Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

96. Freitagsbrief (16.05.2008).

Für die ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen geben wir auf Russisch ein quartalsweise erscheinendes Informationsblatt heraus. Herr Grischtschenko nimmt Bezug auf die Erstausgabe. E.Radczuweit

Ukraine
Gebiet Lugansk
Aleksandr Aleksejewitsch Grischtschenko.

Sehr geehrter Dmitri Stratievski!

Gestern, am 18. Februar 2008, erhielt ich Ihren Brief mit dem beigefügten Informationsblatt „Für die ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen“. Ich hatte den Eindruck, dass diese Zeitschrift viele ausführliche und interessante Informationen über Ihre ehrenamtliche Organisation „Kontakte-Kontakty“ enthält. Dieses Informationsblatt spielt in der heutigen Zeit eine große Rolle für die Menschen der ehemaligen Sowjetunion, der heutigen GUS, und besonders für die ehemaligen Kriegsgefangenen der faschistischen Gefangenenlager. Ich denke, dass die interessanten und bewegenden Informationen des von Ihnen herausgegebenen Info-Blatts uns, den ehemaligen Kriegsgefangenen, dabei helfen, den schweren Stein von unserer Seele zu nehmen, der durch den schrecklichen Krieg, durch das in faschistischen Folterkammern und durch die unvorstellbar schwere Arbeit erlittene Leid auf ihr lastet und darüber hinaus der jungen Generation hilft, alles aus der Vergangenheit herrührende Schlechte zu tilgen und nie wieder zuzulassen.

Sehr geehrter Dmitri! Während ich das von Ihnen gesandte Info-Blatt las, insbesondere die Zeilen, in denen Menschen aus Ihrem Land die Geschehnisse in den Jahren 1941 bis 1945 kritisch beurteilen und den Faschismus verurteilen, habe ich mich an die Vergangenheit erinnert und bekenne, Dmitri, bitte entschuldigen Sie, dass ich in Tränen ausgebrochen bin. (Bitte sagen Sie es niemandem, denn als ehemaligem Soldaten ist es mir peinlich.) (…) Ich möchte Ihnen kurz über einen von vielen Vorfällen des Lagerlebens berichten. Von Dezember 1943 bis Februar 1944 war ich im schrecklichsten Lager „Hammerstein“, das sich in Ostpreußen [Pommern] befand. Gott sei Dank war ich dort nur etwa drei Monate, hätte ich länger dort bleiben müssen, so wäre ich an den Misshandlungen und vor Hunger gestorben. Äußerst erschöpft, nur noch Haut und Knochen, die tägliche Verpflegungsration bestand aus 0,5 Litern Brühe mit drei oder vier Stückchen Steckrübe und 200 g Brot, wenn man das überhaupt Brot nennen konnte, es war nicht zu erkennen, woraus es gemacht war.

Die Misshandlungen durch die Lagerbediensteten waren schrecklich. Manchmal kamen sie nachts zu zweit oder zu dritt (Bürschchen), mit Taschenlampen, Maschinenpistolen und Mundharmonikas, betrunken und in Begleitung eines Schäferhundes in unsere Unterkunft, sangen lachend und hetzten den Hund auf unsere Pritschen, der Hund stürzte sich wütend auf jemanden und biss ihn zu Tode, die Bürschchen schossen, wohin es ihnen einfiel, mit der MP. So richteten sie oft Pogrome an, in deren Resultat morgens einige Leichen aus der Unterkunft herausgetragen wurden.

Manchmal schickten sie aus unserem Todeslager Gefangene zum, wie sie sagten, Arbeiten, aber es gelang mir nicht, in diese Gruppe zu gelangen, denn ich wollte unbedingt aus dieser Todeshölle entkommen. Und dann glückte es mir doch. Frühmorgens versammelte sich am Tor die Gefangenenmenge in Erwartung der Auswahl der Gruppe. Das Tor wurde geöffnet, drei Offiziere traten hindurch und begannen mit der Auswahl. Einer der Offiziere trat zu mir und sagte: „Junge, komm mit“ (ich war damals 19 Jahre alt) und er führte mich durch das Tor zu der Gruppe. So entkam ich mit Hilfe jenes Mannes dieser Hölle. Mein ganzes Leben lang war ich diesem Offizier dankbar, er rettete mich vor dem sicheren Tod. Der Name dieses Mannes sollte mit großen Buchstaben geschrieben werden. Später verstand ich, dass nicht alle deutschen Soldaten und Offiziere Faschisten waren. Unter ihnen gab es gute und mitfühlende Menschen. Nur dank des Offiziers überlebte ich.

Unsere Gruppe aus 1200 Mann gelangte mit der Eisenbahn nach Hamburg, von dort mit dem Schiff nach Norwegen zum Bau von Verteidigungsanlagen. Wir bauten Geschützstände, Feuerstellungen und Bunker, verlegten Nachrichtenkabel und andere militärische Fernmeldeverbindungen. Gott sei Dank wurde das am Ende nicht genutzt. Die deutschen Streitkräfte in Norwegen kapitulierten kampflos.

Soweit mein kleiner Bericht über mein Leben in dem schrecklichen Lager. Danach folgten dann weitere. Für unseren Briefwechsel danke ich Ihnen. Es ist irgendwie tröstlich für mich zu wissen, dass man mich irgendwo im Ausland kennt, das ist sehr schön. Danke und Auf Wiedersehen, ich wünsche Ihnen allen Wohlergehen und Ihrem gesamten Kollektiv Erfolg bei Ihrer edelmütigen Tätigkeit.

Hochachtungsvoll

Der ehemalige Kriegsgefangene
Grischtschenko Aleksandr Aleksejewitsch.

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.