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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

82. Freitagsbrief (8.02.2008).

Sehr geehrte Hilde Schramm, Eberhard Radczuweit, verehrte Kontakte-Mitglieder.

Vielen Dank für den mir gesandten Brief, für die warmen Worte des Mitgefühls und die guten Wünsche. Ich freue mich sehr, dass es Menschen gibt, die die Erinnerung an das schwere Leben der Kriegsgefangenen aus den Ländern der ehemaligen Sovjetunion berührt.

Ich kann unmöglich diese schrecklichen Jahre aus meinem Leben, meinem jungen Leben, vergessen, die ich hinter Stacheldraht und Gittern verbringen musste. Tag und Nacht befand ich mich mit vielen anderen jungen Leuten im Visier von Bewaffneten. An uns wurden Versuche mit verschiedenen chemichen Präparaten durchgeführt. Man behandelte uns wie Tiere, wie Angehörige der kulturell niedrigstehendsten und schmutzigsten Rassse, (…) Schrecklich ist die Erinnerung, wie die Mädchen auseinander liefen, wenn wir zur Arbeit oder zurück gingen. Sie warfen uns aber auch ein Stück Brot zu und kicherten, wenn sie sahen, wie wir uns auf den kleinen Krümel stürzten. Jeder von uns war in einem solchen Hungerzustand, dass wir uns nicht darum kümmerten, wer sich neben uns befand – ob Freund oder Feind – eine scheckliche Prügelei und Schimpferei brauch aus. Und sehr oft erhielten wir von den Wachleuten statt einem Stückchen Essbarem Schläge mit dem Gewehrkolben. Ich erinnere mich gut, wie wir im November-Dezember 1941 und im Januar-Februar 1942 in einem zweistöckigen Gebäude in der Stadt Lubny, Gebiet von Poltawa in der Ukraine, untergebracht wurden. Es war ein schrecklich kalter Winter. Ich hatte ein bisschen Glück, da ich im Keller des Gebäudes untergebracht wurde, wo es ein wenig wärmer als oben war und der Wind nicht so wehte. Fenster und Türen waren herausgeschlagen, und die Gefangenen schliefen auf dem Zementboden. Um uns zu wärmen, drückten wir uns eng aneinander. Gekleidet waren wir sehr schlecht. Wir trugen alte Soldatenmäntel oder waren in Armee-Zelte gehüllt. Eine Toilette gab es nicht, man musste seine Notdurft von der zweiten Etage auf der Treppe verrichten, von wo sich ein vereistes Sprungbrett gebildet hatte, von dem wir herunterkrochen und uns wieder mühsam heraufarbeiteten. Einmal am Tag bekamen wir etwas zu essen, eine Suppe aus verfaulter Hirse mit Fleisch von irgendwelchen Tieren, die man wohl verhungert auf der Straße aufgelesen hatte. Die Innereien dieser Tiere warf man in die Abortgrube. Manchmal wenn die Wachen nicht da waren, zogen wir die Abfälle heraus und versuchten, ohne auf irgendwelche Hygiene zu achten, uns selbst etwas zu essen zuzubereiten. Ich weiß noch, wie zwei Sanitäterinnen, die auch gefangen genommen worden waren, aus diesen Abfällen hinter dem Zaun in Soldatenhelmen eine dünne Brühe kochten. So lebten wir bis zum Mai 1942. In diesem Monat wurden alle Kriegsgefangenen in Güterwagen nach Deutschland gebracht. Bei der Ankunft in Remscheid im Mai 1942 brachte man uns ca. 100 Mann vorübergehend in kleinen Gebäuden am Rand eines Fußball-Platzes unter, der von zwei Reihen Stacheldraht umgeben war und stark bewacht wurde, auch mithilfe von Schäferhunden. Wir mussten uns aufstellen, und irgendein Militärangehöriger wandte sich in deutsch an uns. Er warnte uns scharf vor Diebstahl, vor Flucht, vor Plündern, und besonders hervorhebend vor persönlichen Beziehungen zu Deutschen, was den Tod durch Erhängen zur Folge hätte. Und nahm von uns allen den Fingerabdruck ab. Wie wir später verstanden, kämpfte die damalige Regierung für die Reinhaltung des Blutes der arischen Nation. Aber wir existierten überhaupt nicht für die deutschen Frauen, wenn wir in den Müllgruben herumstocherten, wie streunende Hunde Essen wegschleppten und an rohem Gemüse nagten. Ende 1942 kamen wir aus den Gebäuden in die untere Etage eines viergeschossigen Hauses in Remscheid. Die Fenster waren vergittert, der Hauseingang wurde von bewaffneten Personen bewacht. In den oberen Stockwerken gab es Webstühle, im Keller eine Toilette und einen Luftschutzkeller. An einem Herbsttag ertönte nach dem Schichtwechsel, gegen Mitternacht, Fliegeralarm, und alle rannten in den Luftschutzraum. Ich aber lief in die Toilette im Keller. Es war ein schreckliches Bombardement. Die Wände wankten, das ganze Mobiliar wurde durcheinandergewirbelt. Ich hatte Schwierigkeiten, zum Ausgang zu gelangen, und durch den brennenden Windfang am Tor kroch ich auf die Straße, kam in einen Park und blieb dort bis zum Morgen sitzen. Die ganze Stadt qualmte, überall Qualm und Hitze. Als es hell wurde, sah ich, dass von unserem Gebäude nur ein Kasten und ein Krater übriggeblieben waren, von dessen Boden das Stöhnen der lebendig Begrabenen zu mir herüberdrang, unter denen Deutsche als auch Gefangene waren. Man konnte niemanden retten. Nur ein Deutscher und ein Gefangener waren neben mir am Leben geblieben. Wir gingen in verschiedene Richtungen auseinander. Bei ähnlichen Bombardierungen, die zu dieser Zeit bereits regelmäßig passierten, kamen sehr viele Gefangene wie auch gewöhnliche Deutsche um. An noch ein anderes Ereignis erinnere ich mich. Das passierte schon in der zweiten Stadt, in Hagen. Ich arbeitete in einer Fabrik, in der landwirtschaftliche Geräte wie Heugabeln, Rechen usw. hergestellt wurden. Der Fliegerangriff geschah am Tage. Beim Alarm rannten wir alle, darunter auch Deutsche, in die langen Gräben, die an den Bunkern ausgehoben worden waren. Die Deutschen ließen die Wache in den Bunker, wir, die Gefangenen, blieben auf der Straße, wir konnten uns nirgends verstecken, waren es doch eure Flugzeuge. (?) Wir mussten zusehen, wie die Fabrik und unser Wohnheim bombardiert wurden. Nächtelang noch träumte ich von Bombardements, vom Alarm, von Feuer und leidenden Menschen. Noch heute erinnere ich mich an jede Kleinigkeit und jede Minute dieser hungrigen, schrecklichen und grausamen Jahre meiner Gefangenschaft. Alles kann man nicht auf den paar Seiten meines Briefes wiedergeben. Zu schmerzhaft sind für uns diese Erinnerungen. Aber wir trafen auch gute Deutsche, die mit uns fühlten und uns halfen wie sie nur konnten. Ich erinnere mich an einen Deutschen in der Fabrik, der an der Werkbank nebenan arbeitete, der mir jeden Tag und für die Wache unbemerkt in mein Schränkchen ein zu Hause gemachtes Butterbrot legte. Und als wir uns trennten, schenkte er mir zur Erinnerung ein Rasiermesser „Jubilar Gold“. Als der Krieg zu Ende ging und Anarchie im Land herrschte, fand ich für einige Wochen Asyl bei einem Bauern namens Karl. An den Familiennamen und die Adresse erinnere ich mich nicht mehr. Der Bauer wohnte einige km von Hagen entfernt. Dorthin gab es eine asphaltierte Straße und eine Straßenbahn. Karl war so alt wie ich, hatte in der Wehrmacht gedient, bei Leningrad eine Quetschung erlitten und war dann aus der Armee entlassen worden. Er und seine Mutter schlugen mir vor, in Deutschland zu bleiben, sie sicherten mir Arbeit und ein Leben auf dem Bauernhof zu, boten mir sogar ein Mädchen an. Aber ich wollte nach Hause, in die Heimat. Wer weiß, wie mein Leben sich in Deutschland gestaltet hätte, aber hier in der Heimat, in der Ukraine habe ich mein Haus, eine Frau, eine Tochter, zwei Enkel und drei Urenkel. Als ich nach dem Krieg beim Stab in einer Einheit der Sowjetarmee in Dresden arbeitete (ich lege ein Foto bei), hatte ich ein gutes Verhältnis zu einer deutschen Familie, deren Adresse ich beilege und die uns einige Gefälligkeiten in der Gemeinde erwies. Wenn sie noch leben, übergeben Sie ihnen bitte die besten Grüße aus der Ukraine. Bezirk Shitomir, Stadt Malina, (…).

Hochachtungsvoll Nikolaj Nikolaevitsch Medyna.

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