Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

76. Freitagsbrief (28.12.2007).

Russland
Autonomer Bezirk Chanty-Mansijskij
Nishnewartowsk
Wasilij Iwanowitsch Dacenko.

Liebe Frau Dr. Hilde Schramm und Herr Eberhard Radczuweit,

Ihnen schreibt der ehemalige sowjetische Kriegsgefangene Wasilij Iwanowitsch Dacenko. Vielen Dank für die humanitäre Hilfe in Form von 300,- Euro, die ich als Betrag von 10 396,74 Rubeln erhielt. Vielen Dank den deutschen Spendern!

Jetzt möchte ich von meinem Schicksal in der deutschen Kriegsgefangenschaft erzählen. Am 27. Juli 1941 wurde ich eingezogen. Ich diente als einfacher Soldat und war in den vordersten Linien der Reserve des Oberkommandos eingesetzt.

Am 1. August 1942 geriet ich in eine Einkesselung und beim Eisenbahnhaltepunkt Podnjataja Zelina in der Nähe von Salsk, Gebiet Rostow, in deutsche Gefangenschaft. In der Stadt Salsk gab es ein Kriegsgefangenenlager. Die Bedingungen waren unmenschlich, dort befand ich mich vom 1. August 1942 bis Januar 1943.

Im Januar 1943 gab es einen Angriff der sowjetischen Truppen, wobei eine Gruppierung unter dem Kommando von Feldmarschall Paulus eingenommen wurde. Also verlegte man uns aus Salsk in die Stadt Bataisk, im Fußmarsch, ohne Wasser. In einem Dorf pferchte man uns in einen Pferde- oder Kuhstall und stellte verstärkte Wachen mit Hunden auf. Zu essen gab man uns das, was man den Dorfbewohnern nahm – Körner der Vogelhirse, der Speisehirse, von Hafer und Gerste und Sonnenblumenkerne sowie ein Gefäß, in das etwa 400 ml Wasser hineingingen. Das musste für den ganzen Tag reichen. Statt Wasser nutzten wir den Schnee unter unseren Füßen. In Bataisk (Gebiet Rostow) kamen wir dann in Güterwaggons, wie die Heringe wurden wir da rein gestopft. Fünf Tage lang gab es nichts zu essen, danach gab man uns alle möglichen fauligen Überreste von Gemüse, Kartoffeln und Möhren. Ich konnte mich nur noch auf allen Vieren halten. Nach fünf Tagen nahm der Zug die Richtung Ukraine. Am 10. Tag gab es einen Becher mit angeschimmelten Sonnenblumenkernen, am 15. Tag einen Becher Weizen, auch faulig. Am 18. Tag erreichten wir Winnica (Ukraine), wo wir bis Herbstbeginn im September blieben. Dann ging es weiter nach Polen, in das Lager Cholmy. Dort gab es ein Stückchen Brot, das bestand hauptsächlich aus Sägespänen, ca. 150 g. Statt Wasser bekamen wir Tee aus Eichelaufguss. Wasser gab es nicht. Eine Woche blieben wir dort, dann wurden wir wieder in Waggons verladen, fuhren durch ganz Deutschland bis nach Lothringen in Frankreich. Dort setzte man uns zur Arbeit in den Kohlegruben ein. Das ging solange, bis die Alliierten die zweite Front eröffneten, etwa Ende 1944. Dank ihrer Kriegstechnik haben die Amerikaner alles zerstört und wir wurden verlegt in unser letztes Lager in Landau. Das war das fünfte Lager, dort hatte ich auch Typhus. Am 19. März 1945 befreiten uns die Amerikaner.

Wir befanden uns außerhalb der Stadtgrenze. Einmal griff die amerikanische Luftwaffe an, zuerst mit Sprengbomben, dann mit Brandbomben, womit sie die Stadt in Brand setzte. Nach der Befreiung ließ man uns in einer neutralen Zone, ein öder Landstrich. Wir beschlossen den Abmarsch, obwohl wir fürchteten, in die Hände der Deutschen zu gelangen, wo uns die Erschießung drohte. Aber noch während des Marsches trafen ich und andere Mitgefangene auf Amerikaner. Die amerikanische Kommandoführung brachte uns mit Autos in das Sammellager Nr. 36 für sowjetische Staatsangehörige in das südfranzösische Lacourtine, wo wir bis September blieben.

Ende September ging es durch Frankreich, Deutschland, Polen und dann schon sowjetisches Gebiet bis nach Grosny, wo wir am 10. Dezember 1945 eintrafen. Dort wurden wir auf Betriebe aufgeteilt. Im Alter von 20 Jahren und 6 Monaten war ich in Gefangenschaft geraten, mit 23 Jahren und 10 Monaten kam ich in Grosny an. Mein Geburtsdatum ist der 9. Februar 1922. Jetzt bin ich schon ganze 85 Jahre alt.

Das ist alles, was ich aufschreiben wollte von den schrecklichen Erlebnissen in den Kriegsgefangenenlagern

Nochmals Danke ich für die Hilfeleistung und für das Mitgefühl seitens der deutschen Bevölkerung. Ich verbeuge mich vor Ihnen. In letzter Zeit lässt die Gesundheit zu wünschen übrig. Ja, das Alter …

Auf Wiedersehen.

Ich warte auf Ihre Antwort.

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.