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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

92. Freitagsbrief (18.04.2008).

Belarus
Gebiet Witebsk
Bezirk Dubrowenskij
Konstantin Iwanowitsch Chalko.

Guten Tag, sehr geehrte Damen und Herren,

ich bin Ihnen für Ihren Brief sehr dankbar. Anscheinend gibt es noch Menschen, die uns nicht vergessen haben und bereit sind, sich um ehemalige Kriegsgefangene zu kümmern. Ich war vom 1. Juli 1941 bis zum 6. April 1945 in deutscher Kriegsgefangenschaft.

Am 6. Oktober 1940 wurde ich in die Sowjetarmee einberufen. Ich diente in der Stadt Wladimir-Wolynsk am Fluss Bug, direkt an der Grenze. An dieser Stelle baute man Befestigungsanlagen. Am 22. Juni um Punkt 4 Uhr gerieten wir unter Beschuss und Bombenangriffen deutscher Truppen. In unserem Bataillon sind nur 12 Männer am Leben geblieben. Ich hatte eine leichte Verletzung am Bein. Wir hielten unsere Stellungen an der Grenze bis zum 1. Juli 1941. Schließlich wurden wir belagert und gefangen genommen.

Die Kriegsgefangenen wurden nach Chelm in Polen getrieben. Auf dem Fußmarsch wurden wir schlechter als Vieh behandelt. Wir wurden geschlagen. Schwache und Kranke wurden erschossen. Das Lager befand sich in Stadtnähe. Das war ein mit Stacheldrahtszaun umgrenztes Feld. Es gab keinen Unterschlupf. Das war ein nacktes Feld. Im Lager befanden sich 105 000 Menschen. Das Essen gab es einmal täglich: 200 Gramm Brot mit Spänen und ein halber Liter Balanda. Hunderte Gefangene verhungerten täglich. Wir konnten uns nicht rasieren und nicht waschen. Es gab unzählige Läuse. Zum Oktober 1941 waren nur noch 16 000 Menschen am Leben. Sie wurden ins Lager Biolinowka bei Warschau abtransportiert. Man brachte uns in ehemaligen Pferdeställen unter. Den Winter haben 1500 Leute überlebt.

Im Mai 1942 wurde ich nach Petrikow und kurz danach nach Tschenstochau in Polen gebracht. Zwei Monate später transportierte man uns in irgendein Lager auf deutschem Boden. Das Lager existierte seit 1914.[*] Dort wurden wir „desinfiziert“, dass heißt gewaschen, rasiert und entlaust. Im Lager wurden Arbeitseinsätze verteilt. Ich geriet ins Kommando der Lastträger in Bremen (100 Mann). Wir sollten Eisenbahnwaggons be- und entladen. Nach Ankunft im Lager wurden wir in einem Stall untergebracht. Hier erhielten wir Arbeitskleidung, wurden gewogen und in die Kartei eingetragen. Ich war damals nur 48 Kilo schwer. In der Armee wog ich 80 Kilo. Hätten wir Kräfte zum Lasttragen haben können?! Es reichte kaum für die Existenz.

Einen Monat lang wurden wir zur Arbeit geführt. In einer Mühle mahlten wir Getreide. Die Arbeit war leicht, das Essen – gut. Hier nahm ich zu. Danach gab es andere Arbeit, Be- und Entladen von Waggons. Vor allem schleppten wir Kohle und Eisen. Die Arbeitgeber rekrutierten für einen Einsatz 3–4 Personen. Manchmal wurde etwas zum Essen gegeben, allerdings nicht für alle und nicht jedes Mal. Ich verrate kein Geheimnis: Gab es eine Möglichkeit zu klauen, klauten wir. Das war ein reiner Kampf ums Überleben. Der Hunger ist schrecklicher als der Tod.

Im Januar 1945 wurden wir nach Aachen transportiert. Wir schaufelten Schützengräben. Die Zweite Front war eröffnet worden. Vom Westen stießen Briten und Amerikaner vor. Hier waren wir nicht lange. Als die Front sich näherte, wurde wir nach Soest evakuriert. Hier befreiten uns amerikanische Truppen. Vor der Befreiung wollten die Wächter, deutsche Soldaten, uns erschießen. Zu unserem Glück griffen plötzlich Flugzeuge an. Ich weiß nicht, wessen Flugzeuge es waren. Sie warfen Bomben ab. Entgegen unserer Kolonne marschierten französische Kriegsgefangene. Sie wurden von Bomben getroffen, es kam zur Panik. Wir liefen in unterschiedliche Richtungen davon. Später wurden wir von amerikanischen Truppen befreit und ins Lager für Befreite nach Lippstadt überführt. Hier war unser Leben sehr gut. Ich aß mich satt und nahm zu.

Bald schickten sie uns in die Heimat. Von Magdeburg nach Brest gingen wir zu Fuß. Nach der Ankunft in Brest überprüfte uns die Sonderabteilung. Stalin hat uns Kriegsgefangene für Vaterlandsverräter gehalten. Nach der Prüfung wurde ein Arbeitsbataillon zusammengestellt. Man schickte uns in die Mine von Bakal im Uralgebiet. Hier gab es eine erneute Überprüfung von der Sonderabteilung. Zusammen mit uns wurden Offiziere geprüft. Sechs Monate lang arbeitete ich in der Mine. Danach gab es weitere Arbeit. Im Dezember 1946 wurde ich aus familiären Gründen entlassen. Es handelte sich um folgendes: Mein Vater fiel 1943. Meine Mutter und vier kleine Geschwister wurden 1944 nach Lettland deportiert. Nach Kriegsende kehrten sie ins Heimatdorf zurück. Das Dorf existierte nicht mehr. Es wurde zweimal von den Deutschen niedergebrannt, beim Vorstoß und beim Rückzug der Wehrmacht. Die Mutter pflückte Himbeeren. So lief das Leben.

Als ich aus dem Ural heimkehrte, baute ich ein eigenes Haus. Es war ein kleines Häuschen, eine Art Holzhütte. Später baute ich ein besseres Haus und gründete eine Familie. Ich habe drei Kinder. Alle leben getrennt und haben eigene Familien. Ich wohne mit meiner Frau im Dorf. Das Leben geht zu Ende.

Das war eine kurze Beschreibung. Eine ausführliche Beschreibung wäre schon memoirenähnlich. Damit will ich den Brief beenden.

Seien Sie gesund! Möge Gott Ihnen beste Gesundheit und langes Leben schenken! Sobald ich Euromark bekomme, werde ich Sie benachrichtigen.

Herzliche Grüße

(Unterschrift)

10. Februar 2007.

Nachtrag laut Brief vom 28.03.07.

„Vor dem Krieg beendete ich sieben Klassen einer Schule. Ich war also ein Schüler. 1938 begann ich die Ausbildung an der Feldscherfakultät des Medizinischen Technikums in Witebsk. Sie absolvierte ich 1940. Nach dem Abschluss wurde ich praktisch sofort in die Armee einberufen. Danach begann wie bekannt der Krieg. Nach dem Krieg kehrte ich heim und fand eine Arbeitsstelle als Leiter eines Feldscherpunktes Dort arbeitete ich 48 Jahre lang. Für eine gute Arbeit wurde ich mit dem Titel ‚Verdienter Mediziner der UdSSR‘ gewürdigt. Ich müsste eine hohe Rente mit Rentenzuschlag erhalten. Nach der Verrentung wurde diese Regelung gestrichen, mit der Begründung des Zerfalls der UdSSR und Gründung eines neuen belarussischen Staates.“

Nachtrag laut Brief vom 23.05.07.

„Das Lager in Chelm war das schwerste Lager für sowjetische Kriegsgefangene. Hier starben Tausende Kriegsgefangene. Das Lager befand sich im nackten Feld unter freiem Himmel und war vom Stacheldraht umzäunt. Die faschistische Bewachung war streng. Die Faschisten schlugen die Kriegsgefangene stark. Das Essen diente nur für wahre Existenz. Wir waren schmutzig, unrasiert, läusevoll und hungrig. Es gab Typhusepidemie. Inn diesem Lager lebte ich bis Oktober 1941. (…) Im Juli 1942 wurde ich nach Tschenstochow gebracht. Hier verbrachte ich einen Monat und wurde anschließend nach Deutschland abtransportiert. In Tschenstochow gab es im Vergleich zu Chelm bessere Lebensbedingungen. Wir lebten in den Baracken und wurden zum Waschen geführt. Wir rasierten uns und bekamen relativ gute Kleidung. Danach wurde ich nach Bremen in Deutschland verschleppt.“

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[*] Das Stalag XA Sandbostel war schon im 1. Weltkrieg Kriegsgefangenenlager.

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