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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

71. Freitagsbrief (16.11.2007).

Zur Zeit sind drei ehemalige sowjetische Kriegsgefangene aus der Ukraine in Berlin. Unter anderem besuchten sie gemeinsam mit einer Berliner Schülergruppe den Friedhof des Stalag III A in Luckenwalde. Wir stehen mit ihnen seit zwei Jahren in Briefkontakt. Hier veröffentlichen wir leicht gekürzt den ersten Brief unseres jüngsten Gastes, des 84jährigen Iwan Kowbasa. Er konnte aus dem Lager Lambsdorf (Stalag VIII B) fliehen, entging dadurch später der Prozedur des „Filtrationslagers“ und wurde unter Stalin nicht verfolgt. Ein gemeinsames Motiv für ihre Reise war die vergebliche Hoffnung, von einem Vertreter der Bundesregierung ein Wort der Entschuldigung für das erlittene Unrecht zu erfahren.

Ukraine
Gebiet Saporoshje
Iwan Grigorjewitsch Kowbasa.

Sehr geehrte Gründer der Gesellschaft KONTAKTE

Ich bin Iwan Grigorjewitsch Kowbasa aus dem Gebiet Saporoshje. Ich war tiefst berührt, als ich Ihr Schreiben und später das Geld erhielt. (…)

Ich möchte gerne kurz über mich erzählen. 1941 beendete ich die 10. Schulklasse. Ich interessierte mich fürs Funken. Ich studierte das Morse-Alphabet und unterschiedliche Verfahren, Signale zu schicken und zu empfangen. Ich bastelte ein Funkgerät, das im Rahmen einer Schulausstellung öffentlich gezeigt wurde.

Der Krieg begann. Ich hatte mein 18. Lebensjahr noch nicht vollendet. Mein Vater wurde in den ersten Kriegstagen mobilisiert. Mir wurde gesagt, dass ich noch etwas warten müsse. In der Nacht wurde das von uns 30 km entfernte Dnepropetrowsk stark bombardiert. Wir, meine Freunde und ich, sahen zahlreiche Explosionen und Brände. Wir beobachteten, wie Scheinwerfer Flugzeuge „jagten“ und wie die Flag schoss. Ein Woche später explodierten die Bomben bereits in der Nähe von unserer Siedlung und den Höfen. Wir gingen zum Militärkommissariat. Es wurde aber bereits über den Schiffsanleger Nikolskoje am Dnepr evakuiert. Ich packte meine Tasche und ging mit den Freunden dorthin. Da war viel Kriegstechnik, Militär, Zivilisten und Vieh.

Am Schiffsanleger traf ich meinen Vater, der für den Transport von landwirtschaftlichem Gerät und Vieh zuständig war. Mein Vater bat einen Offizier, sich um uns zu kümmern. Wir wollten uns sofort bei einer Waffengruppe melden, wie zum Beispiel als Panzerfahrer oder Artillerist. Ich erklärte, dass mein Interessenschwerpunkt bei der Telegrafie und dem Rundfunk läge. Nach einem kurzen Gespräch mit einem Offizier schickte man mich in die Funkschule nach Kutaisi (Georgien). Dort wurde ich geprüft. Das Ausbildungsprogramm schien mir unkompliziert zu sein. Nach dem Lernen wurde ich als Funker in das 973. Schützenregiment an die Front geschickt.

Wir fuhren mit dem Zug. Der Zug wurde von deutschen Flugzeugen bombardiert. Als das Bombardement zu Ende war, verließen wir unser Versteck. Wir überlebten. Es war aber schrecklich. Ich ging buchstäblich über Leichen. Ich sah zerbrochene Köpfe, Blut und abgetrennte Körperteile. Ich dachte: so ist der Krieg.

Im Juni 1942 besetzte unser Regiment den Eisenbahnknotenpunkt Isjum im Gebiet Charkow. Wir hatten vor, Richtung Charkow vorzurücken. Plötzlich wurde die Funkverbindung mit den Nachbareinheiten unterbrochen. Als man den Funkkontakt wiederherstellte, erfuhren wir, dass die deutschen Truppen uns eingekesselt hatten. 330 000 Menschen waren umzingelt. (…) Kurz danach wurde ich erwischt. Ich sah eine Flamme und spürte Schmerzen. Ich war verwundet. Außerdem hatte ich eine Schädelprellung. Als ich die Augen wieder öffnete, bemerkte ich zwei Frauen. Eine sagte: „Guck mal, ich habe doch gesagt, dass dieser Soldat lebt!“ Einige Tage später erfuhr ich: ich bin in Kriegsgefangenschaft.

Die Gefangenen wurden einmal täglich mit Rüben ernährt. Später begannen wir, Transportarbeit zu leisten. Ich kam ins KZ Lambsdorf. Das war schrecklich: vier Reihen Stacheldraht, Wachtürme, Scheinwerfer und mit Maschinenpistolen bewaffnete Soldaten mit Hunden. In der Nähe vom Lager gab es irgendwelche Felder mit Hügelchen. Ich glaubte, dort wuchsen Rüben und Kartoffeln. Das Essen war, würde ich sagen, nicht genießbar. Es kam ein Fuhrwerk mit Rüben. Zwei Personen teilten sich eine Rübe. Das war´s. Die Menschen wurden von Läusen angegriffen.

Nachts trieb man die Gefangenen in die Baracken. In eine Baracke presste man 200 Personen, obwohl sie ursprünglich für 50 Menschen gedacht war. Man konnte nur auf einer handbreit Boden stehen. Wenn jemand entkräftet fiel, stand er in der Regel nicht mehr auf. Morgens wurden etwa zwanzig Tote weggebracht und bestattet. Ich begriff endlich, welche Hügelchen ich sah. Das waren Gräber.

Einmal warf ein deutscher Wächter eine Karotte weg. Ich rannte als erster zur Karotte. Sechs Kameraden griffen mich an. Ein Deutscher schlug uns mit Peitsche und Gewehrkolben zusammen. Als ich aufstand, sagte der Deutsche, der die Karotte weggeworfen hatte, in gebrochenem Russisch: „Du wirst einfach ersticken.“ Als Antwort schimpfte ich laut. Der Deutsche sagte: „Mein Sohn kämpft in Russland. Es kann sein, dass er das gleiche erleben wird wie du. Iwan, du musst fliehen!“ Als wir für die Nacht in die Baracke eingeschlossen wurden, überlegte ich lange. Kann man dem Mann trauen? Am nächsten Tag wurden mein Kamerad und ich für einen Arbeitseinsatz außerhalb des Lagers ausgewählt. Der Wachmann führte uns zu seinen Bekannten, die den Fluchtweg zeigten und uns davor warnten, sich Ortschaften zu nähern. Unsere Kräfte reichten für etwa 80 km. Weiter ging es nicht mehr. Wir besuchten ein Dorf, um ein bisschen Essen zu holen. In einem Haus sprach man Polnisch. Wir baten um Hilfe. Die Hausfrau gab uns Kartoffeln und Sauermilch. Ihr Ehemann ging kurz weg. Ich dachte, dass er uns Rüben oder Kartoffeln zum Mitnehmen geben wollte. Aber der Mann kam mit den Polizisten zurück. Später erfuhr ich, dass die dortige Bevölkerung für jeden festgenommenen Flüchtling ein gutes Kopfgeld bekam. Wir wurden zusammengeschlagen und ins Lager zurückgeschickt. Im Lager standen wir nackt unter einem kaltem Wasserstrahl. Zusätzlich gab es Peitschenhiebe. Als wir bewusstlos auf den Betonboden fielen, wurden wir wieder auf die Beine gestellt. Das war eine Abschreckungsmaßnahme. Den versammelten Gefangenen wurde gesagt: „Seht, das passiert, wenn ihr zu flüchten versucht!“

Eines Tages erschien im Lager ein LKW. Man nannte ihn „Bude“, weil er einen Deckaufbau hatte. Man holte cirka 20 Kriegsgefangene ab und brachte sie in unbekannte Richtung. Man sagte, die Gefangenen dürften sich waschen und würden danach für gute Arbeit eingesetzt werden, zum Beispiel auf dem Bauernhof. Ich wollte mich endlich duschen und zur Arbeit melden, weil dann die Versorgung etwas besser wäre. Als die „Bude“ wiederkam, näherte ich mich dem Wagen. Plötzlich spürte ich einen Kolbenschlag.Ich drehte mich um. Das war mein bekannter Wächter. Er zog mich zurück und erklärte, dass dieses Auto für den Transport der Gefangenen zum Krematorium diente. Ich erinnere mich an diesen Deutschen. Er rettete mich vor dem Krematorium. Leider kann ich weder Nach- noch Vorname nennen. Ich kann aber genau sagen, wie seine Bekannten hießen, die den Fluchtweg zeigten. Ein Mann hieß Johann Klötz, der zweite – Kuptschik. Sie arbeiteten beide im Bergwerk. Falls in diesem Gebiet noch ein Bergwerk funktioniert, könnten vielleicht heutige Bergleute etwas darüber wissen. Vielleicht sind ihre Kinder und Enkel noch am Leben? Ich hätte gerne diesen Menschen aus vollem Herzen meinen großen Dank für ihr Verständnis und Mitgefühl ausgedrückt.

Als die russischen Truppen überall in der Offensive waren, gab es keinen Nachschub von Kriegsgefangenen mehr. Von den Verbliebenen war etwa die Hälfte tot. In der Baracke gab es deutlich mehr Platz. Alle wurden unter Bewachung zur Arbeit ins Bergwerk geführt. Die deutschen Arbeiter sagten: „Bald wird Hitler besiegt!“ Das motivierte uns. Wir sahen, dass wir im Bergwerk nicht getötet werden und eventuell noch den Tag des Sieges erleben würden.

Es kam zu einem Angriff russischer Flugzeuge. Die Bomben fielen unweit vom Lager. Eines Morgens verließen wir die Baracken und merkten, dass die Beleuchtung abgeschaltet war und die Wächter fehlen. Es donnerten die Flugzeuge. Wir öffneten das Tor und gingen weg auf Nahrungssuche. Die wir ansprachen, behandelten uns mitfühlend. Sie gaben uns je nach Möglichkeit Essen oder Kleidung. Auf diese Weise warteten wir auf die russischen Truppen. Wir schlossen uns der russischen Armee an. Nach der Behandlungszeit und vielem Essen diente ich als Funker im 383. Schützenregiment weiter.

1947 wurde ich aus der Armee entlassen und kehrte in die Heimatsiedlung zurück. Ich wurde zum Vorsitzenden des Dorfrates gewählt. Im Dorf lebten überwiegend Frauen und Kinder. Wie hart arbeiteten sie!

Ich heiratete und begann das Studium im Bautechnikum. Danach arbeitete ich als Vorsitzender der ersten überregionalen Kolchosbaugesellschaft in der Sowjetunion. Man baute ein Betonwerk und eine Ziegelei. Wir mussten die zerstörte Wirtschaft wieder aufbauen. In jeder Ortschaft bauten wir Kindergarten, Club, Krankenhaus, Schule und weitere Objekte. Das kostete viel Kraft und Nerven. Wir hatten gar nichts. Man musste jede Entscheidung im Ministerrat durchsetzten. Von einem Arbeitszimmer wurde ich ins nächste weitergeleitet. Letzten Endes waren unsere Leistungen gut. Man kann das alles nicht beschreiben. Eine mündliche Erzählung wäre besser.

Die ganze Nachkriegszeit träumte ich von einer Deutschlandreise. Ich hätte gerne die Menschen besucht, die mich unter Lebensgefahr gerettet hatten. Meine Arbeit und weitere Angelegenheiten verschoben immer meine Zukunftspläne. Jetzt bin ich Rentner. Ich lebe alleine. Meine Kinder leben getrennt von mir. Sie sind berufstätig. Meine liebe Ehefrau starb. Sehr oft, während schlafloser Nächte, denke ich an das Erlebte. Meine Jugend wurde vom Krieg verbrannt. Mein heutiges Leben widme ich meinen Kindern und Enkelkindern, anderen Menschen. Ich bin Präsidiumsmitglied des Bezirksveteranenverbandes. Vor dem Tag des Sieges spreche ich vor Schülern und Jugendlichen und erzähle über die Schrecken des Krieges.

Mein Wunsch, Deutschland zu besuchen, wird immer stärker. 60 Jahre später würde ich gerne erfahren oder selbst sehen, was sich an der Stelle des ehemaligen Lagers befindet. Ich hätte mich gerne mit den Schülern und Kriegsveteranen getroffen. Leider kann ich es finanziell nicht leisten. Wenn Sie die Möglichkeit hätten, mich einzuladen und Reisekosten zu übernehmen, würde ich mich darüber sehr freuen und es mit Vergnügen in Anspruch nehmen.

Wenn Sie es für nötig halten, bestätigen Sie mir bitte den Erhalt des Briefes und stellen weitere Fragen.

Auf Wiedersehen

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