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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

65. Freitagsbrief (05.10.2007).

Ukraine 52744
Gebiet Dnepropetrowsk
Michail Dmitrijewitsch Abal´mas.

Guten Tag, sehr geehrte Frau Dr. Hilde Schramm und Herr Eberhard Radczuweit,

aus vollem Herzen und von tiefer Seele bedanke ich mich bei Ihnen für Ihre finanzielle Hilfe. (…) Ihrer Organisation Kontakty wünsche ich viel Erfolg.

Nach dem ersten Weltkrieg kamen die Sowjets. 1929 wurden wir „entkulakisiert“. Es wurde alles beschlagnahmt und der Kollektivgenossenschaft übergeben. 1932–1933 gab es die Trockenheit. Das verursachte die Missernte und Hungersnot. Nach der Hungersnot verbesserte sich das Leben in unserer Kolchose. Wir machten alles gemeinsam. Auch die Feiertage wurden gemeinsam gefeiert. Man sang viel: auf dem Weg zur Arbeit und nach der Arbeit. Das dauerte bis zum Jahr 1941. Das Leben nach dem Zweiten Weltkrieg war genauso hart. Das Leben ging aber weiter. Zur Arbeit nahm ich eine Gurke und Brot mit. Man sang auf dem Weg zur Arbeit und bei der Rückfahrt. Es war schwer, wirklich schwer. Wir haben das Leben in Ordnung gebracht. Wir hatten natürlich Schwierigkeiten: man hatte Geld, aber keine Waren. Fast jede Ware war Defizit. Als die Demokraten zur Macht kamen, klauten sie unser Geld. Wer ist dafür verantwortlich? Entschuldigen Sie mich bitte für die falschen Worte. Ich bin ein schlechter Schreiber. Gerne hätte ich dies mündlich erzählt. Ich rede gerne. Auf dem Papier wird es aber schief dargestellt. Ich denke, die Menschen aller Nationalitäten sind Brüder. Und was tut die Macht? Sie sagt für schwarz „weiß“. Wenn es jeden Tag passiert, wenn jeden Tag die Köpfe gewaschen werden, dann glaubt man daran. Wir haben kein einheitliches Land mehr. Es wurde zerkleinert. Unser Volk hat aber viel Geduld.

Ich wurde im April 1942 gefangen genommen. Das passierte hinter dem Werk von Wojkow neben der Überfahrt zwischen dem Asowschen und Schwarzen Meer. Das war die Halbinsel Taman. Die Überfahrt erfolgte mit Lastkähnen. Die Flugzeuge behinderten die Überfahrt und griffen an. Sehr selten erreichte ein Lastkahn sein Ziel. Manche schwammen auf Autoreifen und Holzflößen. Alle sind im Meer geblieben. Alle starben. Was sollte man tun? Sterben? Nicht jeder ist bereit, einfach zu sterben. Es blieb nur die Kriegsgefangenschaft. Ich hätte mich erschießen können, um der Kriegsgefangenschaft zu entkommen …

Die Gefangenen wurden in einem Lager gesammelt. Danach hatten wir einen Fußmarsch bis zur Bahnstation. Auf dem Weg zur Bahnstation wurden einige Menschen erschossen. Wenn jemand die Kolonne verließ, gab es sofort Feuer. Wir wurden mit Güterwaggons transportiert. So geriet ich nach Deutschland. Man verteilte Häftlingskleidung und Holzpantoffeln. Jeden Tag dauerte es: vom Lager bis zum Bergwerk und zurück. Hin und zurück, drei Jahre lang. Flüchten? Die Flüchtlinge wurden festgenommen, ins Lager zurückgeführt und schließlich erschossen.

Es gab auch gute Menschen, mit denen ich zusammenarbeitete. Ein Mann nahm täglich Essen mit und teilte es mit mir. Ich arbeitete mit dem Mann zusammen. Er wiederholte: „Hitler kaputt!“

Eines Tages wurde das Bergwerk zerbombt. Wir wurden weggetrieben, in die Richtung, wo Amerikaner waren. Wir gerieten unter Artilleriebeschuss. Wir nutzten diese Gelegenheit und liefen weg. Wir versteckten uns im Stroh. Eine Woche lang aßen wir nichts. Einer vor uns sah in der Nähe ein Bohnenfeld und kam raus. Die Amerikaner bemerkten ihn und schossen aus Maschinengewehre aufs Stroh. Zwei von uns wurden getötet, sieben verletzt. Danach stand jemand von uns auf. Die Amerikaner hörten auf zu schießen und holten die Verletzen ab. Wir gingen zum Sammelpunkt. Davon schickte man uns in die Heimat.

Die Polizisten wurden zu 10 Jahre Haft verurteilt. Ich musste nur arbeiten, weil ich unschuldig war. So verging mein Leben.

Anbei schicke ich ein Foto. Damals war ich 60 Jahre alt. Jetzt bin ich 93 Jahre alt, geboren am 20. Juli 1914. Schreiben Sie mir bitte, ob Sie den Brief erhalten haben.

Abal´mas.

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