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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

80. Freitagsbrief (25.01.2008).

Ukraine
Gebiet Doneck
Anatoli Andrejewitsch Schewzow.

Erläuterungen zu meiner Zeit in der deutschen Gefangenschaft während des Großen Vaterländischen Krieges

Mein Name ist Anatoli Andrejewitsch Schewzow. Am 28. Oktober 1940 wurde ich vom Wehrkommando des Kreises Alexejewski Gebiet Charkow in die Rote Armee einberufen und diente zuerst als Soldat im 187. Schützenregiment in Birtscha Gebiet Lwow, nicht weit von der Demarkationslinie mit Deutschland. Am 9. Juni 1941 wurde ich nach Sambor, Gebiet Lwow, in die 158. selbständige Nachrichtenkompanie der 26. Armee versetzt, wo ich als Telefonist weiteren Militärdienst leistete. Hier befand ich mich auch, als der Krieg ausbrach. Seit den ersten Kriegstagen zog sich unsere Armee zusammen mit den anderen Armeen der Südwestfront zurück, bis sie im September 1941 bei Kiew in einen Kessel geriet. Bei einem Ausbruchversuch wurde ich am 5. Oktober 1941 im Dorf Studeniki bei Jagotin an der Grenze zum Gebiet Poltawa gefangen genommen. In Studeniki sperrte man uns in eine Scheune, wo wir etwa eine Woche verbrachten. Zu essen bekamen wir gar nichts. Vielen Dank den Dorfbewohnern, die uns heimlich etwas zusteckten. Einmal führten uns die Deutschen zur Dorfgrenze, damit wir sehen, wie Juden für sich selbst ein Grab ausheben und dabei die „Internationale“ singen mussten.

Dann mussten wir zu Fuß bis nach Kiew marschieren, wiederum ohne etwas zu essen zu bekommen. Gefangene, die 15 bis 20 Meter von der Kolonne zurückblieben, erschossen die Deutschen auf der Stelle. Jeder Versuch, eine Zuckerrübe vom Feld neben der Straße zu holen, wurde mit Schlägen oder gar mit der Kugel bestraft. Nächte verbrachten wir in Scheunen oder Ställen. Besonders schwer war es auf dem Flughafen Borispol, wo die meisten Gefangenen wegen Platzmangel mehrere Tage unter freiem Himmel bleiben mussten. Dabei regnete es und es war sehr kalt. Nachts durften wir nur liegen. Wenn jemand versuchte aufzustehen, wurde sofort geschossen (nachts beleuchtete man den Flugplatz mit Scheinwerfern).

Von Kiew aus marschierten wir weiter bis Rowno. Hier brachte man uns im Lager N 1 unter, ehemalige Militärkasernen, wo wir den ganzen Winter blieben. Die Räume waren unbeheizt, einmal pro Tag gab es eine dünne Suppe aus Hirse und etwas Gemüse. Im Dezember 1941 brach eine Flecktyphusepidemie aus. Überall – in Fluren, auf Treppen, in Toiletten und Räumen – lagen morgens Tote. Eine spezielle Mannschaft aus Gefangenen stapelte sie im Hof aufeinander. Nach ihren Schätzungen starben im Dezember und Januar etwa 100 bis 200, vielleicht auch mehr Menschen pro Tag an Hunger, Kälte oder Typhus. Es wimmelte von Läusen. Ich erkrankte auch an Flecktyphus, lag fast ohne Bewusstsein, überlebte aber zum Glück die Krise. Nach der Krankheit konnte ich eine Zeit lang nicht gehen und keine Gegenstände mit den Fingern halten. Meine Haare sind ausgefallen. Danach kam ich ins Gefängnis, wegen eines Vergehens warf man mich in den Karzer.

Ende Februar oder Anfang März 1942 teilte man mich und 25 andere Kameraden einer Mannschaft zu, die Ruinen in der Stadt beseitigte und Eisenbahnwaggons entlud. Wir wohnten in einem bewachten Haus. Danach kamen wir ins Lager N 2 (oder N 3) (Stalag 360 d. Übers.) von Rowno. Und wieder wurde das kleinste Vergehen grausam bestraft: Man musste im Gänsemarsch im Kreis laufen und dabei gab es Schläge mit dem Schlauch. Der Schmerz war unerträglich.

In den Rownoschen Lagern blieb ich bis Mai 1942, bis die noch lebenden Gefangenen in Güterwaggons (bis 100 Menschen pro Waggon) in ein Lager bei Minsk gebracht wurden. Dann ging es Ende August 1942 weiter – in einen Stalag nach Trier (Stalag XII D), Westdeutschland.

Anfang September 1942 kam ich zusammen mit 20 anderen Gefangenen nach Sinzig am Rhein, einer kleinen Stadt nicht weit von Bonn. Dort arbeitete ich bis September 1943 in einer Flaschenfabrik („Appolinaris-Sinziger“) als Maschinist im Kesselraum. Der Direktor dieser Fabrik, Johann Kesselheim, und alle Fabrikangestellten hatten Mitleid mit uns und machten alles Mögliche und Unmögliche, um unser Leben zu erleichtern. Sie halfen uns, wie sie nur konnten, auch auf die Gefahr hin, von den Nazis bestraft zu werden.

Im September 1943 brachte man uns nach Castrop-Rauxel bei Dortmund (Ruhrgebiet) zur Arbeit in der Zeche Teutoburgia der Gesellschaft Gelsenkirchen. Bis Anfang April 1945 musste ich verschiedene Tätigkeiten in der Zeche erledigen und lernte somit die schwere Arbeit des Bergmanns kennen. Die Lebensbedingungen im Lager waren hart, die Nahrung nicht ausreichend. Wir trugen Holzschuhe und schliefen auf dreistöckigen Pritschen. Die Baracken wurden kaum geheizt.

Anfang April 1945 stießen amerikanische Truppen immer weiter vor und wir mussten in Kolonnen in Richtung Osten marschieren. Bei einem Angriff amerikanischer Flugzeuge konnte ich zusammen mit fünf Kameraden in ein kleines Waldstück flüchten, dann schlichen wir in ein anderes Waldmassiv, wo wir uns mehrere Tage bis zur Ankunft amerikanischer Truppen versteckten. Am 15. April 1945 wurden wir von Amerikanern befreit.

Kriegsinvalide der ersten Gruppe

Anatoli Andrejewitsch Schewzow.

Beiliegend schicke ich folgende Kopien:

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