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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

62. Freitagsbrief (14.09.2007).

Russland
Gebiet Swerdlowsk
Michail Iwanowitsch Komarow.

Sehr geehrte Vereinsmitglieder und Einwohner Deutschlands,

ich bedanke mich recht herzlich für Ihren Respekt und die zielstrebige Arbeit für den Frieden. In den ersten Zeilen meines Briefes möchte ich mein volles Beileid allen Menschen der großen Erde aussprechen, auch den Deutschen, die im Krieg ihre Verwandten verloren haben.

Ich heiße Michail Iwanowitsch Komarow, Jahrgang 1924. Ich bin im Dorf Kruticha im Gebiet Kurgan geboren. In der Kindheit lebte ich in Not. Hauptsächlich musste ich für das täglich Brot arbeiten.

Als über den Kriegsbeginn benachrichtigt wurde, arbeitete ich auf dem Felde. Wir ernteten Roggen, daran kann ich mich sehr gut erinnern. Der Kolchosvorsitzende kam angeritten. Alle wunderten sich. Wir fragen den Vorsitzenden, was los sei. Er rief: „Sattelt die Pferde. Der Krieg ist ausgebrochen!“

In der Brigade gab es elf Personen, darunter mich. Alle wurden an die Front geschickt. Außer mir kam niemand lebendig zurück. Mein Vater wurde auch in den Krieg eingezogen. Er fiel an der Front bei Moskau. Am zweiten Kriegstag wurde ich einberufen. Im Militärlager bekam ich eine Grundausbildung. Danach hieß es sofort an die Front. Mein erster Kampf war bei der Überquerung des Dnepr. Ich bediente ein Maschinengewehr und machte damit den Weg für unsere Truppen frei. Wie viel Soldaten kamen ums Leben! Auf beiden Seiten gab es große Verluste. Das war wie in einer Knochenmühle. Als wir das andere Ufer eroberten, stießen wir sofort vor. Die deutschen Soldaten zogen sich nicht zurück, sondern leisteten erbitterten Widerstand. Die Kämpfe waren andauernd. Wir drängten die Deutschen 2-3 km vom Dnepr zurück und hielten zahn Tage lang unsere Stellungen.

Es gab viele Kämpfe. Im November 1943 durchbrach unser Regiment die gegnerische Verteidigung, wurde aber eingekesselt. Zuerst wehrten sich einzelne Kompanien, danach einzelne Züge. Bald hatten wir weder Granaten noch Patronen. Die deutschen Panzer verfolgten unsere Soldaten, die noch am Leben waren. Ich wurde von Wlassow-Leuten gefangen genommen. Sie quälten mich hart.

Danach gab es Lageraufenthalte in Kriwoj Rog, Bahnstation Krasnaja, Lemberg, Truskawec, die polnische Stadt Krakau und schließlich in Deutschland. Meine Erinnerungen sind schrecklich: Hunger, Schläge und Demütigungen … Viele Kameraden starben. Ich kann mich an diesen Lebensabschnitt nur als an einen Alptraum erinnern. Ich überlebte nur durch ein Wunder.

Einmal kam der Dolmetscher in unsere Baracke. „Wer ist Maurer?“ 16 Leute traten vor. Ich trat ebenfalls nach vorne. Ich hatte nur einen einzigen Gedanken: das Lager zu verlassen und zu flüchten. Ein Deutscher brauchte Arbeitskräfte. Er war Besitzer eines Privatclubs. Durch einen Bombentreffer war gut die Hälfte vom Gebäude vernichtet worden. Dort arbeiteten wir. In unser Gruppe war nur ein Einziger ein echter Mauer. Er sagte uns: „Jungs, seid ruhig! Ihr müsst einfach darauf hören, was ich sage!“ Wir hörten zu und erlernten den Beruf. Nach einem Monat wurde unser Arbeitskommando ins Arbeitslager nach München überführt. Wir beseitigten Schutt nach den Bombenangriffen.

Am 30. April 1945 befreiten uns amerikanische Soldaten. Wir hatten so viel Freude! Alle umarmten und küssten sich.

1948 fand ich eine Arbeitsstelle im Werk OZM in der Stadt Kamensk-Uralskij im Gebiet Swerdlowsk. Fast 30 Jahre lang arbeitete ich als Montagefachmann, Schmelzer, Dreher und Schlosser in einer Gießereiabteilung. Meine gesamte Arbeitszeit beträgt 40 Jahre. Beim Pförtner unseres Werkes lernte ich meine Ehefrau kennen. Wir zogen drei Töchter und einen Sohn groß. Unsere Enkelkinder sind schon erwachsen. Wir haben viele Urenkel.

3. Juli 2007.

Michail Iwanowitsch Komarow.

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