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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

79. Freitagsbrief (18.01.2008).

Russland
Kreis Krasnodar
Grigorij Michajlowitsch Nikonorow.

Liebe deutsche Freunde!

Ich bin Grigorij Michajlowitsch Nikonorow, ein ehemaliger Kriegsgefangener. Ihre Unterstützung in Höhe von 300,– Euro habe ich erhalten und danke Ihnen sehr. Geboren bin ich am 21.11.1918. In Krasnojarsk (Sibirien) diente ich bei der sowjetischen Armee, im März 1940 sollten wir im Finnischen Krieg eingesetzt werden, als wir durch den Rundfunk vom Friedensvertrag mit den Finnen erfuhren. Im Mai dann verlegte man uns Richtung Westen, wir kamen nach Leningrad (Sankt Petersburg). Auf dem Bahnhof standen wir drei Tage. Dann sagte man uns, dass Estland, Lettland und Litauen sich uns freiwillig angeschlossen hätten. So musste ich also weder mit den Finnen, noch im Baltikum kämpfen. Mein Standort befand sich dann in Belarus in dem Städtchen Shidkowitschi, im früheren Polessje-Gebiet. Im Mai 1941 wurde unsere Einheit verlegt in den westlichen Teil von Belorussland. In den Nächten marschierten wir, am Tage ruhten wir aus, um nicht vom Gegner entdeckt zu werden. Etwa 15 km von Brest entfernt bauten wir verschiedene Feuerstellungen aus. Ich war Fernmelder. Am 17. Juni erhielten wir die Armeezeitung und lasen darin, dass man im Westen sagt, Deutschland konzentriert seine Truppen für einen Überfall auf die UdSSR. Unsere jedoch sagten, dass das nicht wahr wäre, denn wir hätten mit den Deutschen einen Vertrag für 10 Jahre. Sie werden wohl Manöver abhalten, die Deutschen sind doch unsere Freunde, sie werden die Kapitalisten zerschlagen, denn sowohl bei uns, als auch bei den Deutschen regierte eine einzige Partei. Vom 20. bis 22.6. machte ich Dienst an der Telefonverbindung mit den Grenzwachen, etwa um 4.00 morgens hörte ich Gewehrschüsse und Maschinengewehrsalven. Ich schaue und sehe, wie unsere Grenzwache in die Luft fliegt. So begann tatsächlich der Krieg, Geschosse explodierten. Zusammen mit meinem Kameraden kroch ich zum Schützengraben und sehe die Deutschen laufen – wie Ameisen. Sie umgingen uns von hinten und schossen aus der Maschinenpistole. Meine beiden Beine wurden getroffen, ich wälzte mich auf den Boden des Grabens. Ich nahm an, dass ich am Bauch getroffen war und wollte mich erschießen. Aber mein Gewehr lag oben, ich kam nicht ran. Das war eine Fügung Gottes. Ich war blutüberströmt, schrie und rief meine Kameraden um Hilfe. Durst hatte ich. Ich sehe, wie ein deutscher Soldat angelaufen kommt, ich bitte ihn um Wasser. Aber mein Russisch versteht er nicht, ich denke, frage ich auf Polnisch. Aber das verstehen sie auch nicht. Noch einen anderen bat ich um Trinken, einer kam und legte mir 2 Bonbons in den Mund, ein anderer gab mir eine Zigarette. Ich liege da und bemerke einen Sanitäter mit dem Rot-Kreuz-Zeichen. Ich sage zu ihm „Gib mir zu trinken“, aber er nimmt meinen Arm und gibt mir eine Spritze. Ich dachte, der will mich umbringen, aber er gab mir eine Spritze gegen Wundstarrkrampf. Ja, dachte ich, es gibt also gute Menschen unter diesen Deutschen, nur zu trinken hatte mir auch der Sanitäter nicht gegeben. Nach einiger Zeit kommt ein Offizier, ich rufe ihn heran und bitte ihn „Gib mir zu trinken“. Der aber stößt mich mit dem Fuß und sagt auf Russisch, was bist Du schon für ein Kamerad, Du bist Kommunist und auf Stalins Seite. Er zieht die Pistole und zielt auf mich. Mein Kamerad hatte sich im Gebüsch versteckt und kam angelaufen, da hat der (mit der Pistole –d.Ü.) nicht auf mich, sondern auf meinen Freund geschossen und verfolgte ihn. Wieder hat Gott mich errettet. Tagsüber, gegen 11.00 Uhr sammelten uns die Deutschen und ich sah meinen Freund, der an der Schulter verwundet war. Die Deutschen waren beim Mittagessen, mein Freund ging zu ihnen, sie gaben ihm Wasser und ich konnte mich endlich satt trinken. Zum Abend wurden wir in ein Gebäude gebracht, wo wir 3 Tage lagen. Meine Beine waren ohne Verband, sie waren angeschwollen. Ein deutscher General war es wohl, der am Morgen ein Papier (Durchlassschein) für uns Verwundete ausgeschrieben hat und mit einem Fuhrwerk brachte man uns nach Brest ins Krankenhaus. Die Ärzte wollten mich operieren, ich sagte einem Arzt „Schneiden Sie es am besten gleich ab“. Aber der Arzt sagte, abschneiden kann man immer noch. Zwischen Knie und Gesäß teilten sie es in 4 Teile. Im Juli hat man uns, alle Soldaten, in ein Kriegsgefangenenlager überstellt. Das Essen war schlecht in diesem Lager, wir bekamen 100 bis 200 g Brot und 500 g Wassersuppe. Ich wog noch 32 kg. Die meisten starben. Nach einem Schreiben Molotows wurde die Ration etwas erhöht: Es gab 300 g Brot und 1 l Wassersuppe. Im Lager Brest hatte ich Typhus und habe überlebt. Dann in Polen wurden wir von einem Lager ins andere gebracht, ich war in der Nähe von Suwalki, im Norden Polens. Dann kam ich nach Torun (Thorn). Dort war es international: Engländer, Italiener und wir. Unsere Armee hat uns im Januar 1945 befreit. Nach der Überprüfung im Durchgangslager fuhr ich zu meinen Eltern nach Sibirien. Dort hatten sie mich schon abgeschrieben. Alle weinten, ich kam zwar als Krüppel wieder, doch ich war am Leben geblieben. Ich erhielt die Behinderungsstufe III [*]. Mein Bein ist um 12 cm kürzer. Später erhielt ich die II [*], jetzt habe ich Stufe I [*]. Ich erhielt als Auszeichnung Jubiläumsorden und den Orden des Vaterländischen Krieges. Jetzt wurden alle Vergünstigungen für uns abgeschafft. Ich brauche Zahnprothesen, aber die kosten fünftausend Rubel. Ich bin schon 89. Mit dem Glauben an Gott habe ich gelebt und werde es tun bis zum letzten Tag. Meine Frau ist am 10. August 2007 verstorben. Ich wünsche Ihnen alles Gute. Möge Gott uns vor Kriegen bewahren. Sie waren Soldaten, wir waren Soldaten – Soldaten tragen keine Schuld.

Hochachtungsvoll, Grigorij Nikanorow.

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[*] Anmerkung der Übersetzerin: Einteilung der Schwerbehinderung in der UdSSR: I – höchste Stufe, II – mittlere Stufe, III – niedrigste Stufe.

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