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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

73. Freitagsbrief (30.11.2007).

Russland
Kreis Perm
Iwan Petrowitsch Babuschkin.

Guten Tag, liebe Damen und Herren, Herr Dr. Gottfried Eberle, Frau Dr. Hilde Schramm, Herr Eberhard Radczuweit und das ganze Kollektiv von KONTAKTE-KONTAKTY,

das Wort „sdrawstwujte“ ist in Russland nicht nur eine Begrüßungsform, sondern auch Gesundheitswunsch!

Ich habe Ihren freundlichen Brief erhalten. Ich war sehr bewegt, weil ich die ganze Aufmerksamkeit spürte, die Sie uns ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen schenken. Die Geldsumme ist nicht besonders groß. Ich denke aber, sie wird von meinen Kameraden als Zeichen der Achtung und des Mitgefühls entgegengenommen. Wenn dies über Ihre Regierung erfolgt wäre, hätte ich auf ein solches Geldgeschenk verzichtet. Dies wäre für die dreijährige Sklavenarbeit als offizielle Entschädigung einfach lächerlich.

Jetzt werde ich Ihrer Bitte nach ein bisschen über meine Person berichten. (…) Ich meldete mich zur Arbeit als Freiwilliger, mit einem persönlichen Antrag. Im September 1941 besuchte ich eine Militärschule für untere Militärfeldscher in Perm. Nach einer halbjährigen Ausbildung beendete ich die Schule im Mai 1942 als frisch gebackener „Untermilitärfeldscher“. Ich wurde in die Armee geschickt. In einem Schützenbataillon leitete ich einen Sanitäterzug. Am 26. Mai 1942 geriet ich im Kessel von Charkow in deutsche Kriegsgefangenschaft. Über die Zeit in der Kriegsgefangenschaft werde ich auf einem Sonderblatt schreiben.

(Sonderblatt).

Am 26. Mai 1942 wurde ich im Charkower Kessel gefangen genommen. Zuerst waren es Durchgangslager: Belaja Cerkow, Jaworow, München … Das war die echte Hölle: Hunger, Schläge, die Feststellung von Juden und Kommissaren und deren späteres Verschwinden, Transport in überfüllten Viehwaggons … Drei Monate später wurde ich in den Ort meines Daueraufenthaltes gebracht:Frankreich, Elsass-Lothringen, Stalag XII-F in Bomberg. (Johannis-Bannberg frz. Ban-St.-Jean Zweiglager von Stalag XII F, Forbach, d. Übers.) Vom Juli 1942 bis September 1944 arbeitete ich hier und gewann Braunkohle.

Die Lebens- und Arbeitsbedingungen sowie die Essenversorgung:

Im Wohnraum standen Pritschen mit 3 Etagen. Dazwischen gab es schmale Gänge. Warmes Essen gab es zweimal täglich. Das war eine Balanda, vor und nach der Arbeit. Dazu kam ein Stück Brot für zwei Personen. Ich glaube, im Brot waren irgendwelche Fremdzusatzstoffe. Die Arbeit erfolge in drei Schichten, zusammen mit den deutschen Bergleuten, also mit den hiesigen Zivilisten. Die ganze Schicht über hörte man von diesen Menschen nur ein einziges Wort „Scheiße!“ (dtsch. in kyrillisch geschrieben, d. Übers.)

Die Arbeits- und Lebensbedingungen waren so „günstig“, dass zur Beendigung meines zweijährigen Aufenthaltes neben dem Lager ein großer Lagerfriedhof funktionierte. Auf dem Grabstein stand nur die Lagernummer des Verstorbenen.

Mein zweiter Daueraufenthalt war auf dem Gelände eines zerstörten Flugplatzes, zwischen Essen und Müllheim, Stalag IV A Hemer. Hier hielt ich mich vom September 1944 bis März 1945 auf, sechs Monate lang. Die Arbeits- und Lebensbedingungen waren äußerst schwer. Wir mussten den Flugplatz wieder aufbauen. Als Unterkunft benutzte man Gewerberäume auf dem Flughafengelände. Hier gab es noch nicht einmal Pritschen. Zum Schlafen war eine dünne Sägemehlschicht vorgesehen, die entlang der Wände direkt auf Zementboden geschüttet wurde. Als Bettzeug gab es nur Decken. Wir hatten keine Waschgelegenheiten. Die Wäsche musste man bis zum vollständigen Auftragen tragen. Wir hatten massenhaft Läuse und zahlreiche Hautkrankheiten mit eitrigen Wunden.

Die Arbeit war schwer, hautsächlich Erd- und Betonarbeit. Als Werkzeug hatten wir Schaufeln, Keile und Tragen. Es gab keinen Schichtwechsel. Die Arbeit erfolgte vom Morgenrot bis zum Sonnenuntergang, mit einer Mittagspause. Das Essen war schlecht. Man hatte ständig ein Hungergefühl.

Etwa Ende März 1945 wurde der Flugplatz von einem großen Geschwader der alliierten Flugzeuge angegriffen. Seitdem existierte der Flugplatz als ein Objekt nicht mehr. Es wurde alles zerstört. Es gab viele Tote, auch in unserer Gruppe. Die Briten und Amerikaner drangen von Westen vor. In aller Eile wurde wir per Fußmarsch ins deutsche Hinterland evakuiert. Am 30. oder 31. März 1945 gelang es uns, meinem Kameraden und mir, zu flüchten. Am 4. April erreichten wir die Alliiertentruppen. Auf diese Weise betrug meine gesamte Aufenthaltszeit in deutscher Kriegsgefangenschaft drei Jahre. Bereits im Mai 1945 wurde ich an die sowjetischen Truppen übergeben.

(Ende des Sonderblattes. Weitere Erzählung im Haupttext des Briefes).

Im Mai 1945 fand meine Heimkehr statt. Die staatliche Prüfung war lang genug, von Mai bis November 1945. Danach durfte ich heimkehren. Mit mir hatte ich ein versiegeltes Paket für das örtliche Militärkommissariat. Zu dieser Zeit feierte ich gerade meinen 21. Geburtstag. (Ich wurde am 11. November 1924 geboren.)

Nach der Rückkehr in die Heimat verbrachte ich neun Jahre auf der Studentenbank. Zuerst beendete ich mit Auszeichnung die dreijährige Feldscherausbildung. Ohne Aufnahmeprüfungen wurde ich zum Studium am Institut für Medizin, Fakultät für Sanitätswesen und Hygiene, zugelassen. Dieses Studium dauerte sechs Jahre. Parallel zum Studium arbeitete ich als Arzthelfer in medizinischen Einrichtungen. Damit schaffte ich eine finanzielle Grundlage für mein Studium.

30 Jahre lang arbeitete ich als Arzt im Bereich Sanitätswesen. 1985 ging ich in Rente. Im selben Jahr wurde ich mit der Medaille „Arbeitsveteran“ gewürdigt. Ich habe auch militärische Auszeichnungen, unter anderem den Orden „Vaterländischer Krieg“ der 2. Stufe.

Ich bin verheiratet. Ich zog zwei Töchter groß. Beide haben Hochschulbildung. Ich habe drei Enkelsöhne, die momentan studieren. 1974 kaufte ich ein Auto Lada. Bis zuletzt fuhr ich Auto. Jetzt steht es in der Garage, weil es zum ersten Mal in diesem Jahr keine TÜV-Zulassung erhielt. Nach der Verrentung hatte ich die finanzielle Möglichkeit, ein neues Auto zu kaufen. Es begann aber die Perestrojka. Die politische Ordnung im Lande wurde geändert. Fast die ganze Bevölkerung verlor die Sparguthaben. Heute haben wir unterschiedliche Bevölkerungsschichten, sehr Arme und sehr Reiche.

Ich würde nicht sagen, dass ich arm bin. Als reich gelte ich auch nicht, sozusagen, bin ich „nicht so groß“. Jetzt kann ich selbstverständlich kein neues Auto kaufen. Vor kurzem wurde ich medizinisch überprüft. Die Fahrerlaubnis wurde gesundheitsbedingt problemlos verlängert. Ich würde sagen, die alte Generation erinnert sich nostalgisch an die alte Sowjetzeit.

Mit Hochachtung und besten Wünsche

I. Babuschkin.

(Unterschrift).

22.07.2007.

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