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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

67. Freitagsbrief (19.10.2007).

Estland
Walga
Dmitrij Wasiljewitsch Minjakow.

Meine kurze Biographie während des Zweiten Weltkrieges.

Ich, Dmitrij Wasiljewitsch Minjakow, bin 1921 im Bezirk Chilinow, Gebiet Iljinskoe geboren. Ich wurde 1940 aus der Stadt Chabarowsk in die Armee einberufen und habe im Schützenregiment gedient. Im Juli 1941 wurde unser Regiment an die Front geschickt. In der Nähe von Smolensk wurden wir umzingelt. Das war schon spät im Herbst. Wir bekamen den Befehl, uns zu retten. Es ist schwer wiederzugeben, was für eine Zeit wir erlebt haben, als wir ohne Essen durch den Wald irrten. Schließlich liefen wir durch ein Feld von einem Wald zum anderen und obwohl es Nacht war, blieb es wegen der Explosionen hell. Viele Soldaten sind gefallen. Überall lagen Tote. Wir gingen ohne an das Leben zu denken, uns war alles egal. Überall haben die deutschen Waffen geschossen. Die noch Lebenden gingen vorwärts. Ich lief mit, ohne über mein Leben nachzudenken. Ich stürzte und war bewusstlos. Das war nicht wegen der Kugeln, sondern aus Müdigkeit. Ich kann mich nicht erinnern, wie ich in eine Baracke in einem Lager für Kriegsgefangene in Rshew geraten bin. Sie haben die Menschen, die sie im Wald sammelten und die todmüde waren, ins Lager gebracht.

Es war spät im Herbst. Menschen sind vor Kälte und Hunger gestorben. Der Hunger hat die Menschen dazu gebracht, die Haut von den Toten zu schneiden und zu essen. (Ich sage Haut, weil unsere Körper wegen der Erschöpfung nichts anderes mehr hatten). Als die deutschen Wächter so was bemerkten, haben sie jene, die das gegessen hatten, sofort getötet. In dem Schuppen, wo wir hausten, war Weizen aufbewahrt worden. Der Weizen war nicht mehr da, aber in den Spalten zwischen den Bodenbrettern konnte man noch welchen finden. Wir hoben die Bretter und sammelten den Weizen zusammen mit Erde und haben ihn so gegessen. Dank dieses Weizens sind einige von uns am Leben geblieben. Die Deutschen haben gesagt, dass sie nur ein bisschen Verpflegung für uns bekommen und das noch mit Verspätung. Die Stadt wäre verbrannt und sie hätten kein Essen für uns. Es ist schrecklich, wenn ich mich an solche Momente in dem Lager erinnere. Es gab noch einen Schuppen. Da wurden die toten Soldaten hingebracht, dann wurden sie begraben. Und so kam die Zeit, als ich in diesen Schuppen gebracht wurde. Sie haben mich für tot gehalten. Ich bin nachts wach geworden. Es war dunkel. Ich habe den neben mir liegenden Menschen berührt, er war tot. Der auf meiner anderen Seite war auch tot. Ich war erschrocken, als ich begriff, dass ich in dem Schuppen mit den Toten bin. Morgen werden sie uns in den Graben werfen. Ich bin aufgestanden, habe die Tür gefunden und bin nach draußen gegangen. Diese Tür war doch nicht verschlossen. Ich schlich in die Baracke, wo die Lebenden waren. Plötzlich stand vor mir ein Deutscher. Er hat die Waffe an meine Brust gehalten und schoss. Aber die Pistole war nicht in Ordnung und etwas hat nicht funktioniert und ich bin am Leben geblieben. Ein zweites Mal hat er nicht mehr geschossen. Ich bin in den Schuppen gegangen, wo die Menschen noch am Leben waren. Ich weiß nicht, wie viele in der Baracke waren. Vielleicht Hundert? Mit der Zeit sind wir weniger und weniger geworden.

Ich habe nur einige kurze Phasen aus dem Leben der Kriegsgefangenen in jener Zeit beschrieben. Dann haben sie einige von uns zur Arbeit gebracht und uns bewacht. Eigentlich war es nicht mehr nötig, wir konnten kaum laufen. Wir mussten den Platz mit den zerstörten Gebäuden aufräumen und auch die zentralen Straßen von den Trümmern frei machen. Ich erinnere mich, dass wir, als wir einen Ziegelstein bewegen wollten, vorher knien, uns zusammenreißen und ihn dann hochheben mussten. In der Nähe war eine Grube mit Teig. Früher war hier eine Bäckerei. Natürlich war das schon voll mit Müll, Sand, Schmutz usw. Wir sind als Gruppe dorthin gegangen und haben diesen Teig gegessen. Es war uns völlig egal, dass er voll mit Sand, Müll, Schmutz usw. war. Wir sind ungefähr 10 Tage zu dieser Arbeit gekommen und nach 10 Tagen waren wir schon kräftiger. Wir waren 17 Menschen. Wir wurden danach in Güterwaggons in ein Dorf, Olscha, im Gebiet Smolensk transportiert. Wir wurden in einer Schule untergebracht. Die Fenster eines Klassenraums wurden vergittert. Zwei von uns sind auf dem Weg gestorben. Uns wurde befohlen, sie beiseite zu schaffen. Der dritte ist vor Ort gestorben. Sein Name war Wanja Sashmilin aus Rjasan. Wir haben ihn begraben. Jetzt waren wir nur 14. Hier haben wir den Schnee entfernt. Bei der Arbeit wurden wir bewacht. Hier wurden wir ein bisschen ernährt, obwohl das nur die Gemüsereste waren. Sie haben die Reste gekocht, so dass wir mindestens etwas Warmes bekamen. Die Bewohner des Dorfes haben uns auch manchmal Essen mitgebracht. Natürlich, wenn man so was erlebt, ist es schwer sich an so was zu erinnern und möchte das auch nicht.

Das war nur das Mitleid Gottes, dass ich noch am Leben geblieben bin. Obwohl ich damals Gott nicht kannte, kannte er mich und hat mich gesehen. Alles das, was ich erlebt habe, ist unmöglich zu beschreiben, man kann es nicht mit Wörtern wiedergeben. So ein Schicksal hatten alle Kriegsgefangenen, nicht nur ich. Das kann nur derjenige verstehen, der das durchgemacht hat. Wenn man sich daran erinnert, bekommt man schon schreckliche Angst. Als ich ein bisschen mehr Kraft hatte, bin ich aus dem Lager geflohen und zu den Russen gegangen. Dafür dass ich in Gefangenschaft war, wurde ich für acht Jahre nach Sibirien in andere Lager geschickt. Diese Zeit ist unmöglich zu beschreiben. Das Wichtigste möchte ich noch erwähnen. In den sibirischen Lagern habe ich Gläubige getroffen, die die Waffen nicht in die Hand nehmen wollten. (Wahrscheinlich Zeugen Jehovas, d. Übers.)Sie haben mir erzählt, dass es Gott gibt und er hat alles geschaffen und lenkt auch alles. Ich habe mich daran erinnert, wie ich durch dieses Feld marschiert bin, überall Schießerei und ich wurde nicht verletzt, das heißt, dass jemand mich beschützt hat. Wer hat mich in diesem Schuppen geweckt? Diese Gläubigen haben mir die Bibel gegeben. Ich habe sie gelesen und erkannte, dass es Gott gibt. Nachdem ich meine Militärbescheinigung bekommen habe, gaben mir die Ärzte eine Bescheinigung, dass ich Invalide erster Klasse bin. Natürlich bis jetzt ist mein Gehör gestört, mein Herz, meine Nieren und meine Leber sind krank, und überhaupt ist meine Gesundheit zerstört. Ich bin Gott für alles dankbar. In diesem Brief habe ich nur wenige Beispiele gegeben, was der Krieg und was die Feindschaft zwischen den Menschen bringt. (…)

Dmitrij Wasiljewitsch Minjakow.

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