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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

89. Freitagsbrief (28.03.2008).

Die erste Hälfte ist ein Dankschreiben der Familie des Autors, unterzeichnet von seiner Frau Anna, der Tochter Valentina, den Enkeln Aleksej und Iwan sowie den Urenkeln Grigorij und Gleb. Wir veröffentlichen den 2. Teil des Briefes.

Russland
Gebiet Belgorod
Grigorij Archipowitsch Tschursin.

(…)

Ich bitte um Entschuldigung, dass ich mit der Antwort so lange im Verzug bin, ich war im Krankenhaus, wo an mir eine chirurgische Operation vorgenommen wurde, so dass Ihre moralische und materielle Hilfe zur rechten Zeit kamen, noch einmal vielen Dank. Aus Ihrem letzten Brief vom 9.10.2007 erfuhr ich, dass meine Daten zum Geburtstag nach den Dokumenten des Internationalen Suchdienstes mit denen des Fragebogens nicht übereinstimmen. Die tatsächlichen Umstände im Zusammenhang mit den Daten erklären sich wie folgt: in meiner Kindheit war es nötig, damit ich überleben und arbeiten gehen konnte, ein Jahr zuzugeben, weil ich mit 13 Jahren nach dem Gesetz nicht hätte arbeiten dürfen, so dass ich nach meinem Pass 1919 geboren bin, aber in Wirklichkeit war mein Geburtsjahr erst 1920. Und als ich aus dem Krieg zurück kam, erkannte die Verwaltung im Dorfsowjet nur die schon angegebenen Daten an, wie ich gesagt hatte, das Geburtsjahr 1919. Deshalb ist das auch in allen folgenden Dokumente, dem Pass usw., übernommen worden. Sie fragten auch nach der Zeit in der Gefangenschaft.

Im Sommer 1941 kam ich in das Lager 307, es befand sich in der Stadt Stolbzy in Belorussland. Dann wurde ich mit vielen anderen Kriegsgefangenen in die Stadt Nürnberg übergeführt, dort waren wir fast bis zum Winter. Dann kam ich nach Folgenau (1), wo ich den Winter verbrachte, da traf ich einen wunderbaren Menschen mit Namen Kottfried oder Gottfried, so wurde er genannt. Das war damals schon ein älterer Mann, der mir half zu überleben, er rettete mich vor dem Hunger. Ich erinnere mich heute noch an ihn und denke, dass ich nur dank ihm überlebte. Das königliche Himmelreich ist sein! Als man uns in die Stadt Weiden brachte, er aber in Folgenau blieb, sah ich Tränen in seinen Augen. Sicher begriff er damals schon die ganze Tragödie, die mit uns passierte. In Weiden, wo ich mit anderen russischen Kriegsgefangenen und auch mit Deutschen zusammen war, arbeitete ich in einer Gießerei. Aus Weiden gelang mir die Flucht im August oder September, genau weiß ich es nicht, wurde jedoch gefasst und dafür ins Gefängnis gesteckt, dort war ich 4 Monate und erkrankte an Dysenterie.

Nach lange dauernden Befragungen und Verhören steckte man mich in den Karzer, wo ich offensichtlich sterben sollte, weil ich bis zu den Knien im Wasser stand und um mich herum schon tote Menschen waren. Und wieder war es mir nicht gegeben zu sterben, offensichtlich nach Gottes Willen kam ein Mann in deutscher Uniform mit dem Hakenkreuz am Ärmel, brachte mir Grütze und Zucker. Er kam zwei oder drei Mal. Diesen Menschen habe ich im Lager nicht gesehen, nicht vorher, nicht nachher. Nach dem Gefängnis wurde ich das Lager gebracht, das war etwa 1943 in der Stadt Neustadt (2) – Mainmühle (Steinerne Steige). Von dort aus kam ich zur Arbeit zu einem Bauern in der Stadt Amberg, dort wurde ich von den Amerikanern befreit.

Das ist in Kürze, woran ich mich erinnere, obwohl, wenn man sich an alle Einzelheiten erinnerte, könnte man ein wirkliches Buch über den Krieg schreiben.

Noch einmal danke ich für Ihre Anteilnahme, ich würde Ihnen gern in die Augen sehen, mit Ihnen direkt sprechen. Ich würde diesen Moment gern noch erleben. Ich lade Sie zu Besuch in unsere Stadt ein, das ist Staryj Oskol, Gebiet Belgorod, wir könnten uns treffen.

Hochachtungsvoll

Grigorij Archipowitsch und die ganze Familie Tschursin

(Unterschrift).

****

Anmerkungen d. Übers. Jelena Stepanova.

1 und 2 Die Städtenamen Folgenau und Neunstadt (nicht Neustadt) kommen in Unterfranken vor. Ich habe mich an „Steinerne Steige“ orientiert.

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