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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

66. Freitagsbrief (12.10.2007).

Galimsjan Gabdupachmanowitsch Kagarmanow
Chabarowsk.

Sehr geehrter Herr Eberhard Radczuweit,

Den Brief, den Sie an Kagarmanow Galimsjan Gabdupachmanowitsch geschickt haben, haben wir bekommen. Wir sind Ihnen sehr dankbar für (…) und auch, dass Sie die Vergangenheit nicht vergessen haben, obwohl das Geschehen schon lange her ist. Die Antwort schreibt Ihnen die Tochter von Kagarmanow Galimsjan Gabdupachmanowitsch, mit der er zusammen lebt, weil er schon alt ist – am 20. Mai wird er 87. Mein Vater hat erzählt, dass er 1940 in die sowjetische Armee einberufen wurde und nach einer kurzen Ausbildung im Truppendienst wurde er Soldat. Am Anfang des Zweiten Weltkrieges wurde das Regiment, in dem mein Vater gedient hat, an die Front in Richtung Smolensk geschickt. Ende Juli 1941 wurde mein Vater verletzt und er wurde ins Lazarett nach Gorkij geschickt, wo er bis Mitte September in Behandlung war. Nach dem Aufenthalt im Lazarett wurde mein Vater an die vordeste Frontlinie in der Nähe von Moskau geschickt. Er kam hier in Gefangenschaft. Bis Frühling 1942 war er in dem Lager an der Bahnstation Schachowskaja, dann in der Stadt Rshew, in der Stadt Polotzke (Weißrussland), in der Stadt Nevel, und von 1944 bis Mai 1945 in Kurkjandij (Bahnstation Alschwanga). Er wurde von der sowjetischen Armee befreit und zusammen mit anderen Kriegsgefangenen in den Zugabteilen für die Kriegsgefangenen nach Dalnij Wostok geschickt. Er wurde da mehrmals untersucht und bis 1953 (Todesjahr Stalin) hat er ohne Unterlagen gelebt. Er musste sich alle 10 Tage beim Geheimdienst melden, obwohl er schon eine Familie und Kinder hatte. Er hat vieles in seinem Leben erlebt. Von seinen kurzen und seltenen Erzählungen, weil sich an so etwas zu erinnern sehr schwer war, weiß ich, dass er drei Mal versucht hat zu fliehen. Und weil er kein Deutsch konnte und sowjetische Uniform trug, wurde er eingeholt und zurückgebracht. Einmal haben sie Hunde hinter ihm hergeschickt und von den Bissen hat er Narben. Die Lebensbedingungen in den Lagern waren nicht einfach schlecht, sondern schrecklich. Die Kriegsgefangenen haben fast kein Essen bekommen, sie wurden gezwungen, selbstständig zu überleben. Mein Vater hat erzählt, dass sie Kartoffelschalen und andere Essensreste aus der deutsche Küche gesammelt haben, und haben sich im Prinzip von „Grasfutter“ ernährt, was sehr oft zu Schlägereien zwischen den Kriegsgefangene geführt hat. Auch jetzt, 60 Jahre nach all diesen Geschehnissen, hält er sein Brot fest in die Hand, damit niemand es klauen kann, so schwer ist die Erfahrung, die er in den Lagern gemacht hat. Früher konnte er auch viele Wörter auf Deutsch, besonders Befehlswörter und er konnte sich keine Filme über den Krieg anschauen, seine Erinnerungen waren zu lebendig. Natürlich war Krieg, und so war sein Schicksal, und deshalb ist es sehr wichtig, dass man das, was in der Vergangenheit passiert ist, nicht vergessen darf. Sie machen eine wichtige Sache, weil Sie selbst nicht vergessen und erinnern auch andere an die schrecklichen Tage, die das Schicksal von vielen Menschen geändert haben. Ich hoffe zusammen mit Ihnen, dass das, was mit meinem Vater und auch mit anderen einfachen Leuten passiert ist, sich nie wiederholt. Und auch niemand wird vergessen, nichts ist vergessen.

Im Auftrag von Kagarmanow Galimsjan Gabdupachmanowitsch – seine Tochter Kagarmanowa Larisa Galimsjanowna.

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