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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

88. Freitagsbrief (21.03.2008).

Russland
Gebiet Kaluga
Wasilij Nikolajewitsch Sajcew.

Guten Tag, sehr geehrte Frau Dr. Hilde Schramm und sehr geehrter Herr Eberhard Radczuweit. Ihren Brief habe ich erhalten, danke dafür. (…) Sie baten darum, über mich zu berichten.

Geboren im Dickicht des Waldes wo der Fluss Wetluga entlang floss. Dort gab es schöne Plätze. Die heimische Erde ließ uns nicht in die Stadt gehen. Ich musste das Vieh hüten und auch Bastschuhe flechten. Mein ganzes Leben arbeitete ich als einfacher Holzfäller (…) Jetzt über mein Schicksal im Krieg: Am 16.4.1941 wurde ich zur Armee einberufen. Ich diente in Lwow, wo mich der Krieg ereilte. Ich geriet am 28. Mai 1942 bei Charkow in Gefangenschaft, ich wurde verwundet und kann bis heute auf dem rechten Ohr nicht hören.

Das möchte ich wieder in Gedichtform ausdrücken:

Verzeih mir meine Teure,
dass ich nicht kam Dich zu beerdigen.
Oh, wenn Du alles wüsstest,
würdest Du mich nicht schelten.
Es war warm und alle schliefen,
um uns herum nächtliche Finsternis.
Die Faschisten überfielen uns nachts
und das Durcheinander begann.
Im Kampf wurde ich verwundet.
Die Kameraden ließen mich nicht liegen,
sie retteten mich,
sie mussten das nicht tun.
Sie trugen mich auf ihren Händen.
Als ich zu mir kam,
konnte ich weder sitzen noch liegen
und ich dachte, jetzt ist es vorbei.
Ich hörte die fremde Sprache
und dachte, jetzt ist es vorbei.
Nun verstand ich, wo ich mich befand.
Sie trieben uns in Güterwagen
und fuhren uns irgendwo hin.
Ich hörte Fluchen, ich hörte Stöhnen,
irgendwer schrie: ich will trinken.
In Stettin mussten wir anstelle der Stiefel
Holzleisten und zerlumpte Uniformen anziehen.
So verlangte es der Feind.
Ich erinnere mich noch an die Aufschrift „Kriegsgefangener“
auf dem Rücken.
Wir wurden in die Fremde gebracht,
in Norwegens Stadt Bergen.
Die Verpflegung war sehr gering,
so dass wir ständig Hunger litten,
Du hast auf eine Nachricht vom Sohn gewartet,
gewartet und darauf gehofft.
Ich habe gehungert und als Gefangener gearbeitet.
Und wusste nicht, wozu leben.
Als der Krieg zu Ende war
fuhren die Soldaten zurück nach Hause.
Das ganze Land feierte und
ich kehrte in meine Hütte zurück.
( ... )

Ich wurde im Gebiet Nishnij Nowgorod geboren. Alle Schicksalsschläge habe ich überstanden, wie durch ein Wunder blieb ich am Leben. Ich hatte keine Eltern mehr. Ich habe niemals geraucht oder getrunken. Die Zeit als Kriegsgefangener in Norwegen war kalt und regnerisch. Gearbeitet wurde bei jedem Wetter. Wir bauten Befestigungen, brachen Steine, bauten Tunnel und Bunker aus Stein und Zement, in der Kälte ohne Handschuhe, mit Leisten an den Füßen. In der Baracke gab es dreietagige Pritschen, es war eng. Durch das Dach tropfte es und im Winter war es sehr kalt. Zu essen gab es einen halben Liter Suppe aus der deutschen Küche mit Steckrüben, Kohlrabi und Kartoffelschalen. Abends gab es Brot – einen Laib für 5 bis 6 Männer, Tee und Ersatzkaffee. Hilfe vom Roten Kreuz gab es nicht. Die Deutschen konnten machen, was sie wollten. Die Unnachgiebigen wurden mit Schlauchschlägen bestraft.

Am 7. Mai 1945 kapitulierten die Deutschen, dann kamen die Engländer. Sie gaben uns zu essen und brachten uns dort unter, wo vorher die Deutschen wohnten. Die aber mussten dorthin, wo wir vorher waren. Dann kehrten wir in die Heimat zurück, in die Stadt Murom. Wir wurden verhört, als Rückkehrer eingestuft und in Arbeitsbataillone eingegliedert. Dann wurden wir demobilisiert. Dann erhielten wir Dokumente und Fahrscheine, wohin wir wollten. 5 Jahre habe ich in Moskau beim Straßenbau gearbeitet. Die Bezahlung war gut, aber ich fühlte mich nicht als Städter und kehrte zurück aufs Dorf, wo ich in der Forstwirtschaft anfing zu arbeiten. Ich gründete eine Familie und mit 55 Jahren ging ich in Rente und arbeitete auch noch weiter. 1976 im Mai luden mich die Kriegsveteranen von Norwegen als Gast ein, ich erhielt eine Genehmigung für die Reise und habe alles vorbereitet, aber dann erkrankte ich und konnte nicht fahren.

Ich habe drei Enkelinnen und einen Enkel, zwei Urenkel und eine Urenkelin. Am 7. Januar 2008 werde ich 87 Jahre alt. Ich bin Invalide II. Grades wegen meines Gesundheitszustands. Insgesamt drei Jahre war ich in Kriegsgefangenschaft, diese Jahre gingen in die Dauer der Arbeitstätigkeit für die Berentung ein und ich erhalte Vergünstigungen. Zum Tag des Sieges bekomme ich Glückwünsche von Putin, vom Gebietsvorsitzenden und von den Kreisfunktionären.

Das sind Feiertage für einen alten Menschen. Der 2. September und der 1. Oktober sind Tag des Invaliden und es werden Geschenke gebracht. Meine Rente reicht für das Essen und einige weitere Ausgaben. Aber im Haus habe ich bis heute kein fließendes Wasser und kein Gas (sondern Gasflaschen). Den Ofen heize ich noch selber, aber ich denke, das werden die Kinder übernehmen. Sie sagen das oft, aber ich sehe, dass sie auch so genug zu tun haben. Ich denke, dass ich gut lebe. In den Geschäften gibt es alles zu kaufen. Und Juchnow ist eine schöne Stadt.

Hier mein Gedicht:

Ich gehe ins heimatliche Tal,
sehe die frühlingshafte Weite.
Wohin meine Augen auch blicken,
wie schön ist doch unser Wald.
Das Flüsschen folgt schlängelnd
seinem Weg.
Ich höre den Kuckuck rufen
und laut singt die Nachtigall.
Ich sehe das Gras ergrünen.
Die Sträucher haben sich geschmückt.
Die Sonne wärmt zärtlich.
Rundherum erblühen die Blumen.
Wie schön ist es, in den freien Stunden
durch das geliebte Land zu gehen.
Es gibt nichts Schöneres für mich als
unser liebliches heimatliches Juchnow.

Ich wünsche Ihnen alles Gute. Möge Gott Ihnen Gesundheit schenken.

Sajcew

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