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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

94. Freitagsbrief (2.05.2008).

Dieser Freitagsbrief benennt die schlimmsten Verfolgungen des Stalinismus, denen bis zu 20 Prozent aller von uns begünstigten ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen ausgesetzt waren. (D. Stratievski ist Mitarbeiter bei KONTAKTE-KOHTAKTbI).

Ukraine
Charkow
Aleksej Iwanowitsch Sawada.

An Herrn Dmitri Stratievski.

Vielen Dank für die Grüße und Wünsche zum Neuen Jahr. Als ich Ihre Grüße las, kamen mir unwillkürlich Tränen in die Augen. Und Sie wissen, was es bedeutet, wenn ein Mann zu weinen anfängt. Ihr Neujahrsgruß hat eine große Bedeutung für mich. Nur Sie haben bemerkt, dass ich noch existiere in diesem ukrainischen Land, in dem es für mich viele Demütigungen und Beleidigungen gab. Ich habe in meinem Leben viel ausprobiert, erlebt und, indem ich am Leben blieb, meine Existenz fortgesetzt.

Meine Leiden begannen am ersten Tag des Zweiten Weltkriegs, der auf dem Territorium der Sowjetunion begann, wo ich in Litauen in der Roten Armee diente. Ich werde diesen furchtbaren Kriegsabschnitt nicht beschreiben, denn schon in den ersten Tagen des Krieges wurde ich schwer verwundet und kam in nazistische Gefangenschaft. Nachdem ich in die Gefangenschaft gekommen war, gelang es mir zu fliehen und in meine Heimatstadt Tschernobyl in der Ukraine zurückzukehren, wo ich am 12. März 1942 erneut gefangen genommen und nach Dresden – Freital in Deutschland gebracht wurde, wo ich als Ostarbeiter (original mit russischen Buchstaben geschrieben) im „Sächsischen Gussstahlwerk Döhlen AG Freital“ in der Galvanisiererei arbeitete. Dort wurden in speziellen Behältern mit Schwefelsäure Geschosshülsen gereinigt. Man musste 12–14 Stunden ohne Pause für 600 g Ersatzbrot, 30 g Margarine und einen Napf Spinatsuppe arbeiten. Während der Arbeit dort erkrankte ich an Lungenentzündung und wurde in ein Lazarett für Ostarbeiter in Dresden – Poisental gebrachte. Dank Doktor Richter und seiner Frau Elsa blieb ich am Leben und ich konnte, nach einem entsprechenden Examen, als Lagerarzt in der Sanitätsbaracke 3 in Freital arbeiten. Als jedoch ein neuer SS-Kommandant das Lager übernahm, wurde ich erneut in die Galvanisiererei zur Arbeit geschickt.

Am 5. Mai befreiten uns die sowjetischen Truppen, und dann begann die schändliche Überprüfung durch Mitarbeiter des Untersuchungsdienstes „Smersch“. Danach wurde ich nach Bischofswerda bei Dresden geschickt, um dort ein Krankenhaus für Rückkehrer, die uns von den Amerikanern aus den anderen Besatzungszonen geschickt wurden, einzurichten. In der Klinik von Prof. Schmid wurden Repatriierte und deutsche Bürger aufgenommen, die medizinische Hilfe brauchten. Ungeachtet des Verbots, Mitglieder der nationalsozialistischen Partei arbeiten zu lassen, was auch den Professor betraf, erreichte ich in der sowjetischen Kommandantur, dass der Professor mit seiner Familie in die Klinik zurückkehren und dort in seinem Fachgebiet arbeiten konnte.

Im Juli 1945 wurde ich zurückversetzt in die sowjetische Armee und an die japanische Front geschickt, wo der Krieg im August 1945 endete. Nach der Demobilisierung aus der Sowjetarmee sandte man mich als Oberarzt an das Krankenhaus der Eisenbahn nach Karaganda in Kasachstan. Im September 1948 wurde ich auf Grund einer Denunziation des Parteisekretärs durch das KGB verhaftet und nach Artikel 58-1 b zu 25 Jahren Internierungslager (ITL) verurteilt und in das Zwangsarbeitslager Kaly-ma-Magadan zur Arbeit in der Erdöl- und Goldförderung gebracht. 6 Jahre arbeitete ich in diesem Schacht für 500 g Brot, ein Stück Fisch und zweimal Suppe am Tag. Das war eine fürchterliche Verhöhnung durch die KGB-Mitarbeiter im Gulag Magadan. Und erst nach Stalins Tod und der Machtübernahme durch Chrustschow wurden ich und das ganze Lager befreit, aber die Schande, ein „Feind des sowjetischen Volkes“ zu sein, blieb noch sehr lange. Nachdem ich wieder in Freiheit war, konnte ich nicht mehr als Arzt arbeiten, weil mir das Kriegsgericht in Turkestan auch das Arztdiplom aberkannt hatte. Und das Brandmal „Volksfeind“ erlaubte ein menschenwürdiges Leben nicht, erlaubte nicht zu vergessen, was das Schicksal mir gebracht hatte.

Ich bin jetzt 87 Jahre alt. Es wird Zeit für das himmlische Königreich. Aber glauben Sie mir, es ist sehr schmerzlich zu sehen, wie die verfetteten Reichen leben, und beleidigend und fürchterlich, dass eine solche Ungerechtigkeit bei uns passiert, dass Menschen, die so viel Kummer und Leiden durchlebten, im Alter weiter in Armut und Erniedrigung leben müssen. (…) Zum Abschluss meines Briefes bitte ich Sie, falls es Ihnen nicht zu viel Mühe macht, sich mit der Leitung der „Sächsischen Gussstahlwerk Döhlen AG Freital“ in Verbindung zu setzen und dort darum zu bitten, dass sie mich entsprechend den Mitteilungen und allen anliegenden Dokumenten, die ich Ihnen schicke, bezahlen. Ich bin Ihnen sehr dankbar für die mir im Jahre 2005 erwiesene Hilfe von 300 € und bitte Sie, mir meine letzte Bitte nicht abzuschlagen.

Vielen Dank und bleiben Sie gesund.

Aleksej Sawada.

P.S. Entschuldigen Sie bitte, möglicherweise war nicht alles so, wie ich es schrieb, Sie wissen doch „Das Alter ist keine Freude, alles ist möglich“.

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