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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

68. Freitagsbrief (26.10.2007).

Herr Milicyn schrieb uns zwei Briefe. Im ersten erwähnte er die Schrecken des „Sennelagers“, Stalag 326, im zweiten Brief stehen freundliche Erinnerungen im Vordergrund. Für 310 000 gefangene Rotarmisten war das Sennelager Durchgangsstation auf dem Weg zur Zwangsarbeit im Ruhrgebiet. In den Massengräbern des Lagers liegen 65 000 Tote. Aber Herr Milicyn stellt uns nur einen freundlichen Bauern vor. Er weiß nichts vom „Aufpäppelungsprogramm“, nach dem man entkräftete sowjetische Kriegsgefangene in die Landwirtschaft schickte, um sie wieder für den Einsatz im Bergbau und in der Rüstungsindustrie verwertbar zu machen. Auf unterschiedliche Weise suchen die Überlebenden ihre seelischen Verletzungen zu überwinden. Die einen kämpfen bis heute um Anerkennung des erlittenen Unrechts, im folgenden Brief steht ein anderer Versuch. (E. Radczuweit)

Ukraine
Gebiet Chmelnickij
Anisim Awwakumowitsch Milicyn .

Ich wünsche Ihnen Frieden!

Sehr geehrte Herren, Mitarbeiter eines gemeinnützigen Vereines,

ich, der alte Anisim, meine Familie, Ehefrau und vier Kinder, begrüßen Sie! Ich wünsche Ihnen beste Gesundheit und das Wichtige: die Gnosis der Wahrheit, um das ewige Leben zu erlangen. Ich bin tief berührt, dass Sie mir so viel Aufmerksamkeit und Sorgen geschenkt haben. Ich bedanke mich aus vollem Herzen. Ich bin für die Hilfe, für 300 Euro dankbar. Ich habe aber so viel Mitleid und Mitgefühl nicht verdient. Kein deutscher Bürger hat mit etwas Böses angetan. Als ich in Kriegsgefangenschaft war, arbeitete ich bei drei Stellen: in Wilhelmshaven, bei der Bahnstation Himmelshausen-Steinheim und in der „Schmidt-Klemens-Fabrik“ bei Gummersbach. Niemand hat mir etwas Schlechtes angetan. Niemand sagte: „Mach mal schneller!“ Das Essen war auch nicht schlecht. Ich bin zufrieden.

Das allgemeine Lager 326 befand sich in der Nähe von Paderborn. Hier gab es keine Arbeitseinsätze. Das Essen war mangelhaft. Als die Amerikaner kamen, befand ich mich im Haus eines Bauern. Ich habe weder Schusswechsel noch Kämpfe gesehen. Neben dem Haus erschien eine Gruppe amerikanischer Soldaten, etwa 8–10 Mann. Sie kamen ins Haus rein, besichtigten es und gingen bald weg. Ich habe verstanden, dass ich kein Kriegsgefangener mehr bin. Bei diesem Bauer habe ich gerade bei Kriegsende gearbeitet, etwa drei Monate lang. Der Bauer hat mich wie ein leiblicher Vater behandelt. Ich habe gut gearbeitet. Seine Frau und drei Töchter haben mich auch gut behandelt. Für mich gab es einen separaten Tisch. Ich war abgemagert. Das Essen im Haus des Bauern war ausgezeichnet. Ich habe alleine nicht weniger als für fünf Personen gegessen. Ich war begeistert. Diese Menschen waren meine Retter. Als ich gläubig wurde, fragte ich Gott: „Mein Herr, wie hast Du die Menschen belohnt, die mir alles gegeben hatten?“ (…) Ich bin zu den Unsrigen gekommen. Ich wollte mich unseren Truppen wieder anschließen. Ich habe eine Sammelstelle gefunden. Es gab viele Menschen. Ich kann nicht sagen, wie viel genau. Es gab genug Menschen für einen ganzen Zug. Wir wurden an einen Ort transportiert und an unsere Truppen übergeben. Ich weiß nicht, wie der Ort heißt. Wir gelangten in ein Filtrationslager. Nach etwa 2–3 Tagen war ich wieder bei den sowjetischen Truppen. Im November 1946 wurde ich demobilisiert. Ich begann ein Studium an der Kasaner Kunsthochschule. Am 4. November 1947 wurde ich wegen „Vaterlandsverrat“ festgenommen und zu 25 Jahren Haft verurteilt. Nach acht Jahren und 18 Tagen wurde ich amnestiert und befreit. Zwei Jahre lang lebte ich in meinem Heimatdorf Woloje, Bezirk Kirowskij, Gebiet Kaluga. Danach übersiedelte ich in die Ukraine. Ich heiratete. So verbrachte ich ein halbes Jahr. Plötzlich wurde ich wieder verhaftet, diesmal wegen meines Glaubens. Ich wurde zu 7 Jahren Haft verurteilt. Diese Haft habe ich vollständig abgesessen. Jetzt bin ich rehabilitiert. Beide Urteile wurden aufgehoben. (…)

Ich habe weder ein Fernsehgerät noch ein Auto noch Schmuck. Ich bin aber ein sehr glücklicher Mensch. Meine Bedürfnisse sind bescheiden. Ich habe wegen der Entschädigung nach Deutschland geschrieben, weil andere auch was erhielten. Bekäme ich das Geld vom deutschen Staat, würde ich es meinen Kinder geben. (…)

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