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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

91. Freitagsbrief (11.04.2008).

Ein Grüß aus Weißrussland, (Stadt Tshausi)

Guten Tag, kleine Gruppe von Vereinsmitgliedern! Es schreibt Ihnen die Tochter vom ehemalige Kriegsgefangenen Vladimir Iwanowitsch Silwankov. Mein Vater wurde in Dorf Kopani im Bezirk Tschausskij geboren. Als er fünf Jahre alt war, starb sein Vater, die Mutter mit drei Kindern blieb allein. Er hatte zwei Schwestern vatererseits und er, etwas älter geworden ist, sollte Hausherr werden. Aber bei Kriegsanfang wurde er einberufen, obwohl er damals keine 18 Jahre alt war. Er erzählte, dass er immer sehr mager und klein war. Für unterwegs bekam er von der Mutter ein Stückchen Schmalz und einen Laib Brot, sie hatte nicht mehr zum Mitgeben. Die Mutter sagte ihm, Söhnchen, vielleicht werde ich dich nie mehr sehen, hat von ihm Abschied genommen, ihn geküsst. Und die jungen Burschen sind zu Fuß in die Stadt Tschauss gegangen (18 km entfernt), zum Wehrkommando. Dort sammelte man alle Einberufenen und sie gingen zu Fuß einige Tage, nur in der Nacht rastend. Ihren ersten Kampf hatten sie in Richtung Kursk. 18-jährige Burschen, die noch niemals ein Gewehr gesehen haben, sollten einen schrecklichen Kampf aushalten. Deutsche Soldaten waren vorbereitet, ausgebildet, auf diesem Gebiet wurden sehr viele Waffen konzentriert. Bei den ungleichen Kräften passierte es, dass die Division umzingelt wurde. Ein Lager für Kriegsgefangenen befand sich in Charkov (Ukraine). Kälte und Hunger. Befreiung durch die Rote Armee. Danach – Bestrafung. Er arbeitete in einem Schacht unweit von Moskau, und erst im Jahr 1948 kam er in sein Heimatdorf zurück. Das Haus existierte nicht mehr, alles war von den Faschisten verbrannt, Mutter als Flüchtling war gestorben, aber die zwei Schwestern überlebten. Sie haben sich eine Erdhütte gegraben und wohnten dort. In einem Nachbardorf, beim Tanzen, lernte mein Vater meine Mutter kennen. Meine Mutter hatte fünf Schwestern und einen Bruder. Ihr Vater fiel im Krieg, ihr älterer Bruder ist auch gefallen. So blieb mein Vater an diesem Hof als Hausherr. Kurz darauf bekam er Lungentuberkulose und musste einige Monate in Krankenhaus bleiben. Meine Großmutter webte Stoff und verkaufte ihn, um Geld für Medikamenten zu beschaffen. So mit Gottes Hilfe wurde mein Vater gerettet. Im Jahr 1950 bekam er sein erstes Kind, ein Bube, aber nach einem Jahr starb es an Knochentuberkulose. 1952 wurde eine Tochter geboren und 1955 – ich, Ludmila. Lange Jahre war mein Vater Invalide, danach durfte er nur leichte Arbeit machen, er war Hirte im Kolchos, Wächter, sein Verdienst war klein, darum ist seine Rente auch sehr klein. Während seines ganzen Lebens hat er viele Krankheiten ertragen, aber für alle Leiden hat ihm der liebe Gott seine Jahre verlängert. Im Dezember 2007 ist er ganz schwach geworden. Ich musste aufhören zu arbeiten, um ihn zu pflegen. Ich muss jetzt zwei Menschen pflegen, da mein Mann nach Tschernobyl eine Strahlenkrankheit hat, seit 6 Jahren. In diesem Jahr wurden alle Vergünstigungen aufgehoben. Meine Mutter wurde in den Kriegsjahren nach Deutschland nach Königsberg verschleppt. Sie erzählte es mir, als ich noch klein war. Wohlhabende Bauern wählten junge Mädchen für die Arbeit im Hof und Haushalt aus. Meine Mutter landete zusammen mit ihrer Kusine bei einem Bauern. Sie arbeiteten von morgens früh bis zum Abend, aber der Herr und die Herrin waren gute Menschen, sie wollten sogar, dass meine Mutter ihren Sohn heiratete. Aber sie sagte ab, sie wollte zurück in die Heimat, wo auf sie ihre alte Mutter und Schwestern warteten, der Vater war während des Krieges verschwunden. Meine Mutter starb 1991 wegen schwerer Krankheit, sie war erst 68 Jahre alt. Das Gesetz über eine Entschädigung für Zwangsarbeiter erlebte sie nicht. Ihre Kusine, mit der sie in Deutschland arbeitete, in Mogilev wohnend, bekam eine Kompensation. Sie ist meine Patin, ich besuchte sie im Mogilev am 26 Februar 2008. Mein Vater litt und trauerte sein ganzes Leben, er mag es nicht, über den Krieg zu reden. Nachdem er Ihren Brief gelesen hatte, konnte er nicht schlafen, wollte nicht essen. Am nächsten Tag sagte er – schick ihnen ein Brief, vergiss es nicht!

Wiedersehen

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