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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

63. Freitagsbrief (21.09.2007).

Ukraine
Gebiet Tschernigow
Aleksandr Aleksandrowitsch Kornijewskij.

Verein KONTAKTE
Herrn Dr. Gottfried Eberle
Herrn Projektleiter Eberhard Radczuweit.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich habe Ihren warmen Brief und das Geld von 300 Euro erhalten. Ich bin Ihnen persönlich und allen Spendern sehr dankbar.

Kurz über meine Person. Ich bin Ukrainer, Jahrgang 1920, geboren in der Stadt Korjukowki im Gebiet Tschernigow. Ich wurde im Oktober 1941 beim Rückzug der 19. Armee gefangen genommen. Die Deutschen trieben in einem Lager bei Mogilew in Belarus cirka hundertzwanzigtausend Kriegsgefangene zusammen. Die Lebensbedingungen im Lager waren einfach unerträglich. Mir gelang es, mich einer Gruppe der Kriegsgefangenen anzuschließen, die auf Bitte der Ältesten in die Ukraine geschickt werden sollten. Bald wurde ich aber von einem Polizisten festgenommen und in ein Arbeitslager geführt. Dort baute man Strassen. Der Lagerführer hieß Krause.

Einmal bemerkte ich, dass der österreichische Wächter Peter Best einen Brief las und weinte. Ich fragte, worum es geht. Er antwortete, dass seine ganze Familie bei einem Luftangriffs ums Leben gekommen sei. Wir hatten den gleichen Geburtstag, am 25. Oktober 1920. Peter Best schlug mir vor, Deutsch zu lernen und brachte einmal für mich aus einem belorussischen Dort ein Lehrbuch mit. Wie dankbar war ich später dem Mann für den Tipp! Es wäre sehr schön, Peter Best zu finden!

Im Oktober 1942 wurden wir Kriegsgefangene nach Stuttgart überwiesen. Die nächste Station war ein kleines Lager Reichenbach bei Neckar. Das Lager befand sich auf dem Sportplatz der Stadt zwischen dem Fluss Neckar und der Bahnlinie Stuttgart(?)–Ulm. Der erste Lagerführer hieß Schwarzkopf, der zweite hieß Breininger. Als Dolmetscher arbeitete der Russlanddeutsche Juri Hagen. Wir wurden in Baracken untergebracht. Unsere Arbeitstelle war ein Reparaturwerk für Eisenbahnwaggons und Zubehör.

Ich meldete mich als Tischler und wurde in die Tischlerei geschickt. Der etwa 55 Jahre alte Meister Kurt Müller gab mir ein Stück Holz und befahl, einen Handhobel zu fertigen. Mein Vater war Tischler. In der Kindheit hatte ich ihn mehrmals bei der Arbeit beobachtet. Mein Handhobel gefiel dem Meister. Er nahm den Hobel mit. Ich musste noch einen Hobel fertigen. Er sagte: „Du bist ein schlauer Bolschewik!“ Ich sah später, dass Kurt Müller meinen Hobel den Meistern aus anderen Zechen zeigte. Kurz Müller gab mir manchmal sehr kleine Stücke des getrockneten Brots.

Am Wochenende holten uns die Bauern zur Arbeit ab. Im Jahre 1944 kam an einem Sonntag eine Deutsche und fragte, wer sich mit der Fotografie auskennt. Ihr Ehemann sollte demnächst in die Armee einberufen werden. Es blieben noch einige unerledigte Aufträge. Ich war in der Schule ein guter Fotograf, natürlich auf Amateurebene. Ich meldete mich freiwillig. Zudem sprach ich schon zu dieser Zeit relativ gut Deutsch.

Der Eigentümer des Studios zeigte mir sein Atelier und die Ausrüstung. Am nächsten Tag wurde er einberufen. An zwei Sonntagen druckte ich alle Abzüge. Zum Studio führte mich der Dolmetscher. Die Damen brachten mich ins Lager zurück. In der Familie gab es zwei Jungs im Schulalter. Sie beobachteten mich, den ersten Russen ihres Leben, mit Interesse. Leider sind die Namen vom Fotografen und seiner Frau aus dem Gedächtnis gelöscht.

Oft beobachtete ich die Deutschen. Ich konnte nicht verstehen, wie diese Brutalität im Umgang mit anderen Völker zustande kommt.

Die Amerikaner befreiten uns und brachten uns nach Esslingen. Dann holten uns die Russen ab. Im Lager wurde ich einer Prüfung namens „Filtration“ ausgesetzt. Danach durfte ich in der Armee als Dolmetscher bleiben.

1947 wurde ich aus der Armee entlassen. Nach der Heimkehr sah ich nur verbrannte Erde und das niedergebrannte Elternhaus. Im März 1943 waren meine Mutter, Tante, Oma und 7000 weitere Bewohner von Korjukowki während einer SS-Razzia gegen die Partisanen ermordet worden. Alle Häuser waren niedergebrannt. So sah meine Heimat, Tschernigowschtschina , während des Kriegs aus. Der Vater überlebte im Krieg, weil er noch 1937 nach Sibirien verwiesen worden war. Für mich begann ein neues Leben, das Leben eines Menschs der 2. Klasse, eines ehemaligen Kriegsgegangenen.

Bis 1950 lebte ich in einem Erdloch. 1950 wurde ich bei einer Fabrik für technische Papiere eingestellt. In der Fabrik funktionierte die Ausrüstung von Neuork (?), die infolge der Reparation aus Deutschland gebracht worden war. Die Ausrüstung installierte man an der Stelle der zerstörten Zuckerfabrik von Korjukowki. Ich arbeitete als Graveur und Fotograf. 1953 heiratete ich. Meine Ehefrau Dina arbeitete als Laborleiterin in der gleichen Fabrik. Wir haben die Tochter Tatjana (Jahrgang 1954), den Sohn Aleksandr (1956), drei Enkelsöhne, eine Enkeltochter und einen Urenkel. Sie leben in Kiew. 1953 begann ich das Fernstudium an der Moskauer Hochschule für Fremdsprachen. Die Lehrtätigkeit fand ich aber kaum attraktiv. Für einen ehemaligen Kriegsgefangenen war es generell unmöglich, als Dolmetscher zu arbeiten. Aus diesem Grund brach ich das Studium ab.

1990 traf ich eine deutsche Delegation in Korjukowki. Das war eine neue Nachkriegsgeneration. Sie kamen mit dem Ziel, die neue Ausrüstung für unsere Fabrik zu montieren. Von 1990 bis Mai 2005, also im Alter zwischen 70 und 84 Jahren, arbeitete ich als Dolmetscher bei den deutschen Delegationen von den Firmen Fischer&Krecke, Sugravo, Stork, Maff und andere. Heute ist unsere BAT KFTB die größte Tapetenfabrik Europas.

So war mein Leben.

Mit freundlichem Gruß

Aleksandr Kornijewskij.

P.S. Ich, Dina, die Ehefrau von Aleksandr Aleksandrowitsch Kornijewskij, habe die Erinnerungen meines Ehemannes originaltreu niedergeschrieben.

(Dem Brief lag ein Zeitungsartikel bei über den Versöhnungsbesuch des deutschen Botschafter in der Ukraine, Dietmar Stüdemann, nach Korjukowki und sein Treffen mit dem Briefautor.)

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