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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

72. Freitagsbrief (23.11.2007).

Lugansker Gebiet
Ukraine
Andrej Tarasowitsch Walenbachow.

Seid gegrüßt, meine Herren und Genossen Mitarbeiter Ihrer humanitären Gesellschaft. Andrej Tarsowitsch Walenbachow, geboren im Jahr 1923, bekundet euch seine ungeheure Dankbarkeit als ehemaliger Kriegsgefangener östereichischer Herkunft. Dieser Name hat mich übrigens vorm Tod errettet und mir das Leben in der Gefangenschaft ein wenig erleichtert, da man mich in Bezug auf die Herkunft als Deutschen bezeichnete. Ihre Fürsorge für unsere vom Staat im Stich gelassenen Kriegsveteranen hat mich zu Tränen gerührt. (…) Momentan bin ich krank, liege schon einen ganzen Monat mit einem schmerzenden Bein im Bett. Ich kann nicht laufen. Um sich behandeln zu lassen, braucht man hier jetzt viel Geld. In der Sowjetunion war die medizinische Versorgung kostenlos und fürsorglicher. Wir haben einen Staat, der sich um die Kriegsveteranen überhaupt nicht kümmert im Gegensatz zu eurem Land. Dies gilt vor allem für die Krieggefangenen. Man hat nicht einmal am Tag des Sieges eine Kopeke übrig. Die Soldaten haben immerhin ihr Leben dafür geopfert, dass das Leben besser wird und die junge Generation ihre Helden ehrt. Letztere hat vergessen, wem sie ihr Wohlergehen zu verdanken hat.

Ich geriet 1942 bei Armavir (Kaukasus) in Gefangenschaft noch als junger Bursche. Man brachte uns als frisch eingezogene Rekruten ohne Waffen zur Aufstellung an die Front. Auf dem Weg nach Armavir kreisten plötzlich deutsche Panzer die Kolonne ein, deren Besatzung uns gefangen nahm. Das war das Ende. Ich hatte auch so auf niemanden geschossen und niemanden getötet. Mein Gewissen vor deutschen Müttern ist rein, was meine Gefangenschaft in deutschen und österreichischen Lagern, die ich ungeschminkt nach allen Regeln der Kunst durchlaufen musste, keineswegs erleichterte. Ich blieb am Leben, kehrte nach Hause zurück. Ich habe 48 Jahre als Dreher in verschiedenen Betrieben gearbeitet. Das Leben gestaltete sich äußerst schwierig, bedingt durch den Niedergang des Landes. Nach dem Krieg gab es keinen Wohnraum. Es herrschten Kälte und Hunger. Im Jahr 1947 setzte eine Hungersnot ein. Man reiste auf die Dörfer – tauschte allen erdenklichen Plunder gegen ein Stück Brot und ein wenig Mehl ein. Mir selbst widerfuhr das alles. Das Leben besserte sich erst unter Breshnew. Nach dem Zerfall der Sowjetunion folgte die Wiedervereinigung Deutschlands, dem es bald besser gehen sollte, während es uns schlechter erging. Eine Arbeitslosigkeit entstand, die wir früher nicht kannten, Einkommen und Renten sanken, während die Preise für Lebensmittel und alles andere anzogen. Die Rentner fanden sich unter der Armutsgrenze wieder. Meine eigene Rente übersteigt trotz zahlreicher unter Qualen verbrachter Arbeitsjahre keine 500 Rubel, d.h. unter 100 Dollar im Monat. Um jetzt jedoch normal leben und sich etwas Schmackhaftes leisten zu können, braucht man etwa 1500–2000 Rubel. Die medizinische Versorgung ist sehr teuer, meine Frau war eine Ostarbeiterin, zur Zwangsarbeit nach Österreich und in die Stadt B. verschleppt. Dort hatten wir uns im Lager für Zwangsumgesiedelte nach der Befreiung kennen gelernt. Ich wundere mich einfach, wieviel Leid ein Mensch ertragen kann. Ich lebe immerhin noch, bin 85 Jahre alt. Es sind wieder schwere Zeiten angebrochen, das Land kennt keine sittlichen Werte mehr, kein Mitgefühl und Verständnis, keine Güte. Stattdessen erleben wir Diebstahl, Bestechung und Korruption. Die Ärzte erinnern sich nicht mehr an den Eid des Hippokrates. Die Regierung kämpft um die Macht, wird fett und selbstgerecht, es geht ihr nicht um das Volk. (…) Entschuldigt bitte, dass ich mich nicht sofort bedankt habe für die mir erwiesene Hilfe. Mich hatten Krankenheiten überwältigt, ich hatte meine Frau gepflegt.

(…) In Hochachtung und Dankbarkeit

Euer Andrej Tarasowitsch Walenbachow.

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