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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

70. Freitagsbrief (9.11.2007).

Hier wird ausnahmsweise kein Brief veröffentlicht, sondern eine von 27 Erinnerungen, die im September 2007 in Wolgograd in den Wohnungen ehemaliger sowjetischer Kriegsgefangener aufgezeichnet wurden. Interviews: Dmitri Stratievski im Auftrag von KONTAKTE-KOHTAKTbI.

… Herr Wasilij Maschtschenko, den wir als nächsten besuchen, ist eine starke Persönlichkeit. Stolz zeigt er uns eine dicke Mappe: „Hier sind die Angaben von rund 100 ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen im Gebiet Wolgograd. Dank meiner Bemühungen sind inzwischen fast alle als Kriegsveteranen anerkannt und haben somit Anspruch auf Zusatzrente, kostenlose Medikamente und eine Mietminderung. Das war nicht leicht. Ich bin Vorstandsmitglied im Veteranenrat von Wolgograd. Bei weitem nicht alle Frontkameraden respektieren uns.“ Herr Maschtschenko bewohnt mit seiner Frau eine kleine Ein-Zimmer-Wohnung. Aus seiner Lebensgeschichte: „Ich war 18 Jahre alt, als der Krieg begann. Ich besuchte gerade eine Infanterieschule. Ich wurde in aller Eile zum Leutnant befördert und als Zugkommandeur nach Sewastopol geschickt. Andere Jungs aus meiner Gruppe wurden nach Stalingrad überwiesen. Alle kamen ums Leben, zu 99%. Ich bin einer von wenigen Überlebenden aus unserer Gruppe. Das waren gerade diejenigen, die in Kriegsgefangenschaft gerieten oder schwer verletzt ins Hinterland transportiert wurden. Es war für mich sehr bitter, dass ich als Verräter im eigenen Land beschimpft wurde. Wir Jungs von Sewastopol kämpften doch bis zuletzt, in einer ausweglosen Situation, bis zum letzten Tropfen Blut. 2 ½ Monate wehrten wir uns gegen die Manstein-Armee und eine rumänische Armee. Dann hatten wir weder Munition noch Essen noch Trinkwasser. Wir wurden praktisch ins Schwarze Meer geworfen. Uns wurde die Evakuierung versprochen. Stalin versprach uns zu retten. Es gab aber keine Evakuierungsmaßnahme. 120 000 Menschen wurden gefangengenommen. Die Deutschen selektieren die Offiziere aus. Wir wurden durch die ganze Halbinsel Krim getrieben: Sewastopol, Bachstchisaraj (sehr schreckliches Lager), Ackerman, Simferopol … Überall das gleiche: Beschimpfungen, Schläge und Unterernähungen. Aus Simferopol wurden wir mit LKWs ins Gefängnis von Dnepropetrowsk gebracht. Dort verbrachten wir Offiziere drei Monate unter unvorstellbaren Lebensbedingungen. Danach brachte man uns nach Wladimir-Wolynsk. Die nächste Station war Deutschland, Nürnberg. Meine Nummer war 10 156, das Offizier-KZ von Nürnberg. Das Lager war überfüllt. Auf dreistöckigen Pritschen lagen gesunde und kranke Offiziere zusammen. Nach einer Woche schickte man uns zur Arbeit in die Fabrik. Im Lager gab es einfach keinen Platz mehr. Ich war persönlich für die Reinigung großer Rohre zuständig. Nach einer Woche sagte ich: Ich kann nicht mehr. Ich blute aus dem Mund. (Ich konnte gut Deutsch, denn ich hatte sechs Jahre lang Deutsch gelernt. Zum Schluss hatte ich eine schriftliche Prüfung bestanden, eine Übersetzung vom Russischen ins Deutsche. Meine Lehrerin, Frau Korsch, war eine Russlanddeutsche.) Also verweigerte ich diese Arbeit. Mein Kollege, ein Deutscher, sehr guter Mann, der mir heimlich Eier brachte, sagte, dass er sich nicht einmischen wolle. Das sollte die Leitung klären. Es kam ein Leiter. Warum willst du nicht arbeiten? Ich kann es einfach nicht! Wir werden dich erschießen. Schießt mal! Endlich wurde ich zwecks Behandlung nach Bogen überwiesen. Danach arbeitete ich bis zum Kriegsende in einem Steinbruch. Einige Male unterhielt ich mit dem Kommandoführer. Wir stritten uns. Ich sagte, Russland wird in diesem Krieg siegen. Der Kommandoführer widersprach mir. Er war genug böse, als ich das sagte. Ich wurde aber nie bestraft. Ende April stürmten SS-Männer unsere Baracke. Sie nahmen einige Personen mit. Der Kommandoführer rief laut: Ich werde keine einzige Person mehr abgeben. Auch das nächste Mal wehrte er sich gegen die SS. Da verließ kein einziger Kriegsgefangener mehr die Baracke. Im Steinbruch arbeitete ich bis zum Befreiungstag am 2. Mai 1945. Uns befreiten die Amerikaner. Sie kamen sehr schnell, völlig überraschend. Wir verließen das Lager und standen zum ersten Mal ohne Bewachung auf der Strasse. Eine Frau aus dem benachbarten Haus brachte uns Lebensmittel. Wir aßen uns satt. Etwa einen Monat lang lebten wir in einem ehemaligen SS-Club in der Nähe unseres Granitbruchs. Die deutschen Frauen halfen uns.“

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