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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

95. Freitagsbrief (9.05.2008).

Ukraine
07334 Gebiet Kiew
Fedor Wasiljewitsch Klimenko.

Sehr geehrte Dr. H. Schramm und E. Radczuweit.

Es schreibt Ihnen der ehemalige Kriegsgefangene im Deutschen Reich, Klimenko F.W. Ihren Brief habe ich erhalten sowie 300 €, für die ich sehr dankbar bin. Das Geld kommt sehr gelegen, weil Ausgaben für Krankenpflege hoch sind und Korruption sowie verschiedene „Abgaben“ in voller Blüte stehen.

Die Kriegsgefangenschaft kann man auch nach den vielen Jahren nicht vergessen, sie war verbunden mit Leid und Tod und es schien unwahrscheinlich zu überleben. Die Natur in Deutschland gefiel mir; die Bauten und der Stand der Technik riefen Bewunderung hervor – jedoch hinter Absperrungen sieht man davon nicht viel. Die Menschen – eingeschüchtert von der damaligen Führung – mieden uns und sahen in uns Feinde, was bis zu einem gewissen Grad wohl auch so war.

Viele von uns arbeiteten bis zur völligen Erschöpfung, verloren jegliche Hoffnung auf weiteres Leben. Besonders schwer war es im Lager der Stadt Hemer – schwerste Arbeit im Steinbruch und des Nachts Angriffe der angloamerikanischen Luftwaffe. Man pferchte uns in Bunker, wie Vieh trieb man uns unter Stock- und Peitschenhieben dorthin. Der Aufstieg in den 4. Stock über eine Leiter kostete vielen von uns das Leben, weil sie sehr geschwächt waren.

Auf welche Weise ich in ein Kommando „zum Bauern“ [Original deutsch mit kyrillischen Buchstaben] gekommen bin, weiß ich nicht, aber meine Landsleute meinten, dort würde ich überleben – und tatsächlich war es dort um Vieles besser als in den Lagern. Man überführte uns, das Kommando „Bauern“, in die Nähe der Stadt Dortmund, Bahnstation Unna in das Dorf Stockum [Werne]. Mein Arbeitgeber, Mitglied der Nazipartei, war in der Landwacht (Original deutsch mit kyrillischen Buchstaben[*]). Sein Sohn war bei Stalingrad gefallen, und er verhielt sich mir gegenüber feindlich. Die Familie jedoch, seine Frau und die Tochter Elsa, waren normale Menschen, und ich kann nichts Schlechtes über diese sagen. In allen Völkern gibt es wahrscheinlich unterschiedliche Menschen.

Im April 1945 wurden wir von den amerikanischen Streitkräften befreit, und wir kamen in ein Lager zwecks Überführung in die von den sowjetischen Streitkräften besetzte Ostzone. Dort fanden Säuberungen statt, und wir waren Fremde inmitten der Unsrigen. (…) Zu Lebzeiten unseres „Führers“ aller Völker – Stalin – standen solche wie ich unter Beobachtung des KGB und der Parteiorgane. Nach vielen Jahren nahm der Druck ab, aber das Leben ging vorüber. Unter der Regierung Gorbatschow erhielten auch wir einige Vergünstigungen – kostenfreie Fahrt im Nahverkehr. Ich habe immer im Donbass gelebt und immer in der Forstwirtschaft gearbeitet. 1995 zog ich in das Gebiet Kiew, wo meine Kinder und Enkel leben und arbeiten.

Die Unabhängigkeit der Ukraine habe ich enthusiastisch begrüßt, es gab Hoffnung auf eine Verbesserung des Lebens. Jedoch sind im Gefolge der Unabhängigkeit besondere Verbesserungen in unserem Leben ausgeblieben. Einige Vergünstigungen nehme ich in Anspruch. Ich bin Kriegsinvalide, bin 83 Jahre alt, muss noch auf dem Grundstück arbeiten, um meine materielle Situation zu verbessern. Die Pension ist zu gering, um ein normales Leben zu führen. Viel Geld ist für Krankenpflege erforderlich. Seit 10 Jahren verspricht man mir einen Telefonanschluss, was sehr notwendig wäre, um die „Erste Hilfe“ anzufordern, aber es wird nicht realisiert. Zum „Tag des Sieges“ am 9. Mai werden 400 Griwna, d.h. 55 € ausgezahlt. Nun komme ich zum Schluss. Ich danke Ihnen für alle Mühen. Entschuldigen Sie bitte die Schrift – ich bin fast blind.

Mit Hochachtung

F. Klimenko

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[*] Landwacht: zum "Schutz der Bevölkerung auf dem Lande gegen entwichene Gefangene, Zwangsarbeiter und andere Personen, die im Herumtreiben die öffentliche Ordnung gefährden", bewaffnete Organisation, am 17.1.42 aufgestellt. Gegen Ende des Krieges wurden nach Bedarf Angehörige der L. zur Bewachung von Gefangenen abgestellt. Im allg. hatten sie Arbeitskommandos zu beaufsichtigen, die in der Land- und Forstwirtschaft eingesetzt waren.

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