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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

97. Freitagsbrief (23.05.2008).

Russland
Gebiet Perm (Westsibirien)
Nikolaj Nikolajewitsch Oljunin.

Ein Gruß aus dem fernen Paschija,

Liebe Mitglieder der Gesellschaft Kontakty, wir grüßen Sie und wünschen Ihnen das Allerbeste in Ihrem Leben, (…) und allen eine gute Gesundheit. Gestern erhielten wir Ihren Brief, vielen Dank, dass Sie an die Gefangenen dieses blutigen Krieges denken.

Den Brief schreibt meine Frau, weil ich jetzt fast taub und blind bin, ich kann nicht hören und sehen. Meine Frau kann auch sehr schlecht sehen.

Kurz über mein Leben:

Zur Armee zog man mich im April 1941 ein, man brachte uns aus dem Ural in die Ukraine. Wir waren nicht einmal vereidigt, da wurden wir schon von den faschistischen Flugzeugen bombardiert. Wir wurden umzingelt. Man trieb uns in Eilmärschen durch Moldawien, Rumänien, Ungarn nach Österreich. Dort blieben wir. Im Ort Leoben-Donawitz war es, wo ich während des ganzen Krieges blieb. Wir lebten in einem Lager an der Station Trofaiach. Dort arbeiteten wir in einer metallurgischen Fabrik. Diese unterstand Hermann Göring.[*] Ich sah ihn sogar einmal, als er mit seiner Suite durchkam.

Die Lebensbedingungen waren fürchterlich. Von dem undefinierbaren „Essen“ und der ewigen Suche nach Nahrung in den Müllkästen wurde ich krank – ein Geschwür am Zwölffingerdarm, das sich durch ständige Schmerzen bis zum heutigen Tage äußert. In den ersten Jahren danach verfolgten uns die Schrecken des Krieges noch bis in den Schlaf. Natürlich mussten die deutsche Bevölkerung und die einfachen Soldaten auch viel Schwierigkeiten und Kummer von der toll gewordenen faschistischen Führung erdulden. Nach dem Krieg war das Leben in Russland auch nicht so gut. Es gab viele Schwierigkeiten. Die Industrie musste wieder aufgebaut werden, die Landwirtschaft und der Wohnungsbestand waren von den Faschisten zerstört worden. Gott sei Dank – wir haben das überlebt. Jetzt leben wir zu zweit in einer gut eingerichteten Wohnung. Man müsste sich eigentlich des Lebens freuen, aber die Hauptsache fehlt, die Gesundheit. Ich bin schon 85 Jahre alt, meine Frau 81. Ja, die Kinder helfen. Von den Kriegsveteranen und Gefangenen sind in unserem Ort nur noch wenige übrig. Es ist ein großer Ort, hier leben ungefähr 7000 Menschen! Wenn man die Älteren so ansieht, denen ein Bein oder eine Hand fehlt, da weint das Herz blutige Tränen – weshalb mussten sie schon in jungen Jahren Invaliden werden, weshalb verloren sie ihre Jugend? Ja, man muss der Jugend in allen Ländern von den fürchterlichen Schrecken des Krieges erzählen und was Krieg für die Bevölkerung des gesamten Planeten bringen kann.

Wir danken Ihnen noch einmal für die erwiesene moralische und finanzielle Unterstützung, für die erwiesenen Hilfe. Natürlich vergisst unsere Regierung uns Teilnehmer am Großen Vaterländischen Krieg nicht, man denkt an uns. Entschuldigen Sie bitte, dass ich auf Russisch geantwortet habe, Deutsch kann ich nicht. Ich erinnere mich nicht mehr, ob wir es vor 70 Jahren in der Schule gelernt haben. (…)

Mit Hochachtung für Sie

Der ehemalige Kriegsgefangene N.N. Oljunin und Frau E.W.

Entschuldigen Sie, dass ich so schlecht geschrieben habe, ich kann schlecht sehen, deshalb schreibe ich so unleserlich.

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[*] Hermann-Göring-Werke Linz, jetzt VÖESTalpin (Stahlwerke)

Zur „Entschädigungsfrage“ für ehemalige sowjetische Kriegsgefangene in Österreich antwortete die Regierungsbeauftragte für Entschädigung der NS-Zwangsarbeiter, Frau Dr. Maria Schaumayer, Zitat: „Kriegsgefangene unterliegen besonderen völkerrechtlichen Vorkehrungen. Weder das deutsche noch das sowjetische Regime haben sich immer daran gehalten. Es waren genug österreichische Kriegsgefangene in Sibirien unter schrecklichen Umständen zur Zwangsarbeit eingesetzt.“ Auf den Einwurf, dass doch das Deutsche Reich die Sowjetunion überfallen habe: „Das ist eine sehr heikle Geschichte, aus der sich Österreich eigentlich heraushalten kann, denn Österreich hat als Staat in diesen Jahren ja nicht existiert. Wir haben nur das Schicksal geteilt.“

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