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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

81. Freitagsbrief (1.02.2008).

Russland
Gebiet Wolgograd
Wasilij Wasiljewitsch Solotarew.

Sehr geehrter Herr Eberhard Radczuweit,

wir danken für Ihr Verständnis für das, was wir durchgemacht haben. Bis zum Krieg haben meine Eltern gearbeitet und uns Kinder aufgezogen. Es gab Kolchosen, die ihnen kein Geld zahlten, sondern ihnen Brot für ihre Arbeit gaben, 300 Gramm pro Tagewerk. Sie besaßen eine Kuh. Die Kälber zogen sie auf und verkauften sie. Von den so verdienten Kopeken ließen sie sich Kleider nähen, um bloß nicht nackt zu sein. 1942, im Monat Mai, wurden wir einberufen, durchliefen als junge Soldaten die Grundausbildung und wurden an die Front geschickt. Im Juli 1942 fiel ich in Gefangenschaft. Während dieser Gefangenschaft kam es nur darauf an zu überleben. Möge Gott niemandem diese Sklavenarbeit, diesen Hunger und diese Kälte auferlegen! Wir arbeiteten zwölf Stunden täglich in einem Bergwerk bei Budapest und schaufelten Kohle in Loren. Als sich unsere Truppen dann Budapest näherten, wurden wir auf Wagen geladen und nach Deutschland gebracht. Dort leisteten wir weiter Zwangsarbeit. Sie verpflegten uns miserabel und steckten uns in Totenkleidung, d.h. sie gaben uns die Kleider, die sie den Toten zuvor ausgezogen hatten. Jetzt, wo ich dies offenbare, weine ich, das ist die reine Wahrheit. Befreit wurden wir am 9. Mai 1945 von den Amerikanern. Wir waren nur noch Skelette. Die Verpflegung war jetzt gut. Nach der Befreiung wurden wir an verschiedene Orte gebracht, lange verhört und schließlich nach Stalingrad geschickt. Auch dort begannen wieder die Nachfragen und Verhöre. Ich kam in die Möbelfabrik WtorTscherMeb, wo ich als Schlosser arbeitete. Am 17. Oktober 1946 habe ich geheiratet. In diesem Jahr feiern wir unseren 60. Hochzeitstag. Klawdija Wasiljewna Solotarewa ist 1925 geboren. Großmutter und ich sind Invaliden 3. Grades, Gruppe 2. Wir beide haben Schmerzen in den Beinen und gehen mühsam am Stock. Ein Lahmer stützt den anderen (rus. Sprichwort, d. Ü.). Ich wurde in die Fabrik zur Arbeit geschickt. Alles war rationiert. Das Leben war sehr schwer und so beschlossen wir, aufs Land zu ziehen. Wir hatten zwei Kinder und nur ich, heute Großvater, auch Arbeit. Ich begann, in einem Dorf als Mechanisierungsfachmann zu arbeiten. Großmutter verrichtete verschiedene Arbeiten. Von 1949 bis 1955 hatten wir es schwer. 1955 war ein gutes Erntejahr, und von nun an gab es täglich Brot auf dem Tisch, außerdem Milch, Butter, Eier. Sechs davon lieferten wir täglich ohne Abgabe ab. Inzwischen hatten wir drei bereits verheiratete Kinder. Die Tochter stirbt, ein Sohn kommt und den zweiten verschlägt es nach Tschernobyl, er wird verstrahlt und ist jetzt krank, seine Beine sterben ab, er wiegt viel. Möge Gott niemandem ein solches Unglück aufbürden! Mein Sohn, Anatolij Wasiljewitsch Solotarew, ist am 17. August 1949 geboren. Uns beiden hilft meine Enkelin, Jelena Aleksandrowna Tetmanowa, sie ist am 28. Juni 1968 geboren. Die technischen Hilfsmittel kommen bei uns nicht zur Ruhe. Die Beine versagen auf dem Weg vom Tisch zum Bett ihren Dienst. Wir müssen für die Fahrt zur Poliklinik jedes Mal ein Auto mieten. Untersuchungen, Tabletten, Fahrten zum Krankenhaus im Mietauto, das alles ist sehr teuer und uns bereits zuwider. Es gibt aber Menschen, die arbeiten und uns dennoch jeden Monat hin- und zurückfahren. Verzeihen Sie, dass wir Ihnen so schreiben. Ich habe vier Schulklassen absolviert. (…)

Ich erbiete allen Mitgliedern Ihres Vereins meine Hochachtung und wünsche Ihnen Gesundheit, ein langes Leben und alles Glück der Erde. Alles Gute! Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Mit unserem Gedächtnis ist es schlecht bestellt.

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