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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

87. Freitagsbrief (14.03.2008).

Russland
Belgorod
Kirill Afanasjewitsch Kusnezow.

Sehr geehrte Doktor Hilde Schramm, Eberhard Radczuweit.

Es schreibt Ihnen die Tochter von Kirill Afanasjewitsch Kusnezow, Gorina Nina Kirilownaul.

Ich teile Ihnen mit, dass mein Vater, Kirill Afanasjewitsch Kusnezow geb. 1917, am 16. April 2002 verstorben ist und im Dorf Andrejewka im Bezirk Prochorowskij, Gebiet Belgorod beerdigt wurde. Ihren Brief übergab mir meine Mutter Klawdija Iwanowna Kusnezowa , geb. 1918. Als Invalidin der 2. Gruppe arbeite ich schon zwei Jahre nicht mehr.

Im Sommer wohnen wir bei meiner Mutter auf dem Dorf, im Winter nehme ich sie mit nach Belgorod, aber in diesem Jahr haben wir es nicht geschafft, sie mitzunehmen. Mit dem Gefühl tiefen Bedauerns teilen wir den Tod meiner Mutter am 26. Oktober 2007 mit, und ich erfülle eine Bitte. Ich möchte unendliche Dankbarkeit und Anerkennung zum Ausdruck bringen für die Achtung an das Andenken an meinen Vater. Meine Eltern lebten über 60 Jahre zusammen und haben vier Kinder groß gezogen.

Mein Vater kam aus dem Krieg zurück im Sommer 1946, ich bin am 1.1.1940 geboren und erinnere mich seiner Rückkehr. Ich war mit meiner Mutter im Garten, als wir einen Aufschrei der Großmutter (meines Vaters Mutter) hörten, sie kniete und hielt die Beine meines Vaters umfasst; auch meine Mutter schrie und das ganze Dorf lief zusammen. Viel Freude und Tränen. Papa hat sehr viel über den Krieg erzählt. An Winterabenden kam etwa das halbe Dorf in unserem Haus zusammen und alle hörten den Erzählungen meines Papas zu, und ich erinnere mich, dass alle weinten.

Unser Vater war ein stattlicher Mensch, aber immer, wenn er vom Krieg berichtete, hat er geweint. Er berichtete von Brunnen voller erschlagenen Alten und Kindern, sodass die sich unter diesem Eindruck erneut ins Gefecht begaben, ohne an das eigene Leben zu denken. Dreimal versuchte mein Papa aus der Gefangenschaft zu fliehen, aber immer hat man sie eingefangen, geschlagen, mit Hunden gehetzt. Für sein ganzes Leben hatte er Spuren an seinem Körper. Er glaubte nicht zu überleben. Wahrscheinlich hat ihn Gott gerettet. Sehr oft waren sie von Explosionen verschüttet, er überlebte, aber alle in seiner Nähe waren gefallen. Sein ganzes Leben hatte er Schmerzen im Bauch und an den Beinen. Im letzten Konzentrationslager hatte er überhaupt keine Hoffnung zu überleben. Man schickte sie in Steinbrüche. Das war eine höllische Arbeit für die Erschöpften. Bei einer Größe von 180 cm wog er 48 kg. Und erneut half der Herrgott.

Papa konnte gut Stiefel nähen. Als Ergebnis einer Befragung wurde er von dem Besitzer ausgewählt, Schuhe für die deutsche Armee zu nähen. Ihm gefiel sehr, wie Papa die Nähte spannte – schnell und akkurat – aber er hatte keine Kraft. Und so begann der Besitzer, ihm Nahrungsmittel zuzustecken, brachte ihm Suppe, belegte Brote, Tee oder Kaffee. Auf diese Weise erholte sich Papa ein wenig. Nach der Schlacht von Stalingrad gab er ihm sogar öfter ein Brot mit in die Baracke, wohin er zur Nacht zurückkehren musste. Dort wurde er sehr erwartet und das Brot für 50 Menschen geteilt. Papa hat auch dessen Familien- und Vornamen genannt, aber ich erinnere mich nicht. Sein Bruder war Kommunist und von den Faschisten erschossen worden. Hochachtung und Dankbarkeit von ganzem Herzen für ihn. Ich nehme an, dass das im Lager Nr. 5 Wolfen war, weil wir einen diesbezüglichen Auszug aus den Archivunterlagen besitzen. Papa sagte immer, dass es in jeder Nation gute und schlechte Menschen gäbe. Wir können das Vergangene nicht ungeschehen machen, aber wir dürfen keine Wiederholung zulassen.

Sehr geehrte Hilde Schramm, Eberhard Radczuweit und Genossen, ich verbeuge mich vor Ihrer Menschlichkeit, Großherzigkeit, Menschenliebe. Dank Ihnen für die Aufmerksamkeit am Andenken meines Vaters.

Ich wünsche Ihnen Gesundheit und viele Jahre auch für ihre Familie.

Mit Hochachtung und Dankbarkeit – die Tochter von Kusnezow Kirill Afanasjewitsch, Gorina Nina Kirillowna.

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