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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

78. Freitagsbrief (11.01.2008).

Die Freitagsbriefe sind erste Reaktionen nach Erhalt unserer Begleitbriefe zu den Spenden. Erst auf Nachfragen in der weiteren Korrespondenz werden die für Historiker interessanten Details der erlebten Kriegszeit genannt. Auf solche Nachfragen verzichten wir, wenn es die Betroffenen zu belasten scheint. Dies trifft auch auf Herrn Kamyschanskij zu.

Russland
Kreis Krasnodar
Noworossijsk
Grigorij Wasil´jewitsch Kamyschanskij.

An die Herrschaften Dr. Hilde Schramm und Eberhard Radczuweit.

Sehr geehrte Dr. Hilde Schramm und Eberhard Radczuweit.

Diesen Brief schreibt Ihnen anstelle von Grigorij Wasil´jewitsch Kamyschanskij seine Tochter Lidija Grigor´jewna. Die rechte Hand zittert nach dem Schlaganfall, deshalb hat er mich gebeten, auf Ihren Brief zu antworten und ich schreibe mit seinen Worten. Vielen Dank für Ihre Erinnerung, für ehrenvolle, herzliche Worte, die, wie man spürt, von ganzem Herzen kommen. Wahrscheinlich haben auch Sie diese Schrecken erlebt, diese fürchterliche Ungerechtigkeit, die unser Volk und solche junge Menschen, wie mein Vater damals, erlebt haben.

Umso bitterer ist die Erinnerung daran, da manche die Geschichte umschreiben wollen und die Denkmäler an die Opfer dieses schrecklichen Krieges versetzten oder demontieren. Junge Leute, benebelt von diesen wahnsinnigen Ideen, laufen mit Hakenkreuzen auf Massenveranstaltungen und schänden die Erinnerung an die Gefallenen.

Sie haben wirklich Recht, dass uns allen – denjenigen, die ein langes Leben hinter sich haben und unseren Kindern und Enkelkindern – ein friedliches Leben wichtig ist, die Möglichkeit, miteinander zu reden, neue Länder kennen zu lernen. Denn überall gibt es so viel Interessantes, und niemand soll den anderen stören. Darüber sind die Gedanken und Träume meines Vaters, obwohl er im Januar 95 Jahre alt wird.

Ihr Brief war für den Vater eine angenehme Überraschung. Er hat sehr aufmerksam zugehört und als er begann, sich an die Kriegsepisoden zu erinnern, die er der Familie mehrmals erzählte, aber jetzt auch solche, die wir früher nie gehört haben, konnte er seine Tränen vor bitterer Erinnerung nicht unterdrücken. Und das obwohl schon so viele Jahre vergangen sind und diese Erzählungen früher nicht mit solchen Emotionen verbunden waren. So sehr hat ihn Ihr Brief berührt.

Es gibt viel, woran er sich erinnert: die Teilnahme am Krieg, die Verwundung, die Jahre in der Kriegsgefangenschaft, er war in drei Konzentrationslagern, die Flucht aus der Gefangenschaft und wie man sie zur Übergabe an der Elbe trieb.

Ich weiß nicht, ob alle Einzelheiten dieser Perioden für Sie interessant sind, doch sein Gedächtnis ist immer noch hervorragend und er ist ein sehr guter Erzähler. An schlechte Menschen will er sich nicht erinnern und in seinen Erzählungen begegnete er nur guten. Die letzten, bei denen er gearbeitet hatte, war eine Familie von älteren Deutschen, Mann und Frau. Sie waren sehr gut zu ihm. Und im KZ, als er Wassersucht hatte und man ihn in eine Scheune zum Sterben warf, kam er wieder zu sich und ein Kamerad, der mit ihm in der Baracke lebte, hörte sein Stöhnen. Er und andere Gefangene pflegten ihn, einen Hoffnungslosen und Kranken, gesund. Solche Episoden gab es viele, nach denen es schwer fällt, nicht an Schicksal zu glauben. Er kehrte im Herbst 1945 nach Hause zurück.

Vor dem Krieg, im Krieg und nach dem Krieg arbeitete er sein Leben lang als Fahrer. Jetzt wohnt er in seinem Haus, wurde pensioniert. Er mochte sehr die Gartenarbeit, jetzt erlaube ich es ihm nicht mehr, damit er nicht hinfällt, da er schon zwei mal hingefallen ist. Eine Krankenschwester aus der Poliklinik und ein Sozialarbeiter helfen mir, sich um ihn zu kümmern.

Also er beschwert sich über nichts, sich an den Krieg erinnern mag er heute nicht, es ist besser, im Frieden zu leben, als einen Krieg zu führen. Verdammt sei der Krieg! Vielen Dank, Gesundheit und ein gutes und friedliches Leben Ihnen.

Mit Hochachtung Grigorij Wasil´jewitsch Kamyschanskij und Lidija Grigor´jewna.

(Hier seine Unterschrift mir der kranken Hand).


Das ist die Geisteshaltung von Menschen, die vor 5–6 Jahren Anträge auf die deutsche Zwangsarbeiterentschädigung stellten und denen zur Antwort in kalter Amtssprache ein deutsches Gesetz erklärt wurde: „Kriegsgefangenschaft begründet keine Leistungsberechtigung“.

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