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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

64. Freitagsbrief (28.09.2007).

Russland
Gebiet Wolgograd
Andrej Akimowitsch Krasnow.

Guten Tag,

ich heiße Natalia Wladimirowna Artamonnikowa. Ich bin Enkeltochter und offizielle Betreuerin von Andrej Akimowitsch Krasnow. Gerne werde ich ein bisschen über Opa erzählen.

Mein Großvater diente in der Armee, als der Krieg begann. Im Herbst 1941 wurde er gefangen genommen. Die ganze Zeit des Großen Vaterländischen Krieges befand er sich in deutscher Kriegsgefangenschaft. Er wurde erst nach dem Kriegsende befreit. Der Opa erzählt ungern über diesen Lebensabschnitt. Auch viele Jahre später fällt es dem Großvater schwer, sich daran zu erinnern. Er berichtete über ungeheuer brutale Taten. Die Kriegsgefangenen wurden systematisch zusammengeschlagen, auch auf dem Weg zur Arbeitsstelle und auf dem Rückweg ins Lager. Sogar das Duschen war qualvoll. Die Häftlinge mussten nach dem Duschen im Winter bei Schneefall barfuss zurücklaufen. Der Großvater erzählt darüber sehr selten. Wenn das Gespräch zustande kommt, betont Andrej Akimowitsch immer, dass es in jedem Volk gute und schlechte Menschen gebe. Die Taten einer kleinen Gruppe seien kein Grund, die ganze Nation zu beschuldigen.

Nach der Befreiung aus der Kriegsgefangenschaft geriet der Großvater in eine neue Gefangenschaft. Nach der Entlassung aus dem Gefängnis widmete er sein Leben der Arbeit. 25 Jahre lang war er Fahrer eines Rettungswagens. Kurz nach der Entlassung fiel es dem Opa schwer, eine Arbeitsstelle zu finden. Er war als „Volksfeind“ verurteilt. Damals wurden diese Menschen geächtet. Das Leben war im moralischen und materiellen Sinne sehr schwer. Viele Jahre später wurde der Großvater rehabilitiert. Die Anklage wurde als rechtswidrig eingeordnet. Der Großvater hat viele Auszeichnungen und Urkunden für gute Arbeit. Sie werden sorgfältig aufbewahrt.

Zur Zeit ist der Großvater 92 Jahre alt. Er lebt im selben Haus, wo er geboren ist und immer wohnte. Er fühlt sich geistig relativ gut. Die Gesundheit ist aber schwach. Er ist Invalide der 1. Stufe. Manchmal wird der Großvater wie verrückt. Er verliert das Realitätsgefühl und meint, dass er sich immer noch in dieser schrecklichen Zeit befände. Er denkt, dass jemand draußen vor dem Fenster steht und ihn verfolgt. Er hat unkontrollierbare Angst. Gelegentlich irrt er sich in der Person und meint, ein Familienmitglied sei ein Wächter aus dem Lager. Er kann Verwandte nicht mehr erkennen. Die Ärzte sagen, dies sei mit dem Wetter verbunden.

Der Großvater ist ständig pflegebedürftig. Ich habe diese Funktion übernommen. Meine Familie und ich leben mit dem Opa zusammen. Ich bedanke mich auch in meinem Namen für die Spende. Das Geld haben wir für Medikamente ausgegeben. Die mit Ihrer Unterstützung gekauften teuren Medikamente haben gut gewirkt. Seit Februar hat der Opa keinen einzigen Anfall gehabt. Jetzt können wir etwas friedlicher leben. Wenn der Großvater einen Anfall hatte, war nicht nur sein Leben, sondern auch unser Leben ein Schrecken. Weder er noch wir konnten nachts schlafen. Der Opa kam in unser Zimmer und erzählte mit angstvollem Gesicht, dass jemand draußen stehe und ihn töten wolle. Jetzt hat der Opa keine Anfälle mehr. Vielen Dank!

Ich arbeite als Schulpsychologin. Ich bin verheiratet und habe zwei Kinder. Vor sieben Jahren starb meine Großmutter. Seitdem leben wir zu fünft, mit dem Opa, in einer 36 qm großen Zwei-Zimmer-Wohnung.

Ich bitte um Entschuldigung, dass ich Ihren Brief nicht sofort beantwortet habe. Es gab viele Familiensorgen. Opa, Kinder … Alle brauchen Aufmerksamkeit. Dazu kommt noch die Arbeit.

Auf Wiedersehen

Natalia Wladimirowna Artamonnikowa

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