der Kriegsgefangenen blieb im Werk und beschäftigte sich mit Reparaturarbeiten. Die restlichen wurden in die Stadt getrieben, wo sie Schutzgräben gruben, Befestigungsstellen bauten und Säcke mit Sand auf Anweisungen der Offiziere schleppten. Wir haben mit den deutschen Arbeiter zusammengearbeitet. Am Anfang des Arbeitstages gab es eine obligatorische beiderseitige Begrüßung. Wir haben uns die Hände gegeben. Es kam zum Gespräch. Die Arbeiter sagten, dass zu Wilhelms Zeit in der Stadt die Betriebe besser funktionierten. Ich weiß aber nicht, welche Betriebe gemeint waren. Wir sammelten Kartoffeln bei den Bauern. Ich kann nicht sagen, wie sie hießen. Das ist vielleicht heute nicht so wichtig, weil die Bauern auch zu Kriegszeit im hohen Alter waren. Sie leben vielleicht nicht mehr. Sie haben geschrieben, dass mein Brief sich von den anderen unterscheidet. Sie haben recht. Als wir im Lager waren und zur Arbeit geführt wurden, haben wir die Strenge auf eigenem Rücken gespürt. Als der Fabrikbesitzer uns abgeholt hat, hat er uns auf dem Fabrikgelände untergebracht und menschliche Lebensbedingungen geschaffen. Das Leben wurde wesentlich besser. (…) Wir befanden uns in Wriezen bis 14.April 1945. Die Wächter haben uns empfohlen, Besteck mitzunehmen. Wir marschierten Richtung Westen. Nachts wurden wir im Bauernstall eingesperrt. Am Morgen hieß es wieder los. Wir marschierten bis zum 12. Mai. An diesem Tag waren in den Fenstern weiße Fahne zu sehen. Der Krieg war zu Ende. Nach der Rückkehr haben wir gesehen, dass zu Hause vieles verbrannt und zerstört war. Wir haben gearbeitet. Ich heiratete, kaufte ein Grundstück und baute ein Haus. Als die Kinder zur Welt kamen, haben wir ein größeres Haus gebaut. Die Kinder sind groß geworden. Sie arbeiten und haben eigene Familien. Wir sind Rentner.

Auf Wiedersehen Ich wünsche Ihnen beste Gesundheit, viel Glück und ein langes Leben.

Jakow Nikitowitsch Shmajew

24. Freitagsbrief (8.12.2006).

Liebe Leserinnen und Leser, ein Nachtrag zum 23. Freitagsbrief: Wir haben recherchiert, der genannte Firmeninhaber in Wrietzen hieß Carl Wulff, er starb in Westdeutschland. Die Adresse seines Sohnes ist nicht zu ermitteln.

Die folgenden beiden Briefe eines schwer traumatisierten ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen, der sich zuerst vergeblich an eine der Partnerorganisationen der Bundesstiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ wandte, erhielten wir erst gestern. E.Radczuweit

Iwan J. Kljuj
Ukraine
Gebiet Tschernigow

An den Vorsitzenden des ukrainischen nationalen Fonds „Verständigung und Aussöhnung“ vom Kljuj Iwan Jewtichjewitsch, Gebiet Tschernigow

Erklärung

Ich, Iwan Jewtichjewitsch Kljuj, wurde im Mai 1942 gefangen genommen. Nach zwei Monaten wurden wir nach Halle transportiert, nach weiteren 2 Monaten nach Leipzig. In Leipzig kamen wir in ein Gefangenenlager, wo ich in Holzbaracken ohne jegliche Heizung ein elendes Dasein fristete. Das Lager wurde von SS-Offizieren* mit Hunden bewacht und mit zwei Reihen Stacheldraht umzäunt.

Essen gab es zweimal pro Tag: 150-200 Gramm schlechtes Brot und Steckrübensuppe (Teller von ca. 150 Gramm). Täglich waren wir verschiedenen Misshandlungen ausgesetzt. Die zum Tode Geschlagenen oder sogar noch halb Lebendigen wurden nackt am Rande eines deutschen Friedhofes begraben. Zur Arbeit wurden wir in Gruppen von 10-12 Mann unter ständiger Bewachung abgeführt. Dort haben wir 18 Stunden am Tag Gräben gezogen, in denen dann Wasserleitungen verlegt wurden und andere Arbeiten ausgeführt. Täglich wurden 10-25 Verstorbenen oder noch halb Lebendige vergraben und die Erde rührte sich. Kljuj Noch dazu: Befreit wurde ich von den russischen und polnischen Truppen am 1. Mai 1945. (*es war keine SS, sondern Wehrmachtsangehörige, E. Ra.)

Iwan Jewtechowitsch Kljuj
Ukraine
Gebiet Tschernigow

Guten Tag, liebe Kinder, Frau Dr. Hilde Schramm und Herr Eberhard Radczuweit,

vielen Dank für Ihre moralische und materielle Unterstützung! Ich bin sehr aufgeregt. In Deutschland leben so gute und herzliche Menschen, denen das Schicksal der Soldaten nicht gleichgültig ist. Ich bitte um Entschuldigung für die verspätete Antwort auf Ihren Brief. Vielen Dank für Ihre Protestaktionen in Bezug auf Ihre Regierung. Überall in der Welt gibt es solche gefühllose Menschen. Die Vergangenheit darf sich nie wiederholen. Ich wünsche Ihnen beste Gesundheit, Mut und Willenstärke im Kampf gegen die gefühllosen Menschen. Sie versuchen doch, Ihrer Regierung etwas beizubringen. Sie bleibt aber taub. Sie bitten um Unterstützung. Sie will es nicht sehen und guckt weg. Sie dreht das Gesicht ab. Gott sieht alles. Einmal werden sie Gott um Hilfe bitten. Er wird genauso nicht zuhören. Wir sind alle Gottes Kinder und müssen auf dieser Erde im Frieden und guten Beziehungen mit dem eigenem Gewissen leben. Dann wird unsere Seele immer ruhig. Möge Gott das deutsche Volk und die deutschen Soldaten segnen, die auf Ihre Bitte um Hilfe für die Russen, die damals in Deutschland waren, reagiert haben. Mir ist sehr froh und angenehm zu wissen, dass dank solcher Menschen wie Sie diese Welt besser geworden ist. Ich möchte den deutschen Soldaten folgendes sagen: „Macht Ihr Euch keine Selbstvorwürfe mehr wegen des Vergangenen! Damals war der Krieg. Ihr musstet Befehle der Vorgesetzten und Kommandeure durchführen. Ihr sollt künftig den Machtantritt solcher Menschen wie Hitler und seiner ihm Gefolgten einfach nicht zulassen. Kämpft für den Frieden in Eurem Land. Wenn jeder Mensch es so machen wird, werden in unserer Welt keine Kriege mehr passieren."

Mir ist es unmöglich schmerzhaft, mich an das Erlebte in deutscher Kriegsgefangenschaft zu erinnern. Verzeihen Sie mir bitte, ich werde nur eine einzige Episode schildern. Bis heute habe ich eine Narbe auf der Brust. Das ist die Spur vom eisernen Nummerschild, das mir ein deutscher Soldat in unmenschlicher Wut mit dem Maschinenpistolenkolben in die Brust reingeschlagen hat. Möge ihm dies unser Herr verzeihen. Die Leiden, die ich in Kriegsgefangenschaft erlebt habe, sind unbeschreiblich. Das liegt wirklich über meinenn Kräfte, mich daran zu erinnern. Ich umarme Sie und drücke Sie an meine Brust. Gott behüte Sie und schenke Ihnen ein langes Leben.

Schreiben Sie mir bitte, ich werde mich über Ihre Briefe sehr freuen. Ihr Brief brachte mir eine Erleichterung wie eine Wundersalbe. Mir ist sehr bitter, dass auch das deutsche Volk das erlebt hat. Die Menschen alleine sind unschuldig. Ich bin seit drei Jahren verwitwet. Kommen Sie bitte zu mir zu Gast, wenn es möglich ist. Ich würde mich über unsere Kommunikation sehr freuen. Mit Hochachtung I. Je. Kljuj, russischer Soldat

Meine Adresse: (wie oben)

Hier ist ein Foto. Damals war ich noch jung. Am 10. August habe ich mein 86. Geburtstag gefeiert.

17.11.2006

25. Freitagsbrief (15.12.2006).

Jakow Wladimirowitsch Doroshkin
Russland
Brjansk

Ich begrüße Sie, meine liebvollen Freunde und Gutmachende!

Ich verbeuge mich und bedanke mich für Ihre Hilfe, die Sie für mich organisiert haben. Hauptsache, diese Hilfe kam ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als ich dringend hilfsbedürftig war. Ich brauchte Medikamente. Die sind teuer. Selbst hätte ich sie kaufen können. Vielen Dank! Ich habe von Ihnen keinen Eurobetrag, sondern 10 072 Rubel erhalten. Jetzt wird meine Behandlung fortgesetzt.

Sie haben mich um die Beschreibung meines Daseins gebeten. Mein Leben war nicht leicht. Im Alter von 18 Jahren geriet ich schon an die vordere Frontlinie. Das passierte also am 22. Juni 1941. Zusammen mit den anderen Soldaten habe ich die Grenze meiner Heimat verteidigt. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits ein Offizier, Stellvertretender Kompaniekommandeur. Als der Kommandeur getötet wurde, das passierte am 29. Juni 1941 bei der Verteidigung von Bialostok, wurde ich zum Kompaniekommandeur ernannt. Damals war ich 18,5 Jahre alt. Das waren schwerste Tage. Am 20. Juli 1941 wurde ich verletzt und gequetscht. Man lieferte mich ins Feldspital ein. Am 23. Juli wurde das Spital von deutschen Truppen umzingelt. Ich wurde gefangengenommen.

Im Spital blieben wir etwa einen Monat eingesperrt. Am 23. August wurden wir ehemalige Offiziere (ein Oberst, zwei Oberstleutnants, zwei Hauptmänner und ich als Leutnant) unter Bewachung der SS-Soldaten nach Deutschland transportiert und im Lager 326 VI K (Stalag Senne bei Bielefeld) untergebracht. Wir Kommandeure wurden in eine entfernte Baracke unter besonderer SS-Kontrolle untergebracht. Es gab schrecklichen Hunger. Außerdem wurden wir oft zusammengeschlagen. Wir wussten selbst nicht, aus welchem Grund. Am 15. September 1941 wurden wir Offiziere zu einem Steinbruch getrieben. Eine sehr schwere Arbeit. Für mich als Schwerverletzten war sie einfach unerträglich. Am 28. Dezember 1941 konnte ich meine Aufgabe nicht erledigen. Ich musste zwei schwere Steine tragen. Ich wurde zusammengeschlagen und verlor das Bewusstsein. Erst am nächsten Tag kam ich wieder zu Sinnen. Meine mit gefangenen Kameraden brachten mich unter Bewachung zurück ins Lager 326 VI K. Dort durfte ich im Lagerlazarett bleiben. Hier blieb ich bis zum 10. Februar 1942. Das Leben hing an einem Zwirnfaden. Mir hat ein Gefreiter geholfen zu überleben. Er sprach gut Russisch. Er erfuhr über mein Leben, über meine Jugend und half mir ab und zu. Mal brachte er ein Brot, mal einige Kartoffeln. Mir ging es schon besser. Am 2. März ist es ihm gelungen, mich zusammen mit der Gruppe der Kriegsgefangenen zu einem Bauern zu schicken. Ich erinnere mich heute an diesen Mann und bitte Gott, ihm ein langes Leben zu schenken. Er konnte mich den SS-Händen abringen. Zuerst wurden wir zum Bauern zur Arbeit geführt. Im August wurden wir ins Lager von Genke Maier überwiesen. Er war ein guter Mensch. Seine Ehefrau war sehr gut. Sie hat mich auch oft gerettet. Der Bauer, bei dem ich gearbeitet habe, namens Friedrich Engels, gab mir kein Essen. Das Essen brachte die Frau von Genke Maier. Vielen Dank! Ich sage auch heute: Danke, danke!

Am 28. April 1945 wurden wir beim Näherkommen der amerikanischen Armee aus dem Lager evakuiert. Beim Transport flüchtete ich und kehrte ins Lager 326 VI K zurück. Dort hatten die Amerikaner schon die Oberhand. Wir wurden gut verpflegt. Im Juli 1945 wurde ich zum stellvertretenden Lagerführer im Lager für Zivilisten ernannt. Es gab eine einzige Aufgab: die von den Deutschen verschleppten Zivilisten zusammenzutun. Im August kam ich zusammen mit den Zivilisten in die Heimat. Ich wurde von einer Kontrollkommission geprüft. Am 1. Dezember 1945 kehrte ich nach Hause zu meinen Eltern zurück. Im Zeitraum 1945-1952 beendete die Pädagogische Hochschule und begann als Lehrer zu arbeiten. Ich durfte keine leitende Stellen innehaben. Doch als Lehrer konnte ich problemlos arbeiten. Ich wurde nicht verfolgt, wenigstens nicht ernst. Ich habe aber wenig verdient.

So ist mein Lebensweg in Kurzform. Kurz gesagt, habe ich viele Turbulenzen im Leben gehabt. Ich bitte Sie zu erfragen, ob vom Eigentümer des Steinbruchs 700 Euro zu erhalten sind. In diesem Fall könnte ich meine Krankenbehandlung abschließen.

Vielen Dank für Ihre Sorgen! Ich wünsche Ihnen, Frau Dr. Hilde Schramm, Herr Dr. Gottfried Eberle und Herr Eberhard Radczuweit, beste Gesundheit und viel Glück.

26. Freitagsbrief (22.12.2006).

Liebe Leserinnen und Leser der Freitagsbriefe, hier können Sie sich mit uns über ein glückliches Ergebnis unserer Korrespondenz mit ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen freuen. Das happy end einer Detektivarbeit finden Sie im Nachsatz zum folgenden Brief. E.Radczuweit

Pawel Iwanowitsch Bondarenko
Ukraine
Gebiet Cherson
27. März 2006

Frau Dr. Hilde Schramm Herrn Dr. Gottfried Eberle Herrn Projektleiter Eberhard Radczuweit

Die Antwort auf Ihren Brief aus Berlin vom 05.02.2006

Ich, Pawel Iwanowitsch Bondarenko, bin ehemaliger Kriegsgefangener. Ich bin Ihnen für Ihren Brief recht herzlich dankbar. Ja, ich habe diese Zeit erlebt. Ich habe Ihren Brief bekommen. Ich habe Ihren Brief meinen Enkeln und Urenkeln gezeigt, damit sie auch meine Freude teilen konnten.

Mein Heimatdorf bestand aus 300 Bauernhöfen. 1941-1945 wurden 280 Personen in den Krieg gezogen. 110 kamen lebendig zurück. 22 Personen davon waren in Kriegsgefangenschaft. Von diesen Menschen bin ich der einzige, der noch lebt. Viele Gefallene sind an einem unbekannten Ort bestattet. Die Verwandten bekamen eine Todesbenachrichtigung mit dem Vermerk „Vermisst“. Wie geriet ich in Kriegsgefangenschaft? Im Mai 1941 wurde ich in die Armee zum obligatorischen Wehrdienst einberufen. Ich diente in der Militäreinheit Nr. 941 in Epimachowa im Gebiet Kamyschin. Das war im Grunde genommen ein Infanterieregiment. Es begann der Krieg. Ich war ein unausgebildeter Soldat. Ich war noch nicht vereidigt worden. Am 28. August 1941 erlebte ich eine schwere Schädelprellung. Bewusstlos lag ich von Erde zugeschüttet. Ich wurde von einem Wagen des deutschen Roten Kreuzes abgeholt. Neben dem deutschen Lazarett gab es eine Scheune mit Strohboden. Als ich wieder bei Bewusstsein war, merkte ich, dass sich in der Scheune etwa 30 verletze russische Gefangene befanden. Neben mir saß ein Deutschlehrer, der Beinverletzungen hatte. Er erzählte mir, wann ich gebracht wurde und wie ich wieder zu mir kam. Nach der Genesung blieb dieser Deutschlehrer als Dolmetscher im Lazarett. Er sagte dem Lazarettchefarzt Dr. Frungel, dass ich sein Schwager wäre. Der Arzt traf die Entscheidung, meine Arbeit als Hilfsarbeiter im Lazarett zu genehmigen. Ein Sanitäter, der mich ins Lazarett brachte, sagte immer beim Treffen: „Du bist ein Glückspilz!“ (genau übersetztes russ. Sprichwort: „Du bist in einem Hemd geboren“, d.Ü.) Der Sanitäter hieß Fritz Erdmann, ich kann mich daran noch erinnern. Er stammte seinen Worten zufolge aus der Vorstadt von Halle bei Berlin.

Mein Verhalten rief beim Lazarettchefarzt Dr. F. (Name gekürzt, E.R.) anscheinend offene Sympathie hervor. Einmal wollte er für ein paar Tage zu seiner Familie fahren. Er nahm mich mit. Seine Familie lebte in Rudolstadt, wenn ich das richtig schreibe. Es war eine schöne Stadt. Dort gab es viele Gebäude aus rotem Backstein. Ich arbeitete auf dem Grundstück neben dem Ferienhaus des Arztes. Seine Familie bestand aus der Frau (sie war auch Ärztin), zwei Töchtern (14 und 12 Jahre alt) und einem Sohn (4 Jahre alt).

Es sind bereits über 60 Jahre vergangen. Ich verstehe, dass der Hausvorstand und seine Frau nicht mehr leben. Sie sollten heute über 100 Jahre alt sein. Seine Kinder leben bestimmt noch. Vielleicht können Sie die Adressen der Töchter bekommen. Sie nannten mich „Paul aus der Ukraine“. Die Töchter schrieben oft Briefe an die Lazarettadresse. In jedem Brief wurde „Paul aus der Ukraine“ herzlich gegrüßt. Die Briefe übersetzte für mich der oben erwähnte Deutschlehrer. Später wurde er aus dem Lazarett abgeholt und in die 123. Division abkommandiert. Das Lazarett gehörte dieser Division. Das kann ich relativ genau sagen.

Anbei liegt eine Kopie der Fotoaufnahme. Dieses Foto schenkte mir der Deutschlehrer. Er erhielt es seinerseits von einem deutschen Korrespondenten direkt in der Division. Auf dem Foto sind gefangene Soldaten des 941. Schützenregiments abgebildet, wo ich früher gedient hatte. Das waren also meine Kriegskameraden. Möge Gott Ihnen helfen, die Töchter des Arztes zu finden. Dann würde ich sie einladen. Sie könnten die Zeit am Schwarzen Meer gut verbringen.

1943 begann der Rückzug der Deutschen. Unser Lazarett war bei Demjansk stationiert. Der Lazarettchefarzt wurde ausgewechselt. Man schickte mich ins gewöhnliche Kriegsgefangenenlager in der gleichen Stadt. Im Lager herrschte schrecklicher Hunger. Täglich starben Hunderte von Menschen vor Hunger und an Krankheiten. Gott half mir auch hier. Ich traf bekannte Ärzte, die ich im deutschen Lazarett kennen gelernt hatte. Ein Arzt brachte für mich etwas Medikamente und Essen. Ich hatte noch einige Sachen aus der Aufenthaltszeit im Lazarett. Ich tauschte sie gegen Nahrung.

Wir sah mein Nachkriegsleben aus? 1947 kehre ich ins Heimatdorf zurück. Im Dorf herrschte fürchterliche Hungersnot. Stalin stempelte alle Gefangenen als „Vaterlandsverräter“ ab. Sein ältester Sohn Jakow wurde am 23. Kriegstag gefangen genommen. Stalin nahm vom leiblichen Sohn Abstand. Es gab eine Überzeugung, dass jeder Kriegsgefangene seine Schuld „abbüssen“ soll. Stalin starb im Jahre 1953. Erst danach wurden wir als vollwertige Menschen behandelt. Wir ich heute lebe? Ich bin bereits 85 Jahre alt. Meine Ehefrau starb vor 15 Jahren. Kinder und Enkelkinder leben in verschiedenen Städten. Meine Rente beträgt 500 Hriwna, also umgerechnet 100 US$. Das reicht für billige Medikamente und für Brot mit Margarine. Ich kann mir z.B. die Butter nicht leisten.

Ich habe 300 Euro bereits erhalten. Ich bin sehr dankbar. Vielen Dank! Ich kann kein passendes Wort finden, um meinen Dank zum Ausdruck zu bringen. Ich wünsche Ihnen, Ihren Kindern und Enkeln einen friedlichen hellen Himmel und beste Gesundheit.

Mit tiefer Verbeugung

P.I. Bondarenko

P. S. Bitte entschuldigen Sie mich für zahlreiche Schreibfehler. Ich bin zum Teil Analphabet.

Dem Brief sind drei Fotokopien beigefügt. Auf einem Foto sind Kriegsgefangene vom 941. Schützenregiment zu sehen. Dieses Foto wurde in der Süddeutschen Zeitung im Artikel vom 10.04. 2006 veröffentlicht, am selben Tag, als der Brief von Bondarenko bei uns ankam.

Die Suche nach den Töchtern des Arztes: Unser Brief an den Bürgermeister von Rudolstadt wurde an den Rotary-Club weiter gegeben, der den richtigen Namen des Arztes herausfand (Herr Bondarenko hatte den Namen phonetisch falsch in Erinnerung.) Das Archiv Saalfeld-Rudolstadt fand unter Einträgen bis 1947 die Familie und den Hinweis, dass ein Sohn in Untertürkheim geheiratet hatte und dass die Familie nach Wenningsen gezogen sei. Das Archiv Wenningsen hatte nur den Eintrag über den Zuzug. Das Standesamt Untertürkheim teilte uns mit, es dürfe aus Datenschutzgründen keine Informationen weitergeben. Wir übermittelten dem Standesamt den Brief von Bondarenko. Eine Sachbearbeiterin meldete daraufhin: „Wir haben den Sohn, haben ihn angerufen und ihm den Brief von Bondarenko gefaxt; der Sohn genehmigte die Datenweitergabe“ Wir schickten Herrn Bondarenko die Adresse. In dieser Woche, vor drei Tagen, erhielten wir Post aus London. Die älteste Tochter schrieb, sie erinnere sich gut an „Paul aus der Ukraine“. Unbedingt wolle sie Kontakt zu ihm aufnehmen und versprach, Herrn Bondarenko etwas zu schicken, damit „er sich auch Butter statt Margarine leisten kann."

27. Freitagsbrief (29.12.2006).

Wladimir Akimowitsch Kobrja
Ukraine
Gebiet Cherson

Sehr geehrtes Kollektiv von KONTAKTE,

mit besten Wünschen und Hochachtung schreibt Wladimir Akimowitsch Kobrja. Ich wünsche Ihnen beste Gesundheit und viel Erfolg bei Ihrer nützlichen Arbeit sowie Verständnis. Ich bedanke mich bei allen Bürgern Deutschlands, die an der edlen Aktion teilnehmen, für die Hilfe von 300 Euro, die ich erhalten habe.

Vom Kriegsgefangenenlager in Neubrandenburg wurde ich zur Arbeit rekrutiert. Nach vielen Jahren ist mir der Name des Lagers in Vergessenheit geraten. Ich arbeitete in einem Landwirtschaftsbetrieb auf dem Grundstück des Grafen Ivenack. Ich leistete verschiedene Arbeiten. Nach der Befreiung durch die Sowjetarmee wurde wir in eine Sammelstelle überwiesen. Dort wurden Arbeitsbataillone zusammengestellt. Man schickte mich nach Norden, in die Stadt Aladan in der Autonomierepublik Jakutien. Dort gab es die Verwaltung der Erzförderung von Aladan „Sojuzruda“. Ich arbeitete in der Mine. Die Arbeit war schwer. Man musste die Erzreste mit einer Schubkarre aus der Mine über ein Tafelblech auf die Halde transportieren. Wir lebten in einer Baracke, 30 Mann pro Baracke. Das Essen war sehr schlecht. Wir gingen eine Stunde früher zur Arbeit, um pünktlich um 8 Uhr auf der Arbeitstelle zu sein. Man musste über einen Pfad hinauf, wo es nicht zu steil war. Der Berg war 1000 Meter hoch. Von der Seite der Siedlung aus war der Fels fast senkrecht. Die Siedlung befand sich in der Nähe vom Fluss Ililshak. In der Siedlung Ilinach, 10 km von der Mine entfernt, baute man ein Kraftwerk. Ich ließ mich als Elektromonteure ausbilden und arbeitete als Elektriker. 1949 wurde ich krank. 1950 kehrte ich in die Heimatstadt Cherson zurück. Zu Hause lebte der schwerkranke Vater. Die Mutter war schwach. Bald starb der Vater. Er war im Krieg in Deutschland und arbeitete bei der Bahn. Auch zwei Brüder wurden während der Besatzung zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Danach arbeitete ich als Elektriker in einem Werk. Später starb die Mutter. Ich heiratete. Es kamen zwei Söhne zur Welt. In unsere Familie kam das Unglück: im 7. Lebensjahr starb der jüngere Sohn. Uns ging es schlecht. Wir zogen in ein Dorf um. Bis zur Rente arbeitete ich im Dorf als Elektriker. Es wurde unser dritter Sohn geboren. Er wurde groß und ging zur Armee. Meine Ehefrau hat ihn sehr vermisst. Sie wollte ihn besuchen. Auf dem Weg kam sie bei einem Autounfall ums Leben. Ich blieb mit dem jüngsten Sohn im Dorf Ingulec, wo ich auch heute mit seiner Familie lebe. Ich bin oft krank. Hauptsächlich habe ich Kopfschmerzen. Es fällt mir schwer, mich zu bewegen.

Das ist eine kurze Beschreibung meines Nachkriegslebens. Ich habe viele Erinnerungen. Es ist wirklich kompliziert, das im Rahmen eines Briefes zu übertragen.

Hochachtungsvoll

Wladimir Akimowitsch Kobrja

28. Freitagsbrief (5.01.2007).

Grigorij Iwanowitsch Gurow
Ukraine
Gebiet Nikolajew

Sehr geehrte Frau Dr. Hilde Schramm, Herr Dr. Gottfried Eberle und Herr Eberhard Radczuweit,

ich heiße Nina Grigorjewna Kotschershenko. Ich bin die Tochter vom ehemaligen Kriegsgefangenen Grigorij Iwanowitsch Gurow. Ich schreibe im Auftrag meines Vaters. Er ist sehr alt und krank. Im Januar 2007 wird er 97 Jahre alt. Er sieht und hört schlecht. Er bewegt sich nur mit meiner Hilfe. Ich bin Rentnerin und habe die Möglichkeit, den Vater zu betreuen.

Erlauben Sie mir bitte, mich im Namen des Vaters und der ganzen Familie bei Ihnen und bei allen Menschen in Deutschland für Ihre überwiesene humanitäre finanzielle Hilfe zu bedanken. Es geht aber überhaupt nicht ums Geld. Wir sind allen Menschen aufrichtig dankbar, die Mitgefühl aufgebracht haben und meinen Vater und andere Menschen wie ihn respektieren.

Einmal habe ich in der Gebietszeitung eine Annonce gelesen. Dadurch erfuhr ich von der Existenz der Stiftung „Verständigung und Aussöhnung“. Ich wandte mich an Stiftungsmitarbeiter und füllte für den Vater einen Fragebogen aus. Als ich Vater über die Jahre in Kriegsgefangenschaft befragte, hat er uns nichts erzählt. Er hat nur geweint. Damals galt die Kriegsgefangenschaft als Schande. Jetzt erzählt der Vater langsam über sein Leben in Kriegsgefangenschaft.

1938 diente er in Sewastopol. Dort wurde er vom Krieg überrascht. Er kämpfte als Funker in der 8. Marineinfanteriebrigade. Im Juni 1942 wurde er auf der Höhe 120 gefangen genommen. Man schicke ihn in die Stadt Bachtschisaraj. Danach kam er ins Gefängnis von Simferopol. Dort gab es ein Lager. Am 12. Juni 1942 wurde der Vater zusammen mit den anderen Kriegsgefangenen mit dem Güterzug in die Stadt Oberhausen im Ruhrgebiet nach Deutschland abtransportiert. Er arbeitete in der Fabrik „Hamawerke“ (Herstellung von Waggonsräder- und Achsen). Seine persönliche Nummer lautete 53. Er lebte im Lager Nr. 1208. Sie wissen bestimmt über die Lebensbedingungen in den Lagern...

Nach der Befreiung durch die Alliierten befand sich der Vater zwei Monate in Osnabrück. Im Juni 1945 wurde er ins sowjetische Gebiet gebracht.

Zuerst arbeitete der Vater in einem Sägewerk in Belarus. 1946 kehrte er nach Hause, in die Ukraine, zurück. Damals war er 30 Jahre alt alt. Er heiratete und baute ein Haus. 1947 wurde mein Bruder Nikolaj geboren, 1952 – ich. Der Vater arbeitete als Mechaniker in einer Kolchose, obwohl er vor dem Wehrdienst die Ausbildung im Technikum für Gartenwirtschaft und Weintraubenzucht absolviert hatte. 1990 starb seine Ehefrau, unsere Mutter. Seitdem lebt der Vater in meiner Familie.

Der Vater ist ein sehr guter Mensch. Er kennt das Leben. Bis heute mag er Gedichte deklamieren. Früher hat er viel gelesen. Über die Jahre in Kriegsgefangenschaft erinnert er sich immer mit Tränen in den Augen. Er sagt uns: „Möge Gott, liebe Kinder, nie zulassen, euch so was zu sehen und zu erleben!"

Haben Sie großen Dank für Ihr Verständnis und Ihre Achtung. Möge Gott Sie behüten! Alles Gute zum Neuen Jahr! Gesundheit und Glück!

Gurow Grigorij I.

(Unterschrift)

Kotschershenko Nina G.

(Unterschrift)

29. Freitagsbrief (12.01.2007).

Andrej Wassiljewitsch Naidowitsch (Belarus)

Sehr geehrte Frau Hilde Schramm und Eberhard Radczuweit, guten Tag! Auf Ihren Brief gab ich eine Antwort an die Adresse des Beschwerdebüros in Belarus bei der Stiftung „Verständigung und Aussöhnung“, aber offenbar hat man Ihnen den Brief nicht übergeben, weshalb ich noch einmal schreibe. Ich bin damit einverstanden, dass nichts vergessen werden darf und besonders die Jugend muss wissen, was die Generation des vergangenen Jahrhunderts durchlebt hat. Der Krieg bringt weder dem Sieger noch dem Besiegten Freude. Wegen des Ehrgeizes der „Führer“ leiden ganze Völker, Generationen und vor allem die einfachen Leute.

Ich wurde in einer großen Bauernfamilie geboren und wurde nach Beendigung der zahnmedizinischen Schule in die Rote Armee einberufen. Der Krieg überraschte mich in der Festung Osowetz am 22. Juni 1941, wo ich als Zahnarzt im Schützenregiment 261 diente. Es wurde befohlen, zusammen mit Reitern auf Pferdewagen vier schwer verletzte Kommandeure in das Bezirkskrankenhaus der Stadt Knyschin zu fahren. Nach der Übergabe der Verletzten traf ich in der Stadt die Soldaten des Artillerieregiments 164 und zusammen mit ihnen bewegten wir uns in Richtung Minsk, denn ihnen war der Befehl zum Rückzug gegeben worden. Zusammen mit anderem medizinischen Personal kam ich in die Nähe von Minsk am 6. Juli 1941, dann wurde ich nach Minsk gebracht, wo ich nicht lange blieb man sammelte uns in einer großen Kolonne und trieb uns bis Biala- Podliaska, wo es keine Baracken gab und wir in Zelten lebten. Wir schliefen auf der nackten Erde, man gab uns sehr beschränkt Essen – wenn man das als Essen bezeichnen kann – und das war von schlechter Qualität. Die äußerst schlechten hygienischen Verhältnisse brachten viele Läuse mit sich, die nicht nur auf uns krabbelten, sondern auch auf der Erde, wo wir schliefen. Es gab auch nicht genug Wasser zum Trinken.

In Biala-Podliaska lebten wir bis zum Temperaturrückgang, danach trieb man uns nach Demblin, wo ungefähr 120 Tausend Kriegsgefangene zusammengezogen wurden. Wir schliefen auf dem Boden, einige auf zusammengebauten zweistöckigen Pritschen auf Strohmatratzen ohne Decken. Wir waren derartig hungrig, dass man begann, Leichen zu essen. Die Ärzte versuchten zu überzeugen, das nicht zu tun, aber was kann ein Mensch machen, der seinen Verstand vor Hunger und Durst verloren hat.

Im Lager brach Flecktyphus aus. Zum Ende des Winters waren von 120 000 Kriegsgefangenen ungefähr 8000 übrig geblieben. Täglich starben Menschen, die verrückt geworden waren wegen aller Entbehrungen, Hunger und Kälte. Was die Ärzte tun konnten, taten sie, um ihr Schicksal und das der anderen zu erleichtern. Auf dem Lagergebiet waren zu dieser Zeit keine Deutschen, sie fürchteten, sich mit Typhus anzustecken und zu sterben. Im Sommer brachte man uns Überlebende des schrecklichen Albtraumes nach Deutschland ins Stalag IV G. Vor unserem Abtransport wurden uns die Haare geschnitten, wir wurden gewaschen, die Kleidung, die es gab, wurde weggenommen, wir bekamen Lagerkleidung, und für die Füße gab man uns Holzpantinen. Nachdem wir in Deutschland ankamen, wurden wir untersucht und in Arbeitskommandos eingeteilt. Ich kam in ein Kommando, das Rohstoffe für die Herstellung von Torfbriketts in Großessen sammelte. Das Leben hier unterschied sich erheblich von dem vorherigen. Wir wuschen uns regelmäßig, starben nicht vor Erschöpfung und lebten in beheizten Baracken. Wir arbeiteten bei jedem Wetter, wir hatten sogar unser Lazarett. Man gab sogar Lagermarken aus.

1944 wurde ich nach Leipzig überführt, wo ich im Lazarett Walowen (?) als Zahnarzt arbeitete und Kriegsgefangene aus verschiedenen Ländern behandelte. Im Lazarett arbeiteten Bulgaren, Polen und Ukrainer als Ärzte. Also hier in Walowen befreiten uns die Amerikaner. Nach dem Krieg diente ich ein Jahr in der regulären Armee, und nach der Demobilisierung kehrte ich in die Heimat, in die Stadt Schtscherwen zurück. Ich arbeitete als Zahnarzt und leitete die Zahnersatzabteilung. Da ich in Gefangenschaft war, gab es nicht die Möglichkeit, meine Ausbildung im Medizinischen Institut fortzusetzen (als ich demobilisiert wurde, war ich erst 25 Jahre alt). Es gab Probleme mit dem Häuserbau, man erlaubte das Bauen erst 1950, bis 1953 lebten wir in Untermiete. Ich arbeitete bis zu meiner Verrentung im 63. Lebensjahr als Arzt. Meine Frau arbeitete vor dem Krieg als Arzthelferin in der Stadt Knyschin (Volksrepublik Polen). Als der Krieg begann, schlug sie sich zu Fuß mit einem einwöchigen Kind, meiner Tochter, bis nach Mogilew durch, wo ihr Onkel lebte (sie wuchs ohne Eltern auf). Was sie alles erlebte, bis sie Mogilew erreichte, kann man nur in einem Roman beschreiben, rundum war Feuer, Rauch, Blut, und das wochenalte Kind immer in den Armen. Unsere Familie ist groß und freundschaftlich, ich habe eine Tochter und einen Sohn, eine Enkelin, drei Enkel und sieben Urenkel. Meine Gesundheit ist schwach, ich bewege mich innerhalb der Grenzen meines Hofes, ja und woher kann die Gesundheit kommen bei 84 Jahren und den Erlebnissen in dieser Hölle der faschistischen Gefangenschaft vom Anfang bis zum Ende des Krieges. Heute scheint es, dass es unmöglich ist, so etwas zu durchleben, und ich wundere mich über die Möglichkeiten des menschlichen Organismus.

Vielen Dank dafür, dass Sie sich mit der Arbeit der Verbindungen zwischen den Generationen beschäftigen. Während des Krieges starben nicht 3 Millionen sondern 20 Millionen Menschen, jeder dritte Einwohner Weißrusslands blieb in jenem grausamen Krieg, verwaiste Kinder, es blieben hochbetagte Menschen zurück ohne Kinder und ohne Hilfe, Witwen. Übrigens ist auch mein Schwiegersohn ohne Eltern geblieben (der Vater starb 1941, die Mutter 1944), er wurde in einem speziellen Kinderhaus erzogen. Den Krieg kann man nicht vergessen, es ist nicht möglich, den Nazis zu verzeihen. Deutsche gab es verschiedene, es gab jene, die auch den Kriegsgefangenen halfen, zweimal während des Krieges retteten sie meine Frau und Tochter vor dem Tod. Ihnen Dank für die Aufmerksamkeit,

(Unterschrift)

16. November 2005

(Übersetzung: Harald Vieth)

30. Freitagsbrief (19.01.2007).

P. Gorbatjuk
Ukraine
Stadt Chmelnizky

Sehr geehrte Damen und Herren, Frau Dr. Hilde Schramm und Herr Eberhard Radzuweit,

ich danke Ihnen sehr für Ihren Brief. Mich freut es, dass die demokratischen Kräfte Ihres Landes sich der unerhörten Verbrechen des faschistischen Regimes in Deutschland bewusst sind. Ich bin froh und sicher, dass die ehemaligen Kriegsgefangenen sich auf die Freundschaft mit Ihrem Verein freuen werden, der Kontakte mit den Ländern der ehemaligen Sowjetunion aufbauen will. Ich danke auch für die finanzielle Unterstützung von 300 Euro seitens der einfachen Menschen Ihres Landes. Ich brauche sie für die Gesundheit, die in meinem Alter einer besonderen Pflege bedarf.

Ich schreibe etwas über meinen Lebenslauf. Ich wurde am 10. Oktober 1915 in der Stadt Chmelnizky in der Ukraine geboren. Nach der Mittelschule habe ich Anfang 1941 das Institut für Tiermedizin in der Stadt Kiew abgeschlossen. Als der Krieg gegen das faschistische Deutschland ausbrach, verteidigte ich in den Sowjettruppen unsere Heimat. Es kam so, dass ich im Mai 1942 eine Kontusion erhielt und in deutsche Gefangenschaft geriet. Ich war in acht Lagern hinter eisernen Gittern, zuerst in der Ukraine, danach in Polen. In allen Lagern war die Ernährung miserabel, am Tag bekamen wir etwa 200 Gramm Brot, Roggenmehl gemischt mit Holzmehl und etwa einen halben Liter Flüssigkeit, die wir „Balanda“ ("Dünnes Süppchen) nannten. Dadurch starben die Gefangenen massenhaft vor Hunger. Ich wog damals 45 – 48 kg, meine Personalnummer war 2444, jetzt wiege ich 70 kg. Von Polen wurde ich nach Deutschland gebracht, ins Lager Sandbostel, nicht weit von Hamburg und Bremen. Es sei zu erwähnen, dass die geografischen Namen sowie die Personennamen nicht korrekt sein können, da ich die nur mündlich hörte. Vom Lager Sandbostel wurde ich zusammen mit anderen 20 Gefangenen in ein anderes Lager gebracht, etwa 50 – 60 km von Sandbostel. Ins Dorf Großaspa. Von diesem Lager gingen wir jeden Tag, bewacht von deutschen Soldaten, ins Dorf Kleinaspa, ungefähr 2 – 3 km von Großaspa entfernt. Unter Leitung der deutschen Bauern erfüllten wir zusammen mit ihnen landwirtschaftliche und andere Arbeiten. In diesem Dorf waren auch französische Kriegsgefangene, die unter denselben Bedingungen im Dorf arbeiteten. Ich und noch ein sowjetischer Krieggefangener arbeiteten bei Frau Ekaterina Geift und bei ihrem Verwandten Heinrich Dank, der etwa 40 – 50 m weiter wohnte. Im Haus von Ekaterina Geift war noch ihre Schwester (hinkte) und ihre kleine Tochter von 6 – 7 Jahren. Ihr Mann war im Krieg. Außer ihnen wohnten im Haus noch der Großvater und Flüchtlinge aus Hamburg: der Mann (hatte nur ein Bein nach der Front) und seine Frau mit dem kleinen Kind. Bei Frau Geift arbeiteten noch die Zwangsarbeiterin Antonina und zwei französische Kriegsgefangene. Im Haus von Heinrich Dank wohnte seine Frau, ihre erwachsene Tochter Anita, etwa 20 – 22 Jahre alt. Vor der Arbeit aßen wir alle (Frau Geift mit ihrer Familie, die Flüchtlinge aus Hamburg, die Kriegsgefangenen) in der großen Stube unser Frühstück. Die deutsche Familie saß an einem Tisch, wir am anderen, getrennt von den französischen Gefangenen. Zum Frühstück hatten wir auf Margarine gebratene Kartoffeln und Kohlrüben. Wenn wir auf dem Feld arbeiteten, aßen wir sowie die Deutschen zu Mittag Brotschnitten mit Margarine. Am Sonntag war keine Arbeit auf dem Feld, wir pflegten das Rindvieh, gaben Futter und brachten Mist weg.

Ich möchte eine Episode aus dem Leben in diesem Dorf erzählen. Vielleicht ist das interessant für Sie. Das geschah am letzten Tag meiner Gefangenschaft, das heißt am 24. April 1945. Nach dem Frühstück ging ich auf den Hof und sah hinter dem Hof auf der Straße, etwa 200 – 259 m weit von mir, eine Kolonne von Schützenpanzerwagen. Daneben standen britische (habe ich später verstanden) Soldaten. Ich dachte sofort an die bewaffneten deutschen Soldaten, die sich im Obstgarten von Frau Geift versteckt hielten. Es begann eine Schießerei – die deutschen Soldaten schossen aus ihren Waffen, die britischen auch aus den Kanonen von den Schützenpanzerwagen los. Durch die Brandgranaten wurden zwei Häuser im Dorf in Brand gesteckt. Ich rannte zum Haus von Heinrich Dank, da ich Frau Geift und die anderen hinlaufen sah. Der Weg wurde von den britischen Soldaten beschossen. Alle Deutschen und die anderen versteckten sich im Keller im Haus von Heinrich Dank. Als ich den Keller erreichte, sah ich die Flüchtlingsfrau aus Hamburg, traurig und besorgt. Ihr kleines Kind war im Haus von Frau Geift geblieben. Sie tat mir leid, ich fragte sie, wo das Kind sein könne und ging den Weg zum Haus von Frau Geift zurück, gebückt, etwa 20 – 25 Meter weg unter Beschuss der britischen Soldaten. Ich kam ins Haus, fand das Kind weinend im Kinderwagen liegen. Soviel ich mich erinnern kann, war es ein Junge im Alter von 3 – 4 Monaten. Ich holte den Kinderwagen auf den Hof und ging dahinter, ohne mich zu bücken, zurück. Die britischen Soldaten entdeckten mich und begannen zu schießen. Zu meinem Glück lag ein Teil der Strecke hinter einem Holzstapel, Vorrat für den Winter, und die Kugeln trafen das Holz. Ich gab das Kind der Mutter. Der Kampf dauerte noch etwa drei Stunden. Bald zogen die Deutschen sich zurück und die britischen Schützenpanzerwagen kamen ins Dorf. Wir fragten die britischen Soldaten nach dem Weg in die britische Besatzungszone und am Nachmittag waren wir dort. Noch im Jahr 1980 schrieb ich einen Brief an die deutsche Botschaft in Kiew, wo ich dieses Ereignis darstellte, das Schema des Kampfes beilegte und bat, nach diesem Kind zu suchen. Von der Botschaft habe ich die Antwort bekommen, solche Dörfer gäbe es in Deutschland nicht. Trotzdem weiß ich noch genau, dass die Briefe in diese Dörfer über Harsefeld geliefert wurden. Jetzt zu meiner Rückkehr in die Heimat. Das passierte über die Sammelpunkte von Kriegsgefangenen, als wir nach Lüneburg mit Autos in die ehemaligen Kasernen der deutschen Soldaten gebracht wurden. Von Lüneburg kam ich in die Heimat, in die Stadt Chmelnizky. Ich wohne hier seit 1945. Bis zu meiner Rente arbeitete ich in meinem Beruf der Tiermedizin. Ich habe insgesamt 42 Jahre gearbeitet. Im Jahre 1980 ging ich in Rente. Für den Krieg sowie meine Arbeitstätigkeit hat mich die Heimat mit 14 Regierungsauszeichnungen belohnt, darunter mit zwei Orden. Die Leiden während des Krieges wie auch die Gefangenschaft haben meine Gesundheit sehr beeinträchtigt, ich habe viele Krankheiten – grauer Star, grüner Star, Prostata, nächtliches Bettnässen und anderes. Ohne Hilfe kann ich mich nur in der Wohnung bewegen.

Sehr geehrte Frau Dr. Hilde Schramm und sehr geehrter Herr Eberhard Radzuweit! Ich wende mich an Sie mit der Bitte, wenn möglich, den Jungen zu finden, den ich damals der Mutter gebracht habe.

Ich wohne in der Familie meiner Tochter und ihres Mannes, sie unterrichten Klavier in der Musikschule und in der Musikfachschule in Chmelnizky. Wenn Sie möchten, sind Sie herzlich willkommen. Meine Telefonnummer ist 61 – 00 – 68. Ich wünsche Ihnen Gesundheit und Glück.

Gorbatjuk, Pjotr Grigorjewitsch

31. Freitagsbrief (19.01.2007).

Iwan Trofimowitsch Rjabowol
Ukraine
Saporoshje

Zeitzeuge

Ich heiße Iwan Trofimowitsch Rjabowol, Jahrgang 1919, geboren in der Siedlung Dubrowjasowka, Bezirk Konotop, Gebiet Sumy. Ich bin Teilnehmer des Großen Vaterländischen Krieges. Anfang Mai 1942 wurde unsere Militäreinheit eingekesselt. In einem ungleichen Kampf wurde ich zusammen mit den anderen gefangengenommen. Wir Kriegsgefangene gerieten nach Dortmund in Deutschland. Hier gab es ein KZ. Die Gefangenen wurden zur Arbeit im Bergwerk und in Betrieben rekrutiert. Der Meister aus der Stadt Witten suchte 40 Jungs aus, darunter auch mich. Ich arbeitete im Gießwerk in der Pferdebachstrasse in Witten. Auf der gegenüber liegenden Straßenseite wurde für uns ein kleines Lager vorbereitet. Die Wächter waren bewaffnet.

Zur Arbeit führten uns deutsche Vorgesetzte. Nach der Arbeit brachten sie uns zurück und übergaben uns an die Wächter. Einmal täglich wurde warmes Essen verteilt. Das Essen sollten zwei Personen und die Wächter mit einer Kutsche holen. Diese Vergabestelle lag in der Ruhrstrasse. Das war eine private Küche. Wir bekamen warmes Essen in Behältern und das Brot.

Dort, auf dieser Strasse, habe ich ein schönes Mädchen mit dem Aufnäher „OST“ an der Brust gesehen. Sie putzte große Fenster im Haus. Ich fragte, woher sie komme. Aus dem Gebiet Sumy, antwortete sie. Ich auch, sagte ich. So haben wir uns in einem fremden Land kennengelernt. Das Mädchen erfuhr, wo unser Lager liegt und wie ich mit Nachnamen heiße. Am Wochenende, je nach Möglichkeit, kam sie zum Lager und brachte ein Stückchen Brot oder etwas anderes, was sie hatte.

Nach der Befreiung in Witten von amerikanischen Truppen im April 1945 bin ich dem Mädchen wieder begegnet. Wir haben unsere Heimatdressen ausgetauscht. Ich gelangte doch zuerst ins Lager, das von amerikanischen Soldaten bewacht wurde. In diesem Lager arbeiteten sowjetische KGB- Mitarbeiter. Das war die Prüfung, „Filtration“. Danach durfte ich nach Hause fahren.

Zu Hause gründeten sie und ich eine Familie. Wir haben so viel erlebt.

Hochachtungsvoll

(Unterschrift)

32. Freitagsbrief (2.02.2007).

Guten Tag, sehr geehrte Pani Hilde und Pan Eberhard sowie alle Mitglieder Ihres Vereins!

Es schreibt Ihnen die Tochter von Jefimow, Pawel Wassilijewitsch, wohnhaft im Gebiet Donezk, die Stadt Gorlowka (…). Ich heiße Walentina Pawlowna. Ich habe mich mit allen Formalitäten für humanitäre Hilfe meines Vaters befasst. Nach seinen Aussagen beschreibe ich seinen Lebenslauf. Mein Vater wurde 1919 bei Leningrad geboren. Es waren vier Söhne in der Familie – Nikolaj, Wassilij, Pjotr und Pawel. Alle sind an der Front gefallen, außer meinem Vater. Der jüngste war 19 Jahre alt, der Pjotr. Wassilij ist 1944 in Ungarn ums Leben gekommen. Im Jahre 1983 habe ich über das Rote Kreuz feststellen können, wo er begraben worden war. Mein Vater und ich waren dort im Dorf Abaschary. Alte Leute haben uns erzählt, dass alle in ein gemeinsames Grab kamen: russische, deutsche und ungarische Soldaten.

Während des Krieges wurde in der Familie von Wassilij ein Sohn geboren, er bekam den Namen Heinrich zum Andenken an den deutschen Soldaten, der dem schwer verwundeten Wassilij das Leben gerettet hatte. Mehr weiß ich nichts darüber.

Mein Vater Pawel war zu Anfang des Krieges 22 Jahre alt, (1939 wurde er einberufen) und diente in Machatschkala am Kaspischen Meer. Als junger Soldat, geboren im Norden, konnte er schwer die kaspische Hitze ertragen. Als der Krieg begann, wurde ihre Truppe in die Umgebung von Kiew versetzt. Das schwerste Los hatten die Soldaten, die Anfang des Krieges bei der Armee waren. Um Kiew wurde sehr hart gekämpft. Der Vater war bei der Artillerie. Beim Rückzug musste man die Kanonen mitschleppen. Bei jedem Wetter, beim Regen, im Schmutz. Dann wurde die ganze Truppe umzingelt und kam in Gefangenschaft. Es kamen die schlimmsten Tage in seinem Leben. In Güterzügen wurden sie nach Deutschland transportiert. Der Vater erwähnt die Stadt Elszin. Ich meine aber, es war die Stadt Elsingen. Die Mine hieß „Deutschland“. Er arbeitete dort in der Kohlengrube 15 – 16 Stunden am Tag. Das Essen war miserabel. Er erkrankte an Dysenterie. Lag im Sterben. Es fanden sich gute Menschen, halfen ihm. Die Dorfbewohner gaben den Gefangenen Brot, Essen, was für sie gefährlich war. Drei Versuche machte er, aus der Gefangenschaft auszureißen. Wurde wieder gefangen genommen, verprügelt und zurückgebracht. Ende des Krieges wurden sie von den Amerikanern befreit, die schlugen ihm vor, nach Amerika umzusiedeln. Einige gingen darauf ein aus Angst, in die Heimat zurückzukehren. Zu jener Zeit wurden die Menschen, die die Gefangenschaft hinter sich hatten, total geprüft, waren vertrauensunwürdig. Ich kann es nicht erklären. Mein Vater kam zurück. Als Strafe für die Gefangenschaft wurde er nach Donbass zwangsweise umgesiedelt (Kohlenbassin der Ukraine). Hier traf er meine Mutter. Sie hatte auch den Krieg durchmachen müssen. Als 17- jähriges Mädchen musste sie bei Woronesh die Schützengräben graben. Sie hat einen heiligen Namen – Maria. Irgendwie gelang es dem Vater als Andenken an die Gefangenschaft eine deutsche Ansichtskarte zu bringen, die schenkte er der Mutter „Die Frau mit dem Pferdchen“. Die Mutter bewahrt sie ihr ganzes Leben lang. Sie wohnte zuerst in einer Erdhütte, später bauten sie sich ein Häuschen. 1947 erlebten sie den Hunger. Der Vater und die Mutter arbeiteten die ganze Zeit im Verkehrsbetrieb, sie als Dispatcher, er als Ingenieur für Arbeitsschutz. Jetzt ist der Vater Invalide der I. Gruppe. Er, die Mutter, wir, ihre Kinder und Enkelkinder, sagen „Vielen Dank“ Ihnen und vielen Menschen, die an uns denken, die unmenschliche Leiden des Krieges ertragen mussten. Vielen Dank für die von Ihnen versprochene humanitäre Hilfe.

Mit Hochachtung, Dankbarkeit und den besten Wünschen für Ihr Leben

Pawel Wassilijewitsch Jefimow, Maria Trofimowna Jefimowa, Walentina Pawlowna Jefimowa (Sologub)

(Übersetzung: Rimma Maximova)

****

[1] Anm. der Übers.: Wahrscheinlichist hier „Kattowitz“ – „Katowice“ gemeint.

[2] Anm. der Übers.: es könnte auch „Zeche Letandra“ heißen.

[3] Der SMERSCH (von russ. Smert Schpionam: „Tod den Spionen“) war ein militärischer Nachrichtendienst der Sowjetunion, der während des Zweiten Weltkrieges gegründet wurde. Er diente vornehmlich der Spionageabwehr, um „Verräter, Deserteure, Spione und kriminelle Elemente“ dingfest zu machen.

[4] Hier scheint ein Sinnabschnitt zu fehlen; da der Brief jedoch vollständig vorliegt, handelt es sich wohl um einen Gedankensprung des Verfassers. (Übersetzer)

[5] Hier kann das Dorf Semikarakhorowka gemeint sein. (Übersetzer)

[6] Siehe Fußnote 3.

[7] Jurij Lewitan war die Rundfunkstimme der sowjetischen Regierung während des Zweiten Weltkrieges.

[8] Gemeint sind zivile Zwangsarbeiter.

[9] Der Gedenkstein auf dem Friedhof des Stalag 326 beziffert 65 000 sowjetische Kriegsgefangene, die dort ums Leben kamen. (Radczuweit)

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.