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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

83. Freitagsbrief (15.02.2008).

Viktor Iwanowitsch Taranenko
Ukraine
Kirowograd.

Guten Tag, sehr geehrte Dr. Hilde Schramm und Herr Eberhard Radczuweit!

Ich, Viktor Iwanowitsch Taranenko, Invalide II. Grades des Großen Vaterländischen Krieges, bin zu Tränen gerührt, dass es in Deutschland Menschen gibt, die an die großen Qualen der Kriegsgefangenen im II. Weltkrieg erinnern. Bis heute kann ich es manchmal nicht glauben, dass ich am Leben geblieben bin, wo Hunderttausende, die mit mir gemeinsam in den Lagern waren, vor meinen Augen starben. Ich diente an der Westgrenze der Ukraine im Rayon Rawa-Russkaja. Vom Beginn des Krieges an nahm ich an schwersten Kämpfen in den Rayons Nemirow, Rawa-Russkaja, Lwow, Welikije Mosty, Jaworow teil. Ich diente in der Mechaniker-Einheit des 125. Artillerie-Regiments der 87. Motorisierten Division des 4. Spezial-Korps des Kiewer Militärgebietes und das Oberkommando der Front hat uns den vorrückenden deutschen motorisierten Truppen entgegengeworfen. Der Krieg war für uns hinterhältig und viele unserer Armeeteile erlitten eine Niederlage. Unsere Truppen waren zerstreut, Verbindungen zwischen ihnen bestanden nicht, wir wichen unorganisiert zurück, fast alle unsere Soldaten wurden von deutschen Flugzeugen gejagt. Auf uns bewegten sich Fallschirmjäger zu. Am 4. September 1941 wurde ich im Gebiet der Stadt Shitomir von einer deutschen Mine schwer verletzt, verlor das Bewusstsein und geriet in Gefangenschaft. Deutsche Soldaten fanden mich und ich wurde ins Kriegsgefangenenlager „Neugamberg“ [Neuhammer, Schlesien] gebracht. Das Lager befand sich im Wald, es gab dort keinerlei Gebäude. Wir hausten in Erdlöchern. Den Winter 1941 überlebte ich in einem Soldatenhemd, darüber hatte ich einen Zementsack gezogen, ohne jegliches Schuhwerk. Täglich mussten wir barfuss aus den Löchern zur Kontrolle heraustreten und wurden geschlagen, wenn es zu langsam ging. Ich konnte mich nur mit Hilfe zweier Bündel Reisig dorthin bewegen, die trockenen Äste wurden gegen die Kälte unter die Füße gebunden, danach kehrte ich barfuss in das Erdloch zurück. Viele Gefangene hielten diese Qualen nicht aus und starben direkt vor meinen Augen. 1942 wurde unsere Hundertschaft Gefangene aus dem Lager zeitweilig zu Straßenbauarbeiten im Gebiet der Stadt Annaberg eingesetzt.

Wir waren entkräftet. Diejenigen, die nicht arbeiten konnten, wurden von den deutschen Soldaten bis zum Hals in die Erde eingegraben, wo sie dann starben (die Gruben mussten sich die Gefangenen selber graben). Ich erinnere mich an einen Vorfall, wo wir Kriegsgefangenen verdorbenen Salzhering zu essen bekamen, aber nichts zu trinken. So mussten wir Baumwurzeln suchen und ausgraben und an ihnen saugen, um nicht zu verdursten. Es kam vor, dass deutsche Soldaten außerhalb unserer Arbeitszeit betrunken ins Lager kamen und Brotscheiben mitbrachten, das Brot in die Menge der Gefangenen warfen und dann die nach dem Brot greifenden Gefangenen mit kräftigen Schlägen traktierten oder sogar erschossen. Infolge der erlittenen Quälereien und Boshaftigkeiten habe ich bis heute fortwährende verschiedene Krankheiten. Mein Herz schlägt nur noch dank einer zweimaligen Operation zum Einsetzen eines Herzschrittmachers, mein Nervensystem ist weitgehend zerrüttet, weshalb ich ständig weinen muss und das nicht unterdrücken kann. Danke für Ihre Fürsorge. Gott schütze Sie.

Hochachtungsvoll

Viktor Iwanowitsch Taranenko.

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