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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

77. Freitagsbrief (4.01.2008).

Lesen Sie hier den Brief eines der wenigen jüdischen Kriegsgefangenen, die überlebten. Auch der Antrag des Herrn Lejdiker auf „Zwangsarbeiterentschädigung“ wurde wegen des Status der Kriegsgefangenschaft abgelehnt. Die russische Stiftung „Verständigung und Aussöhnung“ konnte ihm nur unsere Spende von 300 Euro auszahlen. Er berichtet hier über die Gefangenschaft in „Konzentrationslagern“. Es handelte sich indessen um Stalags – „Russenlager“ – mit vergleichbaren Haftbedingungen. In unserer Petition an den Bundestag forderten wir die Anerkennung dieser Tatsache, wass im Ablehnungsbescheid jedoch ignoriert wurde. Bei dem „Konzentrationslager in Brest“ handelte es sich um das Dulag 314, in dem nach russischen Angaben 7200 Menschen an Hunger und Misshandlungen starben.

Russland Kreis Krasnodar
Noworossijsk
Wladimir Borisowitsch Lejdiker.

Sehr geehrte Frau Hilde Schramm, sehr geehrter Herr Eberhard Radczuweit!

Ich danke Ihnen für die materielle Hilfe, die Sie mir geleistet haben. Ich bin sehr dankbar der Stiftung „Verständigung und Versöhnung“, dem deutschen Volk und auch den ehemaligen Soldaten der Armee, für alles Gute was sie für uns getan haben. Ich warte jetzt auf die Augenoperation für die Entfernung der Katarakte. Als ich jung war, habe ich nie gedacht, dass mit mir so was passieren würde. Jetzt wundere ich mich, dass ich trotz aller schrecklichen Sachen, die ich unter dem faschistischen Regime erlebt habe, noch am Leben geblieben bin. Offensichtlich hat mir Gott geholfen. Im Jahre 1939 habe ich die 10. Klasse abgeschlossen und weiter an einem Institut studiert. Nach zwei Monaten Studium wurde ich in die Armee einberufen. Sie haben nicht darauf geachtet, dass ich noch nicht mal 18 Jahre alt war. Es gab einen Befehl vom Verteidigungsminister der UdSSR, der besagte, dass alle Jugendlichen mit Mittelschulbildung ungeachtet des Alters in die Armee einberufen werden sollten. Genau in dieser Zeit wurden ohne Gericht und Untersuchungen, unter Stalins Losung –Kampf gegen die Volksfeinde –, die Kommandeurkader der Offiziere der Streitkräfte der UdSSR erschossen. Die Armee war ohne die Kommandeurkader machtlos. Wichtige Generäle wie Bljucher, Tuchatschewskij, Jakir und andere wurden erschossen. Am Anfang sind wir in Richtung Westen vorwärts marschiert. Wie haben auf unserer Seite mit vielen Opfern weiter gekämpft, und immer mehr sind wir unter faschistischen Druck geraten. Und kurz danach gerieten wir in Gefangenschaft. In Gefangenschaft befanden sich fast nur Jugendliche im Alter von 20–21 Jahren. Am Anfang des Krieges hat Stalin die Gefährlichkeit von Hitler unterschätzt und das hat zu tragischen Folgen für die erste Phase des Krieges geführt. Am Anfang waren wir im Konzentrationslager in Brest (Weißrussland). Das Territorium des Lagers war mit Stacheldraht umgeben. Die Menschen haben versucht sich zu befreien. Einige Kriegsgefangene sind nachts durch den Stacheldraht geflohen und haben sich im Wald versteckt. Am Morgen hat uns die russische Polizei (Kollaborateure d. Übers.) zusammen mit den Deutschen in einer Linie arrangiert und hat angefangen, Juden zu suchen.

Während der Untersuchungen haben die Polizisten mir befohlen aus der Reihe zu treten, weil sie meinten, ich sei Jude. In diesem Moment war ein ukrainischer Kriegsgefangener aus derselbe Reihe, der auch aus der Stadt Perwomajsk kam, empört und hat gesagt, dass wir uns sehr gut kennen, wir sind aus einer Stadt und dass ich kein Jude sei. Natürlich wusste er nicht, dass ich Jude bin, weil ich ohne Akzent Ukrainisch sprach und wir haben zusammen in einer Erdhütte geschlafen. Die zwei Juden, die man in diesem Moment aus der Reihe holte, wurden erschossen. Nachdem wir in mehreren Lagern waren, wurden wir in die Brester Festung geschickt. Die Festung wurde in Zellen aufgeteilt. Hier befanden sich 128 Tausend (?) Kriegsgefangene. Sie hatten kein Essen und sie wurden von Läusen gefressen. Jeden Morgen hat das Arbeitskommando die Leichen und die Halbtoten vom Betonboden geholt. Sie haben sie gestapelt, vorher haben sie ihnen natürlich die Kleidung ausgezogen, dann wurden sie mit Chlorkalk gespritzt und danach wurden sie auf Karren an den Rand der Festung transportiert und in die schon vorbereiteten Gräben geworfen. Jetzt ist dieser Ort mit einem Denkmal verewigt. Die schrecklichen Dinge, die sie in dem Lager gemacht haben, sind schwer mit Worten wiedezurgeben. Es gibt nur einen Beweis, das ist, dass von 128 Tausend Kriegsgefangene nur 8 Tausend am Leben geblieben sind. Wir haben es zu zweit einmal geschafft zu fliehen. Leider wurden wir gefangen und zurück in die Festung in Brest gebracht, diesmal aber in eine andere Abteilung. Hier befanden sich einige Kriegsgefangene, die zur Arbeit in die Landwirtschaft geschickt wurden. Die am Leben gebliebenen Kriegsgefangene wurden durch die Desinfektionsanstalt zur Vernichtung der Läuse geschickt und wurden nachher in Sortierlager in Deutschland geschickt. Von hier wurden sie auf Schiffe, wie Heringe im Fass ohne Essen und fast ohne Luft, verladen und nach Norwegen geschickt. Die, die bis Norwegen nicht überlebt haben, wurden aus dem Schiffsraum geholt und ins Meer geworfen. In Norwegen sind viele Gräber von Kriegsgefangenen zu finden. In einem Lager in Norwegen hat jemand versucht zu fliehen, und nach diesem Fall haben sie wieder angefangen, Juden zu suchen. Ich wurde mit einem deutschen Wachmann in ein deutsches Krankenhaus geschickt um zu überprüfen, ob ich Jude bin. Der deutsche Arzt hat mich angeschaut, ich sah wie ein lebendiges Skelett aus, mein Gesicht sah nicht wie bei einem Toten und auch nicht wie bei einem Lebenden aus. Er hat mir gesagt, dass ich mich ausziehen soll, hat mich untersucht, hat die mitgebrachte Karte ausgefüllt und hat sie dem deutschen Wachmann übergeben. Wir sind zurück in das Lager gekommen. Ich habe verstanden, dass der Arzt Mitleid mit mir hatte, hat meine Nationalität verheimlicht und dank ihm bin ich am Leben geblieben. Ich möchte noch über ein Geschehnis schreiben: In einem Konzentrationslager in Weißrussland, das mit einem Stacheldrahtzaun umgeben war, bevor ich in die Festung in Brest geschickt wurde, gab es ein Kartoffellager. Wegen der Angriffe hatte man es nicht geschafft, die Kartoffeln zu sammeln und sie sind verfault und habe sich in Stärke verwandelt. Die Kriegsgefangenen fanden diese verfaulten Kartoffeln und haben sie gegessen, danach waren sie sehr durstig. In diesem Lager waren sehr viele Kriegsgefangene. Die Menge hat sich auf das Wasser gestürzt, dass gebracht wurde. Die Wächter dachten, dass die Kriegsgefangene fliehen wollten und haben mit Maschinenpistolen in die Menge geschossen und haben sie zerstreut. Es gaben sehr viele Verletzte und Tote. Die Wache in Norwegen war nicht so streng. Einige Wachmänner haben uns mit Respekt behandelt. Sei erlaubten uns, den Arbeitsplatz zu verlassen und in den Mülltonnen nach Essen zu suchen und sie haben auch erlaubt, Essen von den Bürgern zu nehmen. Ich habe kurz geschrieben über einiges, was ich in Gefangenschaft erlebt habe. Wir wurden sofort in den Norden von Norwegen, nicht weit von der Stadt Narwik, geschickt. Hier war ein Konzentrationslager, wo die Zelte in einer runden Form aus Furnierholz (?) gebaut wurden. Sie waren mit Schiefer gedeckt. In jedem Zelt wohnten 15 bis 20 Menschen. In der Mitte war ein Eisenofen für die Heizung. Nach der Arbeit hat jeder Kriegsgefangene Holz mitgebracht, so viel er konnte, und man hat die ganze Nacht geheizt, weil es draußen bis minus 40 Grad Frost gab. Danach wurden wir in mehrere Konzentrationslager im Süden transportiert, und auch hier wurden solche Zelte gebaut. Ende 1943 wurden wir ins Konzentrationslager mit Steinbaracken in die Stadt Lillehammer geschickt. Hier waren wir bis zum Ende des Krieges. Nach Kriegsende haben die norwegischen Beamten für uns gute Lebensbedingungen geschaffen. Wir haben sehr gutes Essen bekommen. Wir wurden gesund. Man hatte fast keinen Wunsch, in die UdSSR zurückzukommen. Weil wir schon vorher wussten, dass sie uns als Verräter bezeichnen werden, obwohl all das, was passiert ist, nicht unser Schuld war. Wir sind trotzdem so schnell wie möglich nach Hause gekommen. 1945 wurden wir von der englischen Armee befreit und wir wurden in die UdSSR repatriiert, wo wir sehr gründlich von der Geheimpolizei (NKWD) untersucht wurden. Wir wurden danach zur Arbeit in ein Moor geschickt, wo wir Torf für Kraftwerke beschaffen sollten. Die Mehrheit meiner Verwandten wurde von den Faschisten erschossen. Im Jahre 1946 habe ich mein Studium am Institut fortgesetzt. Als ich mein Studium abgeschlossen hatte und Ingenieur von Beruf war, wurde ich in Nordossetien in die Stadt Wladikawkas geschickt. Ich heiratete eine Arbeitskollegin. Wie leben schon 53 Jahre zusammen. Wir leben freundlich miteinander und verstehen uns sehr gut. Sie war für mich wie eine Mutter und kümmert sich um mich wie um ein kleines Kind. Das begeistert mich, freut mich sehr und gibt mir Gesundheit. Wir leben und freuen uns über unser gemeinsames Leben. Wir versuchen so gut wie möglich, alles allein zu schaffen. Wir haben einen wunderbaren Sohn. Er ist Facharzt für Herzkrankheiten. Er überwacht ständig unsere Gesundheit und kümmert sich um uns. Obwohl ich schon alt und Invalide erster Gruppe bin, am 7. Dezember 2007 werde ich 88 Jahre alt, lebe ich ein wertvolles Leben. Ich gehe mit meiner Frau spazieren, weil wir wissen, dass die frische Luft sehr wichtig für unsere Gesundheit ist. Im Allgemeinen halten wir Diät und brauchen viele Medikamente. Manchmal habe ich Depressionen, aber dank meinem Sohn und meiner lieben Frau werde ich schnell wieder gesund. Ich bin sehr bekümmert, dass ich nach einer Gehirnkrankheit, Arteriosklerose, mein Gehör verloren habe. Trotz allem lese ich viel und weiß immer, was Neues im Lande und im Ausland passiert. Ich bin sehr optimistisch und freue mich über das schöne Leben.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich bedanke mich bei Ihnen für Ihr Mitleid und wünsche Ihnen Gesundheit und viel Erfolg bei Ihrer Arbeit.

Mit Hochachtung.

Pascha, Wladimir und der Sohn Ewgenij.

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