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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

90. Freitagsbrief (4.04.2008).

Russland
Moskau
Ilja Selmanowitsch Ehrenburg.

Guten Tag, sehr geehrte Herren!

Ihnen und allen Mitgliedern Ihres Vereins danke ich herzlich für die große Aufmerksamkeit gegenüber uns ehemaligen Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen, die alle Schrecken des Krieges, die Misshandlungen und Demütigungen der Gefangenschaft, Hunger und Tod überlebt haben. Ihre Erlebnisse und die Ihrem Volk im Krieg zugefügten Leiden verstehe ich voll und ganz, und persönlich habe ich gegenüber dem deutschen Volk weder Arg noch Hass. Das deutsche Volk musste unter dem Regime des Faschismus ebenfalls viel erdulden. Auf Ihre Bitte teile ich Ihnen kurz mit:

Im September 1941 wurde ich verwundet und geriet bewusstlos in Gefangenschaft. Im Verlauf von etwas mehr als zwei Monaten trieb man mich zusammen mit anderen Gefangenen von einem Lager zum anderen auf dem Territorium von Belarus und Polen. Die Lager waren offenes Gelände ohne alle Gebäude, mit Stacheldraht eingezäunt. Wir waren halbnackt, hatten nur Unterwäsche. Wir hatten kein Geschirr und erhielten nicht jeden Tag Verpflegung, noch dazu reichte es nicht für alle. Viele Kameraden starben vor Hunger und Kälte sowie an den Kugeln, mit denen die Posten auf den Wachtürmen auf uns wie auf Zielscheiben schossen. Zur Sicherheit nannte ich mich Ilja Sacharowitsch Lebedew. Diesen Namen trug ich bis zur Rückkehr in die Sowjetarmee. Im Dezember 1941 kam ich nach Küstrin in Deutschland, in das Lager III-C. Dort hingen sie mir ein Schild mit der Nummer 15624 um den Hals und steckten mich in ein sogenanntes „Lazarett“, das von den anderen Blocks des Lagers durch einen doppelten Stacheldrahtzaun getrennt war. Im „Lazarett“ waren acht Baracken: zwei für das Lazarettpersonal und sechs für die Kranken, in denen je 250 Mann untergebracht waren. Ich war in der Baracke S untergebracht, in der sich Infektionskranke und Verwundete zusammen befanden. Medizinische Hilfe gab es nicht. An uns wurden Experimente durchgeführt. In die linke Brust und in die Vene wurden irgendwelche Präparate gespritzt. Jede Woche wurden 2–3 Blutproben genommen, einmal im Monat ein ganzes Glas voll Blut.[*] Während des „Lazarett“aufenthalts erkrankte ich an Bauch- und an Flecktyphus. Im Lazarett herrschten Kälte (es war verboten, die Fenster zu schließen, und jeden Tag wurde der Fußboden nass gewischt) und Hunger (morgens gab es Eichelkaffee, mittags eine „Suppe“ aus ungeputzten Kohlrüben). Für 12 Mann gab es am Tag ein Brot. Nachts wüteten zwei deutsche Bewacher, die die kranken „Sträflinge“ für erfundene Vergehen schlugen. Morgens trugen die Sanitäter die Leichen hinaus. Um die Sterblichkeit im „Lazarett“ zu erhöhen, wurde eine Spezialkammer eingerichtet, in der sie noch lebende „Sträflinge“ einfroren. Die Sterblichkeit im „Lazarett“ war sehr hoch. Schließlich begannen sie im März 1942, die „Genesenen“ , besser gesagt die Überlebenden aufzuschreiben. Auf den linken Arm wurde uns die Nummer vom Nummernschild tätowiert, und wir wurden in die Arbeitskommandos im Lager eingereiht. Ich kam zur Arbeit ins Bad. Das Bad war der Sanitärdurchlass für die neu eingelieferten Gefangenen und diente den ständig im Lager lebenden Gefangenen sowie den zum Lager gehörigen Arbeitskommandos in Fabriken, Werkstätten und auf Bauernhöfen. Ich war in der Dusche und der angeschlossenen Desinfektion tätig. Die Dusche und der Desinfektionsraum waren ein kleines Gebäude, wo man 16–18 Stunden, manchmal rund um die Uhr schwere Dämpfe von den schmutzigen Körpern und scharfen Desinfektionslösungen einatmen musste. Dabei war es mir wie den anderen Badarbeitern während der ganzen Schicht verboten, den Arbeitsplatz zu verlassen oder mit nicht im Bad arbeitenden Gefangenen zu sprechen. So arbeitete ich bis September 1944. Im September 1944 wurden ich und mein Arbeitskamerad verhaftet, weil wir ein unerlaubtes Gespräch mit Häftlingen aus der Strafbaracke geführt hatten. Wir kamen in einen Steinbruch bei Berlin, in Rüdersdorf. Kaum jemand konnte diese Strafe überleben. Ich musste mit einer Hacke Steinbrocken vom Felsen hauen, sie zerkleinern, auf Loren von 0,75 Kubik laden und zur Annahme schieben. Die Norm war 35 Loren für zwei Mann pro Schicht. Bei Nichterfüllung gab es Bestrafung mit Ruten. Ende November 1944 war ich völlig erschöpft und musste sterben. Aber zwei Menschen retteten mich. Das waren der russische Kriegsgefangene Dr. Georgi Fjodorowitsch Sinjakow, der im Lazarett arbeitete, und der deutsche Übersetzer, Korporal Helmut Tschacher (Tzschacher . Dank ihnen kam ich zurück ins Lager. Sie brachten mich in einem Raum für Tuberkulosekranke unter, den das deutsche Personal zu betreten vermied. Das alles war möglich, weil sich Ende 1944 die Lage an den Fronten verändert hatte, was uns Gefangenen Erleichterungen verschaffte. So erschienen die ersten kriegsgefangenen russischen Ärzte, und es gab ein Brot für sechs Mann am Tag usw. Im März 1945 floh ich und schloss mich den Vorausabteilungen der Sowjetarmee an. Der Krieg ging zu Ende, ich wurde demobilisiert und kehrte nach Hause zurück. Ich schloss meine durch den Krieg unterbrochene Ausbildung ab und arbeitete bis zur Rente im Werk. Im Jahre 2007 wurde ich 90 Jahre alt. Ich lebe mit meiner Frau zusammen. Im Juni 2008 werden wir 60 Jahre verheiratet sein. Wir haben einen Sohn, er lebt mit seiner Familie getrennt von uns. Sie haben zwei erwachsene Töchter. Sie alle haben Hochschulbildung, sie arbeiten, sind ständig in Verbindung mit uns und helfen.

Hochachtungsvoll

Ilja Ehrenburg.

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[*] Möglicherweise dienten die genannten Experimente und Blutuntersuchung der Feststellung von Tuberkulose. (Suchan-Flos).

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